{"id":3765,"date":"1993-12-24T22:45:50","date_gmt":"1993-12-24T22:45:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3765"},"modified":"1993-12-24T22:45:50","modified_gmt":"1993-12-24T22:45:50","slug":"ausbildung-bei-der-polizei-polizeiausbildung-fuer-den-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3765","title":{"rendered":"Ausbildung bei der Polizei &#8211; Polizeiausbildung f\u00fcr den Alltag ?"},"content":{"rendered":"<h3>von Otto Diederichs und Wolf-Dieter Narr<\/h3>\n<p>&#8222;Ziel der Ausbildung ist, durch Vermittlung einer erweiterten Allgemeinbildung sowie der fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten Schutzpolizeibeamte heranzubilden, die zu selbst\u00e4ndigem, verantwortungsbewu\u00dftem und abw\u00e4gendem Handeln im Dienst am B\u00fcrger und Staat bef\u00e4higt sind. Die Beamten sollen Problembewu\u00dftsein entwickeln k\u00f6nnen, zu b\u00fcrgerfreundlichem Verhalten bereit sein und eine gefestigte Einstellung zu ihrem Beruf gewinnen. Sie sollen zur Situationsbew\u00e4ltigung bef\u00e4higt sowie willens und im Stande sein, den Schutzpolizeidienst zeitgem\u00e4\u00df und sachgerecht bei unbedingter Treue zur Verfassung unter Wahrung rechtsstaatlicher Grunds\u00e4tze zu leisten. (&#8230;)&#8220;, so lautet 1 der Berliner Ausbildungsverordnung f\u00fcr PolizeibeamtInnen.<\/p>\n<p>Bei der Frage, ob die Ausbildung diesem Ziel entsprechen kann, ist es not-wendig, zun\u00e4chst einen Blick auf die Formen zu werfen, innerhalb derer sich die Ausbildung bei der Polizei abspielt, denn f\u00fcr die habituelle Pr\u00e4gung der k\u00fcnftigen PolizistInnen sind diese von erheblicher Bedeutung.<!--more--><\/p>\n<h4>Die Grundsozialisation der &#8218;Mannschaften&#8216;<\/h4>\n<p>F\u00fcr den Eintritt in die Polizei gilt f\u00fcr Bewerber\/Innen ein Mindestalter von 16. Von wenigen Ausnahmen, etwa in Hamburg oder Brandenburg abgesehen, findet seit 1950 die berufliche Grundsozialisation der k\u00fcnftigen PolizistInnen nahezu unver\u00e4ndert in der Bereitschaftspolizei (Bepo) statt. F\u00fcr die weitgehend lebensunerfahrenen jungen Menschen bedeutet dies in der Regel, da\u00df sie zun\u00e4chst f\u00fcr 2,5 &#8211; 3 Jahre &#8218;kaserniert&#8216; werden, auch wenn anstelle des Begriffs der Kaserne (die nur mit ausdr\u00fccklicher Genehmigung verlassen werden durfte) heute von &#8222;internatsm\u00e4\u00dfiger Unterbringung&#8220; gesprochen wird. Diese Unterbringung, die den Sch\u00fclerInnen angeboten wird, aber nicht mehr verpflichtend ist, \u00e4ndert indes in der Sache nicht viel: Insbesondere in den Fl\u00e4chenstaaten bleibt den Rekruten h\u00e4ufig gar keine andere M\u00f6glichkeit. An der Abschottung von der Gesellschaft und dem Leben in einem System von Befehl und Gehorsam, das auch die Zeit nach Dienst- bzw. Ausbildungsschlu\u00df umfa\u00dft und die Sch\u00fclerInnen vom ersten Tage an dem beamtenrechtlichen Disziplinarrecht unterwirft, hat sich damit nichts wesentliches ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Wenn auch seit den 70er Jahren eine Trennung zwischen den Ausbildungs- und Einsatzbereitschaften der Bepo erfolgte, die milit\u00e4rischen Formen wie Zusammenfassung der Auszubildenden in Hundertschaften und Z\u00fcgen mit Zugf\u00fchrern etc. sind geblieben. Bis auf Ausnahmen &#8211; z.B. Berlin, wo sie 1989 abgeschafft wurde &#8211; beginnt Polizeiausbildung auch heute noch mit der sog. Formalausbildung, d.h. dem Ein\u00fcben von Grundstellung, Marschieren, vorschriftsm\u00e4\u00dfigem Gr\u00fc\u00dfen etc. Zwar ist dieser Formaldrill erkennbar zu-r\u00fcckgeschraubt worden; dennoch bleibt, da\u00df er vom Prinzip &#8222;darauf angelegt (ist), Menschen zu instrumentalisieren, um damit nichtfragenden, unbedingten Gehorsam zu erzeugen&#8220;. Dies wird durch die Auswahl der Ausbilder (Frauen sind nur in geringer Zahl vertreten) noch verst\u00e4rkt, die bis auf wenige F\u00e4lle nach wie vor ausschlie\u00dflich aus dem Polizeiapparat kommen. Die Probleme beginnen oft schon bei ihrer Auswahl. Da es schwierig ist, Interessenten zu finden, die bereit sind, f\u00fcr diese Aufgabe auf sonst anfallende Schichtzulagen (bis zu DM 400,-) zu verzichten, spielt die Qualit\u00e4t oft eine nachgeordnete Rolle.<\/p>\n<p>Das &#8218;Ghetto polizeiinterner Bildungsarbeit&#8216; bleibt auf diese Weise nahezu perfekt; &#8222;dies gilt im Prinzip \u00fcber alle Ausbildungsphasen bis hin zur Aus-bildung zum h\u00f6heren Dienst.&#8220;<\/p>\n<h4>Die Ausbildungsinhalte<\/h4>\n<p>Die Ausbildung selbst gliedert sich in drei Abschnitte. Das erste Ausbil-dungsjahr (= Abschnitt) beginnt mit einer vierw\u00f6chigen fachtheoretischen und -praktischen Einf\u00fchrung der k\u00fcnftigen BeamtInnen in ihren Beruf. Hieran schlie\u00dft sich die eigentliche Grundausbildung (37 Wochen) an. Sie umfa\u00dft die Lehrgebiete Staats- und Verfassungsrecht, Eingriffs-, Polizei- und Strafrecht, Allgemeines und Besonderes Ordnungsrecht, Beamtenrecht, Einsatzlehre, Polizeidienstkunde, Verkehrslehre, Politische Bildung, Geschichte, Sozial- und Berufskunde, Deutsch und Englisch. Weiterhin als praktische F\u00e4cher: Ausbildung f\u00fcr den Einsatz (AfdE), Sport, Erste Hilfe und Schreibmaschineschreiben. An die anschlie\u00dfend abzulegende einw\u00f6chige Zwischenpr\u00fcfung schlie\u00dft sich (in Berlin) ein Kommunikationstraining (1 Woche) sowie ein vierw\u00f6chiges Berufs- und Sozialpraktikum an, &#8222;in dem die Beamten auch au\u00dferhalb der Dienstbeh\u00f6rde Sozialerfahrung sammeln, einen Einblick in die Arbeitswelt gewinnen, gesellschaftliche Konflikte und deren Hintergr\u00fcnde erkennen und dadurch ein f\u00fcr ihre berufliche T\u00e4tigkeit f\u00f6rderliches Problembewu\u00dftsein entwickeln sollen&#8220;.<\/p>\n<p>Im zweiten Jahr werden die F\u00e4cher der Grundausbildung vertiefend weitergef\u00fchrt (einschl. einer weiteren Woche Kommunikationstraining). Es endet schlie\u00dflich mit einer 14t\u00e4gigen fachtheoretischen Abschlu\u00dfpr\u00fcfung. Mindestanforderung, um den jeweils n\u00e4chsten Ausbildungsabschnitt zu erreichen, ist ein Notendurchschnitt von 4,25.<\/p>\n<p>Im letzten Abschnitt erhalten die k\u00fcnftigen PolizistInnen dann ihre berufliche Spezialausbildung: Einsatzbezogener Schu\u00dfwaffengebrauch (1 Woche), Funkausbildung (1 Woche), Verkehrsregelung (1 Woche) und die Fahraus-bildung (5 Wochen). Im Anschlu\u00df hieran absolvieren sie zudem ein zweiw\u00f6-chiges Seminar &#8222;Konfliktbew\u00e4ltigung\/Stre\u00dfreduzierung&#8220;. W\u00e4hrend der Fahr-ausbildung und der Praxiseinf\u00fchrung werden die F\u00e4cher Staats- und Verfassungsrecht, Politische Bildung sowie das Lehrgebiet Sport weitergef\u00fchrt. Anschlie\u00dfend erfolgt die Einf\u00fchrung in die polizeiliche Praxis (14 Wochen). Die Ausbildung endet mit der fachpraktischen Abschlu\u00dfpr\u00fcfung, bei der ebenfalls mindestens die Endnote 4,25 zu erreichen ist. (Das hier zugrundeliegende APOmDPol geht noch von einer zweieinhalbj\u00e4hrigen Ausbildung aus. Unterdessen betr\u00e4gt sie jedoch drei Jahre. Da sich an den Ausbildungsinhalten jedoch nichts wesentliches ge\u00e4ndert hat, sind die hier genannten Zeiten entsprechend hochzurechnen.)<br \/>\nCirca 2\/3 der theoretischen Ausbildung sind somit der Rechtskunde gewidmet (insg. ca. 1.076 Std. ): &#8222;Die seit \u00fcber vier Jahrzehnten praktizierte Poli-zeiausbildung ist im wesentlichen durch ihre Schwerpunktbildung im rechtlichen Bereich gekennzeichnet. Dabei wird kein handlungsorientiertes Wissen vermittelt&#8220;, moniert selbst der Bundesjugendvorstand der GdP.<\/p>\n<h4>Sozialwissenschaften und Politische Bildung<\/h4>\n<p>Sozialwissenschaften, insbesondere Soziologie und Politikwissenschaften spielen im Kontext der rechtlichen, technischen und praktischen Ausbildung bestenfalls eine randst\u00e4ndige Rolle. Allenfalls Psychologie wird als Fach nachhaltiger hervorgehoben, ohne da\u00df freilich erkennbar w\u00e4re, welche Art der Psychologie geboten und wie sie vermittelt wird. Insgesamt f\u00e4llt auf, da\u00df alle F\u00e4cher nur additiv aufgelistet und in Zeitquanten verpackt werden. Der Zusammenhang, der zwischen den F\u00e4chern besteht und den Lernenden so zu vermitteln w\u00e4re, da\u00df sie in der Lage w\u00e4ren, sich sp\u00e4ter selbst ein Urteil zu bilden, bleibt ausgespart. In diesem Sinne l\u00e4\u00dft sich diagnostizieren, da\u00df es sich um ein Paukstudium handelt, das nicht auf Selbsterkenntnis und deren sp\u00e4tere Umsetzung angelegt ist.<\/p>\n<p>Die eigentliche &#8218;Politische Bildung&#8216; findet i.S. dessen statt, was man das ge-heime Curriculum (&#8222;hidden curriculum&#8220;) nennt. Dies pr\u00e4gt den Habitus und die Wahrnehmung &#8218;der&#8216; Wirklichkeit. Was f\u00fcr jede Erziehung und (Aus)Bildung allgemein gilt, trifft auch hier zu: Soweit es nicht nur um Fertigkeiten und auswendig gelerntes Wissen geht, sondern darauf gezielt wird, da\u00df Wissen angeeignet werde und da\u00df die (k\u00fcnftigen) BeamtInnen in der Lage sind, selbst\u00e4ndig mit z.T. neuen Problemen umzugehen, kommt es entscheidend auf das Wie der Ausbildung an. In welchem Kontext wird ausgebildet; welches Verh\u00e4ltnis besteht zwischen den Lehrenden und den Lernenden; wie wird &#8222;der Stoff&#8220; vermittelt; welches Verh\u00e4ltnis besteht zwischen Studien- und Pr\u00fcfungsordnung; wie werden die sozialen Zusammenh\u00e4nge im Rahmen des Studiums gew\u00e4hrleistet etc. Dieser institutionelle Kontext der Polizeiausbildung entzieht sich in seiner, das Verhalten und Bewu\u00dftsein pr\u00e4genden Wirkung weitgehend dem Einblick von au\u00dfen. Einige Punkte aber sind deutlich:<br \/>\n&#8211; Der prinzipiell nicht \u00f6ffentliche Charakter polizeilicher Ausbildung sorgt f\u00fcr eine Art &#8218;kasernierten Blick&#8216;. Die Ausbildung hebt auf die &#8218;in-group&#8216; ab. Selbst wenn kommunikative Fertigkeiten vermittelt werden sollten, so wirkt sich diese habitualisierte Distanz des polizeilichen B\u00fcrgers in Uniform nega-tiv f\u00fcr eine b\u00fcrgernahe Polizei im Rahmen liberaler Demokratie aus.<br \/>\n&#8211; Da\u00df Ausbildungseinrichtungen in die N\u00e4he der sp\u00e4teren Arbeitgeber ger\u00fcckt werden, ist heute eine weitverbreitete Tendenz. F\u00fcr keinen Ausbildungsgang besteht eine Identit\u00e4t zwischen Ausbildungsinstitution und sp\u00e4terer Berufsinstitution jedoch in so exklusivem Ma\u00dfe, wie dies f\u00fcr die Polizei gilt.<br \/>\n&#8211; Dieser kognitiv-habituelle Definitionszusammenhang wird dadurch verst\u00e4rkt, da\u00df die Ausbildenden und Pr\u00fcfenden selbst Angeh\u00f6rige der &#8218;in-group&#8216; sind.<\/p>\n<p>Allein diese drei miteinander gekoppelten Merkmale sorgen daf\u00fcr, da\u00df &#8211; je-denfalls in der polizeilichen Ausbildung &#8211; die Verfassung liberaler Demokratie noch nicht angekommen ist. Die Kluft zwischen der polizeilichen Ausbil-dungssituation und den polizeilichen Aufgaben inmitten einer dissoziativ aus-einanderstrebenden Gesellschaft &#8211; allzu sch\u00f6n mit dem Terminus &#8222;Indivi-dualisierung&#8220; benannt &#8211; wird nicht \u00fcberbr\u00fcckt, sondern befestigt. Bewu\u00dft-seins- und Verhaltenseffekte werden auch durch die Runderneuerungen poli-zeilicher Ausbildung, soweit erkennbar, nicht erreicht. Die politische Bil-dung l\u00e4\u00dft im ganzen zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Sie findet weithin negativ statt.<\/p>\n<h4>Der praktische Teil der Ausbildung<\/h4>\n<p>Der \u00fcberwiegende Teil der praktischen Ausbildung (AfdE, insg. ca. 831 Std. ) wird beherrscht durch das Erlernen von Gewalttechniken: Vom (Kampf)Sport \u00fcber den Einsatz k\u00f6rperlicher Gewalt und Zwangsmittel &#8211; etwa Schlagst\u00f6cke &#8211; w\u00e4hrend des Ein\u00fcbens von &#8218;Geschlossenen Eins\u00e4tzen&#8216; gegen sog. St\u00f6rer, z.B. DemonstrantInnen. \u00c4hnliches gilt &#8211; vom Funkger\u00e4t bis zum Wasserwerfer &#8211; f\u00fcr die Beherrschung (sonstiger) polizeilicher Technik.<br \/>\nDie Probleme dieser Ausbildung liegen darin, da\u00df das hohe Gewicht, das gewaltbewehrten Techniken zur Konfliktbew\u00e4ltigung beigemessen wird, nahezu zwangsl\u00e4ufig die Vorstellung von st\u00e4ndiger Gef\u00e4hrdung durch eine feindliche Umwelt vermittelt. Gewalt wird als Routine erlernt, Kommunikation vorrangig in der Beherrschung technischer Kommunikationsmittel gesehen.<\/p>\n<p>Die der Ausbildung in den meisten F\u00e4llen folgenden Jahre in den Einsatzbe-reitschaften der Bereitschaftspolizei sind gekennzeichnet durch weitere Ka-sernierung und die Vorbereitung f\u00fcr den Einsatz in Situationen, in denen in-dividuelle Handlungs- und Entscheidungskompetenzen nicht gefragt sind, sondern den Befehlen der Zug- und Hundertschaftsf\u00fchrer zu folgen ist. Das, was den sp\u00e4teren schutzpolizeilichen Einzeldienst \u00fcberwiegend ausmacht, der Umgang und die Kommunikation mit hilfesuchenden, streitenden oder gar mit den BeamtInnen in Widerspruch tretenden B\u00fcrgerInnen &#8211; Situationen also, in denen es auf Handlungskompetenz und die kommunikativen F\u00e4higkeiten der PolizistInnen ank\u00e4me &#8211; kann unter diesen Bedingungen kaum erlernt werden.<\/p>\n<h4>Die Fortbildung des F\u00fchrungspersonals<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend sich die Ausbildung der PolizistInnen des personalst\u00e4rksten &#8218;mittleren Dienstes&#8216;, die im t\u00e4glichen Au\u00dfendienst den h\u00e4ufigsten Kontakt zu den B\u00fcrgerInnen haben, vergleichsweise wenig ge\u00e4ndert hat, gab es seit Mitte der 70er Jahre f\u00fcr die Laufbahn der Kriminalpolizei und die F\u00fchrungsebenen der Schutzpolizei z.T. einschneidende Reformen. Symptomatisch an deren Fortbildung, die an Fachhochschulen bzw. der Polizeif\u00fchrungsakademie (PFA) in Hiltrup stattfindet, ist auch hier, da\u00df Lernziele und Stoffinhalte zwar ver\u00e4ndert (ca. 70% der Lehrveranstaltungen allerdings sind weiterhin Rechtsf\u00e4cher ) und die Ausbildungszeit f\u00fcr Kommissariats- und Ratslaufbahnen nahezu verdoppelt wurden, die systematische Abschottung zur Gesellschaft und das polizeiliche (Aus)Bildungsghetto jedoch geblieben sind: Die Fachhochschulen wurden aus grunds\u00e4tzlichen Erw\u00e4gungen als verwaltungsinterne Einrichtungen installiert und die polizeilichen Fachbereiche damit systematisch von allen anderen Bereichen isoliert. Gemeinsame Lehr-veranstaltungen mit Studierenden der allgemeinen Verwaltung, k\u00fcnftigen Fi-nanzbeamten, SozialarbeiterInnen etc. gibt es in der Regel nicht. Nur Nord-rhein-Westfalen hat in den allgemeinen Lehrf\u00e4chern bisher die Integration verschiedener Studieng\u00e4nge bewerkstelligt.<br \/>\nDas gesamte System zielt also auch hier darauf, die BeamtInnen (au\u00dferhalb ihrer Freizeit) von gesellschaftlichen Einfl\u00fcssen weitgehend fernzuhalten und ihnen ihre besondere Rolle als &#8218;Nicht-Zivilisten&#8216; bewu\u00dft zu machen: &#8222;Wer nicht zum Polizeiapparat geh\u00f6rt, ist &#8218;Externer&#8216;, d.h. er geh\u00f6rt zur &#8218;Au\u00dfen-welt&#8216;. Dieser Dualismus von innen und au\u00dfen &#8211; wir und die anderen, die Polizei und &#8218;die B\u00fcrger&#8216;- wird dem Au\u00dfenstehenden vielleicht deutlicher als den Polizistinnen und Polizisten selbst&#8220;.<\/p>\n<h4>Die verk\u00fcrzte Ausbildung der fr\u00fcheren Volkspolizisten<\/h4>\n<p>F\u00fcr die ehemaligen Volkspolizisten, die nach der sog. &#8218;Wende&#8216; in den Poli-zeidienst \u00fcbernommen wurden, wurde eine auf 13 Monate verk\u00fcrzte Ausbildung entwickelt. Sie sieht drei Ausbildungsstufen vor. In der ersten Stufe sollen die &#8218;Beamten in Ausbildung'(BiA) die Grundkenntnisse und -fertigkeiten f\u00fcr den Polizeiberuf erlernen. Die weitere fachpraktische und -theoretische Ausbildung erfolgt in der zweiten Stufe (14 Wochen) und in der dritten (16 Wochen) dann der Anstellungslehrgang. Grob zusammengefa\u00dft werden in dieser Zeit ca. 630 Std. Recht eingepaukt. Die AfdE-Ausbildung (Selbstverteidigung, Schie\u00dfausbidlung, Fernmeldeausbildung etc.) f\u00fcllt etwa 550 Stunden, w\u00e4hrend &#8218;Politische Bildung&#8216; und Sozialwissenschaften gerade einmal auf ca. 200 Stunden kommen.<\/p>\n<h4>Elemente einer reformierten Polizeiausbildung<\/h4>\n<p>Derzeit ist unter dem Schlagwort &#8222;Polizei 2000&#8220; eine Neuordnung der Lauf-bahnstruktur der Polizei angelaufen, welche u.a. eine H\u00f6herqualifizierung der BeamtInnen anstrebt. Vorgesehen ist deshalb, alle Ausbildungseinrichtungen in den Rang von Fachhochschulen zu heben und k\u00fcnftige PolizistInnen m\u00f6glichst nur noch aus AbiturientInnen, Fachhochsch\u00fclerInnen und Fachobersch\u00fclerInnen zu rekrutieren. An gr\u00f6\u00dfere Ver\u00e4nderungen des bis-herigen Lehrinhaltes oder die Herausl\u00f6sung der Ausbildung aus der Verantwortung der Bepo ist jedoch zumeist nicht gedacht. Ausbildung bedeutet aber immer mehr als nur die Vermittlung konkreten Wissens und spezifischer beruflicher F\u00e4higkeiten. Polizeiliche Ausbildung vermittelt zudem eine spezifische berufliche Sicht der sozialen Wirklichkeit und pr\u00e4gt habituell. Dies auch dann noch &#8211; oder erst recht &#8211; wenn die unmittelbare Ausbildung abgeschlossen ist und die BeamtInnen in den beruflichen Alltag eingegliedert und durch die berufserfahrenen, lebens\u00e4lteren KollegInnen angelernt und umerzogen werden: &#8222;So, jetzt kannst Du alles vergessen, was Du gelernt hast. Jetzt machen wir aus Dir einen Polizisten&#8220;, gilt bei ihnen immer noch als eine der h\u00e4ufigsten Begr\u00fc\u00dfung der Polizeinovizen.<\/p>\n<p>Eine &#8222;b\u00fcrgernahe Polizei&#8220;, von der viele Politiker und Polizeigewerkschaftler gern schwadronieren, ist so nicht zu erreichen. Minimale Anforderungen, die an eine Polizeiausbildung in demokratischer Absicht zu stellen sind, m\u00fc\u00dften u.a. lauten:<br \/>\n&#8211; Die Ausbildung ist (solange es diese Truppenpolizei noch gibt) generell au-\u00dferhalb der Bereitschaftspolizei anzusiedeln.<br \/>\n&#8211; Die Doppelfunktion der Lehrenden als Lehrer und Vorgesetzte ist zu beenden.<br \/>\n&#8211; Das Studium an den Polizeifachhochschulen ist soweit wie m\u00f6glich in andere Fachbereiche ziviler Fachhochschulen zu integrieren.<br \/>\n&#8211; In nicht fachspezifischen F\u00e4chern ist eine weitgehend gemeinsame Ausbildung mit anderen Berufsgruppen anzustreben.<\/p>\n<p>Nur die konsequente Angliederung der Ausbildungsinstitutionen an zivile Tr\u00e4ger bietet die Chance, das polizeiliche Ausbildungsghetto aufzubrechen. Dar\u00fcber hinaus mu\u00df sich die Ausbildung in aller Konsequenz am polizeilichen Alltag mit seinen vielf\u00e4ltigen B\u00fcrgerkontakten orientieren. Dieser Au\u00dfendienst ist auch \u00fcber die Ausbildung aufzuwerten und in seinen qualifikatorischen Anforderungen als gleichgewichtig mit der T\u00e4tigkeit der verschiedenen F\u00fchrungsebenen zu bewerten. Neben inhaltlichen Reformen mu\u00df das gesamte (Ausbildungs)System zudem so ver\u00e4ndert werden, da\u00df auch Frauen (insb. solche mit Kindern) reale Aufstiegschancen erhalten (siehe auch S. 18). Ebenso m\u00fcssen Ausl\u00e4nder (entspr. ihrem Bev\u00f6lkerungsanteil) verst\u00e4rkt in die Polizei aufgenommen werden (siehe auch S. 24).<\/p>\n<h5>Wolf-Dieter Narr lehrt Politologie an der Freien Universit\u00e4t Berlin und ist Mitherausgeber von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP.<\/h5>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_046.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Otto Diederichs und Wolf-Dieter Narr &#8222;Ziel der Ausbildung ist, durch Vermittlung einer erweiterten Allgemeinbildung<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,52],"tags":[],"class_list":["post-3765","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-046"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3765"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3765\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}