{"id":5011,"date":"1989-08-15T01:53:01","date_gmt":"1989-08-15T01:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=5011"},"modified":"1989-08-15T01:53:01","modified_gmt":"1989-08-15T01:53:01","slug":"mai-randale-89-in-berlin-kreuzberg-obristenrevolte-gegen-rot-gruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=5011","title":{"rendered":"Mai-Randale 89 in Berlin-Kreuzberg &#8211; Obristenrevolte gegen &#8222;Rot-Gr\u00fcn&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>von Otto Diederichs*\/ Till Meyer**<\/h3>\n<p>Der Einsatz am 1. Mai d.J. hat Berlins Polizei wieder einmal weit \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus ins Gerede gebracht. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind ebenso vielf\u00e4ltig wie die &#8222;Pannen&#8220;, die diesen Einsatz zu einem polizeilichen Desaster mit rund 320 &#8222;verletzten&#8220; Beamten machten. H\u00e4me \u00fcber einen dilettantischen Einsatz ist jedoch ebenso unangebracht wie Genugtuung \u00fcber die erste Bauchlandung des neuen rot-gr\u00fcnen Senats oder gar der Ruf nach mehr H\u00e4rte. Alles trifft in diesem Falle nicht, denn bei n\u00e4herem Hinsehen entpuppt sich das Ganze &#8211; so die These des folgenden Beitrages &#8211; als durchaus nicht ungeschickt eingef\u00e4deltes Komplott der Berliner Polizeif\u00fchrung. <!--more--><\/p>\n<h4>1. Vorgeschichte und politische Rahmenbedingungen<\/h4>\n<p>Ohne das spektakul\u00e4re Wahlergebnis vom 29. Januar, das SPD und AL \u00fcberraschend die M\u00f6glichkeit einer Koalitionsbildung bot und zur Abl\u00f6sung des bisherigen CDU\/FDP-Senats f\u00fchrte, w\u00e4re auch dieser 1. Mai in Berlin ebenso verlaufen, wie in den Jahren zuvor: die traditionellen Demonstrationen, das traditionelle &#8222;Lausefest&#8220; der linken und alternativen Gruppen auf dem Lausitzer Platz in Kreuzberg und gegen Abend die mittlerweile ebenso traditionelle Randale. Nun jedoch war alles irgendwie anders. Traditionell war lediglich auch diesmal die Randale.<\/p>\n<p>Zum richtigen Verst\u00e4ndnis der Vorg\u00e4nge um den diesj\u00e4hrigen 1. Mai sind zun\u00e4chst einige erkl\u00e4render R\u00fcckgriffe notwendig.<\/p>\n<h4>1.1 Berlin Kreuzberg, der 1. Mai und das &#8222;Lause&#8220;fest<\/h4>\n<p>Seit einigen Jahren geh\u00f6rt das Stra\u00dfenfest der Berliner Links- und Alternativszene auf dem Lausitzer Platz in Kreuzberg ebenso zum 1. Mai wie die Umz\u00fcge des DGB. Vom &#8222;Lauseplatz&#8220;, wie er salopp genannt wird, gingen in den Abendstunden des 1. Mai 1987 auch die l\u00e4ngst legend\u00e4ren Unruhen aus, die seinerzeit teilweise ganze Stra\u00dfenz\u00fcge erfa\u00dften und kurzfristig Z\u00fcge eines sozialen Aufstandes annahmen. \u00dcber Stunden hatte sich damals die geballte Polizeistreitmacht aus dem Inneren Kreuzbergs zur\u00fcckziehen m\u00fcssen, da sie die Lage nicht mehr beherrschen konnte. Au\u00dfer einigen Fensterreden trugen die verantwortlichen Politiker anschlie\u00dfend nichts zur Ver\u00e4nderung der von allen beklagten Situation in Kreuzberg bei. Und doch zeigte jene Nacht nachhaltige Wirkung: besonders in den K\u00f6pfen der sich autonom und antiimperialistisch verstehenden Szene gilt der 1. Mai 1987 seitdem als Symbol der eigenen St\u00e4rke. Daran anzukn\u00fcpfen ist teilweise zum Ritual geworden.<\/p>\n<p>Die Polizei hatte auf ihre damalige Niederlage mit der Aufstellung einer neuen Elite-Einheit, der<br \/>\n&#8222;Einsatzgruppe f\u00fcr besondere Lagen und einsatzbezogenes Training (EbLT)&#8220; reagiert (siehe CILIP Nr. 30, S. 10 ff.).<\/p>\n<p>Als Schl\u00e4gerkommando f\u00f6rmlich aus dem Boden gestampft, wurde sie bereits rund zwei Wochen sp\u00e4ter erstmalig eingesetzt und machte sich prompt einen schlechten Namen. Nichtsdestotrotz entwickelte sich die anfangs ca. 70 Mann starke Truppe zum Lieblingskind von Polizeif\u00fchrung und Innensenat. St\u00e4ndig weiterbeschult und zum Ausbildungsvorbild f\u00fcr s\u00e4mtliche Berliner Einsatzbereitschaften erhoben, erregte sie noch im gleichen Jahr bundesweites Aufsehen, als sie w\u00e4hrend eines Einsatzes an der inzwischen auf den Industriem\u00fcll geworfenen Atomfabrik im bayerischen Wackersdorf eine &#8222;Blutspur durch die Bundesrepublik&#8220; zog, wie es der ehemalige AL-Abgeordnete Wieland in seiner pathetischen Art ausdr\u00fcckte. Beim ersten Mai-Revival 1988 schlie\u00dflich fielen der &#8222;Schlag-drauf-und-Schlu\u00df&#8220;-Mentalit\u00e4t der EbLT nicht nur reihenweise Demonstranten und Zuschauer zum Opfer; auch Beobachter aus der Polizeif\u00fchrung, darunter ihr eigener Vorgesetzer, der f\u00fcr Berlins Geschlossene Einheiten zust\u00e4ndige Polizeidirektor Manthey, waren den Kn\u00fcppeln nicht entgangen. Einzelne Bereitschaftsf\u00fchrer hatten seinerzeit sogar erwogen, den Schl\u00e4gern ihre Einheiten entgegenzustellen, um das W\u00fcten der EbLT zu beenden.<\/p>\n<p>Um seinen Pr\u00e4torianern wenigstens noch Versetzungsw\u00fcnsche erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, wurde die Einheit von Innensenator Kewenig kurz vor der Amts\u00fcbergabe an seinen Nachfolger Erich P\u00e4tzold aufgel\u00f6st. Die EbLT bestand im Mai 1989 also nicht mehr, die Rechnung vom<br \/>\nVorjahr allerdings war noch nicht beglichen.<\/p>\n<h4>1.2 Ver\u00e4nderungen in der politischen F\u00fchrung der Stadt: der Berliner Senat<\/h4>\n<p>1981 l\u00f6ste die CDU erstmals in der Berliner Nachkriegsgeschichte die l\u00e4ngst v\u00f6llig verfilzte Sozialdemokratie von der Regierungsverantwortung ab. F\u00fcr den hier zur Debatte stehenden Bereich der inneren Sicherheit bedeutete das zun\u00e4chst einen Innensenator Heinrich Lummer; ein strammer law-and-order-Politiker mit unscharfen Konturen ins rechtsextreme Lager. Der populistische Lummer, der &#8222;Heinrich f\u00fcrs Grobe&#8220;, wie er von politischen Freunden und Feinden gleicherma\u00dfen tituliert wird, war bei der Polizei nicht unbeliebt. Selbst Berlins langj\u00e4hriger Polizeipr\u00e4sident Klaus H\u00fcbner (SPD) arrangierte sich mit ihm, obwohl er zuerst mit R\u00fccktritt gedroht hatte. Die durch die damaligen Hausbesetzungen stark gebeutelte Polizei fand Trost in den vollmundigen Worten Lummers. Dummerweise war ihr oberster Dienstherr etwas zu umtriebig und wann immer in Berlin von schwarzem Filz und Korruption die Rede war (und ist), taucht(e) irgendwann auch sein Name auf. Als Lummer aufgrund seiner Verstrickungen im Jahre 1986 nicht mehr zu halten war, erklomm im Zuge der notwendig werdenden Senatsumbildung der Verfassungsrechtler und bisherige Wissenschaftssenator Wilhelm A. Kewenig den Chefsessel im Innensenat. Als Staatssekret\u00e4r zur Seite stand ihm der noch von Lummer angeheuerte ehemalige Politstaatsanwalt Wolfgang M\u00fcllenbrock, ein Hardliner mit starker Affinit\u00e4t zum Geheimen. Insbesondere dieses Duo \u00fcberzog in der Folgezeit seinen Bereich mit einer rigorosen Personalpolitik. In der Innenverwaltung, der Polizei und beim Verfassungsschutz begann die gro\u00dfe Stunde f\u00fcr eiserne F\u00e4uste.<\/p>\n<p>Nach der Vereidigung des neuen SPD\/AL-Senats am 16.3.89 \u00fcbernahm der bisherige sicherheitspolitische Sprecher der SPD, Erich P\u00e4tzold, das Kommando im Innensenat.<\/p>\n<p>P\u00e4tzold, der zum rechten Fl\u00fcgel seiner Partei z\u00e4hlt, hat in den letzten ca. 2 Jahren einen erstaunlichen Lernproze\u00df durchgemacht. Insbesondere durch pers\u00f6nliche Erfahrungen bei der Beobachtung von Demonstrationen wie auch als Zielobjekt des Berliner Verfassungsschutzes hat er sich auf seine alten Tage noch zu einem scharfen Kritiker bestehender Sicherheitskonzepte gewandelt. Seine demonstrativ zur Schau getragene Sympathie f\u00fcr seine alternativen RegierungspartnerInnen d\u00fcrfte z.T. sogar echt sein.<br \/>\nBez\u00fcglich seiner neuen Aufgaben setzt P\u00e4tzold beim Verfassungsschutz auf mehr Offenheit und personellen Abbau; bei der Polizei vorwiegend auf Deeskalation. Dies entspricht im \u00fcbrigen auch den Koalitionsvereinbarungen von AL und SPD (vgl. die auszugsweise Dokumentation in diesem Heft).<\/p>\n<h4>1.3 Die Berliner Polizeif\u00fchrung<\/h4>\n<p>Ein Bild ganz besonderer Art bietet seit einigen Jahren die Berliner Polizei. Seit Jahrzehnten unter sozialdemokratischer Regierungsverantwortung &#8211; davon 18 Jahre lang gepr\u00e4gt durch den SPD-Polizeipr\u00e4sidenten Klaus H\u00fcbner &#8211; war der Machtwechsel von 1981 insbesondere f\u00fcr viele F\u00fchrungsbeamte ein traumatisches Erlebnis. Knallhart hatte vor allem das Brechstangengespann Kewenig\/ M\u00fcllenbrock mit seiner rigorosen Personalpolitik die sozialdemokratische Machtelite in der Innenverwaltung und der Polizei kaltgestellt, wo immer das Beamtenrecht dazu eine M\u00f6glichkeit bot. Die Reihen der &#8222;H\u00fcbnerianer&#8220; wurden konsequent gelichtet und mit Hardlinern aus dem Umfeld der CDU durchsetzt. Stark vertreten blieb die Kaste jener Opportunisten, denen die eigene Karriere stets die wichtigste \u00dcberzeugung ist. F\u00f6rmlich \u00fcber Nacht, so wird in Polizeikreisen kolportiert, h\u00e4tten nach dem Wahlsieg der CDU damals F\u00fchrungsbeamte ihre SPD-Parteib\u00fccher gegen die pl\u00f6tzlich aktuelleren getauscht. Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Polizisten (vgl. CILIP Nr.30, S.67) schmolz nach der Berliner Wende von rund 3.500 auf ca. 500 Mitglieder, die ihr die Treue hielten.<\/p>\n<p>Die installierte oberste Ebene der Polizeif\u00fchrung gleicht mittlerweile eher einer Operettenbesetzung. An ihrer Spitze steht als amtierender Polizeipr\u00e4sident Georg Schertz, ein Mann aus der Justizverwaltung. Nach dem 1. Mai 1987 wurde er binnen 14 Tagen in sein neues Amt gehoben. Klaus H\u00fcbner hatte, nach etlichen Schikanen, bereits zu Beginn des Jahres `87 seine Entlassung durchgesetzt, nachdem er nicht einmal mehr eigenverantwortlich \u00fcber die Bereifung seiner Dienstfahrzeuge entscheiden durfte. Die blitzartige Neu-besetzung nach wochenlanger Unt\u00e4tigkeit hatte einen Grund; Berlin erwartete den Besuch von US-Pr\u00e4sident Ronald Reagan. Nach dem Desaster am 1. Mai 1987 wurde deshalb dringend ein Kopf ben\u00f6tigt, den man bei einem \u00e4hnlichen Verlauf der angek\u00fcndigten Protestdemonstrationen dann problemlos rollen lassen k\u00f6nnte. Au\u00dfer dieser Eignung besitzt Schertz denn auch nichts, was einen Polizeif\u00fchrer normalerweise ausmacht (fehlenden &#8222;Stallgeruch&#8220; eingeschlossen), so da\u00df selbst die Underdogs im Polizeidienst, die Wachpolizisten, ungewohnt frech erz\u00e4hlen: &#8222;Der spielt doch nur den Polizeipr\u00e4sidenten.&#8220;<\/p>\n<p>Ihm zur Seite als Vizepr\u00e4sident steht Martin Lippock, der fr\u00fchere Leiter der Polizeiabteilung im Innensenat. Er verdankt sein P\u00f6stchen haupts\u00e4chlich seinem CDU-Parteibuch. Zwar \u00fcbernahm er sein Amt noch zu Zeiten sozialdemo-kratischer Stadtherr-schaft, doch galt damals auch noch der sp\u00e4ter von der CDU aufgek\u00fcndigte Grundsatz von der Verantwortungsgemeinschaft in Sicherheits-fragen. In concreto trat er \u00fcber die Jahre kaum in Erscheinung. Er ist ein schlichter Verwaltungs-mann, mittlerweile kurz vor der Pensionierung stehend und schwer krank.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chste in der Kleiderordnung folgen der Landespolizeidirektor und der Landeskriminaldirektor. Berlins oberster Kriminaler Hans-Joachim Leupoldt (parteilos) \u00fcbernahm diesen Posten im M\u00e4rz 1987 von Manfred Kittlaus, der ein knappes halbes Jahre zuvor auf den Sessel des rangh\u00f6chsten Schupos wechselte und damit in der Hierarchie den dritten Platz einnimmt. Sonderlich begeistert kann Leupoldt, ehemaliger Leiter der Direktion 5 (Kreuzberg\/Neuk\u00f6lln), der seinen &#8222;Sprung ins kalte Wasser&#8220; f\u00fcr &#8222;keine schlechte Methode zu lernen&#8220; ansieht, bei seiner Amtseinf\u00fchrung dennoch nicht gewesen sein, denn beworben hatte er sich urspr\u00fcnglich nicht. Dazu mu\u00dfte er von seinem Dienstherrn erst mit dem sanften Hinweis \u00fcberredet werden, ansonsten werde eben kein Kripobeamter diese Stelle erhalten, sondern ein Staatsanwalt. Der Appell an den D\u00fcnkel der Kriminalpolizei tat Wirkung und kurz vor Toresschlu\u00df ging Leupoldts Bewerbung beim Innensenat ein. Erwartungsgem\u00e4\u00df erhielt er die Ernennung. Seither f\u00fchrt Leupoldt sein Amt eher leise. \u00d6ffentlich tritt er kaum in Erscheinung und auch Internes wird kaum \u00fcber ihn kolportiert.<\/p>\n<p>Eine g\u00e4nzlich andere Erscheinung ist da schon sein Vorg\u00e4nger, der heutige Landespolizeidirektor Kittlaus. Der Werdegang des SPD-Rechtsauslegers gleicht einer Bilderbuchkarriere, nachdem ihm sein fr\u00fcherer Verwaltungsjob in der Bauabteilung zu langweilig geworden war. Von der Kripo im Bezirk Spandau f\u00fchrte ihn sein Weg \u00fcber die Mordkommission zum Staatsschutz, dessen Leiter er 1975 wurde.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chster Sprung erfolgte dann 1982 unter CDU-Regie, als er an seinem Vorgesetzten und Mitbewerber vorbei zum Landeskriminaldirektor bef\u00f6rdert wurde. Seit Herbst 1986 tr\u00e4gt er die Uniform mit den goldenen Eichenbl\u00e4ttern. Vorbei an allen bestehenden Befehlsstrukturen sollte ihm zum Jahreswechsel 1988\/89 die von der Innenverwaltung l\u00e4ngst auf 500 Mann hochgeplante Skandaleinheit EbLT direkt unterstellt werden. Obwohl nicht g\u00e4nzlich unumstritten, ist er der eigentliche starke Mann in Berlins Polizeif\u00fchrung. Bis zur Wahl am 29. Januar d.J. hatte er gute Aussichten, im Zuge der n\u00e4chsten, von Kewenig vorgesehenen Rochade Polizeipr\u00e4sident zu werden. Das ist nun pl\u00f6tzlich anders: jetzt kann man ihn einfach nicht mehr loswerden. Niemand wei\u00df das besser, als der Technokrat Kittlaus.<br \/>\nDies waren, knapp dargestellt, die haupts\u00e4chlichen Interessenkoordinaten, innerhalb derer sich der diesj\u00e4hrige 1. Mai abspielte.<\/p>\n<h4>2. Berlin-Kreuzberg, 1. Mai 1989<\/h4>\n<p>In ihren wesentlichen Z\u00fcgen waren diese &#8222;Koordinaten&#8220; auch den Beteiligten bekannt. Dennoch begaben sich SPD und AL mit unglaublicher Blau\u00e4ugigkeit in einen Tag, von dem sie h\u00e4tten wissen m\u00fcssen, da\u00df er leicht zur ersten echten Bew\u00e4hrungsprobe f\u00fcr die junge Koalition werden k\u00f6nnte. Au\u00dfer einem informellen Kontaktgespr\u00e4ch mit dem Einsatzf\u00fchrer einige Tage zuvor, fanden Vorbereitungen f\u00fcr ein eventuelles Krisenmanagement seitens der AL nicht statt. Zu verf\u00fchrerisch war offenbar der Gedanke, da\u00df dem, der reinen Herzens ist, auch nur reinen Herzens begegnet werden kann.<\/p>\n<p>Erich P\u00e4tzold, der neue Innensenator, verstiegt sich gar in die Idee, &#8222;als Friedensf\u00fcrst auf den Lausitzer Platz zu reiten&#8220;, wie es der CDU-Abgeordnete Landowsky sp\u00e4ter treffend formulierte. Ein von den Polizeioberen unter der Hand erstelltes Besprechungsprotokoll, das sp\u00e4ter noch eine wichtige Rolle spielte, h\u00e4lt zu diesem Punkt fest: &#8222;SenInn gibt bekannt, da\u00df er gegen 16.00 Uhr selbst auf dem Fest erscheinen wird und sich dort m\u00f6glicherweise mit Vertretern der AL (&#8230;) und der \u00f6rtlichen SPD treffen will&#8220;. Nur schwerlich war ihm diese Idee schlu\u00dfendlich wieder auszureden.<\/p>\n<p>Nicht so bei den eingangs skizzierten Teilen der Kreuzberger Szene. Sie bereitete sich vor und die Randale erfolgte denn auch prompt.<\/p>\n<h4>2.1 Die Kreuzberger Szene<\/h4>\n<p>Bereits in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai probte die Szene rund um den Heinrichplatz, im Herzen des Rabatzbezirkes SO 36, schon mal den Aufstand f\u00fcr den kommenden Tag. Gut 300 &#8222;Streetfighter&#8220; lieferten sich um ein sporadisch besetztes Haus bis weit nach Mitternacht ein Gepl\u00e4nkel mit der Polizei. Aber dieser &#8222;Probelauf&#8220; f\u00fcr den Tag darauf blieb folgenlos; als &#8222;Warnsignal&#8220; mochte die Polizeif\u00fchrung diese Auseinandersetzung nicht werten. Das ist bemerkenswert, denn Gr\u00fcnde daf\u00fcr gab es genug: Seit drei Monaten lief bereits der Hungerstreik von \u00fcber 40 Gefangenen aus der RAF und dem sogenannten Widerstand. Der Staat zeigte sich unnachgiebig und es stand zu bef\u00fcrchten, da\u00df eine\/r der Gefangenen im Hungerstreik sterben k\u00f6nnte. Diese festgefahrene Situation und die eigene Ohnmacht, daran etwas \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, war mit ein entscheidender Grund f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Szene, ihren Zorn an diesem 1. Mai abzulassen. Zum anderen hat sich die soziale Situation f\u00fcr Tausende von Menschen im Kreuzberger Ghetto-Bezirk SO 36 trotz vieler Versprechungen nicht ge\u00e4ndert. Diese Mischung aus Kr\u00e4ften, f\u00fcr die SO 36 das Hinterland f\u00fcr ihren Kampf gegen den &#8222;Bullenstaat&#8220; bildet, und den sozial Deklassierten, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben, brachte dann auch prompt am 1. Mai den von allen erwarteten Zoff. Was sich dann abspielte, hatte allerdings nichts mit einem &#8222;Riot&#8220; (Aufstand) zu tun, wie viele aus der Szene es gerne bewertet haben m\u00f6chten. Ganz davon abgesehen, da\u00df eine Stra\u00dfenschlacht mit der Polizei noch lange kein &#8222;Riot&#8220; ist, sa\u00dfen diesmal die Helfer der Randale auf Seiten der Polizei selbst. Denn ebenfalls vorbereitet, wenn auch ganz anders, war die Polizeif\u00fchrung.<\/p>\n<h4>2.2 Die Planungen der Polizei und ihrer politischer F\u00fchrung<\/h4>\n<p>In der Einsatzbesprechung am 24. und 27. April legte die Polizeif\u00fchrung P\u00e4tzold ihren Plan &#8211; Codewort &#8222;Trabant&#8220; &#8211; f\u00fcr den 1. Mai vor. Anwesend waren:<br \/>\nDer Innensenator P\u00e4tzold, sein Polizeipr\u00e4sident Schertz, der vorgesehene Leiter des 1. Mai-Einsatzes, den leitenden Polizeidirektor Heinz Ernst von der Kreuzberger Direktion 5, Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus und die Polizeif\u00fchrer Kr\u00e4hn und Fischer. Der von Ihnen vorgelegte Plan hatte alle Eventualit\u00e4ten einbezogen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Fall eines unfriedlichen Verlaufs der &#8222;revolution\u00e4ren 1. Mai-Demonstration&#8220; sollten starke Polizeikr\u00e4fte in der N\u00e4he des Demonstrationszuges bereitstehen, um einen &#8222;schnellstm\u00f6glichen \u00dcbergang in Phase II &#8211; unfriedlicher Verlauf&#8220; mit den Zielen sicherzustellen:<\/p>\n<p>* Besetzen von Stationspunkten und Betreiben von Raumschutz-ma\u00dfnahmen, Unterbindung von un-friedlichen Aktionen,<br \/>\n* Verhindern und Unterbinden von Straftaten und St\u00f6rungen,<br \/>\n* gezielte Festnahmen von Straf-t\u00e4tern und St\u00f6rern,<br \/>\n* \u00dcberwachung von Gefahrenstellen,<br \/>\n* Bereithalten der nichteingesetzten Kr\u00e4fte innerhalb des Abschnitts an verdecktem Ort,<br \/>\n* weitere Kr\u00e4fte an taktisch g\u00fcnstigen Punkten s\u00fcdlich des Landwehrkanals bereitzuhalten,<br \/>\n* \u00dcberwachen der Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen und Einkaufszentren,<br \/>\n* Durchf\u00fchren von \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen und Vorkontrollen am Demo-Sammelplatz,<br \/>\n* seitliche Begleitung erkannter &#8222;St\u00f6rer&#8220;,<br \/>\n* Verhinderung von Ausschreitungen gegen bzw. aus dem Aufzug,<br \/>\n* Durchsetzen des Vermummungsverbotes,<br \/>\n* Objektschutz entlang der Marschstrecke,<br \/>\n* Verhinderung des Abmarsches eines geschlossenen St\u00f6rerblocks.<br \/>\nSoweit einige Details aus der Planung der Polizei f\u00fcr den Einsatz am 1. Mai. Daf\u00fcr standen folgende Polizeikr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung:<br \/>\nZu Beginn des Einsatzes gegen<br \/>\n&#8211; 13.00 Uhr: 1.087 Beamte,<br \/>\n&#8211; 14.52 Uhr: 1.209 Beamte,<br \/>\n&#8211; 15.12 Uhr: 1.344 Beamte,<br \/>\n&#8211; 19.53 Uhr: 1.479 Beamte,<br \/>\n&#8211; 21.38 Uhr: 1.562 Beamte,<br \/>\ndie dann bis 22.00 Uhr auf 1.765 Beamte, einschlie\u00dflich der Sondereinheit SEK, verst\u00e4rkt wurden. Aber zu dieser Zeit hatte sich der Polizeieinsatz l\u00e4ngst zu einem massiven Desaster entwickelt.<\/p>\n<p>Aber kehren wir erst einmal zur\u00fcck zu den Besprechungen der Polizeif\u00fchrung mit ihrem Senator am 24. April und &#8211; auf Wunsch der Polizei &#8211; nochmals am 27. April. P\u00e4tzolds Vorgaben waren klar:<br \/>\n* Gegen Gewaltt\u00e4ter ist entschlossen vorzugehen, aber im Verh\u00e4ltnis zu allen anderen B\u00fcrgern sei gro\u00dfe Sensibilit\u00e4t zu zeigen.<br \/>\n* Unabh\u00e4ngig von allgemein vereinbarten Leitlinien solle jeder verantwortliche Polizeif\u00fchrer selbst entscheiden, welche gebotenen Ma\u00dfnahmen er f\u00fcr die jeweilige Situation trifft, um Auschreitungen zu verhindern.<\/p>\n<p>Die Polizeif\u00fchrer interpretierten die politischen Vorgaben des Senators auf ihre Weise um und fertigten \u00fcber beide Gespr\u00e4che ein Protokoll. Das legten sie zwar nicht mehr dem Senator vor, der erst sp\u00e4ter aus der Springerpresse \u00fcberhaupt von dessen Existenz erfuhr, sondern gaben es quasi als &#8222;Deeskalations-Anweisung&#8220; P\u00e4tzolds in die Polizei. In der einen Monat sp\u00e4ter vorgelegten Rechtfertigungsschrift des Polizeipr\u00e4sidenten wird auch klar, warum P\u00e4tzold diese Protokolle nicht mehr vor dem 1. Mai zu sehen bekam: Die Polizeif\u00fchrung hatte die &#8222;Weisungen&#8220; des Senators auf das Merkw\u00fcrdigste uminterpretiert und damit die Voraussetzungen geschaffen, den rot-gr\u00fcnen Senat kr\u00e4ftig in die Pfanne zu hauen:<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Aus dem Bericht des Polizeipr\u00e4sidenten Schertz&#8220;4. Am 24. und 27. April 1989 wurden zwischen der Polizei und der Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres Informationen und Auffassungen u.a. bez\u00fcglich des Verlaufs der geplanten Veranstaltungen am 1. Mai ausgetauscht. \u00dcber die Besprechungen wurden durch das Dezernat Pr\u00e4sidiale Angelegenheiten Niederschriften f\u00fcr die Polizeibeh\u00f6rde gefertigt.<\/p>\n<p>Der Charakter der vom Innensenator ge\u00e4u\u00dferten Auffassungen ist zwischen Polizeibeh\u00f6rde und Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres strittig. Die Polizei bewertete die vom Innensenator gemachten \u00c4u\u00dferungen in ihrer Qualit\u00e4t als Weisungen.<br \/>\nDer Vermerk \u00fcber die Besprechung vom 24. April 1989 wurde der Direktion 5 (der Direktion 3 auszugsweise) \u00fcbersandt. Dort wurde f\u00fcr die Einsatzvorbereitungen eine anla\u00dfbezogene auszugsweise Abschrift \u00fcber diejenigen Punkte gefertigt, die als politische Vorgaben und Leitgedanken bei der Ma\u00dfnahmenabwicklung zu beachten waren.<\/p>\n<p>Im wesentlichen waren davon betroffen:<br \/>\n&#8211; die Foto- und Videoaufnahmen durch die Polizei,<br \/>\n&#8211; das Begleiten\/Ein-schlie\u00dfen von Aufz\u00fcgen,<br \/>\n&#8211; das Einschreiten gegen vermummte Personen,<br \/>\n&#8211; das Bereitstellen und Zeigen von Einsatzkr\u00e4ften.Die Abschrift ist im Wortlaut als Anlage 1 beigef\u00fcgt.<br \/>\nDie Einsatzkonzeption vom 21. April 1989 f\u00fcr den Aufzug hat sich daraufhin wie folgt ge\u00e4ndert:<br \/>\n&#8211; kein Vorgehen gegen Vermummung, einschlie\u00dfende Begleitung erst nach Begehung von Straftaten,<br \/>\n&#8211; eingeschr\u00e4nkte Vorbereitungen zur Dokumentation am Antrete- und Endplatz,<br \/>\n&#8211; reduzierte Objektschutzma\u00dfnahmen entlang des Marschweges.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Mit Brief an seinen Polizeipr\u00e4sidenten beschwerte sich am 7. Mai dann auch der Senator auf heftigste \u00fcber die &#8222;Fehlinterpretation&#8220; seiner &#8222;Vorgaben&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Schwerwiegend ist, da\u00df in Ihrem Protokoll weitere zentrale \u00c4u\u00dferungen von mir g\u00e4nzlich fehlen, wie etwa der nachdr\u00fcckliche Rat, sich vorsorglich auf eine viel h\u00f6here Teilnehmerzahl bei der autonomen Demonstration einzustellen und entsprechend starke Polizeikr\u00e4fte hautnah bereitzuhalten&#8230; Schwerwiegend ist, da\u00df mir etwa \u00c4u\u00dferungen \u00fcber eine restriktive Haltung zu Festnahmen in den Mund gelegt werden. Wenn Sie, Herr Pr\u00e4sident, wie \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert, den Eindruck gehabt haben sollten, ihr notwendiger Handlungsspielraum sei sachwidrig auf Null eingeengt worden, h\u00e4tte jeder &#8211; zu jedem Zeitpunkt &#8211; die beamtengesetzliche Pflicht gehabt, zu remonstrieren.&#8220;<\/p>\n<p>Aber die sturmerprobte Berliner Polizei handelte an jenem 1. Mai wie die drei weisen Affen: Nichts sehen, nichts h\u00f6ren, nichts sagen. Zun\u00e4chst ging sie beharrlich davon aus, da\u00df an der Demonstration allenfalls nur 2.000 Personen teilnehmen w\u00fcrden, obowhl es auch andere Informationen gab. Auch die Meldung des Verfassungsschutzes, die das polizeiliche Lagezentrum am 1. Mai um 11.17 Uhr erreichte, \u00e4nderte nichts an dem Konzept der Polizeif\u00fchrung. Der VS hatte gemeldet: &#8222;&#8230;Da\u00df nach Absichtserkl\u00e4rungen, die der Abteilung IV aus dem gewaltbereiten linksextremistischen Spektrum bekanntgeworden seien, f\u00fcr die sogenannte revolution\u00e4re 1. Mai-Demonstration und danach mit Ausschreitungen zu rechnen sei.&#8220;<\/p>\n<p>Mit der Aufteilung des vermeintlichen Zentrums der Randale in vier Unterabschnitte war das Desaster bereits vorprogrammiert. Der Einsatzleiter f\u00fcr diese Tag war Ltd. PD Heinz Ernst. Die Einsatzleitung f\u00fcr den besonders hei\u00dfen Bereich um den Lausitzerplatz herum, den Unterabschnitt II, hatte aber der in solchen Eins\u00e4tzen unerfahrene Polizeioberrat Hinske.<\/p>\n<h4>2.3 Der Ablauf der Ereignisse<\/h4>\n<p>Aber folgen wir der Chronologie der Ereignisse:<br \/>\nUm 13.30 Uhr setzt sich der Demonstrationszug in Bewegung, nach Polizeiangaben zun\u00e4chst etwa nur 1.200 Personen. Bereits um 14.00 Uhr wird ein Verkehrspolizist mit Steinen beworfen und derart bedr\u00e4ngt, da\u00df er die Pistole zieht. Von da an sollte dann der &#8222;unfriedliche Verlauf&#8220; bis weit nach Mitternacht anhalten. Scheiben von Spielsalons und Sex-Shops entlang der Route werden eingeworfen. Bis 15.30 Uhr z\u00e4hlt die Polizei ca. 8.000 Teilnehmer und zwei zerst\u00f6rte PKWs; die Scheiben von sieben Spielsalons und Sex-Shops sind zerst\u00f6rt, ein Supermarkt ist bereits gepl\u00fcndert. Au\u00dfer an der Spitze und am Schlu\u00df der Demonstration sind keine Polizeikr\u00e4fte in der N\u00e4he. Auch der angek\u00fcndigte Objektschutz ist nicht vor Ort, sondern taucht in der Regel erst auf, wenn die Demonstration bereits vorbei ist und die Scheiben zerst\u00f6rt sind. Starke Polizeikr\u00e4fte stehen zu dieser Zeit zwar in Reserve &#8211; allerdings weit weg vom Geschehen. Entlang der Demo klirren weiter die Scheiben von Banken, Superm\u00e4rkten, Spielhallen und Videol\u00e4den. Erst als die Demonstration, mit inzwischen noch 6.000 TeilnehmerInnen, kurz vor ihrem Endplatz ankommt, r\u00fcckt um 15.30 Uhr eine Einsatzbereitschaft (EB &#8211; etwa jeweils 50 &#8211; 70 Polizisten) zur seitlichen Begleitung an. Fast zwei Stunden konnte die l\u00e4ngst unfriedliche Demo ihrer Wege ziehen, ohne da\u00df die Polizei ihre eigenen Vorgaben umsetzte: Kein Objektschutz, keine einschlie\u00dfende Begleitung.<\/p>\n<p>Vom Endpunkt der Demonstration zieht gegen 16.30 Uhr ein auf ca. 400 Personen gesch\u00e4tzter Block Vermummter unter anhaltenden Steinw\u00fcrfen auf Polizisten und Objekte in Richtung Lausitzer Platz. Dort ist das Kiezfest in vollem Gang und einige tausend Menschen schieben sich mit Kind und Kegel um das Platzviereck. Um 16.46 Uhr wird ein Getr\u00e4nkeladen n\u00f6rdlich des Lauseplatzes gepl\u00fcndert. Mit einem Steinhagel und Barrikaden aus Gro\u00dfkontainern wird die EB 52 empfangen. Bis 17.00 Uhr sind bereits drei weitere EBs n\u00f6rdlich des Platzes in heftige Auseinandersetzungen mit den &#8222;St\u00f6rern&#8220; verwickelt:<\/p>\n<p>&#8222;Vorsicht! Gewaltpotentiale vor Ort!&#8220;- kommt es jetzt \u00fcber die Funkger\u00e4te. Um 17.17 Uhr setzt die Polizei das erste mal massiv Tr\u00e4nengas ein. Ohne Panik, aber in hektischer Eile, r\u00e4umen Platzbesucher wie Veranstalter den Festplatz. Brennende Autos sind auf der Stra\u00dfe und eine heftig in Bedr\u00e4ngnis geratene Polizei befindet sich n\u00f6rdlich des Platzes, als sich auf der s\u00fcdlichen Platzseite, direkt am alten G\u00f6rlitzer Bahnhof, die Ereignisse \u00fcberschlagen. Der Polizeibericht h\u00e4lt fest: St\u00f6rer blockieren Kreuzung, Steine auf Polizei, Steinhagel, massive Steinw\u00fcrfe, Gullideckel entfernt, Barrikaden, Stahlkugel-Beschu\u00df und wieder Steinw\u00fcrfe und Mollis. Bis 20.00 Uhr, der Verkehr der U-Bahn-Linie 1 ist bereits eingestellt, hat die Polizei rund um den Lauseplatz 11 EBs, eine Wasserwerferstaffel und zwei Sonderwagen (SW, R\u00e4umpanzer) im Einsatz.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich mit den &#8222;St\u00f6rern&#8220; konfrontiert, waren aber nur 5 der 11 EBs. Diese 5 EBs hatten das Pech, dem Unterabschnitt II, im Kern des &#8222;Krisengebietes&#8220;, zugeteilt worden zu sein. Die n\u00f6rdliche Grenze zum Unterabschnitts I verlief entlang der Manteuffelstra\u00dfe, also nur wenige hundert Meter von der hei\u00dfen Zone entfernt. Dort standen dann bis 22.00 Uhr weitere 7 EBs in Reserve und mu\u00dften die Hilferufe ihrer Kollegen bis 22.00 Uhr unt\u00e4tig mitanh\u00f6ren. Im Polizeibericht liest sich diese Phase so:<br \/>\n&#8211; &#8222;19.25 Uhr: G\u00f6rlitzer Bahnhof, Kr\u00e4fteanforderung, 3 EBs reichen nicht.<br \/>\n&#8211; 19.32 Uhr: Waffe eines Beamten entwendet.<br \/>\n&#8211; Gaslaterne, Gas str\u00f6mt aus.<br \/>\n&#8211; 19.53 Uhr: Massive Stein- und Molliw\u00fcrfe, Zwillenbeschu\u00df.<br \/>\n&#8211; Hindernisse auf Fahrbahn.<br \/>\n&#8211; 20.14 Uhr: 1.300 Personen, davon 800 harte.<br \/>\nWasserwerfer 9000, CN wird angefordert.<br \/>\n&#8211; 20.44 Uhr: Unterst\u00fctzungkr\u00e4fte k\u00f6nnen Einsatzort nicht erreichen. Befehlsstelle zur\u00fcckziehen. Nicht m\u00f6glich, Steine und Mollis massiv.&#8220;<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich ein Wasserwerfer im weichen Sand des G\u00f6rlitzer Bahnhofs festgefahren. Eine Stunde mu\u00df die eingeschlossene Besatzung warten, bis es ihr m\u00f6glich ist, das Unget\u00fcm unbeschadet verlassen zu k\u00f6nnen. Bis 22.00 Uhr, als die Auseinandersetzungen abzuflauen beginnen, sind tats\u00e4chlich nur 609 Beamte direkt an der &#8222;Front&#8220; im Einsatz, w\u00e4hrend nur 100 Meter weiter, im Unterabschnitt I, die ganze Zeit \u00fcber 680 Beamte in Reserve stehen. Aber nicht nur dort steht Reserve. Drei EBs stehen beispielsweise die ganze Zeit \u00fcber weit abgesetzt vor dem Rathaus Sch\u00f6neberg. Andere warten an der Skalitzer-\/Ecke Prinzenstra\u00dfe und eine EB ist lediglich mit einer Gulaschkanone unterwegs. Bereits um 20.00 Uhr verlangt der Einsatzleiter der SEK den Einsatzbefehl f\u00fcr seine 48 Mann. Um 22.00 Uhr kann er dann endlich, wohin er will. Im F\u00fchrungsstab (F\u00fcSta) sitzen der Leiter des Gesamteinsatzes, Ernst, sein Stellvertreter PD D\u00f6hring (1987 F\u00e4hnleinf\u00fchrer der EbLT nach Wackersdorf) und Landespolizeidirektor Kittlaus, dem Chaos \u00fcber Funk lauschend. Einsatzleiter im Brennpunktbereich des UA II ist ja ein anderer.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend F\u00fchrung und Einsatzbereitschaften im einen Abschnitt st\u00e4ndig \u00fcberfordert sind, stehen Hunderte von Polizisten nicht weit entfernt zur Unt\u00e4tigkeit verurteilt. Einheiten, die sich anbieten, werden nicht eingesetzt, andere Bereitschaften sogar mitten im Einsatz zur\u00fcckgepfiffen. Zu einem solchen Ergebnis kommt sp\u00e4ter auch eine Polizeiexpertengruppe unter Leitung des pensionierten ehemaligen Chefs der Bereitschaftspolizei in NRW, Dr. Gint-zel.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Aus dem Bericht der Gintzel-KommissionWelche Vorg\u00e4nge haben die Lage am 1. Mai 1989 ma\u00dfgeblich mitbestimmt?<\/p>\n<p>Die seit dem 1. Mai 1989 in der \u00d6ffentlichkeit und innerhalb der Berliner Polizei gef\u00fchrte Diskussion um die Vorg\u00e4nge am 1. Mai 1989 in Berlin hat zu Vorw\u00fcrfen gef\u00fchrt, denen die Arbeitsgruppe nachgegangen ist.<br \/>\nSie lassen sich wie folgt zusammenfassen:<\/p>\n<p>a) Nach dem 27. April 1989 gab es ernsthafte Hinweise auf beabsichtigte Ausschreitungen am 1. Mai 1989, die bei der Einsatzplanung nicht hinreichend ber\u00fccksichtigt wurden.<\/p>\n<p>b) Die rechtlichen Grenzen polizeilichen Verhaltens und die Absichten des Polizeif\u00fchrers des Einsatzes (PfdE) sind in den Einsatzbesprechungen nicht pr\u00e4zise aufgef\u00fchrt worden. Laxe Einsatzhinweise bez\u00fcglich Vorkontrollen, Sicherstellung von Waffen, Festnahme von Personen und die Behandlung von Aufkl\u00e4rungsergebnissen haben die Absichten des PfdE beim Vorgehen gegen Rechtsbrecher nicht klar erkennen lassen.<\/p>\n<p>c) Trotz ver\u00e4nderten Lagebildes hat es keine Vorkontrollen wie im Jahre 1988 gegeben, mit der Folge, da\u00df bewaffnete Straft\u00e4ter am Aufzug teilnehmen konnten.<\/p>\n<p>d) Weisungen des Senators f\u00fcr die Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres hinsichtlich des Mitf\u00fchrens von Polizeikr\u00e4ften in Seitenstra\u00dfen und des schnellen Zugriffs bei begangenen Straftaten sind nicht beachtet worden.<\/p>\n<p>Auftr\u00e4ge aus dem Durchf\u00fchrungsplan vom 26. April 1989 zu\/zum<br \/>\n&#8211; Vorkontrollen<br \/>\n&#8211; seitlicher Begleitung erkannter St\u00f6rer<br \/>\n&#8211; Verhindern von Ausschreitungen aus dem Aufzug<br \/>\n&#8211; Durchsetzen des Vermummungsverbots<br \/>\n&#8211; Objektschutz entlang der Marschstrecke<br \/>\n&#8211; Verhindern des Abmarschs eines geschlossenen St\u00f6rerblocks nach Kundgebungsende sind nicht lageangepa\u00dft ausgef\u00fchrt worden, zumal sich nach Aufkl\u00e4rungsergebnissen schon am Antreteplatz zahlreiche erkennbar zur Gewaltanwendung entschlossene und zum Teil mit Kn\u00fcppeln bewaffnete, vermummte Straft\u00e4ter befanden.<\/p>\n<p>e) Die Gegenaufkl\u00e4rung des St\u00f6rers berichtete laufend in den Aufzug hinein, da\u00df trotz schwerer begangener Straftaten weit und breit keine Polizei zu sehen sei. Dies ermunterte zunehmend mehr gewaltbereite Personen, sich an den Ausschreitungen zu beteiligen.<\/p>\n<p>f) Die Angaben \u00fcber die Zahl der im Aufzug vorhandenen Gewaltt\u00e4ter, von der die Einsatzleitung ausging (ca. 150), weicht von der Realit\u00e4t (800) erheblich ab.<\/p>\n<p>g) Pr\u00e4zise Aufkl\u00e4rungsergebnisse \u00fcber schwere Straftaten, die von Anfang an aus dem Aufzug heraus begangen wurden, haben den f\u00fcr den st\u00f6rungsfreien Verlauf des Aufzugs verantwortlichen Polizeif\u00fchrer nicht erreicht.<br \/>\nErst nach Pl\u00fcnderung eines Penny-Marktes in der Reuterstra\u00dfe habe er sich zu einer seitlichen Begleitung, die erst nach weiteren 45 Minuten eingenommen wurde, entschlossen.<br \/>\nDie Kr\u00e4fte mu\u00dften \u00fcber weite Wege herangef\u00fchrt werden. In der Zwischenzeit war es zu erneuten schweren Straftaten gekommen.<\/p>\n<p>h) Die Zahl der zun\u00e4chst zur seitlichen Begleitung im Zuge der Werbellinstra\u00dfe eingesetzten Polizeikr\u00e4fte war angesichts der vorausgegangenen schweren Straftaten zu gering, so da\u00df es zu sehr bedrohlichen Situationen f\u00fcr die eingesetzten Beamten kam.<\/p>\n<p>i) Gro\u00dfe Gruppen von Aufzugsteilnehmern sind nach der Abschlu\u00dfkundgebung von der Polizei in den Kreuzberger Kiez begleitet worden, obwohl das Verhindern des Abmarschs eines geschlossenen St\u00f6rerblocks angeordnet war.<\/p>\n<p>j) Die Einsatzleitung hat insbesondere im Raum Lausitzer Platz, Skalitzer Stra\u00dfe, G\u00f6rlitzer Bahnhof u.a. ihre Taktik nicht auf das St\u00f6rerverhalten eingestellt. In diesem Zusammenhang wurde auch \u00fcber erhebliche F\u00fchrungsdefizite berichtet.<\/p>\n<p>k) Neu in den Einsatzraum entsandte Polizeikr\u00e4fte erhielten keine Hinweise auf die Brutalit\u00e4t der Straft\u00e4ter und auf Besonderheiten des Einsatzraumes. Dies f\u00fchrte zu \u00fcberraschenden gef\u00e4hrlichen Konfrontationen mit dem Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>l) Es gab keine Konzeption f\u00fcr gezielte beweissichere Festnahmen. Das am Augustaplatz in Steglitz ab 18.00 Uhr bereitgehaltene SEK wurde erst nach 22.00 Uhr eingesetzt, obwohl es sich angesichts der \u00fcber Funk mitverfolgten Lageentwicklung mehrmals angeboten hatte.<\/p>\n<p>m) Hilferersuchen von \u00e4u\u00dferst bedr\u00e4ngten Polizeikr\u00e4ften ist nicht entsprochen worden, obwohl sich Reservekr\u00e4fte in Unterk\u00fcnften oder in der N\u00e4he befanden und sich angeboten haben.<\/p>\n<p>n) Es ist nicht versucht worden, den \u00fcber eine Stunde lang auf einem H\u00fcgel am G\u00f6rlitzer Bahnhof versammelten Kern von \u00fcber 200 vermummten Straft\u00e4tern einzuschlie\u00dfen und vorl\u00e4ufig festzunehmen. Aufgrund der \u00f6rtlichen Gegebenheiten waren die Voraussetzungen f\u00fcr eine wirksame polizeiliche Ma\u00dfnahme au\u00dferordentlich g\u00fcnstig.<\/p>\n<p>o) Den ganzen Tag \u00fcber sind immer wieder zum Teil dieselben Gesch\u00e4fte gepl\u00fcndert worden, obwohl Objektschutzma\u00dfnahmen angeordnet waren.<\/p>\n<p>p) Einem Abschnittsleiter sind zehn Einsatzbereitschaften unterstellt worden, ohne da\u00df dieser \u00fcber das erforderliche F\u00fchrungsinstrumentarium verf\u00fcgte und dar\u00fcber hinaus im F\u00fchren so umfangreicher Polizeieinheiten unge\u00fcbt war.<\/p>\n<p>q) Am 1. Mai 1989 sind &#8222;Minen gelegt worden, um den rot-gr\u00fcnen Senat auflaufen zu lassen&#8220;.<\/p>\n<p>Die Arbeitsgruppe ist den z.T. widerspr\u00fcchlichen, brisanten Aussagen in den Medien und in den dienstlichen Verlaufsberichten Beteiligter nachgegangen. Sie hat mit zahlreichen Beamten, die in unterschiedlichsten Funktionen am Einsatzgeschehen beteiligt waren, Gespr\u00e4che gef\u00fchrt. Dabei konnte ein Gro\u00dfteil der genannten Vorw\u00fcrfe nicht entkr\u00e4ftet werden.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h4>3. Einsch\u00e4tzung\/ Schlu\u00dffolgerungen: Obristen-Aufstand<\/h4>\n<p>Bereits durch die geschilderten Einsatzabl\u00e4ufe dr\u00e4ngen sich Zweifel auf, ob man es hier lediglich mit einem handwerklich dilettantisch ausgef\u00fchrten Polizeieinsatz zu tun hat. Der gesamte Vorlauf und insbesondere das Nachspiel machen endg\u00fcltig klar, da\u00df es sich um eine inszenierte Schlappe handelte: Das F\u00fchrungscorps in der Landespolizeidirektion putschte gegen Rot-Gr\u00fcn!<br \/>\nDiese, inzwischen ernsthaft nicht mehr zu bestreitende Behauptung rief zun\u00e4chst bei vielen Unglauben hervor: allzu interessiert mu\u00dften gerade die rot-gr\u00fcnen Koalition\u00e4re an einer solchen Legendenbildung sein.<\/p>\n<p>Die autonomistischen AktivistInnnen des 1. Mai sind nach wie vor nicht bereit, sich ihren &#8222;Sieg&#8220; von der Polizeif\u00fchrung schenken zu lassen; bei b\u00fcrgerlichen Beobachtern kommt bei einer solchen Vorstellung zudem noch ein starkes Unbehagen auf. Folgerichtig war es f\u00fcr den Kommentator der &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220; denn auch undenkbar, da\u00df sich hohe Berliner Polizeif\u00fchrer zu einer Verschw\u00f6rung zusammengefunden haben sollen. Ein solches Bild, allenthalben offenbar verbunden mit dem blutigen Gebaren s\u00fcdamerikanischer Putschgener\u00e4le oder der Hollywood-Version von maskierten M\u00e4nnern in d\u00fcsteren Katakomben, ist in der Tat unrealistisch. Derartige Requisiten sind auch schlicht \u00fcberfl\u00fcssig. Grunds\u00e4tzlich notwendig ist nicht einmal eine direkte Vereinbarung \u00fcber beabsichtigtes Handeln. Ausreichend sind gelegentliche Randbemerkungen, mit denen sich die Beteiligten gegenseitig ihrer Grundhaltung versichern. Der Rest vollzieht sich offen, formal korrekt und b\u00fcrokratisch: zumeist durch Unterlassungen.<\/p>\n<p>So war den Autoren beispielsweise durch Informationen aus der mittleren F\u00fchrungsschicht der Berliner Polzei fr\u00fchzeitig bekannt, das Landespolizeidirektor Kittlaus beabsichtigte, den Einsatz &#8211; ebenso wie im Vorjahr &#8211; selbst zu leiten &#8211; eine Entscheidung, die angesichts des neuen politischen Stils und der absehbaren Brisanz sicherlich als gerechtfertigt gelten kann. Irgendwann wurde dieser Entschlu\u00df ge\u00e4ndert und die Einsatzleitung auf den f\u00fcr Kreuzberg zust\u00e4ndigen Direktionsleiter Ernst \u00fcbertragen. Auch dies ist eine Entscheidung, die formal nicht zu beanstanden ist. &#8222;Kommi\u00dfkopp&#8220; Ernst, im Referat \u00d6ffentliche Sicherheit f\u00fcr Angelegenheiten und Eins\u00e4tze der Geschlossenen Einheiten zust\u00e4ndig, bevor er 1987 die Nachfolge Leupoldts als Chef der Direktion 5 antrat, gilt in der Polizei als knallharter Stratege. Seinen politischen Standort hat er durch sein Eintreten f\u00fcr die Partei der rechtsradikalen &#8222;Republikaner&#8220; zudem polizei\u00f6ffentlich ausreichend bekundet. Die Planung des Einsatzes &#8222;Trabant&#8220; erledigte er offenbar auch zur allgemeinen Zufriedenheit; da\u00df es Vorbehalten gegen sein Einsatzkonzept gegeben h\u00e4tte, wurde bisher nicht bekannt. Dabei kann es als unwahrscheinlich gelten, da\u00df erfahrenen Polizeif\u00fchrern wie Kittlaus und anderen die Schw\u00e4chen des Planes nicht von vornherein klar gewesen sein sollen. Auch da\u00df Kittlaus, der sich w\u00e4hrend des gesamten Einsatzes im Lagezentrum befand und das sich abzeichnende polizeiliche Debakel so live miterlebte, die Einsatzleitung nicht nachtr\u00e4glich \u00fcbernahm, ist mit der Problematik, die ein F\u00fchrungswechsel im laufenden Einsatz aufwirft, nur unzureichend zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ist das Geschehen so weit schon mehr als seltsam, so sprechen die Ereignisse im Anschlu\u00df an das Einsatzdesaster eine immer deutlichere Sprache. Die Aufr\u00e4umarbeiten in Kreuzberg hatten gerade erst begonnen, da stellte der GdP-Funktion\u00e4r Klaus Eisenreich der \u00d6ffentlichkeit im Springerblatt &#8222;BZ&#8220; das bereits erw\u00e4hnte, von der Polizei in Eigenregie erstellte und, entgegen sonstigen Gepflogenheiten von der Innenverwaltung nicht gegengezeichnete Protokoll einer Dienstbesprechung mit dem Innensenator vor, mit dem bewiesen werden sollte, da\u00df die Polizei durch Anweisungen P\u00e4tzolds am sinnvollen Einschreiten gehindert wurde. Erstaunlich an diesem Vorgang war zun\u00e4chst einmal das offenen Auftreten Eisenreichs; ein f\u00fcr einen &#8222;Durchstecher&#8220; \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnliches Verhalten, das auf h\u00f6chste Protektion innerhalb der Polizeigewerkschaft und der Landespolizeidirektion schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Auch der Umstand, vom Corpus delicti kein Faksimile zu finden, womit ansonsten gern Authentizit\u00e4t bewiesen wird, macht mi\u00dftrauisch.<\/p>\n<p>Stattdessen knappe, zumeist indirekt formulierte Darstellungen. Konkreteres wurde erst im Laufe der n\u00e4ch-sten Tage bekannt.<\/p>\n<p>Innensenator P\u00e4tzold, inzwischen zur Klammer des Regierungsb\u00fcndnisses geworden, indem er durch seine Person den rechten Parteifl\u00fcgel der SPD im Zaume h\u00e4lt, machte in der ganzen Sache zun\u00e4chst keine gute Figur. Statt seinen Kontrahenten offensiv entgegenzutreten, wich er zur\u00fcck und erkl\u00e4rte die behaupteten &#8222;Weisungen&#8220; seinerseits zu &#8222;wechselseitigen Nachdenklichkeiten&#8220;, &#8222;Fehlinterpretationen&#8220; und &#8222;vorauseilendem Gehorsam&#8220;.<\/p>\n<p>Mit dieser Z\u00f6gerlichkeit leitete er so selbst den n\u00e4chsten, dreisteren Schlag gegen sich ein. Mitten in eine Fernsehdiskussion hinein, wurde er mit der offenen Meuterei des eher als willf\u00e4hrig bekannten Polizeipr\u00e4sidenten konfrontiert. Via Monitor erkl\u00e4rte Schertz, der Handlungsspielraum der Polizei sei durch politische Anweisungen &#8222;auf Null reduziert&#8220; worden. Er halte die vom rot-gr\u00fcnen Senat verfolgte Politik der Deeskalation f\u00fcr gescheitert; &#8222;Ich mu\u00df sagen, nach den Erfahrungen dieses 1. Mai ist das Prinzip der Deeskalation gegen\u00fcber diesem militanten Potential als gescheitert zu betrachten. In der Verantwortung meines Amtes kann ich es weder der Stadt noch meinen Beamten gegen\u00fcber &#8211; ich hatte 322 verletzte Beamte &#8211; vertreten, da\u00df wir dieses noch ein zweites Mal erleben.&#8220;<\/p>\n<p>Endlich reagierte P\u00e4tzold und k\u00fcndigte die Einsetzung einer unabh\u00e4ngigen Untersuchungskommission unter Federf\u00fchrung des ehemaligen Leiters der nordrhein-westf\u00e4lischen Bereitschaftspolizei, Dr. Kurt Gintzel, an.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td>Zur Person des Dr. Gintzel<\/p>\n<p>Gintzel, eher als Polizeirechtstheoretiker bekannt, kann durchaus auf fragw\u00fcrdige Leistungen verweisen. Er ist der geistige Vater des Kalkar-Einsatzes vom 24.09.77, mit dem die BRD faktisch unter Ausnahmerecht gestellt wurde. Polizei- und BGS-Truppen besetzten damals \u00fcber Nacht nahezu alle Verkehrsknotenpunkte &#8211; der Autobahnverkehr in weiten Teilen der Republik brach in der Folge v\u00f6llig zusammen.<\/p>\n<p>Maschinenpistolenbewehrte Posten kontrollierten jeden Reisenden, der auch nur entfernt nach Demonstrant aussah. Ganze LKW-Ladungen an vermeintlichen &#8222;Waffen&#8220; in Form von Wagenhebern, Benzinkanistern, Motorradhelmen und Zitronen wurden beschlagnahmt. Tausende von Demonstrationswilligen konnten Kalkar nicht erreichen, weil sie, umgeben von einem dichten Polizeikordon, auf Autobahnparkpl\u00e4tzen stundenlang in ihren Bussen festgehalten wurden.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Auf Einladung Kittlaus&#8216; trafen sich daraufhin s\u00e4mtliche Direktions- und Dezernatsleiter. Einziger Besprechungspunkt dieser mit Machtinteressen und Korpsgeist verschwei\u00dften Gruppe: die Gintzel-Kommission. Einm\u00fctig forderten die Polizeioberen &#8211; ein bislang einmaliger Vorgang &#8211; anstelle dieser fach- und sachkundigen Expertengruppe einen Parlamentarischen Untersuchungsausschu\u00df. &#8222;Die Obristenrevolte ist sofort niederzuschlagen&#8220;, soll P\u00e4tzold w\u00fctend ge\u00e4u\u00dfert haben, als ihm einen Tag sp\u00e4ter, der entsprechende Brief zugestellt wurde &#8211; und nun machte er Ernst. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt, die auf Grundlage des f\u00fcr die Polizeif\u00fchrung geradezu vernichtenden Gintzel-Berichts sowie des polizeieigenen Auswertungsberichtes, den Polizeipr\u00e4sident Schertz zeitgleich vorlegte, \u00fcber Ver\u00e4nderungen im Polizeibereich nachdenken soll.<\/p>\n<p>Eine Neugliederung der F\u00fchrungsspitze ist im Senat (alliierte Zustimmung vorausgesetzt) bereits beschlossene Sache. Danach sollen im Zuge einer Strukturver\u00e4nderung die bisherigen Stellen des Landespolizeidirektors und Landeskriminaldirektors zugunsten eines dann gleichberechtigten &#8222;Landesschutzpolizeidirektors&#8220; und &#8222;Landeskriminalpolizeidirektors&#8220; umgewandelt werden. F\u00fcr Manfred Kittlaus ist dabei die neue Stelle des &#8222;Landeskriminalpolizeidirektors&#8220; vorgesehen, was de facto seiner Entmachtung gleichk\u00e4me, da er der Befehlsgewalt \u00fcber die Berliner Schutzpolizei verlustig ginge.<\/p>\n<p>Solche T\u00f6ne werden in der Polizei verstanden. Die Gewerkschaft der Polizei, in deren Reihen Kittlaus rapide an R\u00fcckhalt verliert, hat ihre Zustimmung zu den Pl\u00e4nen des Innensenators bereits bekundet. Lediglich CDU und Republikaner, sowie auf polizeilicher Seite die rechtsgewirkte &#8222;Deutsche Polizeigewerkschaft&#8220; halten vorbehaltlos an ihm fest.<\/p>\n<p>Auch Polizeipr\u00e4sident Schertz hat inzwischen begriffen, auf welcher Seite nun sein Brot gebuttert wird; auch er bef\u00fcrwortet Ver\u00e4nderungen in der F\u00fchrungsstruktur. Kittlaus selbst enth\u00e4lt sich klugerweise s\u00e4mtlicher Kommentare; dem Vernehmen nach sucht er sein Heil im Klageweg. Wie auch immer eine solche m\u00f6gliche Klage letztlich ausgehen mag, das Kainsmal wird er innerhalb seiner Mannschaften nicht mehr loswerden. Vielleicht erinnert sich der einst als erfolgreicher Terroristenj\u00e4ger gefeierte Kittlaus dann ja wieder eines fr\u00fcher ausgeschlagenen Angebotes der Staatsschutzabteilung des BKA. Aber nein &#8211; auch dort liebt man eher die Sieger &#8211; und diesbez\u00fcglich ist dem Kommentar des b\u00fcrgerlich-liberalen &#8222;Volksblatts Berlin&#8220; nichts hinzuzuf\u00fcgen:<br \/>\n&#8222;Es war an der Zeit. Ein Polizeif\u00fchrer, der mit gro\u00dfer Machtf\u00fclle und ebenso gro\u00dfem Ehrgeiz ausgestattet, massiven Einflu\u00df auf die Innenpolitik auszu\u00fcben sucht, geh\u00f6rt in einem demokratischen Gemeinwesen ins hintere Glied zur\u00fcckgestuft. Was den klugen Landespolizeidirektor Manfred Kittlaus auch immer bewegt haben mag, trickreich und zuletzt in recht aggressiver Manier die polizeilichen Mannen hinter sich zu scharen und gegen die politische F\u00fchrung und gegen besonnene Kr\u00e4fte innerhalb der Polizei zu Felde zu ziehen, sei dahingestellt. Fest steht: Er hat Schiffbruch erlitten, und recht geschiehts ihm&#8220; (Volksblatt Berlin, 15.6.89).<\/p>\n<h6>Quellen:<br \/>\nDer Polizeipr\u00e4sident in Berlin: Nachbereitung der Eins\u00e4tze aus Anla\u00df der &#8222;Revolution\u00e4ren 1.Mai-Demonstration&#8220; und des &#8222;Stra\u00dfenfestes am Lausitzer Platz&#8220; am 1.Mai 1989<br \/>\nGintzel, Kurt: Bericht der Arbeitsgruppe zur Entwicklung von Vorschl\u00e4gen f\u00fcr polizeiliche Ma\u00dfnahmen im Zusammenhang mit gew\u00e4ltt\u00e4tigen demonstrativen Ak<br \/>\ntionen unter Ber\u00fccksichtigung der Vorg\u00e4nge am 1.Mai 1989, Berlin, 31.Mai 1989.<\/h6>\n<h5>* Hochschulfreier Polizeiforscher in Berlin<\/h5>\n<h5>** Mitarbeiter der TAZ<\/h5>\n<h3>Foto: Umbruch Bildarchiv<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Otto Diederichs*\/ Till Meyer** Der Einsatz am 1. 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