{"id":5437,"date":"1989-12-15T19:33:19","date_gmt":"1989-12-15T19:33:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=5437"},"modified":"1989-12-15T19:33:19","modified_gmt":"1989-12-15T19:33:19","slug":"alles-aufgeklaert-erhebliche-zweifel-am-staatsanwaltschaftlichen-ermittlungsergebnis-aus-anlass-toedlicher-polizeischuesse-auf-einen-13jaehrigen-schueler-in-essen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=5437","title":{"rendered":"Alles aufgekl\u00e4rt? Erhebliche Zweifel am staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsergebnis aus Anla\u00df t\u00f6dlicher Polizeisch\u00fcsse auf einen 13j\u00e4hrigen Sch\u00fcler in Essen"},"content":{"rendered":"<h3>von Johannes Meyer-Ingversen *<\/h3>\n<p>Am 30.6.89 eskaliert in Essen ein Bagatellunfall zu einem Gro\u00dfeinsatz der Polizei, in dessen Verlauf der 13j\u00e4hrige t\u00fcrkische Sch\u00fcler Kemal C. von der Polizei erschossen wird. Der mit der rechtlichen \u00dcberpr\u00fcfung und Aufkl\u00e4rung des Ablaufs beauftragte Staatsanwalt stellt am 8.9.89 das Ermittlungsverfahren gegen die beiden Todessch\u00fctzen ein. Die Beamten h\u00e4tten in Notwehr gehandelt.<\/p>\n<p>Der Einstellungsbescheid widerspricht in wichtigen Punkten den von anderer Seite ermittelten Tatsachen &#8211; so vom Anwalt der Familie Kemals und vom &#8222;Arbeitskreis zur Unterst\u00fctzung der Ermittlungen im Fall Kemal C.&#8220;, der eigene Recherchen anstellte und der Polizei die Ergebnisse und Zeugen pr\u00e4sentierte. Der Anwalt hat inzwischen Beschwerde beim Generalstaatsanwalt eingelegt. Vertreter der &#8222;Bundesarbeitsgemeinschaft kritische PolizistInnen&#8220; haben Strafanzeige gegen den Staatsanwalt wegen Strafvereitelung im Amt erstattet. Zugleich ist gegen die Todessch\u00fctzen Anzeige wegen Totschlags erfolgt.<!--more--><\/p>\n<h4>1. Der Ablauf:<\/h4>\n<p><strong>Eine t\u00f6dlicher Eskalationsproze\u00df<\/strong><\/p>\n<p>Am 30.Juni holt der 13j\u00e4hrige Kemal aus dem Keller eines befreundeten Nachbarn dessen Moped f\u00fcr eine Spritzfahrt durch Essen &#8211; ein &#8222;Dummerjungenstreich&#8220;, wie Nachbarn sp\u00e4ter erkl\u00e4ren. Er wird bei der Moped-Fahrt von einem 15j\u00e4hrigen Freund begleitet. Um 16.25 Uhr st\u00f6\u00dft das Moped &#8211; es hat kein Kennzeichen &#8211; mit einem PKW zusammen. Der Sachschaden: ca. 1.000 DM. W\u00e4hrend Kemal mit dem Moped fl\u00fcchtet, bleibt sein Freund am Unfallort. Die Polizei fandet nach dem Fl\u00fcchtenden, ein Streifenwagen f\u00e4hrt dem Moped entgegen, Kemal wird von den Beamten gestoppt. Der Junge fl\u00fcchtet zu Fu\u00df, 2 Polizisten eilen hinterher. In einem Handgemenge rei\u00dft Kemal einem der Polizisten die Dienstwaffe aus dem Halfter. Nach Darstellung der Polizisten soll Kemal &#8222;sofort gezielt&#8220; auf sie geschossen haben, ohne sie zu verletzen. Weitere alarmierte Polizisten nehmen die Verfolgung auf. Auf der ca. einst\u00fcndigen Flucht schie\u00dft Kemal nach Polizeiangaben auf 2 weitere Polizisten, die neben ihrem Streifenwagen stehen. Kemal fl\u00fcchtet \u00fcber die Bahnlinie Essen-D\u00fcsseldorf in eine Kleingartenanlage. Weitere Polizeibeamte werden eingesetzt. Nach Zeugenaussagen wird auf den Jungen aus einer Gruppe von mindestens 8 ihn verfolgenden Polizisten geschossen, w\u00e4hrend er \u00fcber die Gleise stolpert. Am Ende sind ca. 50 Beamte im Einsatz, dabei ein Sondereinsatzkommando und ein Polizeihubschrauber. Der Zugverkehr wird bis 17.45 Uhr eingestellt. In der Kleingartenanlage ist Kemal nun von Polizisten umzingelt. Er klettert auf das etwa zwei Meter hohe Flachdach einer Gartenlaube. Es ert\u00f6nen Sch\u00fcsse. Die Polizei erkl\u00e4rt sp\u00e4ter, da\u00df Kemal in Richtung Zuschauer und Polizisten gezielt h\u00e4tte. Zwei Beamte, 28 und 29 Jahre alt, h\u00e4tten daraufhin in Notwehr mindestens 6 Sch\u00fcsse auf den Jungen abgegeben. Danach herrscht Ruhe.<\/p>\n<p>Wie der ermittelnde Staatsanwalt sp\u00e4ter erkl\u00e4rt, war das Magazin der achtsch\u00fcssigen Waffe des Jungen zu diesem Zeitpunkt bereits leer. Offenbar hatte er w\u00e4hrend der Flucht beim Hantieren mit der Waffe einige Patronen verloren. Jedenfalls werden 4 Patronen gefunden, die aus Kemals Waffe stammen. Zwei davon findet die Polizei in seiner Hosentasche.<\/p>\n<p>Als Beamte des SEKs sich ca. 50 Minuten sp\u00e4ter an die Laube heranpirschen, liegt der Jungen blut\u00fcberstr\u00f6mt auf dem R\u00fccken zwischen zwei Lauben. Er ist tot, verblutet. Die Obduktion ergibt, da\u00df der Junge 6 Schu\u00dfwunden aufweist: zwei im Ges\u00e4\u00df, je eine in einem Arm und in jedem Bein, und die t\u00f6dliche Kugel durch den R\u00fccken in die Lunge.<\/p>\n<h4>2. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen:<\/h4>\n<p><strong>Vorw\u00fcrfe<\/strong><\/p>\n<p>Die Vorw\u00fcrfe gegen Staatsanwalt Schmalhausen, der noch vor dem Abtransport des toten Jungen am Tatort eintraf, lassen sich in einem Satz zusammenfassen:<br \/>\nSeine Ermittlungen und Bewertungen haben sich offenbar ausschlie\u00dflich darauf konzentriert, den Schu\u00dfwaffengebrauch der Polizei zu rechtfertigen. So bescheinigte Schmalhausen bereits zu Beginn seiner Ermittlungen, d.h. noch bevor er im Detail den Ereignisablauf untersuchte und das Obduktionsergebnis kannte, den beteiligten Polizisten, richtig gehandelt zu haben. Folgend die Vorw\u00fcrfe im einzelnen.<\/p>\n<h4>2.1 Notwehrsituation?<\/h4>\n<p>Im Einstellungsbescheid kommt der StA zu dem Ergebnis, da\u00df die Beamten, die Kemal am Ende der Verfolgungsjagd vom Flachdach einer Laube herunterschossen haben, in einer &#8222;Notwehrsituation&#8220; gehandelt h\u00e4tten, obwohl der Junge ihnen den R\u00fccken zugewandt hatte und zumindest von 3 Kugeln in den R\u00fccken getroffen wurde. Da\u00df man den verletzten Kemal mehr als 50 Minuten verbluten lie\u00df, ohne zu helfen, begr\u00fcndet der StA so: Die Beamten &#8211; die aus 18 m Entfernung schossen &#8211; h\u00e4tten nicht annehmen k\u00f6nnen, den Jungen getroffen zu haben. Eine Hilfeleistung sei ihnen auch nicht zumutbar gewesen, da Kemal bewaffnet war. Au\u00dferdem sei der Junge nach \u00e4rztlicher Erkenntnis ohnehin nicht mehr zu retten gewesen und innerhalb k\u00fcrzester Frist gestorben.<\/p>\n<p>Nur ist dem entgegenzuhalten, da\u00df aus dem Obduktionsbericht, der dem StA seit dem 3.7.89 vorlag, zu erkennen ist:<br \/>\nKemal hat auf dem Innenhof noch wenigstens 40 Minuten gelebt. Er ist langsam verblutet. Etwa 30 Minuten lang w\u00e4re er noch zu retten gewesen.<br \/>\nEbenso kannte der StA das Protokoll des Polizeifunks. Hier hei\u00dft es kurz nach den Sch\u00fcssen auf das Flachdach: &#8222;Es kann sein, da\u00df der getroffen ist. Wir hatten den eben echt gut drauf.&#8220; Notwehr? Keine Ahnung, da\u00df Hilfeleistung geboten sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Diese Art, mit den Fakten umzugehen, ist kennzeichnend f\u00fcr den gesamten Einstellungsbescheid des Staatsanwalts.<\/p>\n<h4>2.2 Tathergang aufgekl\u00e4rt? &#8211;<\/h4>\n<p><strong>Tathergang nicht gekl\u00e4rt!<\/strong><\/p>\n<p>Staatsanwalt Schmalhausen hat, obwohl er noch vor Abtransport des Get\u00f6teten am Tatort eintraf, die Spurensicherung im wesentlichen auf den n\u00e4chsten Tag verschoben und das Gel\u00e4nde eine ganze Nacht unbewacht gelassen. Er hat in seinen Ermittlungen viele wichtiger Zeugen nicht befragt und ist wesentlichen Widerspr\u00fcchen in Zeugenaussagen nicht nachgegangen. Er hat den Polizeifunk nicht ausgewertet und objektive Erkenntnisse aus Spurensicherung, Obduktion und Untersuchung der Waffen da unber\u00fccksichtigt gelassen, wo sie nicht zu seiner Version des Geschehens pa\u00dften. Auf diese Weise kommt er zu einem scheinbar stimmigen Bild des Geschehens, das den tats\u00e4chlichen Verlauf eher verdunkelt als aufkl\u00e4rt. Hierzu die folgenden, noch immer offenen Fragen.<\/p>\n<p><strong>Wie kam Kemal an die Waffe?<\/strong><br \/>\nAn der Ecke Kerkhoffstra\u00dfe\/ Burkhardtstra\u00dfe wurde Kemal von einer Streife gestellt. Nach mehreren Rangeleien, bei denen Kemal schlie\u00dflich im Polizeigriff zu r\u00f6cheln angefangen hatte &#8211; was der Einstellungsbescheid tunlichst verschweigt &#8211; , dr\u00fcckten die beiden Beamten den Jungen gegen eine Hauswand. Kemal schlug und trat. Einer der Beamten umklammerte seinen Oberk\u00f6rper &#8211; von vorn oder hinten? Kemal ergriff in dieser Situation die P-stole dieses Beamten und zog sie aus dem Holster. Wie locker sa\u00df die Waffe im Holster? Und was tat w\u00e4hrenddessen der andere Beamte?<\/p>\n<p><strong>Wie oft scho\u00df Kemal?<\/strong><\/p>\n<p>Als Kemal die Waffe hatte, lie\u00df der Beamte ihn los. Kemal rannte Richtung Treitschkestra\u00dfe und lief, weil er nach hinten sah, gegen ein geparktes Auto. Er fiel hin. Beide Beamte waren ihm gefolgt, der entwaffnete warf sich auf Kemals rechten Arm. Was tat der andere Beamte? Zeugenaussagen zufolge sprang er mit gezogener Waffe um die K\u00e4mpfenden herum. Er selbst will die Waffe in diesem Augenblick noch nicht gezogen haben. Warum hat er dann Kemal die Waffe nicht aus Hand genommen? Der Staatsanwalt stellt diese Fragen nicht.<\/p>\n<p>Als Kemal seinen Arm unter dem entwaffneten Polizisten hervorzog, l\u00f6ste sich aus der Waffe in seiner Hand ein Schu\u00df. Von diesem Schu\u00df sind ein Gescho\u00dfteil und die Patronenh\u00fclse gefunden und identifiziert worden. Von allen weiteren Sch\u00fcssen, die Kemal abgegeben haben soll, fehlt solches identifizierbares Material. Das hinderte den Staatsanwalt nicht, diejenigen der angeblichen Sch\u00fcsse Kemals, die er argumentativ braucht, als zweifelsfrei erwiesen hinzustellen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die von Schuld freisprechende Argumentation mu\u00df der Staatsanwalt einen gezielten Schu\u00df auf den entwaffneten Polizeibeamten als erwiesen annehmen. Kemal soll ihn abgegeben haben, bevor er dann in der Treitschkestra\u00dfe verschwand. Dem Gesetz \u00fcber den unmittelbaren Zwang des Landes NRW (UZWG) gem\u00e4\u00df, da\u00df die Voraussetzungen polizeilichen Schu\u00dfwaffeneinsatzes regelt, darf nur unter dieser Voraussetzung von nun an auch einen Fliehenden geschossen werden, da er ein Verbrechen unter Mitf\u00fchrung und Einsatz einer Schu\u00dfwaffe begangen hat. Allerdings mit einer Einschr\u00e4nkung: Er darf kein Kind sein. Dann ist der Schu\u00dfwaffeneinsatz auf den Fliehenden, selbst wenn er eine Waffe mit sich f\u00fchrt, nicht durch das UZWG gedeckt. So war es auch f\u00fcr die Staatsanwaltschaft besonders wichtig, deutlich zu machen, da\u00df Kemal, dessen 13 Lebensjahre nicht zu bestreiten waren, zumindest den Eindruck eines deutlich \u00e4lteren Jugendlichen machte. Der StA gab entsprechende Gutachten in Auftrag.<\/p>\n<p>F\u00fcr den juristisch so bedeutsamen Schu\u00df f\u00fchrte der StA vier Zeugen f\u00fcr diese zweite Rangelei zwischen Kemal und den Polizisten an: Die beiden Polizeibeamten sowie ein Ehepaar; entgegenstehende Zeugenaussagen l\u00e4\u00dft er unerw\u00e4hnt. Aber auch die Aussagen seiner vier Zeugen halten einer \u00dcberpr\u00fcfung nicht stand. Das Ehepaar, das am 3.7. aufgefordert wurde, zu einer Schie\u00dferei zwischen Polizeibeamten und einem Ausl\u00e4nder auszusagen, erkl\u00e4rte bei dieser Vernehmung, Kemal habe nicht geschossen. Nur der Polizeibeamte habe einen Schu\u00df in die Luft abgegeben. Eben dies aber will der noch bewaffnete Beamte auf keinen Fall getan haben. Der andere Polizist lag, seiner Aussage zufolge, nach dem Gerangel mit Kemal hinter einem Auto in Deckung. Er habe deshalb den fraglichen Schu\u00df nur geh\u00f6rt, aber nicht gesehen, wer scho\u00df. Folglich blieb der Beamte, der nicht geschossen haben will, zun\u00e4chst der einzige Zeuge f\u00fcr den angeblichen Schu\u00df Kemals. Am 10.7. wurde dann das Ehepaar erneut von der Polizei vernommen. Diesmal erkl\u00e4rt es, da\u00df sowohl der Polizeibeamte als auch Kemal geschossen h\u00e4tte. Nach dem Widerspruch zur vorherigen Aussage wird es nicht befragt. Auch der StA hakte nicht nach. Er entnimmt diesem Wirrwarr nur Kemals Schu\u00df &#8211; der Rest interessiert ihn nicht.<\/p>\n<p>An bzw. auf der Gleisanlage soll Kemal nach widerspr\u00fcchlichen Zeugenaussagen zwei-, drei- oder sogar viermal geschossen haben. Auch hier fehlen Sachbeweise, also Spuren. Der StA fa\u00dft diese Sch\u00fcsse zu einem einzigen zusammen, ohne auf das darin steckende Problem aufmerksam zu machen. Mehr als ein Schu\u00df hier w\u00e4re zu viel, weil sonst die Patrone entweder f\u00fcr den Schu\u00df in der Treitschkestra\u00dfe oder f\u00fcr den Schu\u00df vom Flachdach fehlen w\u00fcrde. Denn auch auf dem Flachdach soll Kemal nach Aussage eines der Polizeisch\u00fctzen geschossen haben. Zwar ohne M\u00fcndungsfeuer, Qualm oder R\u00fccksto\u00df &#8211; aber immerhin habe er den Knall geh\u00f6rt. Der StA nutzt diesen Knall, um die Annahme einer &#8222;Notwehrsituation&#8220; f\u00fcr die Sch\u00fcsse in Kemals R\u00fccken zu st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das &#8222;mathematische Problem&#8220; entsteht folgerma\u00dfen:<br \/>\nDie von Kemal entwendete Waffe enthielt im Magazin 8 Patronen. Schon in den Tagen nach Kemals Tod hatte die Staatsanwaltschaft gekl\u00e4rt: Zwei Patronen seien ausgeworfen worden, als Kemal an der Kerckhoffstra\u00dfe zweimal den Schlitten der Waffe gezogen habe, um vermeintlich durchzuladen. Zwei weitere Patronen seien in seiner Hosentasche gefunden worden. Diese vier ungenutzten Patronen konnten urspr\u00fcnglich erkl\u00e4ren, wieso Kemal nach vier Sch\u00fcssen unterwegs mit leerer Waffe auf dem Dach stand. Einzur\u00e4umen ist, da\u00df dies die Polizisten nicht wissen konnten. Sp\u00e4ter h\u00e4tte man f\u00fcr die insgesamt von Zeugen behaupteten Sch\u00fcsse Kemals mehr als vier Patronen gebraucht, zumal Kemal nun auch vom Flachdach im Kleingarten geschossen haben soll. Im Einstellungsbeschlu\u00df \u00fcbergeht der StA dieses Problem genauso wie das Sachbeweisproblem, da\u00df die in der Hosentasche gefundenen zwei Patronen eindeutig zu der von Kemal getragenen Waffe zuzuordenen waren, die an der Kerckhoffstra\u00dfe gefundenen dagegen nicht. \u00dcber die Frage, wie die Patronen in Kemals Hosentasche geraten sind, stellt der StA keine Betrachtungen an.<\/p>\n<p>Er vermerkt auch nicht, da\u00df Angaben \u00fcber den Zustand der Waffe fehlen, die bei Kemal gefunden worden ist. War sie geschlossen oder aufgeschossen? (&#8222;Aufgeschossen&#8220; bedeutet, da\u00df das Magazin ein gut sichtbares St\u00fcck weit aus der Waffe hervorsteht, nachdem die letzte Patrone verschossen ist.) Wenn sie leer war, h\u00e4tte sie aufgeschossen sein m\u00fcssen. Der eine der Polizeibeamten, die Kemal auf dem Flachdach erschossen, will aber gesehen haben, da\u00df Waffe geschlossen war. Wieso war sie dann nachher leer? Und wo waren zu diesem Zeitpunkt die beiden Patronen, die sich sp\u00e4ter in Kemals Tasche befanden?<\/p>\n<p><strong>Wie oft scho\u00df die Polizei?<\/strong><\/p>\n<p>Folgt man dem Protokoll des Polizeifunks, so mu\u00df im Zeitraum bis 16.55 Uhr im Bereich der Gleisanlagen und beim Kleingartengel\u00e4nde ziemlich viel geschossen worden sein. Dies best\u00e4tigen auch Augenzeugen. Laut StA haben vier Beamte im Bereich der Gleisanlagen insgesamt 11 Sch\u00fcsse abgegeben, davon einen Warnschu\u00df, die \u00fcbrigen auf die Beine. Bei der Kleingartenanlage geht der StA von zwei Beamten und sechs Sch\u00fcssen aus. Er erw\u00e4hnt im Einstellungsbeschlu\u00df nicht, da\u00df einige der untersuchten Waffen zwar noch Patronen im Magazin hatten, aber keine im Patronenlager, was auf Manipulation schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Zugleich bleibt unangesprochen, da\u00df nur die Waffen der Beamten untersucht wurden, die von sich aus sagten, sie h\u00e4tte geschossen. Ebensowenig ist angesprochen, da\u00df ein Zeuge auf der Nordseite der Berliner Br\u00fccke den Eindruck hatte, ihm fl\u00f6ge ein Projektil um die Ohren. War das ein Schu\u00df auf die Beine des Jungen oder der Warnschu\u00df in die Luft?<\/p>\n<p>Auch die vielen Einschu\u00dfspuren in zwei Betongewichten n\u00f6rdlich der Schienen sind von der StA ununtersucht geblieben. Daf\u00fcr ist inzwischen der interessantere dieser beiden Kl\u00f6tze abtransportiert worden. Etwa zu den Akten? Er zeigt ausweislich von Zeugenaussagen und Fotos, die der &#8222;Arbeitskreis zur Unterst\u00fctzung der Ermittlungen &#8230;&#8220; machte, deutlich frische Spuren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Situation an der Kleingartenanlage sagt ein Zeuge: An einem Garteneingang standen drei, an dem daneben zwei Polizisten. Die Polizisten an beiden Eing\u00e4ngen haben geschossen. Der StA macht daraus: Beide Polizisten am Gartentor haben geschossen. Die Differenz: eine Schu\u00dfrichtung und drei schie\u00dfende Beamte. Der Obduktionsbericht hingegen belegt, da\u00df Kemal 6 Schu\u00dfwunden aufweist und da\u00df er von hinten und von der Seite getroffen wurde. Der Staatsanwalt interpretiert die beiden Durchsch\u00fcsse in den Beinen als Folgen eines Schusses, geht mithin von 5 Sch\u00fcssen aus. Dies ist jedoch nach dem Obduktionsbericht nicht zwingend. Auch nimmt der Staatsanwalt bedenkenlos an, da\u00df nur von einem Gartentor aus geschossen wurde und da\u00df der Junge den Polizisten gleichzeitig den R\u00fccken und die rechte Seite zuwandte.<\/p>\n<h4>3. Es wird weiter gemauert<\/h4>\n<p>Auf zwei Polizeibeiratssitzungen erkl\u00e4rten die Vertreter der Polizei nichts wesentliches mehr, als da\u00df das Verfahren noch schwebte und sie von daher nichts sagen k\u00f6nnten. Polizeipr\u00e4sident Dybowski bat in einer Presseerkl\u00e4rung um Geduld und Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, da\u00df die Ermittlungen Zeit brauchten. Auf der Essener Demonstration aus Anla\u00df des Todes von Kemal am 9.9. d.J. verteilten Polizisten ein Flugblatt, das vor vorschnellen Verd\u00e4chtigungen warnte und bat, das Ermittlungsergebnis abzuwarten. Nur: der Polizei war das Ergebnis zu diesem Zeitpunkt schon bekannt, der \u00d6ffentlichkeit jedoch noch nicht. Nachdem der Einstellungsbeschlu\u00df \u00f6ffentlich wurde, zitierte die &#8222;NRZ&#8220; den Polizeipr\u00e4sidenten mit der \u00c4u\u00dferung: &#8222;Die von allen Essener Polizeibeamten und mir geforderte objektive Kl\u00e4rung ist damit erf\u00fcllt. Zu weiterer objektiver Kl\u00e4rung besteht kein Bedarf.&#8220; Kurze Zeit sp\u00e4ter sagte Polizei-Vizepr\u00e4sident Erhorn die Teilnahme von Polizei und Staatsanwaltschaft an einer Sitzung des Ausl\u00e4nderbeirats ab, da nun &#8211; durch die Beschwerde des Anwalts der Familie &#8211; das Verfahren erneut schwebe. Diese Beschwerde aber bewahrte die Staatsanwaltschaft Essen erstmal drei Wochen lang auf, bevor sie sie an den Generalstaatsanwalt in Hamm weitergab.<\/p>\n<p>Fazit: Ob schwebendes oder niedergeschlagenes Verfahren bleibt gleich &#8211; an einer \u00f6ffentlichen und vor der \u00d6ffentlichkeit auch \u00fcberzeugend vertretbaren Kl\u00e4rung des Falles besteht ersichtlich seitens der daf\u00fcr verantwortlichen kein Interesse. Noch immer hofft man offenbar, die Sache unter den Teppich kehren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zudem:<br \/>\nEs geht beim Tod des 13j\u00e4hrigen Jungen um allemal mehr als nur um Rechtsfragen. Denn, auch wenn die t\u00f6dlichen Sch\u00fcsse &#8222;rechtens&#8220; sein sollten, bleibt die wahnwitzige Eskalation eines &#8222;Dummejungenstreiches&#8220; zum t\u00f6dlichen Ausgang. Die Polizei ist weiterhin zu fragen (und hat sie sich selbst und zuerst die Frage zu stellen), was vor allem an ihrem Einsatz fehlgelaufen ist und welche Vorkehrungen getroffen werden k\u00f6nnten, damit in Zukunft solche Katastrophen vermieden werden.<\/p>\n<p>Dieser Frage &#8211; jenseits der juristischen Bewertung &#8211; hat sich die Polizeif\u00fchrung \u00f6ffentlich nicht gestellt. Sie war nicht einmal f\u00e4hig, \u00f6ffentlich ihr Entsetzungen und Bedauern auszudr\u00fccken. Nur der Oberb\u00fcrgermeister Essens und der Polizei-Vizepr\u00e4sident brachten es \u00fcber sich, der Familie Kemal C.s in einem Besuch Beileid auszusprechen und Hilfe anzubieten. Wie ger\u00fcchteweise bekannt wurde, ist dieser Besuch innerhalb der Polizeif\u00fchrung zudem auf deutliche Kritik gesto\u00dfen.<\/p>\n<p>Der Kommentator der &#8222;NRZ&#8220; schrieb schon am 7. Juli d.J.: &#8222;Wie neutral werden eigentlich die Ermittlungen gef\u00fchrt? Das alles kann zu einem erheblichen Vertrauensverlust in die Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft f\u00fchren.&#8220; &#8211; Dieser Feststellung ist bis heute nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<h6>Hinweis:<br \/>\nDer &#8222;Arbeitskreis zur Unterst\u00fctzung der Ermittlungen im Fall Kemal C.&#8220; ist zu erreichen \u00fcber:<br \/>\nGAL, Maxstr.11, 4300 Essen 1<br \/>\nDort ist f\u00fcr DM 3,- (incl. Porto, bitte Briefmarken beilegen) auch eine Dokumentation zu beziehen.<\/h6>\n<h5>* Mitarbeiter des &#8222;Arbeitskreises zur Unterst\u00fctzung der Ermittlungen im Fall Kemal C.&#8220;. Der Artikel wurde in R\u00fccksprache von der CILIP-Redaktion aktualisiert und um die Schilderung des Geschehensablauf erweitert.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Johannes Meyer-Ingversen * Am 30.6.89 eskaliert in Essen ein Bagatellunfall zu einem Gro\u00dfeinsatz der<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,40],"tags":[515,1132,1260],"class_list":["post-5437","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-034-archiv","tag-essen","tag-polizeischuesse","tag-schusswaffengebrauch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5437","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5437"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5437\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5437"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5437"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5437"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}