{"id":3877,"date":"1992-12-26T12:59:02","date_gmt":"1992-12-26T12:59:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3877"},"modified":"1992-12-26T12:59:02","modified_gmt":"1992-12-26T12:59:02","slug":"selbsthilfe-statt-kommerzieller-sicherheit-guardian-angels-auch-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3877","title":{"rendered":"Selbsthilfe statt kommerzieller Sicherheit? &#8218;Guardian Angels&#8216; auch in Berlin"},"content":{"rendered":"<h3>von Annette Wilmes<\/h3>\n<p>Eine Gruppe sehr junger Berlinerinnen und Berliner, die \u00e4ltesten gerade Anfang 20, hat einen Verein gegr\u00fcndet. Nach ihrem New Yorker Vorbild nennen sie sich &#8218;Guardian Angels&#8216;. Sie wollen den Fahrg\u00e4sten in den Berliner S- und U-Bahnen ein Gef\u00fchl der Sicherheit geben &#8211; vor allem nachts.<\/p>\n<p>In New York gibt es die &#8218;Guardian Angels&#8216; seit 1979. Die Organisation hat inzwischen mehrere Tausend freiwilliger Mitglieder in den USA, Kanada, Mexiko und Gro\u00dfbritannien. Allein durch ihre Anwesenheit versuchen sie auf den Stra\u00dfen und in den U-Bahnen Drogen- und Gewaltkriminalit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen. Eine Selbsthilfe-Vereinigung als B\u00fcrgerwehr. Uniformiert marschieren sie durch besonders gef\u00e4hrdete Gebiete der St\u00e4dte. Die meist sehr jungen Mitglieder der &#8218;Guardian Angels&#8216; rekrutieren sich h\u00e4ufig selbst aus dem Drogenmilieu und den Ghettos der Gro\u00dfst\u00e4dte. Das geh\u00f6rt zum Programm. Die Jugendlichen sollen auf die richtige Seite gezogen werden, so ein Gruppenmitglied, viele von ihnen w\u00fcrden sp\u00e4ter Feuerwehrleute, Polizisten oder Gef\u00e4ngnisaufseher.1<\/p>\n<p>Der Erfolg der &#8218;Angels&#8216; ist indes umstritten. Anwohner in New York sagen zwar, endlich k\u00f6nnten sie wieder ohne Angst durch die Stra\u00dfen gehen. Die Verbrechens-Statistik des FBI allerdings zeigt kaum eine ver\u00e4nderte Zahl, seit die Angels patrouillieren.<!--more--><\/p>\n<p>Das allein w\u00e4re noch kein ernsthafter Einwand gegen die Aktivit\u00e4ten der jungen Leute. Bedenklicher ist, da\u00df sie in Wirklichkeit nicht so friedfertig sind, wie man sich &#8218;Schutzengel&#8216; allgemein vorstellt. Zwar geben sie sich unbe-waffnet, besitzen jedoch eine Karate-Ausbildung: Faustschl\u00e4ge und Fu\u00dftritte sind an der Tagesordnung. Sie ihrerseits haben sich schon h\u00e4ufiger Messer-stiche und Pistolensch\u00fcsse eingehandelt, einige &#8218;Guardian Angels&#8216; wurden dabei bereits lebensgef\u00e4hrlich verletzt oder gar get\u00f6tet. &#8222;Wir f\u00fchren Krieg&#8220;, sagt denn auch ganz unverbl\u00fcmt der Gr\u00fcnder des Vereins, Curtis Sliwa.2<\/p>\n<p>Polizeiliche Aufgaben d\u00fcrfen die &#8218;Angels&#8216; auch in New York nicht \u00fcbernehmen. Dennoch durchsuchen sie h\u00e4ufig Menschen, die ihnen verd\u00e4chtig vorkommen. Mit den pers\u00f6nlichen Rechten der Festgehaltenen nehmen sie es dabei nicht immer so genau. Finden sie tats\u00e4chlich etwas Verbotenes, z. B. Drogen, so halten sie die Betreffenden fest und alarmieren die Polizei.<\/p>\n<p>Gro\u00dfes Interesse haben die &#8218;Guardian Angels&#8216; an der Mithilfe von Ge-sch\u00e4ftsleuten, die an einer &#8217;sauberen Gegend&#8216; interessiert sind. In speziellen Frageb\u00f6gen lassen sie auflisten, was in der Nachbarschaft passiert. So haben Anwohner denn auch schon h\u00e4ufig Nummernschilder von Fahrzeugen an die &#8218;Angels&#8216; weitergegeben, nur weil sie ihnen &#8222;fremd&#8220; waren. Solche Informationen werden ohne Federlesen an die Polizei weitergegeben.<\/p>\n<h4>Bedenken und Reaktionen<\/h4>\n<p>Genau das ist es, was man bef\u00fcrchten mu\u00df, wenn eine solche Selbsthilfe-Gruppe aktiv wird. Das Klima der Angst (wobei noch zu fragen ist, ob dieses \u00fcberhaupt zu beseitigen ist), wird eingetauscht gegen ein Klima des Denunziantentums.<\/p>\n<p>Selbstjustiz wird den jungen Leuten vorgeworfen, und da ist sicher etwas dran. Denn selbst wenn die &#8218;Guardian Angels&#8216; Kurse in Recht und Politik absolvieren, wie sie dies vorgeben3, dann sind das wohl allenfalls Crash-Kurse ohne jede Kontrolle. Wer wei\u00df, wie schwer h\u00e4ufig selbst die Polizei zu kontrollieren ist, dem schwant, was passieren kann, wenn energiegeladene junge Menschen beginnen, das Verbrechen zu bek\u00e4mpfen. Ganz zu schweigen von einer anderen Gefahr. &#8218;Guardian Angels&#8216; treten uniformiert auf: rotes Barett, rote Jacken, meist Milit\u00e4rhosen und wei\u00dfe T-Shirts mit dem Emblem der &#8218;Angels&#8216;, das gefl\u00fcgelte Dreieck mit einem Auge (das Auge Gottes?), darunter die Aufschrift: &#8222;Guardian Angels &#8211; Safety Patrol&#8220;. Solch martialisches \u00c4u\u00dferes, legt den Gedanken nahe, da\u00df sich gerade rechts-radikale Jugendliche angezogen f\u00fchlen k\u00f6nnten. Fasziniert von einer B\u00fcrger-wehr, in der gewaltt\u00e4tiges Verhalten legitimiert zu sein scheint.<\/p>\n<p>All das wollen die Jugendlichen, die gerade in Berlin ihren Verein gegr\u00fcndet haben, nat\u00fcrlich nicht. Sie wollen die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel wieder si-cherer machen, und sonst nichts. Ob sie vor den genannten Gefahren allerdings gefeit sind, mu\u00df bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Die &#8218;Guardian Angels&#8216; in Berlin lassen sich von ihren Kollegen aus New York und London bereits ausbilden. Finanziert werden sie vorerst noch aus New York, sp\u00e4ter allerdings m\u00fcssen sie sich mit Spendengeldern selbst \u00fcber Wasser halten. Davon werden sie dann wohl auch ihre Fahrscheine kaufen m\u00fcssen, denn die Berliner Verkehrs-Betriebe (BVG) sind nicht bereit, die Selbsthilfe-Gruppe als Sicherheitsgruppe anzuerkennen.4 Auch die Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres h\u00e4lt von den selbsternannten Hilfssheriffs nichts. B\u00fcrgerwehren lehnt sie rigoros ab,5 und das mu\u00df sie auch, denn hierzulande gibt es das staatliche Gewaltmonopol.<\/p>\n<p>Auch die CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus will das staatliche Gewaltmonopol &#8222;strikt beachtet&#8220; sehen. Sie begr\u00fc\u00dft jedoch, &#8222;da\u00df junge Menschen bereit sind, sich freiwillig und aktiv f\u00fcr die innere Sicherheit einzuset-zen&#8220;.6<\/p>\n<p>H\u00f6chst bedenklich wird es jedoch, wenn ein Kriminalbeamter den &#8218;Guardian An-gels&#8216; den Weg ebenen will. In der Fachzeitschrift &#8218;Kriminalistik&#8217;7 hat ein Duisburger Kriminaloberrat seinen Kollegen die New Yorker &#8218;Angels&#8216; vor-gestellt, nachdem er sich deren Arbeit vor Ort angesehen hatte. Ein Modell auch f\u00fcr uns, so seine Reaktion.<\/p>\n<p>Was ihn fasziniert: &#8222;Sie arbeiten ohne Bezahlung als B\u00fcrger f\u00fcr B\u00fcrger und unterst\u00fctzen den Selbstschutzgedanken.&#8220; Hinter einer solchen Aussage steckt zumindest eine geh\u00f6rige Portion Blau\u00e4ugigkeit, die man von einem Krimi-nalbeamten so nicht erwartet h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Und selbst wenn die Beobachtung f\u00fcr New York stimmen mag, so ist die Situation in Berlin noch lange nicht damit zu vergleichen. Um das Klima der z.T. sicher berechtigten Angst beseitigen zu helfen, sind &#8218;Guardian Angels&#8216; die falsche Antwort. Gegebenenfalls w\u00e4re dann zu fordern, die Verkehrsbetriebe sollten ihr Sicherheitspersonal erh\u00f6hen, das im Fall strafbarer Handlungen die Polizei alarmiert. Allerdings nur dann und nicht, wenn etwa ein Jugendlicher die Beine auf die Sitze legt oder ein Betrunkener andere Fahrg\u00e4ste unwirsch anp\u00f6belt. Mit solchen Situationen mu\u00df das BVG-Personal auch so fertig werden, ohne da\u00df aufgereizte Situationen entstehen, die dann erst gef\u00e4hrlich werden.<\/p>\n<h5>Annette Wilmes, freie Rundfunkjournalistin in Berlin, bearbeitet haupts\u00e4chlich justizpolitische Themen, Autorin des Buches &#8222;Recht geschieht ihnen&#8220;, Ge-richtsreportagen, K\u00f6ln 1986.<\/h5>\n<h6>1 Kriminalistik 10\/92<br \/>\n2 Der Spiegel v. 27.6.88<br \/>\n3 Stadtillustrierte zitty v. 17.9.92<br \/>\n4 Der Tagesspiegel v. 20.3.92<br \/>\n5 ebd.<br \/>\n6 Der Tagesspiegel v. 12.3.92<br \/>\n7 Kriminalistik 10\/92<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Annette Wilmes Eine Gruppe sehr junger Berlinerinnen und Berliner, die \u00e4ltesten gerade Anfang 20,<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,49],"tags":[],"class_list":["post-3877","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-043"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3877","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3877"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3877\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3877"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3877"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3877"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}