{"id":4997,"date":"1989-08-15T01:35:12","date_gmt":"1989-08-15T01:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=4997"},"modified":"1989-08-15T01:35:12","modified_gmt":"1989-08-15T01:35:12","slug":"usa-polizeiliche-todesschuesse-und-getoetete-polizisten-1970-1984","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=4997","title":{"rendered":"USA: Polizeiliche Todessch\u00fcsse und get\u00f6tete Polizisten 1970 &#8211; 1984"},"content":{"rendered":"<h3>von Manfred Walter<\/h3>\n<p>Anders als in der Bundesrepublik ist in den USA die Entwicklung des polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatzes h\u00e4ufiger Gegenstand empirischer Un-tersuchungen. In einer Studie des CRIME CONTROL INSTITUTEs zum t\u00f6dlichen Schu\u00dfwaffeneinsatz in 50 amerikanischen St\u00e4dten mit \u00fcber 250.000 Einwohnern ermittelten die Autoren einen deutlichen R\u00fcckgang der Zahl der Todesopfer zwischen 1971 &#8211; 1984, die durch polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz ums Leben ka-men. Im folgenden werden einige Ergebnisse dieser Studie vorgestellt. <!--more--><\/p>\n<p>Die Autoren Sherman und Cohn st\u00fctzten sich bei ihrer Untersuchung haupts\u00e4chlich auf eine Umfrage zum polizeilichen Schu\u00df-waffeneinsatz bei verschiedenen gr\u00f6\u00dferen st\u00e4dtischen Polizeibe-h\u00f6rden, au\u00dferdem werteten sie polizeiinterne Untersuchungs-berichte zum Schu\u00dfwaffeneinsatz aus. Von den insgesamt 59 befrag-ten Polizeibeh\u00f6rden\u00a0 verweigerten 4 die Kooperation und 5 konnten kein zureichendes Zahlenmaterial liefern.<\/p>\n<p>In den verbleibenden 50 amerikanischen Gro\u00dfst\u00e4dten wurden\u00a0 im Zeitraum von 1970 &#8211; 1984 insgesamt 3.701 Personen durch den polizeilichen Einsatz von Schu\u00df-waffen get\u00f6tet. Innerhalb des Untersuchungszeitraums kam es zu einer signifikanten Abnahme von Todesf\u00e4llen. Durchschnittlich wurden in den fr\u00fchen siebziger Jahren (1970 -1975) j\u00e4hrlich 302 Personen von Polizeibeamten get\u00f6tet. Zwischen 1976 und 1980 reduzierte sich dieser Wert um 25% auf 226 Personen. In den folgenden vier Jahren sank der j\u00e4hrliche Durchschnittswert auf 190 Personen. Das entsprach einer 16 %igen Abnahme bezogen auf die sp\u00e4ten siebziger und einer 37 %igen Abnahme seit den fr\u00fchen siebziger Jahren.<\/p>\n<p>Die Autoren verglichen diese Entwicklung mit der Zahl der von Straft\u00e4tern get\u00f6teten Polizeibeamten in diesen St\u00e4dten. Im Zeitraum 1970 &#8211; 1975 wurden durch-schnittlich in allen 50 St\u00e4dten zusammengenommen 29 Polizeibe-amte j\u00e4hrlich get\u00f6tet. In den sp\u00e4ten siebziger Jahren sank dieser Wert auf durchschnittlich 14 Beamte (48%), um Anfang der achtziger Jahre (1980 -1984) auf 17 Beamte leicht anzusteigen. \u00dcber den gesamten Untersuchungs-zeitraum lie\u00df sich auch hier eine abnehmende Tendenz feststellen, die zwar nicht ganz so deutlich wie bei den polizeilichen Todes-sch\u00fcssen ausfiel, aber tendenziell einen \u00e4hnlichen Verlauf nahm.<\/p>\n<p>Weiterhin verglichen die Autoren diese relativ gleichl\u00e4ufigen Entwicklungen mit der Mordrate in diesen St\u00e4dten. Zun\u00e4chst stellten Sherman und Cohn einen Anstieg der T\u00f6tungen von 6392 F\u00e4llen im Jahr 1970 auf 8042 F\u00e4lle im Jahr 1974 fest. Danach sinkt die Zahl der Morde auf 7152 im Jahr 1977, steigt dann auf den H\u00f6chstwert von 8833 Todesopfern im Jahre 1980 an und f\u00e4llt bis 1984 wieder auf 7079 Opfer.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher festgestellt positive Korrelationen zwischen polizeilichem Schu\u00dfwaffeneinsatz mit Todesfolge<br \/>\nund der allgemeinen Mordrate finden die Autoren in ihrer Studie nicht best\u00e4tigt (Kania\/Mackey 1977; Jacobs\/Britt 1979; Sherman\/ Langworthy 1979; Fyfe 1980).<\/p>\n<p>In einem zweiten Schritt versuchen Sherman und Cohn, die Gesamtzahl der Todesopfer durch polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz nach verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen zu differenzieren. Ihr haupts\u00e4chliches Interesse galt dem Anteil der schwarzen Todesopfer. Bei diesen Untersuchungen konnten sie sich allerdings nicht auf selbst erhobene Daten st\u00fctzen, sondern mu\u00dften auf eine Studie der &#8222;National Urban League&#8220; zur\u00fcckgreifen, die f\u00fcr den Zeitraum von 1970 -1979 valide Daten vorgelegt hat. Als Datenbasis wurden an das FBI die &#8222;local police reports&#8220; \u00fcber justiziable polizeiliche Todessch\u00fcsse ausgewertet. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, da\u00df sich\u00a0 der Anteil wei\u00dfer Personen bei den Todesopfern \u00fcber die untersuchte Dekade kaum ver\u00e4nderte. Dagegen war beim Anteil der schwarzen Personen ein deutlicher Abfall zu verzeichnen. Demgegen-\u00fcber ver\u00e4nderte sich der Anteil\u00a0 festgenommener schwarzer Straf-t\u00e4ter im Untersuchungszeitraum nicht.<\/p>\n<p>Res\u00fcmierend stellen die Autoren fest :<\/p>\n<p>1) Anhand des ausgewerteten Zah-lenmaterials (Vergleich der Anzahl der polizeilichen Todessch\u00fcsse mit den Todesopfern als Folge von Gewaltverbrechen) lassen sich kei-ne generellen kausalen Zusammenh\u00e4nge zwischen dem t\u00f6dlichen po-lizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz einerseits und der Gewaltkri-minalit\u00e4t mit Todesfolge anderer-seits erkennen.<\/p>\n<p>2) Angesichts der festgestellten relativ gleichlaufenden Entwicklungen von po-lizeilichen Todessch\u00fcssen und get\u00f6teten Polizeibeamten bieten die Autoren drei m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze an:<br \/>\na) Der einzelne Polizeibeamte nutzt seinen Ermessensspielraum beim Einsatz der Schu\u00dfwaffe in Grenzsituationen gerade dann st\u00e4rker aus, wenn er sich in seiner Umgebung bedroht f\u00fchlt.<br \/>\nb) Je h\u00f6her die Anzahl der polizeilichen Todessch\u00fcsse, um so h\u00f6her ist die Wahrscheinlichkeit, da\u00df auch Polizeibeamte get\u00f6tet werden.<br \/>\nc) Das &#8222;polizeiliche Berufsrisiko&#8220;, get\u00f6tet zu werden, k\u00f6nnte von dem Anteil der jugendlichen M\u00e4nner in der Bev\u00f6lkerung oder von einem allgemeinen Werteverfall gegen\u00fcber staatlichen Autorit\u00e4ten abh\u00e4ngen.<br \/>\nAllerdings wird keine dieser Erkl\u00e4rungsversuche von den Autoren auf seine Plausibilit\u00e4t gepr\u00fcft.<\/p>\n<p>3) Rechtliche Ver\u00e4nderungen auf Bundesebene sowie in einzelnen Staaten haben keinen Einflu\u00df auf die starke Abnahme der polizeilichen Todessch\u00fcsse im Untersu-chungszeitraum gehabt. Die f\u00fcr diesen Bereich entscheidenden rechtlichen Ver\u00e4nderungen sind erst nach dem Untersuchungs-zeitraum in Kraft getreten.<\/p>\n<p>4) Weitere wichtige Faktoren bei der Erkl\u00e4rung des R\u00fcckgangs polizeilicher Todessch\u00fcsse sind nach Ansicht der Autoren der steigende politische Einflu\u00df der schwarzen Bev\u00f6lkerung in den St\u00e4dten, sowie der massive \u00f6ffentliche Protest nach Todessch\u00fcssen auf Schwarze, unbewaffnete Jugendliche etc., insbesondere in Gemeinden mit einem hohen schwarzen Bev\u00f6lkerungsanteil.<br \/>\nDieser Protest hat nach Sherman und Cohn ma\u00dfgeblich zu einer Versch\u00e4rfung der disziplinarischen Ma\u00dfnahmen gegen\u00fcber Polizeibeamten beigetragen und die Institutionalisierung von unabh\u00e4ngigen Untersuchungskommissionen beschleunigt (z.B. Firearms Dischar-ge Review Board, New York). Gleichzeitig reagierten die Poli-zeibeh\u00f6rden Ende der siebziger Jahre mit ver\u00e4nderten Ausbil-dungsprogrammen f\u00fcr das Schu\u00df-waffentraining (Anti-Stress-Programme, Nichtschie\u00df\/ Ausbildung etc.).<\/p>\n<p>5) Au\u00dferdem ist nach Ansicht der Autoren die reglemtierende Wirkung von Zivilgerichtsverfahren auf den polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz nicht zu untersch\u00e4tzen. Sie verweisen hierbei nicht nur auf die erheblichen Regre\u00df-forderungen, die den Hinterbliebenen von einzelnen Gerichten zu gesprochen worden sind, sondern auch auf den erheblichen psychischen Druck, der auf dem einzelnen Polizeibeamten lastet, wenn er sich einem langwierigen Gerichtsverfahren zu stellen hat. Erw\u00e4hnenswert ist in diesem Zusammenhang noch das Ergebnis einer Studie \u00fcber\u00a0 Kansas City, wonach Beamte, die von der Schu\u00dfwaffe Gebrauch gemacht haben, im Durchschnitt einige Jahre fr\u00fcher als andere Beamte aus dem Dienst ausscheiden.)<\/p>\n<p>Insgesamt sehen die Autoren den Grund f\u00fcr die starke Abnahme der polizeilichen Todesch\u00fcssen in einer \u00c4nderung der Sicherheitspolitik und ihrer praktischen Umsetzung, die wiederum durch eine verst\u00e4rkte politische Beteiligung der Schwarzen in den St\u00e4dten, durch Zivilgerichtsverfahren gegen Polizeibeamte und durch eine ver\u00e4nderte Polizeiausbildung beeinflu\u00dft wurde.<br \/>\nAbschlie\u00dfend mahnen die Autoren eine einheitliche Z\u00e4hlweise\u00a0 der polizeilichen Todessch\u00fcsse an und fordern ein &#8222;National Reporting Center&#8220;, an das alle lokalen Beh\u00f6rden und Bundesbeh\u00f6rden angeschlossen sein sollen, die ihren Mitarbeitern das Tragen von Waffen erlauben.\u00a0 Vorgeschrieben werden sollten Angaben zum Alter, zum Geschlecht und zur Rasse des Opfers\u00a0 und zu den je-weiligen Umst\u00e4nden, die zum Schu\u00dfwaffeneinsatz gef\u00fchrt haben. In einem j\u00e4hrlich erscheinenden Bulletin sollte diese Einrichtung detaillierte Statistiken zum polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatz ver\u00f6ffentlichen, denn &#8222;unge-achtet der Tatsache, wie gerechtfertigt die Todessch\u00fcsse im Einzelnen sein m\u00f6gen, die\/der Regierung\/Staat kann nur dann die Verantwortung f\u00fcr den Einsatz ihrer\/seiner Gewaltmittel \u00fcbernehmen wenn die \u00d6ffentlichkeit Zugang zu verl\u00e4\u00df-lichen Informationen hat&#8220; (S.20).<\/p>\n<h6>Quelle:<br \/>\nSherman, L.W.; Cohen,Ellen G.; et. al.<br \/>\nCitizen killed by Big City Police, 1970 -1984,<br \/>\nCrime Control Institute, October 1986,<br \/>\n1063 Thomas Jefferson St., N.W.<br \/>\nWashington DC 20007<\/h6>\n<h4>Weitere Literatur:<\/h4>\n<p>Fyfe, James, Geographic Correlates of Police Shooting: A Micro &#8211; Analysis, in: Journal of Research in Crime and Delinquency, 1980 Nr. 17\u00a0 S.101-113<br \/>\nJacobs, D., Britt, D., Inequality and Police Use of deadly Force: An Empirical assesment of Conflict Hypothesis, in: Social Forces, 1979, Nr. 26, S. 403-412<br \/>\nKania, Richard R.E., Mackey,W.C., Police Violence as a Function of Community Characteristics, in: Criminolgy 1977, Nr. 15, S. 27-48<br \/>\nLangworthy, Robert (forthcoming), Police Shooting and Criminal Homicide: The Temporal Relationship, in: Journal of Quantitative Criminology<br \/>\nSherman, L. W., Langworthy, R., Measuring Homicide by Police Officers, in: Journal of Criminal Law and Criminology, 1979, No. 70, S.546-560<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Manfred Walter Anders als in der Bundesrepublik ist in den USA die Entwicklung des<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,39],"tags":[],"class_list":["post-4997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-033"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4997"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4997\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}