{"id":4004,"date":"1991-12-26T18:17:30","date_gmt":"1991-12-26T18:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4004"},"modified":"1991-12-26T18:17:30","modified_gmt":"1991-12-26T18:17:30","slug":"polizeidienst-nach-feierabend-ein-europaeisches-hobby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4004","title":{"rendered":"Polizeidienst nach Feierabend &#8211; ein europ\u00e4isches Hobby"},"content":{"rendered":"<h3>von Torsten Mandalka<\/h3>\n<p>Seit 1961 gibt es in Berlin die &#8222;Freiwillige Polizeireserve&#8220;, die damals als Gegenpol zu den DDR-Betriebskampfgruppen ins Leben gerufen wurde. 1963 zog Baden-W\u00fcrttemberg nach: auf Initiative des Innenministers Filbinger wurde interessierten B\u00fcrgern die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, einen &#8222;Freiwilligen Polizeidienst&#8220; zu absolvieren. Bei zwei europ\u00e4ischen Nachbarn k\u00f6nnen Amateur-polizisten auf eine noch l\u00e4ngere Tradition zur\u00fcckblicken: in den Niederlanden gibt es sie seit Ende der vierziger Jahre und schon seit 1831 besteht die Truppe der &#8222;Special Constables&#8220; in Gro\u00dfbritannien.<!--more--><\/p>\n<h4>Gro\u00dfbritannien<\/h4>\n<p>Das Mutterland der Freizeit-Polizisten rief seine B\u00fcrger anfangs auch gegen deren Willen zum Polizeidienst. Erkl\u00e4rterma\u00dfen sollten sie zur Aufstandsbe-k\u00e4mpfung eingesetzt werden, wenn regul\u00e4re Polizeikr\u00e4fte nicht ausreichten. Heute absolvieren die landesweit 15.000 &#8222;Specials&#8220; ihren Dienst nicht nur in Krisensituationen, sondern werden f\u00fcr die polizeiliche Alltagsarbeit ebenso eingesetzt wie die hauptberuflichen Kollegen. London besch\u00e4ftigt rund 1.350 freiwillige Ordnungsh\u00fcter, das entspricht knapp 5% der polizeilichen Ge-samtst\u00e4rke. Die Freiwilligen arbeiten ohne Entgelt. Da sie in der Regel nur nach Feierabend oder am Wochenende eingesetzt werden, halten sich die Aufwendungen f\u00fcr ihren Verdienstausfall in Grenzen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre wurden die Befugnisse der Freiwilligen zunehmend erweitert. Die Zeiten, in denen sie lediglich Hilfsdienste leisten durften, sind vorbei. Die Aufgaben des Hobby-Bobby unterscheiden sich heute kaum von denen seines professionellen Kollegen. Streifen- und Revierdienst geh\u00f6rt ebenso dazu wie die Verkehrs\u00fcberwachung. Er hat alle polizeilichen Hoheitsrechte &#8211; darf Ausweise kontrollieren und sogar Festnahmen vornehmen. Nur Spezialaufgaben bleiben ihm vorenthalten. Seit Anfang des Jahres betreibt die Polizei eine Werbekampagne, um wieder mehr B\u00fcrger f\u00fcr den freiwilligen Polizeidienst zu gewinnen. 6.000 Kandidaten haben sich gemeldet. Voraussetzung f\u00fcr die Aufnahme ist die britische Staatsangeh\u00f6rigkeit, ein Alter zwischen 18 1\/2 und 50 Jahren und das positive Votum des Polizeiarztes. Seit 1950 werden auch Frauen rekrutiert. Die &#8222;Specials&#8220; werden an 18 Wochenenden ausgebildet. Nach 10 Unterrichtseinheiten Rechtskunde sowie Selbstverteidigungstraining geht es auf die Stra\u00dfe, zun\u00e4chst begleitet von Berufspolizisten. Stellen diese ein positives Zeugnis aus, d\u00fcrfen die Amateure beim Streifendienst unter sich bleiben. Die Rechtsgrundlage bildet der &#8222;Police Act&#8220; von 1964, der allerdings nur auf Verordnungen der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden verweist.<\/p>\n<p>Die Polizeigewerkschaft steht den &#8222;Specials&#8220; offiziell positiv gegen\u00fcber, in-tern allerdings ist man \u00fcber die billige Konkurrenz nicht erfreut.<\/p>\n<p>Auch wenn der Mythos vom unbewaffneten Bobby nicht mehr ausnahmslos der Realit\u00e4t entspricht, von Feuerwaffen werden die &#8222;Specials&#8220; ferngehalten, sondern lediglich mit Schlagst\u00f6cken ausgestattet.<br \/>\nDas unterscheidet sie von den Gleichgesinnten in Rest-Europa.<\/p>\n<h4>Niederlande<\/h4>\n<p>In Amsterdam fristeten die rund 200 Freiwilligen bisher eher ein Schattenda-sein, waren aber bewaffnet. Das wird sich in Zukunft \u00e4ndern: die Truppe soll personell zwar aufgestockt, aber nach englischem Vorbild nicht mehr mit Schu\u00dfwaffen ausger\u00fcstet werden.<\/p>\n<p>Bei der Amsterdamer Sicherheitsbeh\u00f6rde ist man sehr zufrieden mit den Hobby-Kollegen: 800 neue Freiwillige werden gesucht, um Sicherheitsdefizite abzubauen und durch mehr Polizeipr\u00e4senz eine &#8222;Atmosph\u00e4re von Recht und Gesetz&#8220; zu schaffen. 400 Anw\u00e4rter gibt es schon. Erstmals werden sich auch Frauen bewerben k\u00f6nnen.<br \/>\nHonoriert werden die Reservisten mit symbolischen 2 Gulden pro Stunde. Mehr soll es nicht sein, damit sie sich nicht allein des Geldes wegen melden. Auch in Amsterdam f\u00e4llt Verdienstausfall in der Regel nicht an, da zumeist abends und am Wochenende Dienst getan wird, mindestens 100 Stunden pro Jahr.<\/p>\n<p>In Amsterdam wird die Laien-Polizei haupts\u00e4chlich zu Gro\u00dfeins\u00e4tzen heran-gezogen, wie z.B. bei Fu\u00dfballspielen oder gro\u00dffl\u00e4chigen Verkehrskontrollen. Die brisanteren Aufgaben bleiben Berufsbeamten vorbehalten. Voraussetzung f\u00fcr den freiwilligen Polizeidienst ist, da\u00df der Kandidat niederl\u00e4ndischer Staatsangeh\u00f6riger und nicht \u00e4lter als 40 Jahre ist. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. W\u00e4hrend dieser Zeit d\u00fcrfen die Anw\u00e4rter nicht eingesetzt werden. Ein oder zwei mal pro Woche m\u00fcssen sie f\u00fcr eine halbe Stunde die Schulbank dr\u00fccken. Inhalte der Ausbildung sind: Rechtskunde, Erste Hilfe und praktische Ausbildung.<\/p>\n<h4>Bundesrepublik Deutschland<\/h4>\n<p>In Deutschland absolvieren die Freiwilligen die Ausbildung wesentlich schneller. 92 Ausbildungsstunden m\u00fcssen die Rekruten in Baden-W\u00fcrttemberg hinter sich bringen &#8211; entweder im 14t\u00e4gigen Blockunterricht oder in Abendschulungen \u00fcber einen Zeitraum von zwei Monaten. Jeder erwachsene Deutsche unter 51 Jahren mit &#8222;gutem Leumund&#8220; kann sich bewerben. Seit 1990 gilt dies auch f\u00fcr Frauen. Eingesetzt werden erfolgreiche Bewerber dann, wie es im Gesetz \u00fcber den freiwilligen Polizeidienst (FPolDG) hei\u00dft, &#8222;zur Sicherung von Geb\u00e4uden und Anlagen, zur Sicherung und \u00dcberwachung des Stra\u00dfenverkehrs, zum Streifendienst, zum Kraftfahrdienst, Fernmeldedienst und zu \u00e4hnlichen technischen Diensten.&#8220; Bei diesen Eins\u00e4tzen werden sie von regul\u00e4ren Beamten begleitet. 1.679 freiwillige Polizeibedienstete gibt es im L\u00e4ndle, wobei die Zahl in den letzten Jahren konstant gesunken ist. Die meisten absolvieren in Mannheim (187), Karlsruhe (158) und Stuttgart (83) ihren Dienst, aber auch in kleineren Orten wie Heidenheim (14) oder Schw\u00e4-bisch-Hall (19) sind sie pr\u00e4sent. Durchschnittlich ist jeder Freizeit-Polizist 18,4 Stunden pro Monat im Einsatz. Im Etat sind daf\u00fcr 4,1 Mio. DM pro Jahr veranschlagt. Neben Verpflegung und Unkostenausgleich (nebst Verdienstausfall) erhalten Baden-W\u00fcrttembergs Polizeidienstler 6,85 DM\/ Std. als Anerkennung ihrer Dienste.<\/p>\n<p>Seit Gr\u00fcndung des freiwilligen Polizeidienstes hat es nach Angaben der Stuttgarter Polizeipressestelle nur 2 negative Zwischenf\u00e4lle gegeben: den Selbstmord eines Reservisten mit der Dienstpistole und einen t\u00f6dlichen Ver-kehrsunfall im Dienst. Der Sprecher der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Stuttgart berichtet dagegen von mehreren F\u00e4llen, in denen Freiwillige ohne ausreichenden Anla\u00df zur Waffe griffen. Er kritisiert jedoch nicht nur die die mangelnde Waffenausbildung, sondern auch die Kosten der Truppe, mit deren Etat man 150 Vollbeamte finanzieren k\u00f6nnte, was sicherheitspolitisch sinnvoller sei. Den freiwilligen Polizeidienst h\u00e4lt er f\u00fcr &#8222;staatlich sanktionierte Schwarzarbeit&#8220;. Eine Kritik, der sich auch der Landesrechnungshof und der Hauptausschu\u00df des Landtages nicht v\u00f6llig verschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>In Berlin wollte die rot-gr\u00fcne Koalition die Freiwillige Polizeireserve ab-schaffen und strich ihr f\u00fcr 1991 den Etat. Die 1961 als Gegenpol zu den DDR-Betriebskampfgruppen gegr\u00fcndete Truppe sei ein &#8222;Relikt des Kalten Krieges&#8220;, wurde argumentiert. Da sie laut Gesetz lediglich f\u00fcr mobilen Objektschutz herangezogen werden kann und keine Zugriffsrechte hat, im &#8222;Ernstfall&#8220; also die &#8222;richtige&#8220; Polizei zu Hilfe rufen mu\u00df, hielt man die 3,4 Mio. DM teure und 2.700 Mann und Frau starke Einheit f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. Mit dem Regierungswechsel im Dezember 1990 \u00e4nderten sich die Ansichten: die CDU\/SPD-Koalition plant nun, die Aufgaben der FPR zu erweitern und sie so &#8222;rentabel&#8220; zu machen. Aus Koalitionsr\u00e4son zieht die SPD mit, wenn demn\u00e4chst ein neues FPR-Gesetz vorgelegt wird. Dann d\u00fcrfen die Hobby-Polizisten auch Friedh\u00f6fe und Schulwege sichern und den Stra\u00dfenverkehr \u00fcberwachen. F\u00fcr ihre Dienste sollen sie mit neun Mark pro Einsatzstunde bezahlt werden. Bei Eins\u00e4tzen w\u00e4hrend der Arbeitszeit gibt es Verdienstausfall. Auch in Berlin bezieht die GdP eindeutig Stellung. Sie h\u00e4lt es f\u00fcr unverantwortlich, die mit einer Ausbildungszeit von 14 Tagen unzul\u00e4nglich ge-schulte, aber bewaffnete Amateur-Truppe f\u00fcr Aufgaben heranzuziehen, die aus-gebildeten Beamten vorbehalten sein sollten. Zudem bef\u00fcrchtet die Gewerk-schaft, die Freiwilligen k\u00f6nnten bei der angespannten Haushaltslage zu Job-Killern werden und etwaige Arbeitskampfma\u00dfnahmen der Polizei unterlaufen.<\/p>\n<h4>Res\u00fcmee<\/h4>\n<p>Die Bef\u00fcrworter des Einsatzes von Freizeit-Polizisten weisen diese Kritik zu-r\u00fcck; die Argumentation der Interessenvertreter versuche, die Pfr\u00fcnde ihrer Klientel zu sichern. Die Vertreter dieser Position k\u00f6nnen jedoch nicht ver-hehlen, da\u00df europaweit ein Trend zur Privatisierung von Sicherheitsdienstlei-stungen festzustellen ist. Die Hobby-Polizisten &#8211; ob aus purem Idealismus re-krutiert oder um einmal polizeiliche Machtgef\u00fchle zu erleben &#8211; sind ein Be-standteil dieser Tendenz, Wachdienste in den \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln ein weiteres Element.<br \/>\nJe mehr (europaweit) das staatliche Gewaltmonopol auf solche Weise aufgeweicht wird, umso gr\u00f6\u00dfer wird das Risiko, da\u00df sich schleichend eine Form halblegaler Selbstjustiz entwickelt, die dann nur schwer wieder in den Griff zu bekommen w\u00e4re. So gesehen birgt der freiwillige Polizeidienst ein f\u00fcr die Gesellschaft nicht ungef\u00e4hrliches Risiko.<\/p>\n<h5>Torsten Mandalka ist Diplom-Politologe und arbeitet als H\u00f6rfunk-Journalist in Berlin.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Torsten Mandalka Seit 1961 gibt es in Berlin die &#8222;Freiwillige Polizeireserve&#8220;, die damals als<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,46],"tags":[],"class_list":["post-4004","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-040"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4004"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4004\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}