{"id":4232,"date":"1990-12-27T21:46:18","date_gmt":"1990-12-27T21:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4232"},"modified":"1990-12-27T21:46:18","modified_gmt":"1990-12-27T21:46:18","slug":"we-are-the-champions-haeuserraeumung-und-koalitionsbruch-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4232","title":{"rendered":"&#8222;We are the champions &#8230;&#8220; &#8211; H\u00e4userr\u00e4umung und Koalitionsbruch in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Im Schatten der Mauer hatte sie sich seit Jahren eingerichtet, die Berliner &#8222;Scene&#8220;. Bunt oder alternativ, entwurzelt oder perspektivlos, z.T. gewaltt\u00e4tig &#8211; auch gegen sich selbst, in Kreuzberg, &#8222;ihrem Kiez&#8220;, hatten sie sich miteinander arrangiert.<\/p>\n<p>Die \u00d6ffnung der Mauer am 09.11.89 hatte f\u00fcr den Stadtteil deshalb auch nicht nur geographische Folgen: aus Berlins Schmuddelecke war &#8211; quasi \u00fcber Nacht &#8211; die zuk\u00fcnftige neue City geworden. Die Bedeutung dieser Situation wurde von der &#8222;Scene&#8220; sofort in der ganzen Tragweite erkannt: sie w\u00fcrde ihren bisherigen Lebensraum verlieren.<!--more--><\/p>\n<p>Die Angst um &#8222;ihren Kiez&#8220; mit seinen (noch) billigen Mieten, den wohlvertrauten Strukturen und dem leicht angegammelten Flair, war hinter allen politischen Analysen und pseudorevolution\u00e4ren L\u00f6sungsans\u00e4tzen deutlich sp\u00fcrbar. Doch bei aller Kraftmeierei, der Widerstand gegen die unvermeidlichen Ver\u00e4nderungen, die in Kreuzberg vorgehen, war flau; mut- und lustlos.<\/p>\n<p>Je durchl\u00e4ssiger die Mauer wurde, umso kr\u00e4ftiger blies ein neuer Wind durch Berlin. In Kreuzberg blies dieser Wind weite Teile der &#8222;Scene&#8220; einfach weg &#8211; mitten hinein in den zugigen Leerstand im Ostteil der Stadt.<\/p>\n<h4>1. Station: Besetzungen<\/h4>\n<p>Besetzungen sind in der ehemaligen DDR keine Neuerscheinungen, geschweige denn westlicher Import. Das Besetzen von Wohnungen war unabdingbare Notwendigkeit, um \u00fcberhaupt an Wohnraum zu gelangen und somit eher eine Alltagserscheinung, denn die &#8222;Kommunalen Wohnungsverwaltungen (KWV)&#8220; waren nicht nur mit der Instandhaltung, sondern auch mit der schlichten Verwaltung komplett \u00fcberfordert. Standen Wohnungen daher \u00fcber l\u00e4ngere Zeit leer, so waren Besetzungen, die dann im nachhinein legalisiert wurden, durchaus \u00fcblich. Mit dem Machtverfall der SED weitete sich diese Form der Wohnraumbeschaffung auch auf ganze H\u00e4user aus. Bei der ersten Besetzung im Oktober 1989 sicherte die zust\u00e4ndige KWV den Besetzern dann auch noch ihre Unterst\u00fctzung zu. Die Volkspolizei hielt unter dem Etikett &#8222;Sicherheitspartnerschaft&#8220; freundlich-duldenden Kontakt. Auf diese Situation trafen nun die zuwandernden, meist jugendlichen &#8222;Wessis&#8220;. Zur ersten gemeinsamen Ost-West-Besetzung kam es schlie\u00dflich im Februar 1990 im &#8222;Scheunenviertel&#8220;. Angesichts von mindestens 20.000 leerstehenden Wohnungen konnten sich die BesetzerInnen durchaus eines breiten \u00f6ffentlichen Interesses und Zustimmung sicher sein. Die Zahl besetzter H\u00e4user nahm in der Folge erwartungsgem\u00e4\u00df rapide zu. Im Sommer 1990 waren es offiziellen Angaben zufolge bereits 84 H\u00e4user; Tendenz steigend.<\/p>\n<h4>2. Station: Senat und Besetzer-Innen<\/h4>\n<p>Der rot-gr\u00fcne Senat beging &#8211; Ironie des Schicksals &#8211; nahezu den gleichen Fehler, den bereits 1979\/80 der damalige SPD-Senat unter Hans-Jochen Vogel in einer vergleichbaren Situation begangen hatte. Unf\u00e4hig, sich in die verschiedenartigsten Lebensvorstellungen der BesetzerInnen hineinzudenken, wurden Besetzungen &#8211; durch die sozialdemokratische Brille betrachtet &#8211; zu einem rein ordnungspolitischen Problem. Gegen den Rat des Koalitionspartners AL beschlo\u00df die SPD-Mehrheit in Senat und Magistrat am 24. Juli 1990 angesichts von ca. 100 besetzen H\u00e4usern eine Neuauflage der von Vogel entwickelten &#8222;Berliner Linie&#8220;. Sie besagt, da\u00df H\u00e4usern, die vor dem Verk\u00fcndungsdatum besetzt wurden, Vertragsverhandlungen angeboten werden. Allen nach dem Stichtag erfolgten Besetzungen hingegen werden diese verweigert. Solchen H\u00e4usern droht die R\u00e4umung, sobald entsprechende R\u00e4u-mungsbegehren, verbunden mit Nut-zungskonzepten der Eigent\u00fcmer, vor-liegen.<\/p>\n<p>So, wie schon vor zehn Jahren, wird damit ein &#8222;Damoklesschwert&#8220; aufgeh\u00e4ngt, da\u00df kaum geeignet sein kann, Beruhigung in die Sache zu bringen. Dies wird ebenso verkannt, wie der eigene Zugzwang, unter den die &#8222;Berliner Linie&#8220; ihre Verfechter setzt.<br \/>\nZu den H\u00e4usern, die nach der &#8222;Berliner Linie&#8220; somit r\u00e4umungsf\u00e4hig sind, geh\u00f6ren auch die &#8211; sp\u00e4ter als Initialz\u00fcndung dienenden &#8211; H\u00e4user in der Lichtenberger Pfarrstra\u00dfe und der Cotheniusstra\u00dfe am Prenzlauer Berg.<\/p>\n<p>Auch auf Seiten der Besetzer wiederholt sich die Geschichte. Durch die politischen Vorgaben in einen engen Schulterschlu\u00df gedr\u00e4ngt, wird &#8211; wie schon 10 Jahre zuvor &#8211; w\u00e4hrend des &#8222;H\u00e4userkampfes&#8220; im Westteil Berlins eine Gesamtl\u00f6sung verlangt, die alle Besetzer einschlie\u00dft. Dar\u00fcberhinaus steht ihnen bei ihren L\u00f6sungsvorstellungen zudem die eigene Ideologie im Wege. Eine der tragenden S\u00e4ulen ihres Lebensentwurfes ist der Wunsch nach umfassender Gemeinsamkeit. Um als Gemeinschaft von sich selbst und anderen anerkannt zu werden, ist es n\u00f6tig, sich auch in Verhandlungen als solche zu definieren. Einmal ganz davon abgesehen, da\u00df Einzell\u00f6sungen in der Mehrzahl der F\u00e4lle f\u00fcr die Betroffenen die wohl bessere L\u00f6sung w\u00e4ren, verkennt eine solche Haltung nicht nur die gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Realit\u00e4ten grundlegend; sie \u00fcbersch\u00e4tzt vor allen Dingen die Bewegungsm\u00f6glichkeiten der Mehrheits-SPD in elementarer Weise. Das Scheitern einer vern\u00fcnftigen L\u00f6sung ist somit nahezu programmiert. Am 08. Oktober &#8217;90 setzt der verhandlungsf\u00fchrende Magistrat denn auch die Gespr\u00e4che einseitig aus, da der von den Besetzern angestrebte Vertrag &#8222;politisch nicht gewollt&#8220; wird (taz v. 31.10.90). Die n\u00e4chsten Schritte sind im Grunde vorgezeichnet. Den Besetzern &#8211; l\u00e4ngst ein gemischtes V\u00f6lkchen, von denen man so einigen durchaus unterstellen darf, da\u00df der Erhalt von Wohnraum oder eine etwaige eigene Bed\u00fcrftigkeit nicht das Hauptmotiv bilden &#8211; bleibt damit nur der R\u00fcckzug in die verha\u00dfte Vereinzelung oder die Vorbereitung auf Auseinandersetzungen mit dem &#8222;Schweinesystem&#8220;. Dabei darf nun nicht verkannt werden, da\u00df es sich bei der Mehrzahl all jener, die in den heruntergekommenen H\u00e4usern eine neue Bleibe gefunden haben, um Menschen handelt, die gelernt haben, da\u00df sie in der Ellbogengesellschaft kaum eine Chance erhalten, und die deshalb um so bereiter sind, ebenfalls r\u00fccksichtslos ihre Ellbogen einzusetzen, um sich den Rest ihres Traumes vom &#8222;selbstbestimmten Leben&#8220; zu er<br \/>\nhalten. Der markige Spruch &#8222;Wir haben nichts zu verlieren&#8220; hat f\u00fcr sie durchaus seinen Sinn.<\/p>\n<h4>3. Station: 12. November 1990<\/h4>\n<p>Vor diesem Hintergrund spielt sich das ganze Desaster letztlich ab. Da\u00df die ausl\u00f6senden H\u00e4user l\u00e4ngst von der ehemaligen KWV in die Verwaltung der (West)Berliner &#8222;Stadt &amp; Land&#8220; \u00fcbergegangen sind, die einst bei den Besetzern der fr\u00fchen achtziger Jahre einen &#8222;r\u00e4umungsfreudigen&#8220; Ruf genossen hatte, ist dabei nur eine Marginalie.<\/p>\n<p>R\u00e4umungen hat es auch vor diesem 12.11.90 schon einige gegeben. Auch das kraftmeiernde Flugblatt, das aus Besetzerkreisen in Umlauf gebracht worden war und in dem &#8222;Gegenreaktionen&#8220; auf zuk\u00fcnftige R\u00e4umungen angedroht wurden, durfte nur begrenzt ernst genommen werden. Da\u00df sich dieses Flugblatt im Nachhinein nun wie eine Regieanweisung liest, geh\u00f6rt mit zur Tragik dieser R\u00e4umungen.<\/p>\n<p>Um 07.25 Uhr des 12.11.90 beginnen die R\u00e4umungen in der Pfarr- und der Cotheniusstra\u00dfe. Die Zahl der registrierten Besetzungen ist zu diesem Zeitpunkt bei 130 angelangt.<\/p>\n<p>600 Beamte umstellen die H\u00e4user; alles l\u00e4uft ab wie nach dem Polizeihandbuch. Um 08.08 Uhr sind die R\u00e4umungen beendet, die Polizei r\u00fcckt ab.<br \/>\nWas nun geschieht, konnte wirklich befriedigend bislang nicht gekl\u00e4rt werden. Im benachbarten Stadtbezirk Friederichshain werden die Besetzer von 13 H\u00e4usern in der Mainzer Stra\u00dfe aktiv und beginnen, auf der stark befahrenen Frankfurter Allee Hindernisse und Stra\u00dfensperren zu errichten. Auch hier wieder eine fatale Parallele zu den Auseinandersetzungen der achtziger Jahre. Just so &#8211; wie im Falle der Mainzer Stra\u00dfe &#8211; hatte sich fast 10 Jahre zuvor in Westberlin der &#8222;H\u00e4userkampf&#8220; entwickelt, als die Besetzer der Admiralstra\u00dfe die R\u00e4umung am benachbarten Fraenkelufer irrt\u00fcmlich auf sich bezogen und begannen, Barrikaden zu errichten. (vgl. CILIP Nr. 9\/10)<\/p>\n<p>Die Polizei gibt an, von den Ereignissen auf der Frankfurter Allee vollkommen \u00fcberrascht worden zu sein. Gegen 12.00 Uhr beginnt sie, die Hindernisse zu beseitigen und dringt dabei schlie\u00dflich auch mit Fahrzeugen in die Mainzer Stra\u00dfe ein.<\/p>\n<p>Von nun an nimmt das Geschehen einen Verlauf, der von beiden Seiten m\u00f6glicherweise nicht gewollt wurde; andererseits mu\u00df gesagt werden, da\u00df keine Seite Schritte unternahm, die geeignet gewesen w\u00e4ren, eine weitere Eskalation zu stoppen oder gar zur\u00fcckzudrehen.<\/p>\n<p>Folgt man den Bekundungen der Besetzer, so waren ihre Handlungen aus-schlie\u00dflich davon geleitet, eine R\u00e4umung ihrer H\u00e4user zu verhindern. So ganz kann dies indes nicht stimmen, denn in dieser Phase der Auseinandersetzungen wurde seitens der Polizei mehrfach \u00fcber Lautsprecher darauf verwiesen, da\u00df eine R\u00e4umung nicht geplant sei. Allerdings hat auch die Darstellung der Polizei erhebliche M\u00e4ngel. Sie sei sofort massiv mit Steinen und Molotowcocktails angegriffen worden, als Fahrzeuge die Mainzer Stra\u00dfe lediglich durchfuhren, so die Darstellung. Betrachtet man jedoch ein polizeiliches Video dieser Phase, so erscheinen einem die \u00c4ngste der BesetzerInnen nicht g\u00e4nzlich unbegr\u00fcndet.<\/p>\n<h4>4. Station: Mainzer Stra\u00dfe<\/h4>\n<p>Wie dem auch immer sei &#8211; der nun einsetzende Selbstlauf der Ereignisse nimmt konsequent seinen Fortgang. Alarmzustand und kontinuierliche Verst\u00e4rkung der vor Ort eingesetzten Kr\u00e4fte der Polizei sowie Barrikaden rund um die Mainzer Stra\u00dfe sind schlie\u00dflich die Folge. Diese Barrikaden, das mu\u00df man ihren Erbauern ehrlicherweise zugestehen, sind durchdachte &#8222;Qualit\u00e4tsarbeiten&#8220;; stra-tegisch gut angelegt, solide befestigt mit unmittelbar dahinter ange-legten Gr\u00e4ben und wenige Meter dahinter das gleiche noch einmal.<\/p>\n<p>Vermittlungsversuche, die es von unterschiedlichster Seite gegeben hat, f\u00fchren zu keinem Ergebnis mehr. Sowohl die Barrikaden wie auch massive Befestigungen innerhalb der H\u00e4user, Depots mit Klein- und Gro\u00dfpflastersteinen sowie vorbereitete &#8222;Mol-lies&#8220; in stattlicher Zahl zeugen davon, da\u00df die Sorge um die H\u00e4user nicht erst am Morgen des 12.11.90 ent-standen sein kann.<\/p>\n<p>Der lange aufgestaute Druck mu\u00df sich nun irgendwohin entladen &#8211; anderenfalls w\u00fcrde er die Hausgemeinschaften innerlich zerrei\u00dfen. Die ruhigeren Zeiten, in denen sich die Polizei zeitweise zur\u00fcckzieht und die VermittlerInnen aktiv werden, werden konsequenterweise dann auch genutzt, die Barrikaden weiter zu verst\u00e4rken.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite die Polizei, die mit der Situation psychologisch eben-falls \u00fcberfordert ist und den Erfolg nur noch im Muskelspiel sehen kann. &#8222;Was gibt es denn nach einem solchen Tag noch zu verhandeln&#8220;, lautet des Nachts die spontane \u00c4u\u00dferung des \u00f6rtlichen Einsatzleiters, als ihm mitgeteilt wird, f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen sei mit einer Verhandlungskommission der BesetzerInnen zu rechnen. Dieser Beamte gilt allgemein als besonnen und zur\u00fcckhaltend.<\/p>\n<p>Die ganze Nacht \u00fcber kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die an H\u00e4rte kontinuierlich zunehmen.<\/p>\n<h4>5. Station: Lagebesprechungen<\/h4>\n<p>Man habe mit Anschlu\u00dfaktionen gerechnet und sie in Kauf genommen, wird Innensenator P\u00e4tzold tags darauf erkl\u00e4ren lassen, allerdings sei man \u00fcber das Ausma\u00df \u00fcberrascht worden. Diese Darstellung, die zun\u00e4chst nach schnoddriger Rechtfertigung klingt, d\u00fcrfte im wesentlichen zutreffend sein. Was P\u00e4tzold zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht bekannt gibt &#8211; und was der AL in letzter Konsequenz gar keine andere Wahl mehr lie\u00df, als die Koalition zu beenden &#8211; sind die zeitlichen Stationen, die f\u00fcr die richtige Einordnung des Geschehens eine nicht unwichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>Als die Polizei am 12.11.90 vor den H\u00e4usern in der Pfarrstra\u00dfe und Co-theniusstra\u00dfe vorfuhr, lagen die R\u00e4umungsbegehren bereits gut zwei Wochen zur\u00fcck. W\u00e4hrend dieser gesamten Zeit war niemals der Versuch unternommen worden, eine andere L\u00f6sung als die einer R\u00e4umung zu suchen. Eine R\u00e4umung aus &#8222;heiterem Himmel&#8220; aber mu\u00dfte unweigerlich zur Explosion f\u00fchren, wenn man sich \u00fcber deren Wucht m\u00f6glicherweise auch im Unklaren sein konnte.<\/p>\n<p>Als nach den Ereignissen des Tages hier\u00fcber nun keine Illusionen mehr bestehen konnten, fand gegen Mitternacht in den R\u00e4umen des Innensenators eine Lagebesprechung mit Polizeif\u00fchrung und Bausenator statt; in dieser Runde fiel nun die Entscheidung, die 13 H\u00e4user der Mainzer Stra\u00dfe schnellstm\u00f6glich zu r\u00e4umen. Etwa gegen 0.30 Uhr wurde daraufhin Verst\u00e4rkung in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen angefordert, ebenso beim BGS. Etwa um 2.00 Uhr konnte Bausenator Nagel das f\u00f6rmliche R\u00e4umungsbegehren nachreichen.<\/p>\n<p>Inwieweit die Entscheidungen des Innensenators zu diesem Zeitpunkt noch g\u00e4nzlich frei waren von \u00e4u\u00dferem Druck, kann schlecht beurteilt werden. Ber\u00fccksichtigt man jedoch, da\u00df Bausenator Nagel schon in der Vergangenheit kaum eine Gelegenheit ungenutzt gelassen hatte, um Keile in das rot-gr\u00fcne B\u00fcndnis zu treiben und der Polizeif\u00fchrung (ungeachtet sonstiger m\u00f6glicher Stimmungen) schon aus polizeitaktischen Erw\u00e4gungen daran gelegen sein mu\u00dfte, eine weitere Verfestigung der Situation in der Mainzer Stra\u00dfe zu verhindern, so darf man annehmen, da\u00df eine solche Gemengelage sich w\u00e4hrend der Lagebesprechung auch entsprechend artikulierte.<\/p>\n<p>Gleichfalls f\u00fcr immer im Dunkeln mu\u00df wohl bleiben, warum Innensenator P\u00e4tzold, ungeachtet der inzwischen gefallenen Entscheidung noch ein Vermittlungsangebot der AL-Fraktionsvorsitzenden annahm, woraufhin sich diese mitten in der Nacht noch einmal auf den Weg machte.<br \/>\nDennoch mu\u00df P\u00e4tzold &#8211; einer der Geburtshelfer der rot-gr\u00fcnen Koalition &#8211; irgendwann w\u00e4hrend dieser Nacht klargeworden sein, da\u00df er dabei war, nun auch deren Totengr\u00e4ber zu werden: Erich P\u00e4tzold erlitt in dieser Nacht einen Schw\u00e4cheanfall.<\/p>\n<h4>6. Station: Die Maschinerie l\u00e4uft<\/h4>\n<p>Aber die von ihm in Gang gesetzte Maschinerie war nun nicht mehr aufzuhalten. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen bereiteten sich insgesamt 1.500 Polizeibeamte darauf vor, am n\u00e4chsten Tag nach Berlin auszur\u00fccken und auch in den Lagezentren der Berliner Polizei liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren, am n\u00e4chsten Tag einen Einsatz durchzuf\u00fchren, f\u00fcr den bei sorgf\u00e4ltiger Planung normalerweise rund 3 Wochen notwendig gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Am Morgen des 14.11.90 gegen 2.00 Uhr verlie\u00dfen die Berliner Polizeikr\u00e4fte ihre Unterk\u00fcnfte und setzten sich in Richtung Friedrichshain in Bewegung; vom Stadtrand r\u00fcckten die Verst\u00e4rkungen vor. Mit dem Morgengrauen um 6.00 Uhr gingen die Beamten in Stellung und eine halbe Stunde sp\u00e4ter begann mit 1.500 Beamten der R\u00e4umungseinsatz, der von den Besetzern und ihren Sympathisanten mit einer bis dahin nicht gekannten H\u00e4rte beantwortet wurde; einer H\u00e4rte, die keinerlei R\u00fccksicht mehr nahm, weder auf die eingesetzten Polizeibeamten noch auf die &#8222;eigenen Leute&#8220; und bei der der Tod von Menschen zumindest in Kauf ge-nommen wurde.<\/p>\n<p>Vorrangiges Ziel der Polizei, die zur Verhinderung etwaiger Anschlu\u00dfaktionen stadtweit rund 4.000 Beamte im Einsatz hatte, war es, zuerst einmal die D\u00e4cher der besetzten H\u00e4user in den Griff zu bekommen. Von diesen D\u00e4chern war bei den vorausgegangenen Auseinandersetzungen die gr\u00f6\u00dfte Bedrohung ausgegangen und auch an diesem Mittwoch wurde von dort der heftigste Widerstand geleistet. Die Aufgabe, die D\u00e4cher f\u00fcr die Polizei in Besitz zu nehmen, war dem Berliner SEK, unterst\u00fctzt durch 130 Mann aus dem Bundesgebiet, zugefallen.<\/p>\n<h4>7. Station: Tatsachen und Ger\u00fcchte<\/h4>\n<p>Ausgestattet mit Kletterausr\u00fcstungen etc. wurde versucht, von beiden Seiten der Mainzer Stra\u00dfe diese D\u00e4cher zu st\u00fcrmen. Schon hier kam es zu schier unglaublichen Szenen: der erste Versuch, \u00fcber ein Bauger\u00fcst nach oben zu gelangen, scheiterte schnell in einem Hagel von Molotowcocktails; von dem brennenden Ger\u00fcst mu\u00dften sich die Beamten wieder zur\u00fcckziehen. Bei einem sp\u00e4teren, \u00e4hnlich gelagerten Versuch, wurde das benutzte Ger\u00fcst unten abges\u00e4gt, w\u00e4hrend sich die SEK-Beamten in die H\u00f6he arbeiteten. Da\u00df dieses Bauger\u00fcst im Falle seines Einsturzes auch die hinter den Barrikaden k\u00e4mpfenden &#8222;Genossen&#8220; h\u00e4tte erschlagen k\u00f6nnen, hinderte hier ebenso wenig, wie es von den Dachbesatzungen bei ihren W\u00fcrfen mit &#8222;Mollies&#8220;, Pflastersteinen und Gehwegplatten ber\u00fccksichtigt wurde.<\/p>\n<p>Auch auf Seiten der Polizei war man nicht sonderlich zimperlich, wie die blutigen K\u00f6pfe der festgenommenen BesetzerInnen deutlich belegten. Den Einsatz von Blendschockgranaten und Gummigeschossen, wie er von einigen TeilnehmerInnen der Auseinandersetzung wahrgenommen worden sein will, k\u00f6nnen wir nicht best\u00e4tigen. Gegen\u00fcber einem Redaktionsmitglied best\u00e4tigte allerdings einer der eingesetzten SEK-Beamten, da\u00df diese Kr\u00e4fte vor ihrem Einsatz den ausdr\u00fccklichen Auftrag erhalten h\u00e4tten, beim Abschu\u00df von Tr\u00e4nengas-Petarden, wenn immer m\u00f6glich, gezielt auf Personen anzulegen.<\/p>\n<p>Auch hinsichtlich des Schu\u00dfwaffeneinsatzes gibt es voneinander abweichende Schilderungen. W\u00e4hrend die Polizei von drei Warnsch\u00fcssen in die Luft spricht, existiert andererseits eine Zeugenaussage, wonach es sich um waagerecht abgegebene Sch\u00fcsse gehandelt habe. Fakt jedenfalls ist, da\u00df einer der Besetzer durch einen Querschl\u00e4ger getroffen wurde &#8211; gl\u00fccklicherweise nur in den Fu\u00df.<\/p>\n<p>Nach rund anderthalb Stunden hatten die M\u00e4nner der Sondereinsatzkommandos die D\u00e4cher erreicht, weitere f\u00fcnfunddrei\u00dfig Minuten ben\u00f6tigten sie, den erbitterten Widerstand dort zu brechen. Um 9.00 Uhr k\u00f6nnen die Beamten melden, die D\u00e4cher unter Kontrolle zu haben.<br \/>\nDamit ist die hei\u00dfe Phase der gr\u00f6\u00dften gegenseitigen Brutalit\u00e4ten vor\u00fcber. Die weitere R\u00e4umung l\u00e4uft danach schon fast routinem\u00e4\u00dfig ab. Um 12.32 Uhr ist die Aktion beendet; 417 Personen werden festgenommen. Als sie aus den H\u00e4usern gef\u00fchrt und zu den Gefangenentransporten gebracht werden, stimmen Teile der eingesetzten Mannschaften einen Gesang an: &#8222;We are the champions&#8220;.<\/p>\n<h4>8. Station: Ende<\/h4>\n<p>Selbst vor dieser Kulisse von Gewalt und Zerst\u00f6rung h\u00e4tte dieser Gesang etwas &#8222;Sportliches&#8220; haben k\u00f6nnen, w\u00e4re nicht klar gewesen, da\u00df sie alle, Polizisten und Besetzer, in diesen Momenten \u00fcber mehr liefen als nur \u00fcber die Tr\u00fcmmer einer kurzen und sinnlosen Schlacht.<\/p>\n<p>Die Tr\u00e4nengasschwaden in der Mainzer Stra\u00dfe sind noch nicht verflogen, da findet in den Medien noch am gleichen Tag bereits die n\u00e4chste Schlacht statt. Nicht blutig oder physische Zerst\u00f6rungen hinterlassend, aber nicht weniger gewaltt\u00e4tig. &#8222;Das war blanke Mordlust&#8220;, legte mit Walter Momper der Regierende B\u00fcrgermeister selbst die Sprachregelung fest.<\/p>\n<p>Diese Schlacht in den K\u00f6pfen dauert derzeit noch an und sie wird wohl auch dann noch nachwirken, wenn die Tr\u00fcmmer in Friedrichshain l\u00e4ngst beseitigt sein werden.<\/p>\n<p>Alle gemeinsam haben sie es auf diese Weise geschafft, binnen weniger Stunden die Innenpolitik der zur\u00fcckliegenden zwei Jahre zu zerschlagen.<br \/>\nJust in dem Augenblick, als der Beton gegenseitiger Verkrustungen und Vorurteile begann, erste haarfeine Risse zu bekommen; als das empfindliche Pfl\u00e4nzchen der Deeskalation vorsichtig erste zarte Keimbl\u00e4tter zeigte, wurde es schon wieder zertrampelt.<\/p>\n<p>Am Nachmittag des 15.11.90 k\u00fcndigte die Alternative Liste der SPD die Koalition auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Schatten der Mauer hatte sie sich seit Jahren eingerichtet, die Berliner &#8222;Scene&#8220;. 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