{"id":3852,"date":"1992-12-26T12:06:37","date_gmt":"1992-12-26T12:06:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3852"},"modified":"1992-12-26T12:06:37","modified_gmt":"1992-12-26T12:06:37","slug":"sicherheit-als-ware-und-dienstleistung-zur-entwicklung-einer-zukunftstraechtigen-industrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3852","title":{"rendered":"Sicherheit als Ware und Dienstleistung &#8211; zur Entwicklung einer zukunftstr\u00e4chtigen Industrie"},"content":{"rendered":"<h3>von Detlef Nogala<\/h3>\n<p>Sicherheitsindustrie &#8211; ein aufstrebender und prosperierender Wirtschaftszweig &#8211; umfa\u00dft eine ganze Reihe teilweise sehr unterschiedlicher Produktpaletten und Dienstleistungen. Ihre Struktur l\u00e4\u00dft sich in Anlehnung an eine US-amerikanische Definition von &#8222;private security&#8220;1 vielleicht am besten als die Gesamtheit der Freiberufler und Privatfirmen beschreiben, die gegen Bezahlung sicherheitsbezogene Dienstleistungen erbringen, indem sie Personen, Eigentum oder Interessen vor Gefahren zu sch\u00fctzen versuchen. Neben den Wachm\u00e4nnern (so sind z.B. nur 5% der Pf\u00f6rtner im Tagesdienst Frauen) wird dieses Aufgabenspektrum von Leibw\u00e4chtern, Kurieren, Detektiven und nicht zuletzt von den dazugeh\u00f6rigen Ingenieuren, Technikern und Managern abgedeckt. Von einer Industrie kann insofern die Rede sein, als sich Dienstleistung, Beratung, Schulung und Marketing von der industriellen Herstellung und der professionalisierten Anwendung von sicherheitsspezifischen Produkten eigentlich nicht mehr scheiden l\u00e4\u00dft.<!--more--><\/p>\n<p>Nach Meinung neoliberaler \u00f6konomischer Theorien l\u00e4\u00dft sich aus jedem knappen Gut ein Gesch\u00e4ft machen und so ist es schon aus diesem Grunde nicht verwunderlich, wenn sich zwecks profitabler Bedienung diverser Si-cherheitsbed\u00fcrfnisse eine vielgestaltige und wirtschaftlich erfolgreiche Indu-strie ausgebildet hat. Diese handelt mit Dienstleistungen und bietet Waren an, die den Gebrauchswert &#8218;Mehr Sicherheit&#8216; f\u00fcr die Belange des K\u00e4ufers versprechen. Nat\u00fcrlich geht es dabei nach den herrschenden Marktgesetzen zu, was voraussetzt, da\u00df die Nachfrage nach dem Gut &#8218;Sicherheit&#8216; nur bei entsprechender Ausstattung mit Kaufkraft befriedigt wird. Kurzum: Neben dem Staat und seinen Organen k\u00fcmmern sich mittlerweile eine ganze Reihe diverser privatwirtschaftlicher Organisationen und Unternehmen um die Aufrechterhaltung von Ordnung und die Gew\u00e4hrleistung von Sicherheit.<\/p>\n<p>Der feine Unterschied besteht jedoch darin, da\u00df der Staat und seine Institutionen (in diesem Falle die Polizei) diese Dienstleistung als eine raison d&#8217;etre eigentlich jedermann, egal ob &#8218;Berber&#8216; oder Million\u00e4r, zu gew\u00e4hren haben, Sicherheitsunternehmen hingegen spezielle Schutzbed\u00fcrfnisse nur gegen cash und Profit zu bedienen bereit sind. Der Tausch Geld gegen Sicherheit ist dabei, historisch gesehen, eine Gewohnheit2 und somit unspektakul\u00e4r, hat aber in den entwickelteren kapitalistischen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten ein spezifisches Gesicht bekommen und tangiert sowohl Staat wie Gesellschaft.<\/p>\n<h4>Die Sicherheitsindustrie in Zahlen<\/h4>\n<p>In den USA \u00fcbersteigt die Zahl der Besch\u00e4ftigten in der Sicherheitsindustrie nach den Erhebungen des &#8218;Hallcrest-Reports&#8216; inzwischen bei weitem die der beamteten Polizisten. In der Mitte der 80er Jahre wurde die Gesamtzahl der in der Sicherheitsindustrie T\u00e4tigen auf 1,1 Millionen gesch\u00e4tzt (ohne ziviles Bewachungspersonal von Bundesbeh\u00f6rden und Milit\u00e4reinrichtungen), wobei 449.000 in eigenen Unternehmensabteilungen, 641.000 in Vertragsunternehmen t\u00e4tig waren.3 Der Nachfolgebericht stellt f\u00fcr den Beginn der 90er Jahre 600.000 beamteten Polizisten 1.500.000 privat besch\u00e4ftigte Sicherheitsbedienstete gegen\u00fcber.4 Eine \u00e4hnliche Entwicklung l\u00e4\u00dft sich f\u00fcr Gro\u00dfbritannien aufzeigen. Einer gesch\u00e4tzten Zahl von etwa 250.000 Besch\u00e4ftigten der Sicherheitsindustrie5 entsprechen 120.000 Polizeibeamte.<\/p>\n<p>In Deutschland arbeiten ggw. etwa 105.000 Menschen im Bewachungssektor, wovon etwa 40.000 dem firmeninternen Werkschutz angeh\u00f6ren und der Rest von Sicherheitsunternehmen gestellt wird. Auf 100.000 Deutsche kommen damit 140 Angeh\u00f6rige des privaten Wachdienstes. Das Verh\u00e4ltnis von Polizei und Bewachungskr\u00e4ften belief sich nach offiziellen Angaben f\u00fcr 1991 auf 70:30,6 was einer Zahl von ca. 245.000 Polizeibeamten entspricht (siehe auch S. 59).<\/p>\n<p>Der Umsatz der gesamtdeutschen Sicherheitsindustrie wird f\u00fcr 1991 mit 11 Mrd. DM angegeben, wobei knapp die H\u00e4lfte auf mechanische Sicherheit (Geldschr\u00e4nke, Schl\u00f6sser, Z\u00e4une, Gitter, Gl\u00e4ser incl. Montage) und je ein gutes Viertel auf elektronische Sicherheit (Einbruch- und Brandmeldetechnik, Zugangskontrollsysteme, Video-\u00dcberwachungsanlagen, incl. Installation und Instandhaltung) und Dienstleistungen (Bewachung, Beratung) entfielen. Ge-gen\u00fcber 1989 (8,3 Mrd. DM) ist das eine Steigerung von 32,5 %, wobei der Nachholbedarf der Neuf\u00fcnfl\u00e4nder einen erheblichen Anteil der Expansion er-kl\u00e4rt. Dennoch: welche andere Branche kann solche Steigerungsraten vorweisen? In Gro\u00dfbritannien hat sich der Umsatz der Sicherheitsindustrie von 1981 &#8211; 1986 gar nahezu verdoppelt; f\u00fcr 1987 wurde er auf 807 Mill. Pfund gesch\u00e4tzt.7<\/p>\n<p>Die Sicherheitsindustrie bedient einen Markt, der sich in erster Linie aus den diversen Sicherheitsinteressen von Wirtschaftsunternehmen und Beh\u00f6rden ergibt, aber inzwischen auch st\u00e4rker die privaten Konsumenten erfa\u00dft (Alarm-anlagen und Bewegungssensoren werden in Werbeprospekten den Haushalten angedient). Mehr und mehr wird nun auch die \u00f6ffentliche Nachfrage nach Sicherheit privatwirtschaftlich beantwortet, sei es bei der Bewachung und dem Schutz von Asylunterk\u00fcnften (ein neuer Markt, wie die Messegesell-schaft zu vermelden wu\u00dfte) oder bei der Sicherung \u00f6ffentlicher R\u00e4ume wie Bahnh\u00f6fe, S-Bahnen, Einkaufszentren etc.(siehe S. 32).<\/p>\n<h4>Was bietet die Sicherheitsindustrie?<\/h4>\n<p>Das Angebot der Sicherheitsindustrie richtet sich auf all jene Nachfrage und Kaufkraft, die ein Sicherheitsinteresse artikuliert, dem mit den Mitteln von Bewachung\/ Schutz oder Informationsermittlung\/ Geheimhaltung (je durch Personal oder \u00fcber technische Vorrichtungen) entsprochen werden kann. Der Hauptanteil aller Anstrengungen liegt dabei auf dem Gebiet der Verm\u00f6gens-sicherung, d.h. in der Absicherung (bzw. dessen Versprechen) gegen Verlust, Zerst\u00f6rung oder Diebstahl. Den Naturgewalten und der technischen Umwelt mit ihren Katastrophen kommt zwar aus Sicht der Branche ein nicht unerhebliches Risikopotential zu, das Hauptproblem aber wird in der &#8222;krimi-nellen Energie&#8220; von Straft\u00e4tern gesehen. Diese m\u00fcssen als Diebe, Erpresser und Spione nicht unbedingt immer nur von au\u00dfen kommen; ein Gutteil der branchenspezifischen Skepsis richtet sich auf die Besch\u00e4ftigten der Wirt-schaftskunden selbst. Neben der unbefugten Mitnahme von Gegenst\u00e4nden beklagt man verst\u00e4rkt wieder den sog. &#8222;Zeitdiebstahl&#8220; von Mitarbeitern, womit gemeint ist, da\u00df nicht jede Sekunde der verkauften Arbeitskraft auch wirklich allein dem Unternehmensprofit zugute kommt.<\/p>\n<p>Das technische Angebot ist kaum noch zu \u00fcberblicken. In diesem Jahr waren 540 Aussteller und Anbieter aus dem In- und Ausland auf der Essener &#8222;Security&#8220;-Messe vertreten. Die Video-Technik wurde perfektioniert und flexibilisiert, das Problem der \u00dcberwachung der aufgezeichneten Szenen mit Langzeitrecordern und Aufzeichnungskompression angegangen. Zugangskontrollsysteme mit den dazugeh\u00f6rigen Karten, ob per Eingabe oder ber\u00fchrungslos im Vor\u00fcbergehen und -fahren, sind l\u00e4ngst verbreitet, wobei das Interesse an biometrischen Systemen f\u00fcr Hochsicherheitsanwendungen nachgelassen zu haben scheint. Ein relativ neues Angebot ist hingegen die Satellitenortung von Fahrzeugen (etwa LKW oder Werttransporte) \u00fcber das GPS-System (Global Positioning System), die von verschiedenen Firmen angeboten wird. Eher traditionelle Technik, wie Brand- und Einbruch-Alarmanlagen, machen zwar einen Gro\u00dfteil des Branchenumsatzes aus, sind aber aus kriminologischer Sicht nicht ganz so interessant wie Firmen, die ganze Gef\u00e4ngnisse schl\u00fcsselfertig anbieten oder etwa Panzerglas, das die Kugel des Angreifers zwar aufh\u00e4lt, aber einer entsprechenden Beantwortung von der anderen Seite keinen entscheidenden Widerstand entgegensetzt &#8211; sozusagen per Einweg-Verfahren Schutz und freie Schu\u00dfbahn in einem bietet. Neben allerlei High-Tech-Spielzeug werden nat\u00fcrlich auch Dinge f\u00fcr die unmittelbare Auseinandersetzung angeboten. F\u00fcr den Beobachter besonders beeindruckend ist dabei eine Vorrichtung zur schnellen Errichtung von Stacheldrahtumz\u00e4umungen per Kfz und speziellem Anh\u00e4nger. Diese effektive Aufstandbek\u00e4mpfungsmethode wurde (wundert es jemanden?) am s\u00fcdafrikanischen Stand im Video vorgef\u00fchrt.<\/p>\n<h4>Gute Aussichten<\/h4>\n<p>Die bundesdeutsche Sicherheitsindustrie hat in den jetzigen Zeiten des Wachstums wenig Sorgen. Gedanken macht sie sich eher um ihr Image und \u00fcber Ma\u00dfnahmen, Qualit\u00e4t und Seriosit\u00e4t der Branche zu verbessern und zu sichern. Abwartend steht man dem kommenden europ\u00e4ischen Binnenmarkt gegen\u00fcber. Hier scheint ein etwas m\u00fchsamer Gang der Anpassung von Normen und Vorschriften vor den Verb\u00e4nden zu liegen. Der eher nationale Schwerpunkt der verschiedenen L\u00e4ndermessen kann aber nicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen, da\u00df der Sicherheitsmarkt ein internationaler, ein globaler Markt geworden ist, auf dem Konzerne wie Sony, Panasonic, Grundig und Siemens flei\u00dfig mitzumischen gedenken. Es d\u00fcrfte nicht schwer sein einzusehen, da\u00df dieser Markt und die in ihm gebundenen Interessen einen erheblichen Einflu\u00df auf die Struktur und das konkrete Aussehen der Systeme sozialer Kontrolle haben. Die mit dem Wachsen der Sicherheitsindustrie und der Privatisierung von Sicherheitsleistungen verbundenen sozialen, politischen, kriminologischen und juristischen Fragen und Probleme sind enorm &#8211; eine intensivierte Diskussion dar\u00fcber unerl\u00e4\u00dflich.8<\/p>\n<h5>Detlef Nogala ist Diplom-Kriminologe und arbeitet z.Zt. an seiner Dissertati-on \u00fcber &#8222;Technik &amp; soziale Kontrolle&#8220;<\/h5>\n<h6>1 vgl. Timm, H.W. &amp; Christian, K.E. (1991), Introduction to Private Security, Pacific Grove, California: Brooks\/Cole Publishing Company, S. 3 ff<br \/>\n2 vgl. Lipson, M. (1988), Private Security (A Retrospective). The Annals of the American Academy of Political Science (The Private Security Industry), 498 (July 1988), S. 11-22; McCrie, R.D. (1988), The Development of the U.S. Security Industry (A Retrospective), ebd. S. 23-33; Johnston, L. (1992), The Rebirth of Privat Policing, New York, Routledge<br \/>\n3 vgl. Cunningham\/Taylor 1985, zit. n. Timm\/Christian 1991, S. 10<br \/>\n4 vgl. Cunningham et.al 1991, zit. n. Vo\u00df, M. (1992, i.D.), Privatisierung \u00f6f-fentlicher Sicherheit, in: Frehsee, D.; L\u00f6schper, G.; Schumann, K.F. (Hg.), Strafrecht, soziale Kontrolle, soziale Disziplinierung. (Jahrbuch f\u00fcr Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Band 15), Opladen, Westdeutscher Verlag<br \/>\n5 South, N. (1988), Policing for Profit (The Private Security Sector), London, Sage<br \/>\n6 Rede des Parlamentarischen Staatssekret\u00e4rs beim BMI Eduard Lintner anl\u00e4\u00dflich der Er\u00f6ffnung der Messe Security &#8217;92 am 13. Oktober 1992 in Essen (Manuskript)<br \/>\n7 vgl. Johnston aaO, S. 74<br \/>\n8 siehe Hoogenboom (1991), Grey Policing: A Theoretical Framework, Policing and Society, Vol. 2, S. 17-30; Johnston aaO; South aaO; Vo\u00df aaO (1992, i.D.)<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Detlef Nogala Sicherheitsindustrie &#8211; ein aufstrebender und prosperierender Wirtschaftszweig &#8211; umfa\u00dft eine ganze Reihe<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,49],"tags":[],"class_list":["post-3852","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-043"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3852"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3852\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}