{"id":3908,"date":"1992-09-26T13:39:57","date_gmt":"1992-09-26T13:39:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3908"},"modified":"1992-09-26T13:39:57","modified_gmt":"1992-09-26T13:39:57","slug":"tod-eines-fussballfans-anmerkungen-zur-einstellung-eines-ermittlungsverfahrens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3908","title":{"rendered":"Tod eines Fu\u00dfballfans &#8211; Anmerkungen zur Einstellung eines Ermittlungsverfahrens"},"content":{"rendered":"<h3>von Andreas Klose<\/h3>\n<p>Fast zu \u00fcberlesen war die kleine Pressemeldung im April 1992. Unter der \u00dcberschrift &#8222;Verfahren eingestellt&#8220; wurde in f\u00fcnf d\u00fcrren Zeilen mitgeteilt, da\u00df die Leipziger Staatsanwaltschaft ein Er-mittlungsverfahren gegen zehn dortige Polizeibeamte abgeschlossen hatte. Gegenstand des Verfahrens waren die gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Fu\u00dfballfans und der Leipziger Polizei am Rande des Spieles &#8218;FC Sachsen Leipzig&#8216; gegen &#8218;FC Berlin&#8216; am 3.11.90 gewesen. Insgesamt 58 Sch\u00fcsse waren dabei abgegeben worden.<\/p>\n<p>Durch den Schu\u00dfwaffeneinsatz wurde der Berliner Fu\u00dfballfan Mike Polley get\u00f6tet, f\u00fcnf weitere z.T. schwer verletzt.1<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Im Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen ist in nicht zu widerlegender Weise davon auszugehen, da\u00df die Polizei zum Tatzeitpunkt von einer relativ geschlossenen und zur massiven Gewaltanwendung bereiten Gruppierung von sogenannten &#8218;Hooligans&#8216; mit gef\u00e4hrlichen Mitteln rechtswidrig angegangen wurde. Erst als ein Zur\u00fcckweichen der mangelhaft ausger\u00fcsteten Polizeibe-diensteten nicht mehr m\u00f6glich und eine akut Leib und Leben des einzelnen Polizisten bedrohende Situation entstanden war, erfolgte der nach dem Poli-zeigesetz zul\u00e4ssige und strafrechtlich nicht zu verfolgende Einsatz von Schu\u00dfwaffen&#8220;2, befand die Leipziger Staatsanwaltschaft.<\/p>\n<p>Dem gegen\u00fcber stehen Augenzeugenberichte, wie etwa der des Jugenddiakons der (Ost)Berliner Erl\u00f6serkirche. Er lag w\u00e4hrend der Sch\u00fcsse nur wenige Meter neben dem Get\u00f6teten auf dem Boden. Den Abstand zu den Sch\u00fctzen sch\u00e4tzt er auf mindestens 30 Meter, eine Notwehrsituation f\u00fcr die Beamten habe damit aus seiner Sicht nicht bestanden.3<br \/>\nIn \u00e4hnlicher Weise meldeten sich die Berliner Fans zu Wort: &#8222;Wie der Presse zu entnehmen war, handelte die Polizei aus Notwehr. Dieses wollen wir richtigstellen, denn es war ein Zaun zwischen uns und der Polizei und die Polizei hatte gen\u00fcgend Ausweichm\u00f6glichkeiten. (&#8230;) Pl\u00f6tzlich scho\u00df die Po-lizei ohne Vorwarnung mit gezielten Sch\u00fcssen in Kopfh\u00f6he auf uns. Sie schossen auch, als wir wegliefen und trafen mehrere von uns dabei. (&#8230;) Wir fordern Aufkl\u00e4rung in diesem Mordfall!!! Wir wissen auch, da\u00df wir nicht unschuldige Engel sind, deshalb wollen wir kein Mitleid, sondern eine wahrheitsgem\u00e4\u00dfe Berichtserstattung.&#8220;4<\/p>\n<p>Selbst der Berliner Polizeibeauftragte f\u00fcr Fu\u00dfballfragen, Polizeioberrat J\u00f6rg Kramer, \u00e4u\u00dferte: &#8222;Aus der Ferne gesehen und mit allem Vorbehalt meine ich, da\u00df der Schu\u00dfwaffengebrauch \u00fcberfl\u00fcssig war, wenn ich mir die Gesamtentwicklung der Ereignisse und die Vorbereitungen der polizeilichen Ma\u00dfnahmen vor Augen f\u00fchre.&#8220;5<br \/>\nMit der fragw\u00fcrdigen Entscheidung, das Ermittlungsverfahren einzustellen, wurden, so scheint es zumindest, die Hoffnungen der zumeist Ostberliner Ju-gendlichen auf rechtsstaatliche Verfahren schwer getr\u00fcbt. In den Gespr\u00e4chen mit Mitarbeitern des Berliner FAN-Projektes wurden st\u00e4ndig Analogien zwischen Unrechtserfahrungen und staatlich verordneten Benachteiligungen zu Zeiten der DDR und dem jetzigen Ermittlungsverfahren hergestellt. &#8222;Es waren die gleichen Volkspolizisten, mit denen wir uns fr\u00fcher schon gepr\u00fcgelt haben, die jetzt auf uns geschossen haben&#8220;, so lauteten viele Ausf\u00fchrungen, verbunden mit der Hoffnung, der neue, demokratische Rechtsstaat werde sie nicht mehr benachteiligen.<\/p>\n<p>Wie l\u00e4cherlich mu\u00df f\u00fcr diese Jugendlichen der laute \u00f6ffentliche Ruf nach h\u00e4rteren Strafen und Gesetzen im Anschlu\u00df an die Leipziger Ereignisse geklungen haben. &#8222;Das, was da gefordert wird, das kennen wir doch alles. Und zwar noch um einiges doller,&#8220; so oder \u00e4hnlich lauteten die Kommentare.<\/p>\n<p>Dennoch gelang es den Jugendlichen in enger Zusammenarbeit mit dem FAN-Projekt, ihre Wut und Trauer durch einen Trauermarsch \u00f6ffentlich zu machen. Dieser verlief am Tag nach den Sch\u00fcssen mit \u00fcber 1.000 Teilnehmern ohne jegliche Auseinandersetzungen. Zudem schlugen die Jugendlichen den Rechtsweg ein und beauftragten einen Rechtsanwalt, Klage gegen die Leipziger Polizei zu f\u00fchren. Das FAN-Projekt begleitete dies mit kritischer Parteilichkeit. Als es auch nach einem Jahr noch keine Ergebnisse gab, trat &#8218;Leipzig&#8216; im Alltag der Jugendlichen scheinbar wieder in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Doch auch heute sind bei ihnen die Vorf\u00e4lle noch nicht vergessen. Aber es hat sich etwas ver\u00e4ndert. Sie haben als direkt Betroffene erlebt, wie ein solcher Vorfall verarbeitet werden kann: nach anf\u00e4nglicher \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit geriet das Thema in den Medien schon bald in Vergessenheit. Anderthalb Jahre sp\u00e4ter gibt es lediglich noch eine kurze Presseerkl\u00e4rung der Staatsanwaltschaft zur Einstellung des Verfahrens und eine daraus gek\u00fcrzte Mitteilung in der Tagespresse.<\/p>\n<p>Eine Verst\u00e4ndigung oder gar eine gemeinsame Aufarbeitung des Geschehens zwischen den betroffenen Fu\u00dfballfans und der Leipziger Polizei gab es nicht.<br \/>\nDaraus eine unmittelbare Kausalit\u00e4t zu folgenden Auseinandersetzungen ab-zuleiten, scheint verfehlt. Allerdings wird die &#8222;Abwicklung&#8220; dieses Falles zum Mosaikstein in einer Kette von Lebenserfahrungen der Jugendlichen werden, und es bleibt die berechtigte Sorge, da\u00df es ein &#8222;gro\u00dfer Brocken&#8220; ist, der da zur\u00fcckbleibt.<\/p>\n<h5>Andreas Klose ist Soziologe und Mit-arbeiter des &#8218;Fu\u00dfball-FAN-Projekt Berlin&#8216;<\/h5>\n<h6>1 vgl. Presse v. 4.11.90 ff.<br \/>\n2 Presseerkl\u00e4rung der Staatsanwaltschaft Leipzig v. 28.4.92<br \/>\n3 vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 7.11.90<br \/>\n4 vgl. die tageszeitung v. 6.11.90<br \/>\n5 ebd.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andreas Klose Fast zu \u00fcberlesen war die kleine Pressemeldung im April 1992. 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