{"id":5598,"date":"1996-08-16T08:11:31","date_gmt":"1996-08-16T08:11:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=5598"},"modified":"1996-08-16T08:11:31","modified_gmt":"1996-08-16T08:11:31","slug":"neuerscheinungen-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=5598","title":{"rendered":"Neuerscheinungen"},"content":{"rendered":"<p><b>Heitmeyer, Wilhelm, u.a.:<\/b><br \/>\n<em>Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milius, Weinheim-M\u00fcnchen (Juventa) 1995, 478 S., DM 58.- <\/em><\/p>\n<p>Die von dem P\u00e4dagogen Wilhelm Heitmeyer geleitete Arbeitsgruppe an der Universit\u00e4t in Bielefeld besetzt mit dieser umfangreichen Gewaltstudie das Feld der mehr oder minder aufgeregten und unterschiedlich kar\u00e4tigen Interpretationen von (meist jugendlicher) Gewalt in Richtung des von ihr mitgek\u00fcrten, vor allem aber f\u00fcr Analysen von Jugendlichen gebrauchten und verbreiteten \u201dIndidvidualisierungstheorems\u201d. Die Studie \u00fcberzeugt dort, wo sie allen kurzschl\u00fcssigen Ursache-Wirkung-Behauptungen zum trotz, die Komplexit\u00e4t des Ursachen-Wirkungsgeflechts gerade in Sachen Gewalt unterstreicht. Dementsprechend untersuchen die Autorinnen und Autoren gesamtgesellschaftliche Vorg\u00e4nge vermittelt \u00fcber institutionelle und materielle Gegebenheiten, die das Bewu\u00dftsein und Verhalten von Jugendlichen bedingen (die \u201dMilieus\u201d und ihre spezifischen Sozialisationsmuster) bis hin zu den Re-Aktionsformen von Jugendlichen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Schw\u00e4che der Analyse besteht allerdings darin, da\u00df ihre empirische Grundlage in einer quantitativen Meinungsumfrage unter ost- und westdeutschen Jugendlichen in den Jahren 1992\/93 besteht. Der zu Recht oft ob seiner Relevanz unterstrichene soziale Kontext (von dem kaum apostrophierten politischen zu schweigen) bleiben wie das gesellschaftlich allgemeine Individualisierungstheorem weithin \u201dGesamtkonstrukt(e)\u201d (S. 145), mit derenHilfe die Befragungsbefunde aufgep\u00e4ppelt werden. Was Wunder, da\u00df die Ergebnisse dem gleichen, was an interpretatorisch-begrifflicher Voraussetzung vorweg aufgebaut wurden. Was Wunder, da\u00df man fast 500 Seiten lang vergebens Ausschau nach einer einigerma\u00dfen z\u00fcnftigen Analyse h\u00e4lt und au\u00dfer einer pseudogenauen Ph\u00e4nomenschau mit gesamtgesellschaftlich raunender Logik nichts \u201dzu bei\u00dfen\u201d bekommt. Was Wunder schlie\u00dflich, da\u00df der Hauptautor den in Einzelheiten anregenden und durchaus problembewu\u00dften Band mit einer h\u00f6chst ungenauen und gedanklich ohnm\u00e4chtigen Notiz zum angeblich \u201dstrukturellen Politikdilemma\u201d und einem Feuilleton zu \u201dThematisierungsfallen in der Gewaltdiskussion\u201d beschlie\u00dft.<\/p>\n<p>H\u00e4tte sich doch das Autorenteam daran gemacht, die von Wolfgang K\u00fchnel zurecht markierte L\u00fccke zu schlie\u00dfen: \u201dStark unterrepr\u00e4sentiert sind\u201d, hei\u00dft es da in der Skizze \u201dZur Forschungssituation\u201d, \u201dim Spektrum der Gewaltforschung qualitative Erhebungen\u201d (S. 17). Diese qualitativen Erhebungen h\u00e4tten selbstredend durch eine dichte, und sei es nur eine exemplarische Kontextanalyse einschlie\u00dflich der Analyse der etablierten Politik und ihrer Prozeduren, \u00c4u\u00dferungen und Handlungen bzw. Ma\u00dfnahmen erg\u00e4nzt werden m\u00fcssen. So ist au\u00dfer viel Aufwand und allzu viel pr\u00e4tenti\u00f6s (leerem) Jargon fast nichts au\u00dfer einem weiteren dicken Buch entstanden. Einer anderen Jugend- und Erwachsenenpolitik hilft es \u00fcber ohnehin Bekanntes nicht weiter; zur Gewaltanalyse tr\u00e4gt es nahezu nichts bei.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Schacht, Konrad\/Leif, Thomas\/Janssen, Hannelore (Hg.): <\/b><br \/>\n<em>Hilflos gegen Rechtsextremismus? Ursachen &#8211; Handlungsfelder &#8211; Projekterfahrungen, K\u00f6ln (Bund-Verlag) 1995, 400 S., DM 34.- <\/em><\/p>\n<p>Das Vorwort stimmt richtig ein auf das, was die 15 Autorinnen und Autoren pr\u00e4sentieren: \u201dDas Scheitern der Rechtsextremen bei der Bundestagswahl (&#8230;)\u201d war \u201dein politisch erk\u00e4mpfter Sieg der Demokratie\u201d (S. 7). \u201dDie politischen Akteure waren dieser Gefahr gegen\u00fcber nicht hilflos und werden hoffentlich auch k\u00fcnftig entsprechende Tendenzen entschlossen bek\u00e4mpfen\u201d (S. 8). Da dementsprechend herrschend etabliert (fast) alles in Butter war\/ist, k\u00f6nnen sich dieBeitr\u00e4ge auf \u201ddie p\u00e4dagogische Auseinandersetzung mit diesem Ph\u00e4nomen\u201d konzentrieren. \u201dDas Ph\u00e4nomen\u201d, fast ein Phantom, hat jedenfalls mit den normalen Institutionen und Prozeduren der Bundesrepublik allenfalls randst\u00e4ndig zutun. Dementsprechend behandelt Armin Pfahl-Traughber in seiner \u201dBestandsaufnahme und Problemaufri\u00df\u201d am Beginn die \u201dpolitischen Begr\u00fcndungsfaktoren\u201d im Sinne nachwirkender, an sich \u00fcberwundener politischer \u201dTraditionsbest\u00e4nde\u201d. Die Mehrzahl der Beitr\u00e4ge t\u00fcmmelt p\u00e4dagogisch in einer verquasten Sprache, da\u00df es auch geneigt Lesenden ganz unp\u00e4dagogisch zumute wird.<\/p>\n<p>Diesen Demokratieuntericht m\u00f6chte man schleunigst verlassen.<\/p>\n<p>Die, unsere LeserInnen mutma\u00dflich am st\u00e4rksten interessierenden Beitr\u00e4ge von der kundig-kritischen Monika Frommel, \u201dFremdenfeindliche Gewalt, Polizei und Strafjustiz\u201d, (S. 129-155) und von Manfred Murck \u201dDie Haltung der Polizei in Konflikten mit Rechtsextremen\u201d (S. 156-175) entt\u00e4uschen gleicherweise. Frommel insistiert mit gutem Grund darauf, da\u00df \u201dnur ein Minimum dessen, was von vielen f\u00fcr grundlegend und wertvoll gehalten wird, (&#8230;) Gegenstand strafrechtlicher Normierung\u201d sein k\u00f6nne und d\u00fcrfe (S. 132). Zugleich pl\u00e4diert sie f\u00fcr eine strafrechtlich normierte und strafgerichtlich hart sanktionierte Antidiskriminierung &#8211; und kritisiert demgem\u00e4\u00df die angebliche strafrechtliche\/strafgerichtliche Fixierung auf das Tatstrafrecht. Ein Pl\u00e4doyer, das bei einer solch erfahrenen Kriminologin nur verwundern kann.<\/p>\n<p>Manfred Murck bewegt sich in einem entspannenden \u201dEinerseits-Andererseits\u201d ohne zus\u00e4tzlichen Informationswert. Sein Generalpardon k\u00f6nnte als die sch\u00e4rfste Kritik an der etablierten Bundesrepublik und ihrer Polizei \u00fcbersetzt werden. Dies gesch\u00e4he indes gewi\u00df gegen die Absichten desAutors und die der anderen Autorinnen und Autoren des Bandes. Deren Auslassungen laufen trotz mancher Adorno-Zitate weithin auf eine schlechte, weithin kontext- und damit analysefreie Subjektivierung derunzureichend beschriebenen Probleme hinaus.<\/p>\n<p>\u201dWenn es richtig ist\u201d, so Murck, \u201dwas ja mit unterschiedlichen Akzentsetzungen mehr oder weniger von allen behauptet wird, da\u00df die Gesellschaft der Bundesrepublik mit dem Umfang und den Formen der Zuwanderung in den letzten Jahren \u00fcberfordert war, dann mu\u00df diese Analyse grunds\u00e4tzlich auch f\u00fcr die Polizei gelten, die ja eine Reihe von Folgeproblemen viel direkter zu sp\u00fcren bekommt als die meisten anderen Berufe bzw. Institutionen\u201d (S.169).<\/p>\n<p>Nein, diese Polizei, diese Bundesrepublik und diese Autorinnen und Autoren sind ganz und gar nicht \u201dhilfslos gegen den Rechtsextremismus\u201d. Sie siegen sich demokratisch zu Tode.<\/p>\n<p><em>(s\u00e4mtlich: Wolf-Dieter Narr) <\/em><\/p>\n<p><b>Reinders, Ralf\/Fritsch, Ronald: <\/b><br \/>\n<em>Die Bewegung 2. Juni. Gespr\u00e4che \u00fcber Haschrebellen, Lorenz-Entf\u00fchrung, Knast, (Edition ID-Archiv), Berlin-Amsterdam 1995, 182 S., DM 18,&#8211; <\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Beteiligung an der Entf\u00fchrung des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz 1975 und der damit verbundenen Freipressung von f\u00fcnf inhaftierten TerroristInnen haben Reinders\/Fritsch ca. 15 Jahre abgesessen. In dem vorliegenden Buch finden sich Interviews und Gespr\u00e4chsaufzeichnungen aus den Jahren 1978, 1990 und 1992. \u201dDie beiden reden relativ frei von ihrer Politisierung und den illegalen Aktionen. Nach all den JahrenKnast tun sie es mit einer erstaunlichen Leichtigkeit\u201d, schreibt das ID-Archiv in seinem Vorwort und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Mehr als munteres Geplauder darf man also nicht erwarten. Dennoch ist das Buch faszinierend und erschreckend zugleich. Faszinierend weil es einen weitgehend ungehinderten Blick auf Leben und Denken von Reinders\/Fritsch erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Erschreckend weil man die einzelnen Texte ohne die kurzen einleitenden Bemerkungen zeitlich nicht auseinanderhalten k\u00f6nnte. So sehr gleichen sie sich, obwohl jeweils Jahre dazwischen liegen und seit der eigenlichen Tat bereits zwei Jahrzehnte vergangen sind.<\/p>\n<p>Eine Facette des deutschen Terrorismus wird aus der Sicht ehemals Handelnder erz\u00e4hlt; Reflexionen finden dabei jedoch so gut wie nicht statt. Das w\u00e4re nicht weiter schlimm, wenn die Schilderungen in einen Rahmen eingebettet w\u00e4ren, der den LeserInnen die notwendigen Fakten und politischen Rahmenbedingungen, die f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis erforderlich sind, mitliefern w\u00fcrde. Da dies nicht der Fall ist und die Gespr\u00e4chsmitschriften dazu allein nicht ausreichen, ist eine gewisse Grundkenntnis \u00fcber die damalige Zeit und ihre vielf\u00e4ltigen \u201dBewegungen\u201d unabdingbar. Fehlt diese (und das ist bei den nachgewachsenen Generationen h\u00e4ufig der Fall), wird man mit dem Buch wenig anfangen k\u00f6nnen. Das scheinen auch die Autoren so empfunden zu haben und den \u201dGespr\u00e4chen\u201d einen Anhang \u201dChronologische Eckdaten; von Vietnam bis Berlin-Moabit\u201d nachgestellt. Die allerdings sind von solcher Beliebigkeit, da\u00df sie bestenfalls Eckdaten im Leben von Reinders\/Fritsch aufzeigen k\u00f6nnen. Kurzum: Als Selbstzeugnisist das Buch sinnvoll und n\u00fctzlich, m\u00f6glicherweise sogar wichtig. Als Buch \u00fcber die \u201dBewegung 2. Juni\u201d oder zum Verst\u00e4ndnis der Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus ist es nicht zu gebrauchen: \u201dGespr\u00e4che\u201d eben, \u201d\u00fcber Haschrebellen, Lorenz-Entf\u00fchrung und Knast\u201d.<\/p>\n<p><b>Maibach, Gerda:<\/b><br \/>\n<em>Polizisten und Gewalt. Innenansichten aus dem Polizeialltag, rororo-aktuell, Reinbek, 205 S., 14,90 DM <\/em><\/p>\n<p>Gerda Maibach, Lehrbeauftragte f\u00fcr Psychologie und Verhaltenstraining bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen l\u00e4\u00dft hier sieben Schutzpolizisten und eine -polizistin \u00fcber ihren Umgang und ihre Erfahrungen mit polizeilicher Gewalt berichten. Die tun dies, soweit nachvollziehbar, erstaunlich offen &#8211; und darin liegt der Wert des Buches.<\/p>\n<p>Hier l\u00e4\u00dft sich nachlesen, was man ansonsten nur in vertraulichen Einzelgespr\u00e4chen erf\u00e4hrt: Alle bekennen nicht nur, von \u00dcbergriffen bis hin zu vors\u00e4tzlichen Mi\u00dfhandlungen zu wissen. Sie selbst haben sich mindestens einmal daran beteiligt. Sie versuchen ihre Gef\u00fchlslage in diesen Situationen zu erkl\u00e4ren und die Hilflosigkeit, mit der sie \u00dcbergriffen von Kollegen gegen\u00fcber stehen. Was PolizeikritikerInnen seit Jahren unisono erkl\u00e4ren, wird von den Interviewten best\u00e4tigt: Die Ausbildung vermittelt zwar ein umfangreiches rechtliches Wissen, jedoch keine praxisnahe Schulung im Umgang mit denB\u00fcrgerInnen; Kommunikationstraining findet so gut wie nicht statt. Unzureichend ausgebildet, treffen sie im aktiven Dienst auf eine manifeste hierarchische Struktur in der sie zun\u00e4chst l\u00e4stige \u201dKielschweine\u201d und\u201dAchsbeschwerer\u201d sind.<\/p>\n<p>Wer nicht das Gl\u00fcck hat, einem guten \u201dB\u00e4renf\u00fchrer\u201d zugeteilt zu werden, hat beinahe schon verloren. Unsicher in jeder Beziehung schlie\u00dft man sich dem herrschenden Corpsgeist an &#8211; tut man es nicht, geht man endg\u00fcltig unter. Nur pers\u00f6nlich halbwegs gefestigte (kritische) Geister haben noch eine Chance, durch Umsetzungsgesuche (z.T. mit Karrierenachteilen) dem vorgezeichneten Weg zu entfliehen. All dies erkl\u00e4ren PolizeikriterInnen seit Jahren ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Also ein gutes Buch? In diesem Punkt ja, seine St\u00e4rke liegt ohne Wenn und Aber in den Interviews. Schwach wird es bei den Beitr\u00e4gen der Autorin selbst. Neben einer Darstellung ihrer Vorgehensweise in der Einleitung und (\u00fcberfl\u00fcssigerweise) im Fazit (S. 187-196) sowie der Wiederholung von altbekannten Forderungen kommt da nicht viel.<\/p>\n<p>Das sich von den urspr\u00fcnglich Angesprochenen drei g\u00e4nzlich verweigerten, da sie \u201dAuswirkungen auf ihre Arbeit bzw. laufbahnrechtliche Konsequenzen bef\u00fcrchteten\u201d und bis auf zwei Beamte aus dem h\u00f6heren Dienst alle anderen anonymisiert werden mu\u00dften, ist ihr \u00fcber die Erw\u00e4hnung hinaus (S. 15) keine Silbe wert. Was angesichts der Tatsache, da\u00df es sich bei den Interviewten bereits um bewu\u00dfte, kritische BeamtInnen handelt schon einiger Zeilen bedurft h\u00e4tte. Das ist mehr als bedauerlich und so ist der Autorin recht zu geben, wenn sie sagt, ihre Interviewpartner seien \u201ddie eigentlichen Autoren\u201d (S. 19). Das tats\u00e4chliche Fazit bleibt somit dem fr\u00fcheren D\u00fcsseldorfer Polizeipr\u00e4sidenten Hans Lisken vorbehalten &#8211; es ist lesenswert.<\/p>\n<p>Gerda Maibach wollte ein kritisches Buchherausbringen &#8211; das ist ihr gelungen. Sie wollte es sich zugleich aber nicht mit ihrem \u201dBr\u00f6tchengeber\u201d verderben &#8211; das zumindest ist erkennbar. Ob dieser Spagat auch gelungen ist, wird sich zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>(s\u00e4mtlich: Otto Diederichs) <\/em><\/p>\n<p><b>Bigo, Didier:<\/b><br \/>\n<em>Polices en R\u00e9seaux. L\u201dexp\u00e9rience europ\u00e9enne, Paris (Presses de Sciences Po) 1996, 358 S., FF. 196,- <\/em><\/p>\n<p>Bigos Leistung besteht vor allem darin, das Thema der Europ\u00e4isierung von Polizei und Innerer Sicherheit auch dem franz\u00f6sischen Publikum n\u00e4her gebracht zu haben. Im Unterschied zu vielen anderen Beitr\u00e4gen auf diesem Gebiet stehen hier nicht die Vertragstexte von Schengen etc. im Vordergrund. Die eigentlichen Ver\u00e4nderungen, so Bigo richtig, haben nicht mit der Diskussion um den Abbau der Binnengrenzkontrollen und die angeblichen Ausgleichsma\u00dfnahmen begonnen. Die Grenzen spielen in diesem Proze\u00df nur eine untergeordnete Rolle. Grenzen seien keine wirklichen Barrieren, weswegen auch die Frage nach der \u201dFestung Europa\u201d falsch gestellt sei. Statt Grenzkontrollen alten Stils wird die Kontrolle immer mehr ins Staatsinnere verlegt. Die vormaligen Grenzpolizeien werden zu Immigrationspolizeien. Sie entsenden \u00e4hnlich wie die spezialisierten Abteilungen der Kripo und die politischen Polizeien Verbindungsbeamte ins Ausland. Um diese Netze (r\u00e9seaux) von Beamten, die im Gesamtkontext der Polizeiorganisation als \u201dmarginale Akteure\u201d erscheinen k\u00f6nnten, geht es dem Autor: Verbindungsbeamte, Hohe Beamte aus den Innen- bzw. Justizministerien, etc. Den Beginn des Europ\u00e4isierungsprozesses sieht er daher auch nicht erst in den sp\u00e4ten 80er Jahren, sondern bereits in der st\u00e4rkeren Zusammenarbeit der Terrorismus-Bek\u00e4mpfer und in der Gr\u00fcndung der verschiedensten supranationalen Polizeiclubs in den 70er Jahren. Die Formalisierung der TREVI-Verhandlungen seit 1988 und sp\u00e4ter in der \u201d3. S\u00e4ule\u201d sei daher nicht der Beginn, sondern nur der juristische Ausdruck dieses Prozesses.<\/p>\n<p>Bigo analysiert die Verschiebung von der Strafverfolgung zum \u201dFeld der Sicherheit\u201d, in dem Drogenh\u00e4ndler, Terroristen, Mafias und Einwanderer als ein zusammenh\u00e4ngendes neues Feindbild konstruiert werden, demgegen\u00fcber insbesondere die Informationsbeschaffung international ansetze. Internationale Vernetzung und Polizeiarbeit aus der Distanz wertet er als Anzeichen der Ver\u00e4nderung staatlicherHerrschaft. Die Grenzen des Nationalstaats verlieren als Begrenzung staatlicher Herrschaft ihre Bedeutung.<\/p>\n<p><em>(Heiner Busch) <\/em><\/p>\n<p><b>Backslash, Hack-tic, Jansen &amp; Janssen, AutorInnenkollektiv Keine Panik (Hg.): <\/b><br \/>\n<em>Der kleine Abh\u00f6rratgeber, Computernetze, Telefone, Kameras, Richtmikrofone. Mit einem Nachwort von Otto Diederichs + Diskette, Berlin April 1996, 143 S., 20,&#8211; DM <\/em><\/p>\n<p>Die Zeiten, in denen GesellschaftskritikerInnen und Linke mit Codes verkehrten, in Hinterzimmern tuschelten oder f\u00fcr Telefonate nur die Zelle unten auf der Stra\u00dfe nutzten, werden von uns heute bel\u00e4chelt. Zu Recht, weil so manche Abwehrma\u00dfnahme gegen das Abh\u00f6rendilettantisch war, und zu Unrecht, weil wir heute oft nicht mehr wahrhaben wollen, da\u00df in den 70ern abgeh\u00f6rt wurde und heute noch abgeh\u00f6rt wird. Otto Diederichs belegt im Nachwort des \u201dKleinen Abh\u00f6rratgebers\u201d, da\u00df aktuell nicht weniger abgeh\u00f6rt wird wie ehedem, sondern eher mehr, anders, und mit neuen Rechtsgrundlagen. Die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen des staatlichen Abh\u00f6rens sind ansonsten nicht Gegenstand des informativen und billigen B\u00fcchleins. Ziel der Gemeinschaftsarbeit der Herausgebergruppen, die alle in der linken Technik- bzw. Dienstekritischen Szene angesiedelt sind, ist die technisch exakte Darstellung von akustischen, elektronischen und optischen Abh\u00f6r- und Beobachtungsmethoden. Grundlage f\u00fcr die deutsche Ausgabe war ein holl\u00e4ndisches Vorbild von 1994. Die Funktionsweise von Richtmikrofonen, Wanzen, den unterschiedlichsten Kameratypen, von Abh\u00f6rger\u00e4t f\u00fcr kabelgest\u00fctzte oder drahtlose Telefone, des Anzapfens von Funkverkehr, von Computern und elektronischer Post (von der Mailbox bis zum Internet) wird beschrieben.<\/p>\n<p>Der Lauschangriff wird nicht nur dargestellt, sondern auch, wie wir uns dagegen sch\u00fctzen k\u00f6nnen, z.B. mit Hilfe von Verschleierungs- und Verschl\u00fcsselungsger\u00e4ten. Dabei wird nicht verschwiegen, wieviel das Abh\u00f6rger\u00e4t und wieviel der Schutz davor kostet. Das als Bettlekt\u00fcre ebenso wie als Handbuch bzw.<\/p>\n<p>Nachschlagewerk nutzbare B\u00fcchlein ist f\u00fcr NormalverbraucherInnen geschrieben und wirdselten so detailliert (kompliziert), da\u00df diese nicht mehr alles verstehen. Kleine historische Beispiele und ein lockerer Schreibstil erh\u00f6hen die Lesbarkeit. Diewenigen rechtlichen Ausf\u00fchrungen sind dagegen unpr\u00e4zise. So ist der sicher nicht gewollte Adressantenkreis, wohl aber ein wichtiger Abnehmerkreis im Geheimdienst-, Polizei- und im Kriminellenmilieu zu suchen.<\/p>\n<p>Den traditionell eher technikfeindlichen Altlinken werden die Augen und das Bewu\u00dftsein ge\u00f6ffnet f\u00fcr die damals gef\u00fcrchtete, aber zugleich fazinierende Abh\u00f6rtechnik, der man sich letztendlich auch selbst bedienen k\u00f6nnte. Nat\u00fcrlich kann nur eine Einf\u00fchrung gegeben werden; f\u00fcr die konkrete Umsetzung bedarf es der fachkundigen Hilfe oder weiterer Spezialliteratur, auf die in Quellenhinweisen verwiesen wird. \u00c4u\u00dferst praktisch ist als Draufgabe zum Buch eine Diskette, mit dem Verschl\u00fcsselungsprogramm \u201dPretty Good Privacy\u201d.<\/p>\n<p><em>(Thilo Weichert)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heitmeyer, Wilhelm, u.a.: Gewalt. 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