{"id":4253,"date":"1990-09-27T22:14:57","date_gmt":"1990-09-27T22:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4253"},"modified":"1990-09-27T22:14:57","modified_gmt":"1990-09-27T22:14:57","slug":"stasi-leben-mit-der-stasi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4253","title":{"rendered":"Stasi &#8211; Leben mit der Stasi"},"content":{"rendered":"<h3>Von Reinhard Schult<\/h3>\n<p>Vorbemerkung der Redaktion: Stasi-Opfer als Stasi-Aufl\u00f6ser &#8211; ein Wirklichkeit gewordener Traum? Ob Reinhard Schults utopische Phantasie vor dem Herbst 1989 so \u00fcberm\u00fctig gewesen ist, haben wir zu fragen unterlassen. Jedenfalls war er, Gr\u00fcndungsmitglied des Neuen Forums, von Beginn an bei der Aufl\u00f6sung der Berliner Stasi-Zentrale dabei, zuletzt als Mitarbeiter des &#8222;Staatlichen Komitees zur Aufl\u00f6sung der Stasi&#8220;. Seit der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre z\u00e4hlte er f\u00fcr die Stasi zu den feindlichen Kr\u00e4ften in der DDR, zun\u00e4chst politisch aktiv im Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde in Ost-Berlin. Acht Monate Haft konnten ihn nicht umerziehen. So blieb er Oppositioneller und Maurer in einem Fleischkombinat der Hauptstadt, bis er zeitweilig &#8222;hauptamtlicher&#8220; Stasi-Aufl\u00f6ser wurde und neue Kenntnisse erwarb, die &#8211; so hoffen wir, deren Phantasie durch die FreundInnen aus der DDR befl\u00fcgelt worden ist &#8211; auch und gerade im vereinten Deutschland noch demokratischen Nutzen bringen werden. Denn die effektivste Form der Kontrolle politisch-repressiver Apparate ist deren Aufl\u00f6sung.<!--more--><\/p>\n<h4>1. Festnahme und Haft<\/h4>\n<p>Herbst &#8217;79; der Tag begann wie \u00fcblich:<br \/>\nWie so oft zu sp\u00e4t aus dem Bett gew\u00e4lzt, leicht vertrieft, ohne Fr\u00fchst\u00fcck losgerast. Auf der Stra\u00dfe Schritte hinter mir. Pl\u00f6tzlich h\u00e4lt mir ein Mann eine Klappkarte vors Gesicht, klappt sie schnell wieder zu, bevor ich etwas lesen kann und sagt etwas wie: &#8222;Deutsche Volkspolizei, Ihren Personalausweis!&#8220; Ich drehe mich um, hinter mir steht noch einer. Nachdem der Erste meinen Personalausweis studiert hat, steckt er ihn ein mit der Aufforderung, da\u00df ich zur Kl\u00e4rung eines Sachverhalts mitkommen solle. An der Ecke steht ein blauer Lada mit zwei weiteren M\u00e4nnern. Auf der Hinterbank quetschen sie mich in ihre Mitte und ab geht&#8217;s zur Keibelstra\u00dfe (Ostberliner Polizeipr\u00e4sidium). Dort werden die Taschen durchsucht und der Wohnungsschl\u00fcssel genommen. Dann hei\u00dft es zwei Stunden lang warten mit einem Bewacher, der nicht redet.<\/p>\n<p>Ich werde in einen Nebenraum gef\u00fchrt und lerne meinen Vernehmer und Untersuchungsf\u00fchrer kennen. Er nimmt meine Personalien auf und meine Frage nach seinem Namen beantwortet er mit: &#8222;Wo haben Sie denn das her? Hier stellen wir die Fragen, Sie sind beim Geheimdienst.&#8220; Es folgen acht Stunden Verh\u00f6r, hinterher Kopfschmerzen, zwischendurch Schwei\u00dfausbr\u00fcche und das verfluchte Hoffen, doch noch einmal davonzukommen. Vergeblich. Ich werde in die Stasi-U-Haft in die Kissingenstra\u00dfe (Berlin-Pankow) gefahren, ein altes Geb\u00e4ude, direkt an das Pankower Bezirksgericht anschlie\u00dfend mit drei Etagen und ca. 100 Zellen, die etwa zur H\u00e4lfte belegt sind. Jede Zelle mi\u00dft 2 mal 3,50 Meter, hat zwei Betten, zwei H\u00e4ngeschr\u00e4nke, zwei Hokker, ein Waschbecken, ein WC. Ein Fenster ist nicht vorhanden, nur zwei Reihen Glasbausteine mit Entl\u00fcf-tungsschacht. F\u00fcr die n\u00e4chsten acht Monate mein Zuhause.<\/p>\n<h4>2. Als Gefangener keinerlei Rechte<\/h4>\n<p>Am n\u00e4chsten Vormittag erfolgt der Gang zum Haftrichter. Er teilt mir mit, da\u00df ein Ermittlungsverfahren gegen mich eingeleitet wurde wegen &#8222;Beihilfe zum ungesetzlichen Grenz\u00fcbertritt&#8220; ( 213) und &#8222;\u00d6ffentlicher Herabw\u00fcrdigung&#8220; ( 220). Ich erkl\u00e4re meine Unschuld. &#8222;Lassen Sie den Quatsch. Oder meinen Sie, wir w\u00fcrden fr\u00fch um sechs Uhr vier Leute durch die Gegend schicken, wenn wir nicht genug Beweise h\u00e4tten?&#8220; Ohne Rechtsanwalt werde ich keine weiteren Aussagen machen. Der Haftrichter sieht mich erstaunt an und meint, ich h\u00e4tte mich mehr mit der DDR-Wirklichkeit auseinandersetzen und weniger amerikanische Krimis sehen sollen.<\/p>\n<p>Die erste Begegnung mit meinem Anwalt, Dr. Starkulla aus dem B\u00fcro Vogel, hatte ich nach sechs Wochen. Die Rahmenbedingungen unserer Gespr\u00e4che wurden durch die Staatsanwaltschaft festgelegt. So war in den ersten vier Monaten immer mein Vernehmer dabei, und es durfte nicht \u00fcber &#8222;meinen Fall&#8220; geredet werden. Das sah dann folgenderma\u00dfen aus: Mein Rechtsanwalt brachte Gr\u00fc\u00dfe von meiner Mutter und von Freunden und fragte nach meinem Befinden. Ich gr\u00fc\u00dfte zur\u00fcck&#8230;<\/p>\n<p>Nach f\u00fcnf Monaten fand dann das erste Gespr\u00e4ch unter vier Augen statt. Auf meine Frage, ob wir denn auch unter vier Ohren w\u00e4ren, grinste er und sagte betont deutlich, da\u00df es ein grober Versto\u00df gegen die Strafproze\u00dfordnung w\u00e4re, wenn Wanzen eingebaut seien. Ich hatte verstanden.<\/p>\n<p>Geschlagen wurde bei den Vernehmungen nicht. Doch die Enge der Zelle, das vollst\u00e4ndige Ausgeschlossensein von der Au\u00dfenwelt und die Beschimpfungen als &#8222;Ratte&#8220; und &#8222;L\u00fcgenschwein&#8220; durch den Vernehmer erzeugten einen immmensen psy-chischen Druck. Drohungen mit zehn Jahren Knast oder der Einlieferung in eine psychiatrische Anstalt &#8211; &#8222;Dort k\u00f6nnen Sie dann mit Armstrongs Trompete und Napoleons Pferd Widerstandsk\u00e4mpfer spielen&#8220; &#8211; taten ihr \u00fcbriges. Nach vier Monaten Haft stellten sich nerv\u00f6se Herzbeschwerden ein, die wie bei den anderen Untersuchungsh\u00e4ftlingen mit Beruhigungstabletten behandelt wurden. Nach fast acht Monaten fand der Proze\u00df statt, an dessen Ende die Verurteilung zu acht Monaten Haft ohne Bew\u00e4hrung wegen &#8222;\u00d6ffentlicher Herabw\u00fcrdigung&#8220; stand. Die Weitergabe von 20 Schreibmaschinenseiten aus Reiner Kunzes &#8222;Wunderbaren Jahren&#8220;, zwei<\/p>\n<p>Aus dem &#8222;W\u00f6rterbuch der politisch-operativen Arbeit&#8220; der Stasi<br \/>\n(S. 111, GVS JHS 001-400\/81)<\/p>\n<h4>&#8222;Feindbild, tschekistisches<\/h4>\n<p>Gesamtheit von Kenntnissen und Vorstellungen \u00fcber das Wesen und die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten des Imperialismus, seine subversiven Pl\u00e4ne und Zielstel-lungen gegen den Sozialismus, \u00fcber die Erscheinungsformen der subversiven T\u00e4tigkeit und deren Angriffsrichtungen, die feindlichen Zentren, Organisationen und Kr\u00e4fte, die Abwehrma\u00dfnahmen des Feindes, die Mittel und Methoden des feindlichen Vorgehens sowie der darauf beruhenden Wertungen, Gef\u00fchle und \u00dcberzeugungen im Kampf gegen den Feind.<\/p>\n<p>Das tschekistische F. ist eine spezifische Erscheinungsform des auf der marxistisch-leninistischen Analyse des Klassenkampfes und der der Arbeiter-klasse und dem Sozialismus antagonistisch gegen\u00fcberstehenden feindlichen Klassenkr\u00e4fte beruhenden wissenschaftlichen Feindbildes der Arbeiterklasse.<br \/>\nEs beinhaltet dessen Bestandteile und wird spezifisch gepr\u00e4gt durch die im konspirativen Kampf gegen den subversiven Feind gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse.<\/p>\n<p>Als immanenter Bestandteil der Ideologie und des moralischen Wertsystems geh\u00f6rt das wissenschaftlich begr\u00fcndete, reale und aktuelle F. zu den wesentlich charakteristischen Merkmalen der tschekistischen Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Im Proze\u00df der politisch-ideologischen Erziehung der operativen sowie der inoffiziellen Mitarbeiter erlangt die umfassende, individuelle und methodisch vielseitige Vermittlung und Anerziehung des F. eine st\u00e4ndige steigende Bedeutung.<\/p>\n<p>Konkrete und gesicherte Erkenntnisse \u00fcber den Feind und die auf ihnen be-ruhenden tiefen Gef\u00fchle des Hasses, des Abscheus, der Abneigung und Un-erbittlichkeit gegen\u00fcber dem Feind sind au\u00dferordentlich bedeutsame Vor-aussetzungen f\u00fcr den erfolgreichen Kampf gegen den Feind.<\/p>\n<p>Je pr\u00e4ziser und eindringlicher die entsprechenden Erkenntnisse \u00fcber den Feind mit ihrem emotionalen Gewicht in der klassenm\u00e4\u00dfigen Erziehung in den Diensteinheiten und in der Zusammenarbeit mit inoffiziellen Mitarbeitern nahegebracht werden, umso mehr erh\u00f6ht sich die F\u00e4higkeit, feindliche Angriffe rechtzeitig zu erkennen, aufzukl\u00e4ren und zu verhindern sowie die Bereitschaft und die Motive zur aktiven Bek\u00e4mpfung des Feindes. Vereinseitigungen, Verab-solutierungen, Abschw\u00e4chungen oder Verzerrungen des F. k\u00f6nnen in der politisch-operativen Arbeit zu Fehlentscheidungen und falschem Reagieren f\u00fchren und d\u00fcrfen nicht zugelassen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Tonb\u00e4ndern mit Biermann-Liedern, Texten von J\u00fcrgen Fuchs und zwei Ausgaben der Untergrundzeitung &#8222;Roter Morgen&#8220; an Freunde und Kollegen hatten sie mir nachgewiesen. Von der Anklage wegen &#8222;Beihilfe zum ungesetzlichen Grenz\u00fcbertritt&#8220; mu\u00dfte ich freigesprochen werden; es gab keine Beweise. Anklageschrift und Urteilsbegr\u00fcndung wurden mir nur zur Einsichtnahme vorgelegt. Politische H\u00e4ftlinge erhielten keinerlei Papiere in die Hand.<\/p>\n<p>Nach der Entlassung dann die R\u00fcckkehr ins Fleischkombinat Berlin, wo ich als Maurer arbeitete. Die Kaderabteilung versuchte, mich aus meiner Brigade weg auf eine andere, isolierte Arbeitsstelle umzusetzen. Mit Hilfe der Chef\u00e4rztin der Betriebspoliklinik wurde eine &#8222;gesundheitliche Nichteignung&#8220; konstruiert; ich sollte in eine andere Abteilung oder k\u00fcndigen. Der Versuch scheiterte an der Solidarit\u00e4t der Kollegen und an einem Arbeitsgesetzbuch, das der Willk\u00fcr der Betriebsleitung enge Grenzen setzte.<\/p>\n<h4>3. Trotz Spitzel politisch arbeiten<\/h4>\n<p>Acht Monate Knast, acht Monate Zeit um nachzudenken. Wie weiter danach, warum das alles? Der Sog, wie fast alle Mith\u00e4ftlinge in den Westen zu gehen, war gro\u00df, die n\u00e4chtlichen Rufe \u00fcber den Gef\u00e4ngnishof: &#8222;Allen zuk\u00fcnftigen Bundesb\u00fcrgern eine gute Nacht!&#8220;, die Angebote von Kirchenleitung und Rechtsanwalt, bei einer \u00dcbersiedlung behilflich zu sein. Ich hatte mir selber eine Grenze gesetzt. Zwei Jahre Knast wollte ich aushalten, ansonsten ausreisen.<\/p>\n<p>Vor meiner Verhaftung hatte ich mich dem Friedenskreis der Evangelischen Studentengemeinde angeschlossen und mit einigen Freunden auf diversen Veranstaltungen f\u00fcr die Verweigerung des Wehrdienstes geworben. Das war auch der eigentliche Hintergrund meiner Verhaftung. Die Stasi bek\u00e4mpfte alles, was den Keim einer Opposition in sich tragen konnte.<\/p>\n<p>Der Mensch, den wir als Spitzel in Verdacht hatten, war nach meiner In-haftierung verschwunden. Neue Leute tauchten auf. Und immer war das Mi\u00dftrauen da. Wie damit umgehen? Wir entschieden uns, auf drei Ebenen zu arbeiten.<\/p>\n<p>Die \u00f6ffentliche, legal im kirchlichen Raum, war der Friedenskreis. Er war offen f\u00fcr alle, die konstruktiv mitarbeiten wollten. Die Stasi versuchte immer, durch eingeschleuste Spitzel die Arbeit zu st\u00f6ren, Mi\u00dftrauen zu s\u00e4en, die Gruppe zu spalten, Entscheidungen und Beschl\u00fcsse zu verhindern. Auf einer anderen, sozusagen halblegalen Ebene waren die theoretischen Zirkel und eine Bibliothek angesiedelt. Da die Weitergabe von verbotener, &#8222;antisozialistischer&#8220; Literatur strafbar war, durften nur wenige Konkretes wissen. Die Zirkel fanden immer in Wohnungen statt, eingeladen wurde nur pers\u00f6nlich und auf Empfehlung. F\u00fcr den Fall, &#8222;auf frischer Tat&#8220; entdeckt zu werden, h\u00e4tten wir uns als kirchlicher Vorbereitungskreis einer gerade geplanten Veranstaltung ausgegeben. Ein- bis zweimal im Jahr fanden diese Zirkel auch als Wochenendseminar auf dem Land statt.<\/p>\n<p>Auf illegaler Ebene, weil konspirativ, bereitete ein enger Kreis von sich l\u00e4n-ger kennenden Menschen Aktionen (Flugbl\u00e4tter etc.) vor und hielt Kontakte zu westlichen Medien. Anfang der 80er Jahre war die Friedensbewegung entstanden, wenig sp\u00e4ter die \u00d6kologie- und die Menschenrechtsbewegung. Immer wieder kam es zu Verhaftungen:<br \/>\n1980 wurden zum Beispiel Hans-J\u00f6rg Waigel (Organisator des K\u00f6nigswalder Friedensseminars) wegen der Weitergabe der &#8222;Wunderbaren Jahre&#8220; verhaftet, Eckard H\u00fcbener und Klaus Te\u00dfmann wegen Schmuggels von Untergrundliteratur der Solidarnosc zu 15 Monaten verurteilt. Elisabeth Gibbels und Martin B\u00f6ttger wurden w\u00e4hrend einer Kerzendemo 1983 vor der sowjetischen Botschaft inhaftiert, B\u00e4rbel Bohley und Ulrike Poppe wegen ihrer Kontakte zur englischen Friedensbewegung. Bei Karl-Heinz Bomberg reichten 1985 seine selbst-geschriebenen Lieder. Viele andere mu\u00dften wegen \u00e4hnlich nichtiger Dinge in den Knast. Dazu kamen immer wieder sogenannte vorl\u00e4ufige Festnahmen oder Zuf\u00fchrungen. So wurden, um eine Aktion vor der amerikanischen und der sowjetischen Botschaft zu verhindern, 1983 etwa 300 Personen abgeholt oder unter Hausarrest gestellt.<\/p>\n<h4>4. Erste Erfolge<\/h4>\n<p>Gemessen an den siebziger Jahren begann sich die Situation im Laufe der Achtziger zu ver\u00e4ndern. Durch die gro\u00dfe Zahl von akkreditierten westlichen Journalisten, die sich nach der Anerkennungswelle in Ostberlin niederlie\u00dfen, verbesserten sich die M\u00f6glichkeiten, \u00d6ffentlichkeit herzustellen. Der spie\u00dfige Drang nach westlicher Anerkennung machte die DDR-Regierung erpre\u00dfbar, so da\u00df es gelang, die meisten Inhaftierten wieder freizuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&#8222;Feind<br \/>\nPersonen, die in Gruppen oder individuell dem Sozialismus wesensfremde politisch-ideologische Haltungen und Anschauungen absichtsvoll entwickeln und in ihrem praktischen Verhalten durch gezieltes Hervorrufen von Ereignissen oder Bedingungen, die die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung generell oder in einzelnen Seiten gef\u00e4hrden oder sch\u00e4digen, eine Verwirklichung dieser Haltungen und Anschauungen anstreben.&#8220;<br \/>\n(Aus: W\u00f6rterbuch der politisch-operativen Arbeit, a.a.O.)<\/p>\n<p>Doch die Angst wich nie vollst\u00e4ndig. Sechs Uhr morgens war Verhaftungszeit. Klingelte es um diese Zeit an der Wohnungst\u00fcr, habe ich nie aufgemacht, ohne erst auf die Stra\u00dfe zu sehen.<\/p>\n<p>Ungewollt wirkte die Stasi aber auch als Klammer f\u00fcr die Opposition. Als ab Mitte 1985 die offene Repression der politischen Szene nachlie\u00df, alle sich sicherer zu f\u00fchlen begannen und sogar halblegale Infobl\u00e4tter mit einer Auflage zwischen 1.000 und 2.000 Exemplaren kursierten, f\u00fchrte die Opposition den politischen Kampf haupts\u00e4chlich untereinander oder ignorierte sich gegenseitig. Erst der Sturm der Stasi auf die Umweltbibliothek im November 1987 f\u00fchrte zum Schulterschlu\u00df. Zum ersten Mal gelang es auch, das Ghetto der Zirkel und Kreise zu durchbrechen und eine nie erlebte offene Solidarisierung der Bev\u00f6lkerung zu erfahren. Die Mahnwache vor der Zionskirche, die F\u00fcr-bittgottesdienste und Aktionen DDRweit wurden ein voller Erfolg. Nach vier Tagen waren die Inhaftierten wieder frei. Doch die Rache folgte auf dem Fu\u00dfe.<\/p>\n<h4>5. Der letzte Schlag der Stasi<\/h4>\n<p>Im Januar 1988 wurden innerhalb von acht Tagen zw\u00f6lf Oppositionelle im Zusammenhang mit der Luxemburg-Liebknecht-Demo verhaftet. Die Desinformation des sp\u00e4ter als Stasi-Mitarbeiter entlarvten Rechtsanwaltes Schnur trug das Ihrige dazu bei, den gr\u00f6\u00dften Teil der Inhaftierten dazu zu bewegen, Richtung Westen auszuweichen. Die Solidarit\u00e4tsbewegung brach zusammen. Der m\u00f6gliche vorgezogene Herbst 1989 fiel aus. Frust und das Gef\u00fchl der L\u00e4hmung blieben zu-r\u00fcck.<br \/>\nDie Stasi \u00fcberwachte weiter wie gehabt. Abgeh\u00f6rte Telefone, ge\u00f6ffnete Briefe, zwei bis sechs Autos mit je drei Personen verfolgten uns bei entsprechenden Anl\u00e4ssen (politische Feiertage, Besuch hoher ausl\u00e4ndischer G\u00e4ste in der Stadt etc.).<br \/>\nZum Repertoire geh\u00f6rten auch konspirative Hausdurchsuchungen, bei denen manchmal ganze Stra\u00dfenz\u00fcge abgesperrt wurden, um nicht erwischt zu werden.<\/p>\n<p>Zog ich morgens das Rollo hoch und blickte aus dem Fenster, stand des \u00f6fteren ein Auto mit einem zeitunglesenden Mann gegen\u00fcber. Nach einigen Stunden war er immer noch da oder hatte seinen Standort eine Ecke weiter gew\u00e4hlt. In den letzten Monaten vor dem Ende der Stasi-Herrschaft konnte es den Beobachtern schon passieren, da\u00df sie von Passanten oder Nachbarn der Bewachten regelrecht angemacht wurden wegen des faulen Lebens und der Vergeudung der Steuergelder. Manche Autobesatzungen lagen dann auch in ihren Wagen, um nicht bemerkt zu werden. Aber das half ihnen nichts, denn der Mut hineinzusehen, war bei vielen gewachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Reinhard Schult Vorbemerkung der Redaktion: Stasi-Opfer als Stasi-Aufl\u00f6ser &#8211; ein Wirklichkeit gewordener Traum? 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