{"id":4992,"date":"1989-08-15T01:28:17","date_gmt":"1989-08-15T01:28:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4992"},"modified":"1989-08-15T01:28:17","modified_gmt":"1989-08-15T01:28:17","slug":"literatur-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4992","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gary T. Marx: Undercover &#8222;Police Surveillance in America&#8220;,<\/strong><br \/>\n<strong> University of California Press 1988<\/strong><\/p>\n<p>Nicht nur in der Bundesrepublik, auch in den USA spielen sich gegenw\u00e4rtig wichtige Entwicklungen im Bereich verdeckter polizeilicher Kontrolle ab.<br \/>\nF\u00fcr die USA belegt dies die empirische Untersuchung von Marx, der bereits seit Jahren zu diesem Themenbereich publiziert. Bundes-republikanische Polizeifor-scher werden mit neidgetr\u00e4nktem Staunen die empirische Basis dieses Buches zur Kenntnis nehmen, offenbart diese doch eine ungetr\u00fcbte Kooperations- und Informationsbereitschaft auch gegen\u00fcber Polizeiforschern, die nicht im polizeilichen Solde stehen. In diesem Sachverhalt dr\u00fcckt sich ein offensichtlicher Unterschied zu den Verh\u00e4ltnissen hierzulande aus. <!--more-->Der Autor &#8211; Professor am MIT &#8211; kommt aus der amerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung.<br \/>\nNach einer knappen historischen und komparativ verfahrenen Darstellung der Geschichte verdeckter polizeilicher Kontrolle werden Bedingungsgef\u00fcge und Elemente der aktuellen Entwicklung skizziert und er\u00f6rtert. Der Befund ist ein-deutig: welcher Datenreihe man sich immer zuwenden mag, ob dem Indikator personeller oder finanzieller Ausstattung, seit Beginn der siebziger Jahre l\u00e4\u00dft sich im Bereich verdeckter polizeilicher Kontrolle ein quantitativer und qualitativer Wandel verzeichnen.<br \/>\nQualilativ dadurch, da\u00df verdeckte polizeiliche T\u00e4tigkeiten zum systematischen Bestandteil komplexer polizeilicher Kontrollstrategien werden. Nicht der einsame UCA, wie aus hiesigen Kriminalfilmserien bekannt, regiert das Feld, sondern der UCA als Teil des Einsatzes arbeitsteilig verfahrender Organisa-tionseinheiten.<\/p>\n<p>Bestechend bei der Diskussion der Elemente und des Bedinungsgef\u00fcges dieser Entwicklung ist die Mehrdimensionalit\u00e4t, in welcher der Autor verf\u00e4hrt. Soziale und kriminologische Aspekte kommen ebenso zur Sprache, wie die Be-deutung der Rechtssprechung und Gesetzgebung f\u00fcr diese Entwicklung. Da\u00df die polizeiliche Art und Weise der Beweismittelbeschaffung immer auch vor dem Hintergrund des jeweiligen Verfahrensrechts zu sehen ist, da\u00df die Probleme der Beweismittelbeschaffung schon durch die jeweilige Strafnorm konturiert werden, das leuchtet zwar jedem ein, wird aber hierzulande selten zum Bezugspunkt der Analyse polizeilicher T\u00e4tigkeit.<br \/>\nDa\u00df verdeckte polizeiliche Kontrolle funktioniert oder doch funktionieren kann, in dem Sinne, da\u00df nur dadurch manchem der Anh\u00e4nger kriminell umgeh\u00e4ngt werden kann, da\u00df es dadurch zu Festnahmen kommt, welche sonst unterblieben w\u00e4ren, ist unmittelbar plausibel und wird vom Autor mit Daten belegt.<br \/>\nDas Verdienst der Arbeit von Marx liegt aber darin, da\u00df er vor allem Preis und Folgekosten, die &#8222;unintended consequenses&#8220; verdeckter polizeilicher Kontrolle in das<br \/>\nZentrum seiner Untersuchung r\u00fcckt, also gerade den Bereich, welchen die polizeilichen Apologeten unterschlagen.<br \/>\nUntersucht wird dies in der Dimension der Auswirkungen dieser polizeilichen T\u00e4tigkeit auf T\u00e4ter, unbeteiligte Dritte und die Polizei. Aufgefordert, das Ergebnis in einer These zusammenzufassen, w\u00fcrde ich formulieren, da\u00df verdeckte polizeiliche Kontrolle wie ein kriminogenes Biotop wirkt, versteht man darunter einen Bereich, in dem die Kunst zur vollsten Bl\u00fcte gedeiht, 1.) Personen die Bezeichnung &#8222;kriminell&#8220; anzuh\u00e4ngen, 2.) aus dieser Macht oder F\u00e4higkeit das verschiedenste Kapital zu schlagen, 3.) Beweismittel zu produzieren f\u00fcr jeweils ben\u00f6tigte Zwecke.<br \/>\nIn diesem Biotop gedeihen Figuren wie Police Officer Lawrence aus Vermont, der in 5 Dienstjahren an rund 600 Verurteilungen im Drogenbereich mitwirkte. Da\u00df die auf Grund seiner Zeugenaussagen Verurteilten sp\u00e4ter wieder begnadigt werden mu\u00dften, verdankten sie der Einsicht eines anderen UCA, der &#8211; auf Law-rence angesetzt &#8211; dessen Arbeitsprinzip enth\u00fcllte; angezeigt wurde, wer Lawrence ge\u00e4rgert hatte, so etwa Frauen, die nicht mit ihm schlafen wollten. Drogen als Beweismittel gegen die Angezeigten f\u00fchrte Lawrence immer schon mit sich &#8211; ein Fall von vielen, den Marx anf\u00fchrt. Die H\u00e4ufung der angef\u00fchrten F\u00e4lle belegt, da\u00df solche Praktiken sich dort festsetzen, wo verdeckte po-lizeiliche Kontrolle f\u00fcr erforderlich gehalten wird.<br \/>\nGerade wenn man den Preis dieser Art polizeilicher T\u00e4tigkeit kennt, wird die Kontrolle der Polizei zu einem vorrangigen Thema. Wie sollte aber eine demokratische und effektive Kontrolle verdeckter polizeilicher T\u00e4tigkeit m\u00f6glich sein?<br \/>\nDer Autor beschreibt zun\u00e4chst die internen Kontrollmechanismen und weist darauf hin, da\u00df in den USA zuerst versucht wurde, die zus\u00e4tzlichen Kontrollprobleme intern zu bew\u00e4ltigen. Zu Recht bemerkt er, da\u00df solches nicht gen\u00fcgt, da die entscheidende Frage lautet, wer denn die W\u00e4chter bewacht? Marx er\u00f6rtert dann die externen Kontrollmechnanismen (Kommissionen\/ Gerichte), ohne aber eine eindeuti-ge Aussage zu formulieren, ob eine halbwegs effektive Kon-trolle polizeilicher T\u00e4tigkeit in diesem Bereich \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist. Ich habe den Eindruck, da\u00df Marx hier stark auf so etwas wie eine demokratische Kultur und Kultur der Fairness in den USA setzt.<br \/>\nEines l\u00e4\u00dft sich mit diesem Buch unschwer belegen: verdeckte polizeiliche T\u00e4tigkeit ist gerade darauf angewiesen, sich jeder au\u00dferapparativen Kontrolle zu entziehen, um verdeckt zu bleiben. In diesem Bereich bewacht der W\u00e4chter sich selbst.<br \/>\n<strong><br \/>\nHelmut Willems\/ Roland Eckert\/ Harald Goldbach\/ Toni Loosen:<br \/>\nDemonstranten und Polizisten &#8211; Motive, Erfahrungen und Eskalationsbedingungen &#8211; Ein Forschungsbericht, M\u00fcnchen 1988<\/strong><\/p>\n<p>Die Studie verspricht, Eskalationsprozessen zwischen Polizisten und Demonstranten auf die Spur zu kommen, indem Perspektiven, Wahrnehmungsmuster und damit verbundene Handlungsbereitschaften von Polizisten den Perspektiven und Realit\u00e4tskonstruktionen von Demonstranten gegen\u00fcbergestellt werden. Zugleich wird versucht, Ver\u00e4nderungen dieser Perspektiven und Handlungsbereit-schaften auf dem Hintergrund unterschiedlich langer Konflikterfahrungen zu erfassen.<br \/>\nDie Autoren betonen, da\u00df das Handeln der Polizei &#8222;in Aktion&#8220; nicht zureichend verstanden werden k\u00f6nne, wenn man es allein aus seiner Rechtsbindung zu erkl\u00e4ren suche: &#8222;Um das Handeln der Polizei in \u00f6ffentlichen politischen Konflikten zu erkl\u00e4ren, reicht es nicht, lediglich die typischen Merkmale ihrer Strukturen und ihrer institutionellen Verfa\u00dftheit im Rahmen des politischen Systems zu analysieren.&#8220;(S.23) Vielmehr m\u00fc\u00dften &#8222;Elemente der individuellen und kollektiven Wahrnehmung und Interpretation&#8220; von Konflik-tabl\u00e4ufen und Konfliktgegnern in ihrer Dynamik herausgearbeitet werden, um Eskalationsprozesse durchsichtig zu machen &#8211; dies schlie\u00dflich auch mit dem Ziel, Eskalationsprozessen dadurch zu begegnen, das Verst\u00e4ndigungsprobleme abgebaut w\u00fcrden.<br \/>\nZu diesen Behufe hat die Forschungsgruppe, theoretisch am symbolischen Interaktionismus orientiert (S.24), mit der Methode der Gruppendiskussion sich bem\u00fcht, &#8222;die Bewu\u00dftseinsinhalte, d.h. die Meinungen, Einstellungen, Reali-t\u00e4tsinterpretationen einmal von Polizeibeamten in Bezug auf De-monstrationseins\u00e4tze und zum anderen von Protestgruppen hinsichtlich ihrer Beteiligung an einer Blockadeaktion&#8220; (S.30) zu erheben.<br \/>\nBei den Polizisten handelte es sich um rheinland-pf\u00e4lzische Bepo-Beamte, \u00fcberwiegend mit Einsatzerfahrungen in Brokdorf und an der Startbahn West; bei den Demonstranten um Leute aus dem nicht-militanten Teil der Friedensbewegung, die vor allem Erfahrungen mit der Polizei bei der Blockade der US-Air-Base in Bitburg (September 1983) gemacht hatten.<br \/>\nUm in Erfahrung zu bringen, wie sich die Dauer der Organisationszugeh\u00f6rigkeit und die Akkumulation von Einsatz- und damit Konflikterfahrungen auf Motive, Wirklichkeitsinterpretationen und Handlungsbereitschaften der Polizisten auswirkt, wurde die Gruppendiskussion mit Polizisten in 3 voneinander getrennten Seminaren durchgef\u00fchrt: mit Polizisten, die noch in der Grundausbildung waren und keine Einsatzerfahrung hatten, mit Bereitschaftspolizisten, die bereits 3 &#8211; 4 Jahre in der Bepo Dienst geleistet hatten, und schlie\u00dflich mit Zug- und Hundertschaftsf\u00fchrern, die als Teil des Stammpersonals der Bepo und als Vorgesetze bereits \u00fcber langj\u00e4hrige Einsatzerfahrungen verf\u00fcgten.<br \/>\nEin Urteil vorweg:<br \/>\nUnbeschadet methodischer und erheblicher theoretischer Einw\u00e4nde, auf die noch kurz zur\u00fcckzukommen sein wird, lohnt es sich, die Studie zu lesen. Sie liefert ohne Zweifel einigen Einblick in die Lebenswelt von Polizisten, in deren Pr\u00e4gung durch die berufliche Aufgabe und in den organisatorischen Rahmen, innerhalb dessen man zum Polizisten erzogen wird. Sie gibt Hinweise auf typische Formen der Verarbeitung spezifischer beruflicher Konflikte und veranschaulicht insgesamt, da\u00df Polizisten nicht geboren, sondern gemacht werden.<br \/>\nZwar sind die vielf\u00e4ltigen Instrumente der Abrichtung junger Menschen zu Polizisten nicht unmittelbarer Gegenstand dieser Studie. Gleichwohl liefert sie hinreichend Indizien f\u00fcr die Ghettoisierung von Polizisten, wenn sie ihr &#8222;Noviziat&#8220; bei der Bereitschaftspolizei beginnen; f\u00fcr die Entwicklung einer prinzipiell mi\u00dftrauischen Haltung nach au\u00dfen als einer berufstypischen Pr\u00e4gung, die wiederum Einflu\u00df hat auf Handlungsoptionen; es gibt Indizien f\u00fcr organisationspezifische Entlastungen von individuellen Skrupeln beim Vollzug polizeilicher Aufgaben in einem System strenger Hierarchie und Ver-antwortungsdelegation; man erh\u00e4lt durch die Selbstinterpretation der Polizisten Hinweise darauf, wie es in b\u00fcrokratischen Organisationen gelingt, den Vollzug der Organisationsaufgaben abzul\u00f6sen von den pers\u00f6nlichen Motiven der Besch\u00e4ftigten bis hin zur Alltagsf\u00e4higkeit von Besch\u00e4ftigten in jedweder b\u00fcrokratischen Organisation, auf Anweisung auch gegen eigene Interessen und politische Orientierungen zu handeln etc.<br \/>\nAuch da\u00df und wie physische Gewalt langsam zur Routinehandlung wird bei Polizisten, die da einst als junge Leute u.a. mit der Vorstellung, in diesem Beruf anderen Menschen helfen zu k\u00f6nnen, sich f\u00fcr diese Laufbahn entschieden haben (ein Berufswahlmotiv, da\u00df auch andere Untersuchungen best\u00e4tigen und deutlich der Alltagsvorstellung speziell in linken Szenen widerspricht, da\u00df &#8222;Bullen&#8220; &#8222;Bullen&#8220; werden, weil sie als autorit\u00e4re Charaktere eine Affinit\u00e4t f\u00fcr diesen Beruf bereits vor dem Eintritt in diese Laufbahn h\u00e4tten), er-schlie\u00dft sich aus den Protokollen der Gruppendiskussionen.<br \/>\nDie L\u00f6sung f\u00fcr die beruflichen Konflikte sind spezifische Techniken der Neutralisation von Gewissenskonflikten (die Isolierung nach au\u00dfen und verst\u00e4rkte Orientierung an der Berufsgruppe, der R\u00fcckzug auf formale Rechtspositionen, Feindbilder, Entlastung durch Verantwortungsdelegation an Vorgesetzte etc.)- es sei denn, man w\u00e4hlt den Exit, indem die Uniform an den Nagel geh\u00e4ngt wird. In der Literatur gibt es Hinweise, da\u00df in den ersten 3 Ausbildungsjahren bis zu 30% den Beruf wechseln.<br \/>\nSoweit &#8211; und um eine F\u00fclle weiterer Hinweise \u00fcber das &#8222;Innenleben&#8220; von Polizisten und der Polizeiorganisation &#8211; lohnt es sich, diese Studie zu lesen, war mithin auch die Arbeit der Autorengruppe der M\u00fche wert.<br \/>\nAllerdings leistet diese Studie gerade keine Interaktionsanalyse sondern protokolliert nur Reflexionen \u00fcber Interaktionserfahrungen im Nachhinein, ohne da\u00df die Interaktionsprozesse selbst &#8211; und methodisch unabh\u00e4ngig von den Interpretationen dieser Interaktionen durch die Akteure &#8211; beobachtet, darge-stellt und gegebenenfalls quergelesen w\u00fcrden zu den Formen ihrer Verarbeitung und Deutung.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich sind die direkt wahrnehmenbaren Verhalten- und Interaktionsformen (die in dieser Studie nicht miterhoben wurden und damit auch nicht zur Interpretation der geistigen Verarbeitung dieser Erfahrungen herangezogen werden konnten) und ihre Interpretation durch die Akteure ein sinnvoller Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung, will man sich nicht einen sozialwissenschaftlichen Objektivismus oder Strukturalismus zu Schulden kommen lassen, der unterschl\u00e4gt, da\u00df Menschen ihre Geschichte selbst machen. Die Frage ist nur, ob ein solcher Gegenstandsbereich auch zugleich Ausgangspunkt der theoretischen Erkl\u00e4rung sein kann oder ob die wissenschaftlichere Erkl\u00e4rung nicht erst da beginnt, wo \u00fcber die Pr\u00e4sentation des Unmittelbaren hinaus dessen vielf\u00e4ltige strukturelle Vermittlung zu analy-sieren w\u00e4re.<br \/>\nZu streiten ist \u00fcber die nur in Andeutungen formulierten theoretischen Position der Autorengruppe und die ihr entsprechenden Interpretationen und Schlu\u00dffolgerungen. Sie beziehen in ihren Interpretationen mehr oder weniger konsistent die Position der ethnomethodologischen Indifferenz: es gibt eine Vielfalt gleichberechtigter Wirklichkeiten und Wirklichkeitsinterpretationen, deren Inkongruenz zu Konflikten f\u00fchrt. Soziale Konflikte auf die unmittelbaren Beziehungen\/Interaktionen zwischen den beteiligten Akteuren zur\u00fcckzuf\u00fchren respektive auf die Vorstellungen, die sie sich davon machen, mit der entsprechenden Hoffnung (eine Hoffnung, die auch gerade bei den j\u00fcngeren Polizisten in dieser Untersuchung durchaus sympathisch auftaucht), da\u00df der herrschaftsfreie Dialog die kognitiven Dissonanzen und damit Eskalati-onsgefahren zwischen den Konfliktparteien aufl\u00f6sen k\u00f6nnte, erinnert doch sehr an die Auseinandersetzung von Marx\/Engels mit Max Stirner in der &#8222;Deutschen Ideologie&#8220;. (MEW, Bd. 3, S.422) Bedarf es wirklich nur der Anstrengung von Demonstranten und Polizisten, sich die &#8222;Vorstellung ihres Gegensatzes&#8220; aus dem Kopf zu schlagen, also das Bewu\u00dftsein\/ihre Perspektiven und Wirk-lichkeitsentw\u00fcrfe zu \u00e4ndern und einander anzupassen, um die Wirklichkeit sozialer Verh\u00e4ltnisse und Herrschaftsbeziehungen aufzul\u00f6sen?<br \/>\nEine Studie \u00fcber die Polizei, also \u00fcber den Arkanapparat staatlicher Herrschaft, die die herrschaftliche Funktion des staatlichen Gewaltmonopols an keiner Stelle thematisiert, verweist darauf, da\u00df die ethnomethodologische Position einer Vielfalt von gleichberechtigten Wirklichkeitsentw\u00fcrfen, die sich konflikthaft gegen\u00fcberstehen, von den Autoren selbst keineswegs durchgehalten wird. Praktisch verhalten sie sich durchaus parteiisch &#8211; und sei es nur durch das Nichtsaussprechen dieses zentralen Moments unserer Gesellschaft.<br \/>\nAber nur dann w\u00fcrde sich auch die Logik und Notwendigkeit der in dieser Studie in den Transkriptionspassagen der Gruppendiskussion mit Polizisten angesprochenen Mechanismen der Abrichtung von Menschen zu Polizisten begreifen und vermitteln lassen. Die unterschiedlichen Wirklichkeitskonstruktionen und -perspektiven sind, darauf ist zu beharren, aus den objektiven sozialen Verh\u00e4ltnissen mit Zwangsl\u00e4ufigkeit resultierendes &#8222;falsches Bewu\u00dftsein&#8220; oder, wie es Bourdieu formuliert, &#8222;wohlbegr\u00fcndete Irrt\u00fcmer&#8220;. Da\u00df die Aufgabe der Polizei als Herrschaftsapparat wie die spezifischen Formen, inder Polizisten organisiert und gef\u00fchrt werden, entsprechend &#8222;wohlbegr\u00fcndete Irrt\u00fcmer&#8220; produziert &#8211; gerade hierf\u00fcr liefert diese Studie eine Reihe von Hinweisen, ohne da\u00df dies selbst explizites Thema der Studie w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Wilfried Thewes:<br \/>\nRettungs- oder Todesschu\u00df? &#8211; Pro und Contra zum polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz mit der Absicht oder dem Risiko der T\u00f6tung, Hilden 1988<br \/>\n<\/strong><br \/>\nDer Autor, Polizeioberrat und Leiter einer saarl\u00e4ndischen Polizeiinspektion, hat mit dieser Studie zum Dr. jur. promoviert. Wer einen \u00dcberblick \u00fcber die seit mehr denn 10 Jahren gef\u00fchrte juristische Diskussion um die Verrechtli-chung des T\u00f6tens als hoheitliche Handlung gewinnen will, ist gut beraten, sich die Arbeit anzuschauen, denn wellenweise hat diese Frage immer wieder erneut politische Konjunktur. Die CDU\/CSU-L\u00e4nder Bayern, Baden-W\u00fcrttemberg und Rheinland-Pfalz haben vor Jahren schon die im Musterentwurf PolG der IMK von 1974\/76 vorgeschlagene Todesschu\u00dfregelung \u00fcbernommen.<br \/>\nWer erwartet, da\u00df hier ein Polizeipraktiker nicht nur rechtsdogmatische Fragen ausw\u00e4lzt, sondern vor dem Hintergrund t\u00f6dlich ausgehender F\u00e4lle polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatzes auch anhand der Rechtsempirie diskutiert, wird entt\u00e4uscht sein. Es ist eine Arbeit, die nahezu ausschlie\u00dflich juristisch argumentiert und genauso von jedem x-beliebigen Juristen h\u00e4tte geschrieben werden k\u00f6nnen &#8211; schade.<br \/>\nDa\u00df mit der Forderung nach der Verrechtlichung des T\u00f6tens als staatliche Befugnis keine &#8222;rechtlichen&#8220;, sondern vor allem politische Ziele verfolgt werden, da\u00df es um das Primat staatlicher Autorit\u00e4t gegen\u00fcber dem Opferschutz geht, h\u00e4tte der Polizeioberrat in der PDV 132 nachlesen k\u00f6nnen: &#8222;Bei der Befreiung von Geiseln l\u00e4\u00dft sich nicht jedes Risiko ausschlie\u00dfen. Bei \u00fcbergeordnetem Interesse kann im Einzelfall eine erh\u00f6hte Gef\u00e4hrdung der Geiseln unumg\u00e4nglich sein.&#8220;<br \/>\nPolitisch geht es im Kern darum, den Todesschu\u00df befehlen zu k\u00f6nnen, oder, wie es vor langen Jahren Manfred Schreiber, zuletzt unter Zimmermann Staatssekret\u00e4r im BMI, da einst im &#8222;Stern&#8220; (16.1.1975) formulierte:<br \/>\n&#8222;Wenn ich einem Polizeibeamten sage, jetzt m\u00fcssen Sie den Mann erschie\u00dfen!, dann antwortet der mir wom\u00f6glich: Ich kann das nicht verantworten. Wenn Sie den Mann erschie\u00dfen wollen, dann schie\u00dfen Sie ihn doch selbst tot.&#8220;<br \/>\nDer Autor pl\u00e4diert f\u00fcr eine f\u00f6rmliche rechtliche Befugnis zum t\u00f6dlichen Schu\u00dfwaffeneinsatz. Man mu\u00df ihm nicht unterstellen, da\u00df er mit diesem Pl\u00e4doyer sich als eifernder &#8222;Hartliner&#8220; ausweist. Vielmehr scheint er der Illusion aufzusitzen, da\u00df polizeilicher Schu\u00dfwaffeneinsatz (und seine Begrenzung) vorrangig eine Frage rechtlicher Formulierungen und Eingrenzungen sei. Eine Illusion, die bei einem Juristen noch hinnehmbar sein mag, bei einem Polizisten aber, der in schwierigen Situationen gegebenenfalls den Todesschu\u00df kommandieren darf, vermeidbare t\u00f6dliche Konsequenzen produzieren kann.<br \/>\nDer inzwischen pensionierte NRW-Polizei-Direktor Kurt Gintzel, selbst von Hause aus Jurist, erweist sich da als der bessere Polizeipraktiker. Er schrieb 1987 (Die Polizei, 1\/1987, S.21):<br \/>\n&#8222;Als Mittel der Konfliktbew\u00e4ltigung wurde \u00fcberwiegend angenommen, da\u00df der sog. Rettungsschu\u00df Lagebew\u00e4ltigung erm\u00f6gliche. Heute wissen wir, da\u00df nicht Gewalt, nicht Schu\u00dfwaffengebrauch, sondern Kommunikation das einzige Mittel ist, das wirklich Erfolg verspricht. Die insoweit vorliegende Bilanz l\u00e4\u00dft keinen Zweifel daran.&#8220;<\/p>\n<p>Die Erschie\u00dfung eines 13j\u00e4hrigen t\u00fcrkischen Jungen am 1.Juli d.J. in Essen &#8211; gewi\u00df nicht aus m\u00f6rderischer Absicht, sondern als Folge polizeilicher Routineprogramme in un\u00fcbersichtlichen Situationen &#8211; verweist darauf, wie wenig &#8222;das Recht&#8220; dazu verhilft, solche im Ergebnis m\u00f6rderischen L\u00f6sungen zu vermeiden. Genau darum geht es jedoch &#8211; nicht darum, da\u00df die Polizisten etwa in dieser Situation berechtigt waren, mit t\u00f6dlichem Ergebnis zu schie\u00dfen. Da\u00df sie &#8222;im Recht waren&#8220;, sch\u00fctzt zwar die Polizisten unmittelbar vor straf-rechtlichen und disziplinarischen Sanktionen. Es hilft ihnen allerdings nur wenig, diese Situationen auch psychisch zu bew\u00e4ltigen. Denn da\u00df hinter polizeilichen Todessch\u00fcssen im Regelfall eine &#8222;Killermentalit\u00e4t&#8220; steht, ist eine dumme, linke Legende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gary T. Marx: Undercover &#8222;Police Surveillance in America&#8220;, University of California Press 1988 Nicht nur<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[39,148],"tags":[],"class_list":["post-4992","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-033","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4992","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4992"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4992\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}