{"id":3970,"date":"1992-02-26T14:42:14","date_gmt":"1992-02-26T14:42:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=3970"},"modified":"1992-02-26T14:42:14","modified_gmt":"1992-02-26T14:42:14","slug":"moderne-grossstadtpolizei-der-muehsame-weg-zur-polizeilichen-datenerfassung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=3970","title":{"rendered":"Moderne Gro\u00dfstadtpolizei &#8211; der m\u00fchsame Weg zur polizeilichen Datenerfassung"},"content":{"rendered":"<h3>von Cordula Albrecht<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend vor der Polizeireform in Tageb\u00fccher per Hand eine Kurzfassung des Geschehens und die Personalien der Betroffenen eingetragen wurden, wurden im Zuge der Polizeireform (ab 1974) Computer angeschafft. Den entsprechenden Gro\u00dfauftrag erhielt eine Computerfirma, von der gemunkelt wurde, da\u00df die Polizei insbesondere deshalb dort zum Einkauf verpflichtet worden sei, um auf diese Weise die Firma vor dem Konkurs zu retten. Nach und nach wurden daraufhin die altbew\u00e4hrten Tageb\u00fccher, die auf jedem Revier und jeder Kriminalinspektion akkurat gef\u00fchrt worden waren, abgeschafft.<!--more--><\/p>\n<p>Die Produkte der erw\u00e4hnten Firma &#8211; die der polizeiliche Gro\u00dfauftrag letztlich doch nicht retten konnte &#8211; stellten sich im Laufe der n\u00e4chsten Jahre als Flop heraus; schon die Tastatur war so schwerg\u00e4ngig, da\u00df vielen Beamten und Be-amtinnen s\u00e4mtliche Fingern\u00e4gel abbrachen, noch ehe das Formular erstellt war. Hatte sich einmal ein Finger verirrt und auf dem Vordruck erschien ein falsches Zeichen, so mu\u00dfte dies m\u00fchsam korrigiert werden. War der Tippfehler nicht bemerkt worden, so wurde eine Fehlermeldung ausgedruckt und das gesamte Formular mu\u00dfte neu geschrieben werden. In diesem Sinne bedeutete &#8222;EDV&#8220; f\u00fcr den Beamten &#8222;er darf verschwenden&#8220; &#8211; das Papier! H\u00e4ufig wurden an den wenigen Terminals von den schlangestehenden Sachbearbeitern Wetten dar\u00fcber abgeschlossen, ob das per Hand einzulegende Formular denn richtig einrasten w\u00fcrde oder wie oft es vorher wohl durchrutschen w\u00fcrde.<\/p>\n<h4>EDV stays West<\/h4>\n<p>Die einzelnen Polizeiabschnitte, auf denen der Gro\u00dfteil der Dateneingabe be-ginnt, wurden von Anbeginn relativ gut ausgestattet. Geht ein B\u00fcrger oder eine B\u00fcrgerin zu einem Abschnitt und erstattet z.B. eine Anzeige, so wird diese unmittelbar in das &#8218;Informationssystem f\u00fcr Verbrechensbek\u00e4mpfung&#8216;, kurz ISVB, eingegeben und der\/die Anzeigende erh\u00e4lt eine Vorgangsnummer. Die Anzeige selbst wird an die Kripo zur Weiterbearbeitung abgegeben. Der\/die Anzeigende kann die Vorgangsnummer nun einerseits der Versicherung melden, damit eine m\u00f6glichst rasche Schadensregulierung  erfolgen kann. Des weiteren hilft die Nummer den Betroffenen, sich bei den jeweiligen Auskunftstellen der Direktionen zu den zust\u00e4ndigen Sachbearbeitern durchzufragen, z.B. um sich nach dem Stand der Ermittlungen zu erkundigen.<br \/>\nSo weit, so gut. Bis zum Oktober 1990 lief dies alles in den eingefahrenen Bahnen. Nun allerdings wurden die Zust\u00e4ndigkeiten der (West-) Berliner Polizei auch auf den ehemaligen Ostteil der Stadt ausgedehnt. Damit gab es neue Probleme. Nahm etwa ein Kriminalbeamter im Ostteil eine Anzeige auf, so konnte er die edv-m\u00e4\u00dfige Bearbeitung dort noch nicht durchf\u00fchren. Hierzu mu\u00dfte er sich in den Westteil begeben, was naturgem\u00e4\u00df zu gro\u00dfen Zeitverz\u00f6gerungen f\u00fchrte. Der zeitliche Aufwand verg\u00e4llte vielen ihre T\u00e4tigkeit, da er sie von der weiteren Ermittlungsarbeit nicht unerheblich abhielt. Allerdings entstand nicht nur hierdurch ein entsprechender Zeitverzug. Nicht wenig Zeit wurde gebraucht, den Betroffenen diese Problematik zu erl\u00e4utern und f\u00fcr die langen Warte- und Bearbeitungszeiten um Verst\u00e4ndnis zu werben. Bevor ein Vorgang n\u00e4mlich an die Staats- oder Amtsanwaltschaft abgegeben werden kann, m\u00fcssen zun\u00e4chst statistische und erl\u00e4uternde Daten zu jedem Vorgang eingegeben werden. Die Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen der Kripo mu\u00dften sich also mindestens zweimal auf den Weg &#8222;westw\u00e4rts&#8220; machen, um den Vorgang computerm\u00e4\u00dfig zu bearbeiten. Da Leitungen zum Hauptrechner im Ostteil Berlins nicht vorhanden waren, konnte nicht einmal die sonst bei der Polizei so beliebte Flickschusterei betrieben werden, indem Eingabeger\u00e4te aus dem Westteil im Ostteil installiert wurden.<\/p>\n<h4>EDV goes Ost<\/h4>\n<p>Bereits vor der Vereinigung der Stadt war der Bedarf an Dateneingabeger\u00e4ten gr\u00f6\u00dfer als der tats\u00e4chliche Bestand, denn pro Inspektion stand zumeist nur ein Ger\u00e4t zur Verf\u00fcgung. Die Auslastung ist folglich enorm, wenn man bedenkt, da\u00df in den Kriminalinspektionen zwischen 60 und 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besch\u00e4ftigt sind, die in der Regel jeweils zwischen 30 und 100 Vorg\u00e4nge zu bearbeiten haben. Mit der Vereinigung ist diese Vorgangsbelastung in einigen Bereichen noch einmal erheblich gestiegen. Allerdings m\u00fcssen die Kolleginnen und Kollegen mit ihren Vorg\u00e4ngen nun nicht mehr zu einem Terminal im Westen fahren, um die Bearbeitung durchzuf\u00fchren.<br \/>\nDamit sind die zeitlichen Verz\u00f6gerungen nicht mehr ganz so gro\u00df. Inzwischen hat die Polizei zudem anwenderfreundlichere Ger\u00e4te, deren Anzahl indes immer noch nicht ausreicht. Der auf der Wunschliste des Polizeipr\u00e4sidenten vermerkte Posten &#8222;Eingabeger\u00e4te&#8220; soll im Zuge der Haushaltsberatungen demn\u00e4chst erf\u00fcllt werden. Die &#8222;neue Computer-Generation&#8220; soll dann fast durchweg im Ostteil der Stadt installiert werden, d.h. wenn die Post die entsprechenden Leitungen gelegt hat.<\/p>\n<p>Ehe ein Vorgang schlie\u00dflich abgeschlossen und an die Amts- oder Staatsan-waltschaft abgegeben ist, kann es also immer noch recht lange dauern. Dort wird die Vergabe der Aktenzeichen ebenfalls per Computer geregelt. Die Wartezeit f\u00fcr &#8222;Unbekanntsachen&#8220;, d.h. Vorg\u00e4nge mit unbekanntem T\u00e4ter, liegt in Berlin derzeit bei drei bis vier Monaten.<\/p>\n<h4>Randbemerkung<\/h4>\n<p>Um keine Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen, es wurden die Probleme der Datenerfassung beschrieben. Dabei ging es nicht um PCs, Laptops, Notebooks oder sonstigen technischen Krimskram. Soweit ist die Polizei &#8211; abgesehen von einigen Spezialdezernaten &#8211; noch lange nicht. Vermutlich k\u00f6nnten zu viele Arbeitserleichterungen eintreten, k\u00f6nnte man Vernehmungen, Berichte oder Anschreiben gleich mit einem PC und entsprechendem Textverarbeitungssystem schreiben. Immerhin: einige Auserw\u00e4hlte, zu denen auch ich mich z\u00e4hlen darf, haben dienstlich einen &#8222;Weltraumkugelschreiber&#8220; erhalten (selbstverst\u00e4ndlich gegen Unterschriftsleistung), mit dem sich nicht nur unter Wasser, sondern selbst in der Schwerelosigkeit schreiben l\u00e4\u00dft. Fragt sich nur was?<\/p>\n<h5>Cordula Albrecht ist Diplom-Soziologin und -Verwaltungswirtin, seit 1975 als Kriminalbeamtin t\u00e4tig; Vorstandsmitglied der &#8218;Sozialdemokraten in der Polizei (SIP)&#8217;und der &#8218;Gewerkschaft der Polizei (GdP)&#8216; in Berlin<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Cordula Albrecht W\u00e4hrend vor der Polizeireform in Tageb\u00fccher per Hand eine Kurzfassung des Geschehens<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,47],"tags":[],"class_list":["post-3970","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-041"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3970","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3970"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3970\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3970"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3970"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3970"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}