{"id":4067,"date":"1991-09-26T19:26:48","date_gmt":"1991-09-26T19:26:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4067"},"modified":"1991-09-26T19:26:48","modified_gmt":"1991-09-26T19:26:48","slug":"im-drogenrausch-der-generalpraevention-das-lka-bayern-sein-v-mann-und-ein-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4067","title":{"rendered":"Im (Drogen)Rausch der Generalpr\u00e4vention &#8211; das LKA Bayern, sein V-Mann und ein Gericht"},"content":{"rendered":"<p>Scheinaufk\u00e4ufe oder -angebote durch V-Leute und Verdeckte Ermittler der Polizei geh\u00f6ren inzwischen zum Standardrepertoire bei Ermittlungen im Drogenbereich. Dies gilt sowohl beim Handel innerhalb der Bundesrepublik wie auch f\u00fcr den grenz\u00fcberschreitenden Gro\u00dfhandel. Wird ein Scheinangebot im Ausland unterbreitet und\/oder findet der Transport \u00fcber die Grenzen hinweg unter den Augen der Polizei statt, so wird von &#8222;kontrollierter Lieferung&#8220; ge-sprochen. Das bayerische Landeskriminalamt (LKA) organisierte 1988\/89 unter Einsatz eines undurchsichtigen V-Mannes eine solche Lieferung von Kokain aus Lateinamerika in die BRD. Ergebnis: Beschlagnahme von 658 kg Kokain und Verurteilung einer kompletten Schiffsbesatzung. Den (mutma\u00dflichen) &#8222;Euro-Manager&#8220; des Medellin-Kartells lie\u00df man laufen. Ein St\u00fcck aus dem Tollhaus.<!--more--><\/p>\n<h4>Die Akteure<\/h4>\n<p>&#8211; Peter Reichel, V-Mann des LKA Bayern, mehrfach verurteilt wg. Betruges;<br \/>\n&#8211; &#8222;Ulli&#8220; und &#8222;Eddi&#8220;, Verdeckte Ermittler und Scheinaufk\u00e4ufer des LKA;<br \/>\n&#8211; Juan Nistal Gonzales, spanischer Kaufmann, seit 1974 bekannt mit Reichel, soll das Gesch\u00e4ft ins Rollen gebracht haben;<br \/>\n&#8211; Jos\u00e9 Vicente Casta\u00f1o Gil, mutma\u00dflicher &#8222;Euro-Manager&#8220; des Kartells von Medellin, mutma\u00dfliches Mitglied der Familie des Fidel Casta\u00f1o (Gro\u00df-grundbesitzer und Drogenh\u00e4ndler), hat beste Beziehungen zum Milit\u00e4r, ver-antwortlich f\u00fcr Morde und Massaker;<br \/>\n&#8211; Iv\u00e1n Clark, Casta\u00f1os Mittelsmann in Panam\u00e1, soll den Kontakt zu Casta\u00f1o eingef\u00e4delt haben, sprach einen Kapit\u00e4n an;<br \/>\n&#8211; Felipe Abad\u00eda Alvarado, panamesischer Kapit\u00e4n eines Seelenverk\u00e4ufers;<br \/>\n&#8211; 14 lateinamerikanische Besatzungsmitglieder der &#8222;Don Juan V&#8220;.<\/p>\n<h4>Die Handlung<\/h4>\n<h4>(nach Darstellung der Neunten Strafkammer des Landgerichts M\u00fcnchen I)<\/h4>\n<p>Sommer `88. Am Anfang des Geschehens steht ein Telefongespr\u00e4ch zwischen Nistal Gonzales und Peter Reichel. Darin erbietet sich Nistal, eine f\u00fcr beide schwierige Finanzsituation durch gr\u00f6\u00dfere Kokainlieferungen nach Europa zu beenden. Reichel, gegen den wieder einmal ein Betrugsverfahren l\u00e4uft, nimmt R\u00fccksprache mit dem Landeskriminalamt. Man r\u00e4t ihm, zum Schein auf das Angebot einzugehen. Als er daraufhin &#8222;gr\u00fcnes Licht&#8220; bekommt, wendet sich Nistal an Iv\u00e1n Clark, den Mittelsmann des Jos\u00e9 Vicente Casta\u00f1o Gil in Panam\u00e1.<\/p>\n<p>Weihnachten `88. Auf Einladung Reichels kommt Nistal nach M\u00fcnchen, um im Beisein Reichels mit &#8222;Ulli&#8220; (b\u00fcrgerlich Egon Zellner) und &#8222;Eddi&#8220; (b\u00fcr-gerlich unbekannt) in einem M\u00fcnchner Nobelhotel zu verhandeln. Am 26.\/ 27. Dezember wird man sich einig: Lieferung jeder gew\u00fcnschten Menge Ko-kain zum Kilopreis von 30.000 US-$ zuz\u00fcglich 5.000 US-$ Provision.<br \/>\n5. Januar `89. Treffen der angeblichen Kunden, Reichels und Nistals mit Ca-sta\u00f1o, um das Gesch\u00e4ft abzuschlie\u00dfen. Man vereinbart viertelj\u00e4hrliche Lie-ferungen in H\u00f6he von 100 bis 120 Kilo, beginnend im Februar.<br \/>\nM\u00e4rz `89. Da die Lieferung ausbleibt, reist Nistal nach Kolumbien.<\/p>\n<p>Mai `89. Wegen eines Motorschadens mu\u00df die &#8222;Don Juan V&#8220; &#8211; auf dem Weg ins Dock nach Rotterdam &#8211; den kolumbianischen Hafen Santa Marta anlaufen. Dort wird Felipe Abad\u00eda Alvarado, der Kapit\u00e4n, &#8211; wie zuvor schon von Iv\u00e1n Clark im Hafen von Col\u00f3n\/ Panam\u00e1 &#8211; von Casta\u00f1o in eindeutiger Weise angesprochen. Er soll eine &#8222;kleine Menge&#8220; Kokain nach Europa bringen. Abad\u00eda z\u00f6gert erneut. Allerdings hat er neben seinem Seelenverk\u00e4ufer noch ein weiteres Problem. Wegen einer Operation seiner krebskranken Frau ist er hoch verschuldet. Unter der Bedingung, da\u00df die &#8222;Fracht&#8220; vor der K\u00fcste und keinesfalls in einem Hafen gel\u00f6scht wird, willigt er schlie\u00dflich ein.<\/p>\n<p>30. Juni `89. Die &#8222;Don Juan V&#8220; l\u00e4uft aus und \u00fcbernimmt in der Nacht vor der kolumbianischen K\u00fcste ihre Fracht: Die &#8222;kleine Menge&#8220; von 658 Kilo. Nun erf\u00e4hrt auch die Mannschaft, welche Ladung sie nach Europa bringen soll. Bei einem Zwischenstop in Paramaribo\/ Surinam verlangt die Besatzung geschlossen Heuer und Papiere, sie will abmustern. Beides wird verweigert. Wer von Bord will, mu\u00df dies ohne Papiere, ohne Geld und ohne jegliche Sprachkenntnisse tun. Au\u00dferdem warnt der Kapit\u00e4n vor m\u00f6glichen Repressalien der Drogenmafia. Man d\u00fcrfe jetzt nicht nur an sich, sondern m\u00fcsse auch an die Familien denken. Die Mannschaft bleibt und erh\u00e4lt daf\u00fcr das Versprechen einer ordentlichen Zusatzheuer.<br \/>\nAnfang August `89. Die &#8222;Don Juan&#8220; d\u00fcmpelt vor der spanischen K\u00fcste, ohne da\u00df jedoch die geplante \u00dcbernahme erfolgt. Schlie\u00dflich erzwingt Casta\u00f1o die Weiterfahrt nach Rotterdam.<\/p>\n<p>10. August `89. Man erreicht Rotterdam.<\/p>\n<p>16. August `89. In M\u00fcnchen treffen sich &#8222;Ulli&#8220; und V-Mann Reichel wieder mit Casta\u00f1o. Der Mann vom Kartell will die gesamte Ladung zum Vorzugspreis von 22.000 US-$ pro Kilo losschlagen. &#8222;Ulli&#8220; willigt ein. Voraussetzung: das Schiff soll einen deutschen Hafen anlaufen. Davon sind Kapit\u00e4n Abad\u00eda und sein Zweiter Offizier allerdings gar nicht begeistert, als sie sich kurz darauf mit ihrem Auftraggeber in Amsterdam treffen. Casta\u00f1o gibt zu bedenken, &#8222;der Kapit\u00e4n solle sich genau \u00fcberlegen, was er tue, er habe doch eine Familie zu Hause&#8220; . Die Warnung fruchtet. Die &#8222;Don Juan&#8220; legt ab.<br \/>\n21. August `89. Der Frachter erreicht Bremerhaven. Noch in der Nacht wird das Kokain umgeladen. Casta\u00f1o, der urspr\u00fcnglich pers\u00f6nlich dabei sein wollte, entschuldigt sich kurzfristig per Telefon, auf ihn warten dringende Gesch\u00e4fte in Kalifornien. Es geht auch so. Begleitet vom Zweiten Offizier chauffiert &#8222;Ulli&#8220; den wertvollen Stoff umgehend nach M\u00fcnchen. Kaum angekommen, kassiert das LKA die bestellte Ware, samt ihrem panamesischen \u00dcberbringer, bezahlt allerdings wird nicht. Gleichzeitig wird in Bremerhaven der Rest der Mannschaft festgenommen.<br \/>\n5. Oktober `90: Vor der Neunten Strafkammer des Landgerichtes M\u00fcnchen beginnt der Proze\u00df gegen Kapit\u00e4n und Mannschaft. Er endet am 5. M\u00e4rz 1991.<\/p>\n<p>(Der Kaufmann Nistal Gonzales war zwischenzeitlich auch ins Netz des baye-rischen LKA gegangen. Im Juni 1990 lief auch er in eine Falle des Duos &#8222;Ulli&#8220;\/Reichel. Es ging um 120 Kilo. Sein Verfahren wurde von dem der Seeleute abgetrennt und steht derzeit an.)<br \/>\nDamit ist in diesem &#8222;Erfolgsst\u00fcck&#8220; zur Zeit der Vorhang gefallen. Das LKA war zufrieden, die Presse anfangs begeistert. Gro\u00dfe Mengen Rauschgiftes schienen dem Markt entzogen, die T\u00e4ter hinter Gittern und den kolumbianischen Kartellen eine Schlappe beigebracht. Schon der Verlauf des Prozesses lie\u00df daran erhebliche Zweifel aufkommen; der entscheidende Punkt allerdings, die Rolle des LKA und seines V-Mannes, war dabei von vornherein ausgeklammert worden.<\/p>\n<h4>Der V-Mann<\/h4>\n<p>Peter Reichel ist kein unbeschriebenes Blatt. Bereits mehrfach wurde er wegen Betruges und anderer Wirtschaftsstraftaten rechtskr\u00e4ftig verurteilt. Dem ersten Urteil 1967 in Berlin folgten weitere in Berlin und M\u00fcnchen. Das letzte, vom 25. April 1989, ist auff\u00e4llig: wegen zweier Betrugsdelikte erh\u00e4lt er vom Landgericht M\u00fcnchen eine Bew\u00e4hrungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Diese ungew\u00f6hnliche Strafzumessung f\u00fcr einen mehrfach vorbestraften R\u00fcckfallt\u00e4ter hatte seinen Grund. Bereits seit November des Vorjahres war Reichel f\u00fcr das bayerische LKA t\u00e4tig. &#8222;Als Gegenleistung f\u00fcr seine Zusammenarbeit mit dem LKA (hatte er sich) Vorteile finanzieller Art sowie im Hinblick auf die anh\u00e4ngigen Straf- und Ermittlungsverfahren eine milde Ahndung&#8220; versprochen. Da\u00df die zust\u00e4ndigen Beamten beim Landeskriminalamt vom Vorleben ihres V-Mannes nichts gewu\u00dft haben sollten, ist undenkbar. Ein Blick ins Strafregister geh\u00f6rt zu den Mindestvoraussetzungen bei der Anwerbung von V-Personen. Eher kann wohl davon ausgegangen werden, da\u00df es just eben diese Vorgeschichte war, die ihn f\u00fcr eine Anwerbung interessant machte, denn was eine V-Person braucht wie ein Fisch das Wasser, sind Zug\u00e4nge zum jeweiligen &#8222;Milieu&#8220;. Die hatte Peter Reichel offenkundig. Als das oben genannte Urteil gegen ihn gesprochen wurde, waren die entscheidenden Kontakte mit Casta\u00f1o bereits gekn\u00fcpft. Reichels Rechnung ist demnach aufgegangen.<\/p>\n<p>Den sp\u00e4teren Angaben Nistal Gonzales zufolge besch\u00e4ftigte sich Reichel eine Zeit lang damit, LKWs nach Lateinamerika zu importieren. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der in Costa Rica ans\u00e4ssigen Firma war Nistal Gonzales, der dabei ein recht be-quemes Leben gef\u00fchrt haben will und f\u00fcr die \u00f6rtlichen Verh\u00e4ltnisse geradezu f\u00fcrstlich entlohnt wurde. So vermutete er denn auch immer, da\u00df die Firma im Grunde dazu diente, &#8222;Waffenverkauf an die Contras von Nicaragua und betr\u00fcgerisches Anwerben von Geldgebern f\u00fcr eine Goldmine zu verschleiern&#8220;.<\/p>\n<p>Folgt man Nistal weiterhin, so hat nicht er das Kokaingesch\u00e4ft einf\u00e4deln wollen, sondern ist von Reichel zum Ausgleich einer alten Dankesschuld mehr oder weniger gezwungen worden. Das Landeskriminalamt in M\u00fcnchen habe ihn, so soll Reichel ihm eingestanden haben, wegen seiner Betr\u00fcgereien unter Druck gesetzt, &#8222;seine guten Mittelamerikakontakte zu nutzen, um an Gro\u00dfdealer heranzukommen, die damals verst\u00e4rkt auf den deutschen Markt dr\u00e4ngten.&#8220; Reichel soll dabei &#8222;von Anfang an vorgehabt haben, `die Bullen&#8216; zu linken und um eine `sch\u00f6ne Menge Geld&#8216; zu erleichtern, nur daf\u00fcr sei er, Nistal Gonzales, ben\u00f6tigt worden. Er sollte sich angeblich als `knallharter&#8216; Dealer ausgeben und nicht zu erkennen geben, da\u00df er um die Polizeizugeh\u00f6rigkeit seiner Gesch\u00e4ftspartner wu\u00dfte. Von ihnen k\u00f6nne er dann die Vermittlungsprovision verlangen, die (Reichel) in seiner gef\u00e4hrdeten Position zu fordern nicht wagte.&#8220; Auch die Reise Nistals nach Kolumbien, um die ausbleibende Lieferung zu reklamieren, sei in Reichels Auftrag erfolgt. &#8222;Da\u00df der Schmuggel doch noch zustande kam, habe ihm (Reichel) bei sp\u00e4teren Telefonaten verschwiegen, er habe davon erst bei seiner Festnahme im Juni erfahren.&#8220; Reichel soll denn auch Casta\u00f1o den entscheidenden Tip gegeben haben, der diesen kurz vor der Festnahmeaktion in Bremerhaven so flugs au\u00dfer Landes trieb.<\/p>\n<p>Nun m\u00fcssen die Anschuldigungen des Spaniers nicht unbedingt alle zutreffen, schlie\u00dflich hat er selbst ausreichend Grund, die eigene Rolle herunterzu-spielen. M\u00f6glich immerhin k\u00f6nnte es sein, denn au\u00dfer den Scheinaufk\u00e4ufern des LKA war Reichel der einzige, der zum fraglichen Zeitpunkt sowohl zu den Verdeckten Ermittlern als auch zu dem Mann vom Medell\u00edn-Kartell Kontakt besa\u00df. Das Gericht h\u00e4tte somit allen Grund gehabt, die Rolle des V-Mannes n\u00e4her zu beleuchten.<\/p>\n<h4>Das Gericht<\/h4>\n<p>Weder die Scheinaufk\u00e4ufer noch der V-Mann sollten in dem Proze\u00df vernommen werden. LKA und Innenministerium belegten sie mit einer Aussagesperre. Ihr &#8222;weiterer Einsatz bei der Bek\u00e4mpfung der Rauschgiftkriminalit\u00e4t&#8220; sollte m\u00f6glich bleiben, desweiteren best\u00fcnde bei einer Enttarnung &#8222;Gefahr f\u00fcr Leib und Leben&#8220;. Doch selbst als die Identit\u00e4t des &#8222;Ulli&#8220; (Egon Zellner) und Reichels feststanden, stand der enttarnte V-Mann als Zeuge nicht zur Verf\u00fcgung. &#8222;Sein Aufenthalt ist unbekannt. Die Aufenthaltsermittlungen sind ergebnislos verlaufen&#8220;, gab der Kriminalkommissar van den Berg in der Hauptverhandlung an . Was er jedoch nicht sagte, war, da\u00df sich Reichel im Zeugenschutzprogramm des LKA befand. So mag Reichel rein rechtlich betrachtet durchaus ein &#8222;unerreichbarer Zeuge&#8220; gewesen sein, tats\u00e4chlich allerdings wurde er dem Gericht von der Polizei vorenthalten. Das Gericht allerdings war an Aussagen der Beamten und ihres Lockvogels auch gar nicht sonderlich interessiert. Antr\u00e4ge der Verteidigung, zumindest Nistal Gonzales zu vernehmen, wurden abgeschmettert. Nachfragen an die als Ersatzzeugen zur Verf\u00fcgung gestellten Vernehmungsbeamten &#8211; etwa nach der Zuverl\u00e4ssigkeit des V-Mannes &#8211; wurden gar nicht erst zugelassen.<\/p>\n<p>&#8222;Die Tatprovokation durch den V-Mann Peter Reichel, den anderweitig verfolgten Nistal Gonzales oder der Scheinaufk\u00e4ufer ist kein Verfahrenshindernis; sie kann deshalb nicht zur Einstellung des Verfahrens f\u00fchren. Selbst bei \u00dcberschreiten der zul\u00e4ssigen Tatprovokation liegt nach der BGH-Rechtssprechung ein Verfahrenshindernis nicht vor, sondern lediglich ein Umstand, der bei der Strafzumessung zu ber\u00fccksichtigen ist. Dar\u00fcber hinaus h\u00e4tte sogar eine unzul\u00e4ssige Tatprovokation keine Fernwirkung. Weder der V-Mann Reichel noch Nistal Gonzales noch einer der Scheinaufk\u00e4ufer hat nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme jemals selbst mit einem Besatzungsmitglied (&#8230;) vor dem Einlaufen der `Don Juan V&#8216; in Bremerhaven pers\u00f6nlich gesprochen.&#8220; Zwar erkannte das Gericht noch als Tatsache an, da\u00df &#8222;das Rauschgiftgesch\u00e4ft auf Initiative und unter Aufsicht und Kontrolle des LKA stattfand&#8220; , an einer weiteren Aufkl\u00e4rung der Hintergr\u00fcnde oder einer \u00dcberpr\u00fcfung der polizeilichen Aktion hatte es kein Interesse.<\/p>\n<h4>Die Verurteilten<\/h4>\n<p>Verurteilt wurden letztlich jene, die in nicht unerheblichem Ma\u00dfe zu Instru-menten der polizeilichen Provokation geworden waren, die Seeleute der &#8222;Don Juan V&#8220;, wobei sich das Gericht r\u00fchmt, deren Notsituation bei der Strafzumessung entsprechend ber\u00fccksichtigt zu haben. Die finanzielle Notlage des Kapit\u00e4ns aufgrund der schweren Krebserkrankung seiner Frau wurde nicht in Zweifel gezogen. Auch hinsichtlich der Mannschaft stellte die Kammer eine u.U. lebensgef\u00e4hrliche Bedrohung nicht in Abrede: &#8222;Dennoch hatte jedes einzelne Besatzungsmitglied (&#8230;) im Hafen von Paramaribo vier Tage lang die M\u00f6glichkeit, auch ohne Pa\u00df und Heuer von Bord zu gehen und sich abzusetzen. (&#8230;) nicht ausschlie\u00dfbar bestand eine solche Todesdrohung tats\u00e4chlich. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, da\u00df jeder der Angeklagten diese Todesdrohung ernst nahm. Dennoch war es jedem Besatzungsmitglied (&#8230;) zumutbar, und auch von jedem zu verlangen, angesichts des ungew\u00f6hnlich gro\u00dfen Umfangs der Kokainfracht, der von einer derartigen Menge Kokain ausgehenden Gefahr f\u00fcr die Gesundheit einer gro\u00dfen Anzahl von Menschen und des damit gegebenen hohen Unrechtsgehalts ihrer Tat, das Schiff in Paramaribo endg\u00fcltig zu verlassen, um sich vom Kokaintransport zu distanzieren.&#8220; Da im vorliegenden Falle das Interesse einer &#8222;Wahrung allgemeiner Rechtsg\u00fcter und Rechtsprinzipien (internationale Bek\u00e4mpfung der Rauschgiftkriminalit\u00e4t)&#8220; wichtiger sei als die &#8222;an sich ungleich gr\u00f6\u00dfere Schutzw\u00fcrdigkeit des geretteten Gutes&#8220; (sprich Leben und Sicherheit der Seeleute), kam die Kammer aus &#8222;generalpr\u00e4ventiven Gesichtspunkten&#8220; zu folgenden Urteilen: Wegen unerlaubter Einfuhr von Bet\u00e4ubungsmitteln in nicht geringen Mengen: Kapit\u00e4n Felipe Abad\u00eda Alvarado, zw\u00f6lfeinhalb Jahre; Alfonso Bolivar Castillo Osorio, Zweiter Offizier, neuneinhalb Jahre; Mannschaft wegen Beihilfe jeweils zwischen drei und vierdreiviertel Jahre. Das &#8222;Verst\u00e4ndnis&#8220; bayerischer Richter kann somit nicht allzu ausgepr\u00e4gt sein, liegen die verh\u00e4ngten Strafen doch durchg\u00e4ngig im oberen Drittel des m\u00f6glichen Strafrahmens. Dieser liegt bei &#8222;Einfuhr von Bet\u00e4ubungsmitteln in nicht geringem Umfang&#8220; bei zwei bis f\u00fcnfzehn Jahren und bei der als minderschwerem Fall gewerteten Beihilfe zwischen drei Monaten und f\u00fcnf Jahren. Selbst zwei Besatzungsmitgliedern, denen man den Kronzeugensta-tus einr\u00e4umte, wurden keine nennenswerte Strafreduzierung gew\u00e4hrt.<\/p>\n<h4>Die Polizei<\/h4>\n<p>Kontrollierte Lieferungen sind keine bayerische Erfindung, nicht einmal deren Spezialit\u00e4t. F\u00fchrend sind da eher die Kollegen im benachbarten Baden-W\u00fcrttemberg. Doch solche Hitlisten aufzustellen ist m\u00fc\u00dfig, Tatprovokationen vergleichbarer Art sind allgemein verbreitet und von den Gerichten weitgehend anerkannt. Gerechtfertigt werden sie in der Regel damit, &#8222;die Hinterm\u00e4nner unsch\u00e4dlich zu machen&#8220;, wie LKA-Chef Hermann Ziegenaus erst unl\u00e4ngst wieder verlautbarte. Unter diesem Aspekt betrachtet, wird das Vorgehen der M\u00fcnchner Drogenfahnder allerdings delikat. Dreimal h\u00e4tte man beim LKA die M\u00f6glichkeit gehabt, des mutma\u00dflichen &#8222;Euro-Manager&#8220; des Medellinkartells Jos\u00e9 Vicente Casta\u00f1o Gil habhaft zu werden. Dreimal hat man diese Chance bewu\u00dft nicht genutzt, nicht bei den ersten Verkaufsverhandlungen im Januar 1989 in M\u00fcnchen (was man mit etwas gutem Willen evtl. noch nachvollziehen k\u00f6nnte) und auch nicht im August (M\u00fcn-chen\/Amsterdam), als die &#8222;Don Juan V&#8220; bereits in Rotterdam festgemacht hatte und einem Zugriff der niederl\u00e4ndischen Polizei nicht h\u00e4tte entkommen k\u00f6nnen. Stattdessen lotste man die Ladung risikoreich weiter bis nach M\u00fcnchen, um die Ernte publicity-tr\u00e4chtig selbst einfahren zu k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzliches Motiv mag gewesen sein, damit auch die T\u00e4ter der bekannterma\u00dfen harten bayerischen Justiz zu unterwerfen, doch darf dieser Aspekt gut und gern als nachrangig beurteilt werden. Auch mit den Regeln des Zeugenschutzes scheinen es die Bayern nicht all zu genau zu nehmen, anders l\u00e4\u00dft sich die Erkl\u00e4rung des Beamten van den Berg kaum deuten (vgl. Beitrag in diesem Heft).<\/p>\n<h6>Mit Fu\u00dfnoten im <a href=\"http:\/\/archiv.cilip.de\/Hefte\/CILIP_039.pdf\">PDF der Gesamtausgabe<\/a>.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheinaufk\u00e4ufe oder -angebote durch V-Leute und Verdeckte Ermittler der Polizei geh\u00f6ren inzwischen zum Standardrepertoire bei<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,45],"tags":[],"class_list":["post-4067","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-039"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4067"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4067\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}