{"id":3891,"date":"1992-09-26T13:26:45","date_gmt":"1992-09-26T13:26:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3891"},"modified":"1992-09-26T13:26:45","modified_gmt":"1992-09-26T13:26:45","slug":"staatsschutz-statistisch-gesehen-erlaeuterungen-zur-auswertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3891","title":{"rendered":"&#8218;Staatsschutz&#8216; statistisch gesehen &#8211; Erl\u00e4uterungen zur Auswertung"},"content":{"rendered":"<h3>von Falco Werkentin<\/h3>\n<p>Detaillierte statistische Daten zur sog. Staatsschutz-Kriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik aufzutreiben, ist schwierig. Die nachstehenden Zahlenreihen bis 1960 zur\u00fcckzuverfolgen &#8211; dem Jahr, seit das Bundeskriminalamt (BKA) eine &#8222;Polizeiliche Kriminalstatistik &#8211; Staatsschutz&#8220; erstellt &#8211; , war daher nicht m\u00f6glich. Auch heute noch werden diese alten Angaben zur\u00fcckgehalten, obwohl die Sta-tistik seit einigen Jahren durch eine relativ detaillierte und offene Berichterstattung ersetzt wurde.<\/p>\n<p>Tabelle 1 gibt einen \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklung der seit 1974 j\u00e4hrlich insgesamt erfa\u00dften Delikte1, aufgegliedert nach Staatsschutzdelikten im enge-ren Sinne (Tab. 1, Sp. IV) und sonstigen Straftaten mit politischem Bezug (Sp. III). Ist es bei ersteren die gesamte Palette politischer Straftatbest\u00e4nde des StGB ( 80-86a, 87-91, 94-100a, 102-109h, 129a,234a, 241a StGB), so handelt es sich bei jenen mit politischem Bezug um Ereignisse, bei denen die Staats-schutzbeh\u00f6rden politische Motive vermuten. Beispiel hierf\u00fcr ist etwa die N\u00f6tigung (z.B. Blockade von Kasernen) oder die Sachbesch\u00e4digung (z.B. Parolen an Hausw\u00e4nden).<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die Interpretation dieser Zahlen ist es wichtig zu wissen, da\u00df nicht jede Anzeige in die Statistik (PKS) eingeht. &#8222;Ma\u00dfgebend f\u00fcr die statistische Erfassung ist, da\u00df bei Abschlu\u00df der polizeilichen Ermittlungen noch der Verdacht einer strafbaren Handlung besteht&#8220;, hei\u00dft es in den Erl\u00e4uterungen.<\/p>\n<p>Nimmt man nun 1974 mit 2.727 Staatsschutzdelikten als Ausgangsjahr mit 100 %, so steigerte sich die Zahl der insgesamt registrierten Delikte bis 1986 auf 610 % (Tab. I, Sp. II). W\u00e4hrend die Zahl jener Delikte, die auch nach den Straftatbest\u00e4nden des StGB Staatsschutzdelikte sind (Sp. IV) &#8211; z.B. Spionage, Hochverrat, Gef\u00e4hrdung des demokratischen Rechtsstaates, Bildung und Unterst\u00fctzung einer terroristischen Vereinigung &#8211; zwischen 1974 bis 1989 um etwa das Dreifache wuchs, sind die Steigerungen bei den &#8222;sonstigen Delikten mit politischem Bezug&#8220; noch kr\u00e4ftiger (Sp. III). Gerade diese Statistik spiegelt recht gut das Auf und Ab im Demonstrationsgeschehen und die H\u00f6-hepunkte diverser politischer Bewegungen und Kampagnen der 70er und 80er Jahre wieder, in denen es immer wieder zu Konfrontationen mit der Polizei kam. Mit 1974 als Bezugsjahr (100%), gab es bei den &#8222;sonstigen Delikten&#8220; bis 1987 eine Steigerung auf fast das Neunfache (866%).<\/p>\n<p>Schaut man sich an, wieviele politische Straft\u00e4ter j\u00e4hrlich verurteilt werden (Sp. V-VI) wirkt das Bild weniger dramatisch. Die sog. Verurteilungsquote (bezogen auf die Zahl der polizeilich registrierten Straftaten) liegt bei Staatsschutzdelikten im engeren Sinne unter 10%, d.h., nur bei einer von 10 registrierten Taten reichten der Verdacht und die Ermittlungsergebnisse aus, um Beschuldigte als T\u00e4ter zu verurteilen. (Was sich dabei als &#8222;gerichtsfest&#8220; erweist, w\u00e4re zudem selbst wert, einmal kritisch auseinandergenommen zu werden.) In den Jahren 1978, 1981 und 1982 erwiesen sich sogar nur 6 % der F\u00e4lle als &#8222;verurteilungsf\u00e4hig&#8220; (vgl. Sp. VI). F\u00fcr die &#8222;sonstigen Straftaten &#8230; &#8220; l\u00e4\u00dft sich die Verurteilungsquote nicht ermitteln, da die Justizstatistik sie nicht gesondert erfa\u00dft.<\/p>\n<p>Was erkl\u00e4rt diese beeindruckenen Steigerungsraten? Knappe Hinweise m\u00fcssen hier gen\u00fcgen:<\/p>\n<p>1. Seit Mitte der 70er Jahre wurde, begr\u00fcndet mit terroristischen Anschl\u00e4gen, das politische Strafrecht der Bundesrepublik kraftvoll um neue Paragraphen erg\u00e4nzt, die die staatssch\u00fctzerische &#8222;Verteidigungslinie&#8220; weit ins Vorfeld konkreter Rechtsgutverletzungen und Tathandlungen verlegten. Insoweit produzierte der Gesetzgeber &#8222;politische Delikte&#8220; im unmittelbarsten Sinne des Wortes selbst.<\/p>\n<p>2. Insbesondere die Staatsschutzabteilungen von BKA und L\u00e4nderpolizeien wurden in dieser Zeit personell \u00fcberdurchschnittlich ausgebaut. Mehr auf die Verfolgung politischer Straftaten und Gesinnungen spezialisiertes Personal produziert im Regelfall aber auch mehr &#8222;Ermittlungsf\u00e4lle&#8220;. Unter dem Stich-wort &#8222;Wendland-Syndrom&#8220; wird dies seit einiger Zeit auch in der Polizei dis-kutiert.2<\/p>\n<p>3. Die Entwicklung der &#8222;sonstigen Straftaten &#8230;&#8220; verl\u00e4uft parallel zum De-monstrationsgeschehen. Demonstrationen oder demonstrative Aktionen sind st\u00e4n-dige Anl\u00e4sse konfrontativer Situationen, die je nach politischer Bewer-tung und daraus abgeleiteten polizeilichen Einsatzstrategien entweder als Strafta-ten oder als Ausdrucksformen eines berechtigten Protestes gelten k\u00f6n-nen. So wurden in den 70er und 80er Jahren gr\u00f6\u00dfere Blockadeaktionen von Landwirten, die damit gegen die Landwirtschaftspolitik der EG protestierten oder einw\u00f6chige Blockadeaktionen gewerkschaftlich organisierter Stahlar-beiter in Rheinhausen 1989, mit denen um den Erhalt der Arbeitspl\u00e4tze gek\u00e4mpft wurde, nicht mit Polizeigewalt beendet.<\/p>\n<p>F\u00fcr Blockadeaktionen der Anti-AKW- und Friedensbewegung hingegen galt um so schneller der Vorwurf politisch motivierter Straftaten. Insoweit ist es bei sog. politischen Straftaten im besonderen Ma\u00dfe eine Frage politischer und po-lizeilicher Definitionsmacht und Wahrnehmung.<\/p>\n<p>4. Weitere Indizien zur Frage nach den Ursachen des Anwachsens registrierter politischer Delikte liefert Tab. 2. Es sind nicht in erster Linie die Ge-heimdienste und die Polizei, deren Ermittlungs\u00fcberschwang die Zahlen hoch-jagte (Sp. III &#8211; X), sondern die Bev\u00f6lkerung der alten Bundesl\u00e4nder (Sp. IX-X), die immer eifriger politische Verd\u00e4chtigungen anzeigte.<\/p>\n<p>Von 1974 (100 %) bis 1981 stieg die Zahl der von B\u00fcrgern der alten Bundes-republik wegen des Verdachts politischer Straftaten j\u00e4hrlich angezeigten Mit-b\u00fcrger auf 643 %. Ab 1982 gibt es dann wieder ein leichtes Absinken.3<\/p>\n<h6>1 Die Zahlenangaben in den Tabellen 1 und 2 f\u00fcr die Jahre 1974 &#8211; 1985 sind &#8211; bis auf die Verurteilungsquote in Tab. 1 &#8211; der internen Staatsschutzstatistik des BKA entnommen, die Angaben f\u00fcr die folgenden Jahre der im Bulletin der Bundesregieurng j\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlichten polizeilichen Kriminalstatistik.<br \/>\n2 vgl. Pfeiffer, Christian: Mehr Polizei &#8211; mehr Kriminalit\u00e4t?, in: Hessische Polizeirundschau (hpr), 15. Jg., 1988, H. 2, S. 8-11<br \/>\n3 vgl. die tageszeitung v. 30.3.92<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Falco Werkentin Detaillierte statistische Daten zur sog. Staatsschutz-Kriminalit\u00e4t in der Bundesrepublik aufzutreiben, ist schwierig.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,48],"tags":[],"class_list":["post-3891","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-042"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3891","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3891"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3891\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3891"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3891"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3891"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}