{"id":6262,"date":"2015-06-03T07:52:58","date_gmt":"2015-06-03T07:52:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=6262"},"modified":"2015-06-03T07:52:58","modified_gmt":"2015-06-03T07:52:58","slug":"praktizierte-distanz-zur-polizei-erfahrungen-in-der-strassensozialarbeit-mit-jugendlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=6262","title":{"rendered":"Praktizierte Distanz zur Polizei &#8211;\u00a0Erfahrungen in der Stra\u00dfensozialarbeit mit Jugendlichen"},"content":{"rendered":"<h3>Interview mit Christian Schramm, Gangway e.V.<\/h3>\n<p><strong>Keine Weitergabe personenbezogener Daten, keine Angaben zu konkreten Personen oder Gruppen an die Polizei \u2013 dieser Grundsatz m\u00fcsse durchgehalten werden, sagt der Sozialarbeiter Christian Schramm. Norbert P\u00fctter befragte ihn \u00fcber seine Erfahrungen mit Jugendlichen und Polizei.<\/strong><\/p>\n<p>Der 1990 gegr\u00fcndete Verein \u201eGangway e.V.\u201c ist der gr\u00f6\u00dfte Tr\u00e4ger von Stra\u00dfensozialarbeit in Berlin. Rund 70 SozialarbeiterInnen arbeiten gegenw\u00e4rtig in 23 Teams. In den 14 regionalen Teams, die jeweils mit drei Personen besetzt sind, wird klassische Stra\u00dfensozialarbeit mit Jugendlichen gemacht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Unser Interviewpartner arbeitet im \u201eTeam Tiergarten\u201c im Stadtteil Moabit, der zum Bezirk Mitte geh\u00f6rt.<!--more--><\/p>\n<p><strong><em>Norbert P\u00fctter: Seit wann arbeiten Sie als Streetworker bei Gangway?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Christian Schramm:<\/strong> Seit 15 Jahren. Also eigentlich seit 16 Jahren, aber zwischendurch habe ich ein Jahr in einem Projekt zur U-Haft-Ver\u00admeidung gearbeitet, kam dann aber wieder zu Gangway.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Ihre regionalen Teams sind auf die Arbeit mit Jugendlichen ausgerichtet. Gibt es bestimmte Gruppen oder Milieus von Jugendlichen, auf die Ihre Arbeit zielt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Nein. Gangway versucht, in dem Stadtteil, in dem man arbeitet, an alle Milieus ranzukommen. Es ist nicht so, dass wir etwa sagen, wir arbeiten nur mit t\u00fcrkischen oder arabischen Jugendlichen, weil die hier die Mehrheit darstellen, sondern wir gehen nach dem Bedarf, der auf der Stra\u00dfe ist. Wir sagen nie, mit der oder der Gruppe arbeiten wir nicht, weil wir etwa nicht die kulturelle Kompetenz haben. Das muss man sich dann eben selber erarbeiten.<\/p>\n<h4>\u201eBetriebsgeheimnisse\u201c<br \/>\n<\/h4>\n<p><strong><em>NP: Spielt in Ihrer Arbeit mit den Jugendlichen die Polizei eine Rolle? Kommen Sie \u00fcberhaupt in Kontakt mit der Polizei?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Kontakt mit der Polizei \u2013 der findet auf der Stra\u00dfe immer wie\u00adder statt. Etwa wenn ich zuf\u00e4llig dabei bin, wenn Jugendliche festgenom\u00admen werden. Mich haben auch schon Jugendliche geholt, w\u00e4hrend eine Haus\u00addurchsuchung stattfand. Vor der Wohnung hatte sich bereits eine Men\u00adschentraube versammelt. Drei Wannen waren auch da. Ein Jugendlicher war festgenommen und sa\u00df in der Wanne. Ich bin hoch gegangen und habe dann mitbekommen, dass die Hausdurchsuchung ohne unab\u00adh\u00e4ngigen Zeugen gelaufen ist. Ich habe darauf hingewiesen, dass das nicht rechtens ist. Dann wollten sie mich als Zeugen nehmen; das habe ich aber abgelehnt. Immer wieder gibt es solche Situationen, in denen man der Polizei erkl\u00e4ren muss, welche Rechte die Jugendlichen haben.<\/p>\n<p>Neben diesen allt\u00e4glichen Kontakten gibt es Verbindungen auf \u201eh\u00f6herer Ebene\u201c, etwa in bestimmten Arbeitsgruppen. Dort reden wir mit der Polizei, sofern es etwa um Ph\u00e4nomenbeschreibungen oder um die Strukturen unserer Arbeit geht. Das macht auf Landesebene unsere Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin, das geschieht aber auch in lokalen oder thematischen Vernetzungen. In Einzelf\u00e4llen gibt es auch Absprachen mit der Polizei \u2013 etwa dass sie nicht ausgerechnet dann einen bekannten Treffpunkt von Jugendlichen kontrollieren, wenn wir dort eine Aufkl\u00e4rungsaktion zur Drogenpr\u00e4vention machen. Gespr\u00e4che mit der Polizei kommen auch im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen zustande, die von PolizistIn\u00adnen und SozialarbeiterInnen besucht werden. Insgesamt verfolgt Gang\u00adway eine Strategie des kritischen Dialogs mit der Polizei. F\u00fcr die Kontakte auf allen Ebenen, sei es auf der Stra\u00dfe oder in irgendwelchen Fo\u00adren, ist oberster Grundsatz von Gangway: Keine Weitergabe personen\u00adbezogener Daten, keine Angaben zu konkreten Personen oder Gruppen an die Polizei!<\/p>\n<p><strong><em>NP: Kann denn ein solcher Grundsatz in der Praxis durchgehalten werden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Er muss durchgehalten werden. Geben wir personenbezogene Informationen an die Polizei, so ist das ein K\u00fcndigungsgrund. Nach dem Verst\u00e4ndnis von Gangway handelt es sich dabei um Betriebsgeheim\u00adnisse, deren Wahrung wir mit unserem Arbeitsvertrag unterschrieben haben. Wer diese an Au\u00dfenstehende weitergibt, dem droht die K\u00fcndigung.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Ist diese Verweigerung noch zeitgem\u00e4\u00df? H\u00e4ufig h\u00f6rt man heute das Argument: Sozialarbeit und Polizei h\u00e4tten beide das Wohl der Jugendlichen vor Augen. Da m\u00fcssen sie doch eng zusammenarbeiten und ihre Erkenntnisse austauschen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Einmal abgesehen von der datenschutzrechtlichen Seite ist f\u00fcr uns entscheidend: In Hinblick auf die Jugendlichen wollen Polizei und Sozialarbeit durchaus nicht dasselbe. Wir arbeiten mit den Jugendlichen, wir sehen ihre Situation, wir versuchen mit ihnen die Probleme zu bew\u00e4ltigen, die sie haben. Unsere Arbeit ist auf Dauer und Nachhaltigkeit ausgerichtet. Die Polizei ist am Recht orientiert, ihr geht es um schnelle Erfolge, ihr geht es um die Festnahme von Personen, um die Verunsicherung von Szenen, um die Herstellung einer bestimmten \u00f6ffentlichen Ordnung. Das sind erhebliche Unterschiede.<\/p>\n<h4>Kein Zeugnisverweigerungsrecht<\/h4>\n<p><strong><em>NP: Nun gilt f\u00fcr die Streetworker wie f\u00fcr alle B\u00fcrgerInnen der \u00a7 138 des Strafgesetzbuches, nach dem bestimmte geplante Straftaten angezeigt wer\u00adden m\u00fcssen. Im Bereich der Jugendlichen kommt etwa das \u201eJacken abzie\u00adhen\u201c als Raub in Frage. Wie gehen Sie mit dieser Strafandrohung um?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>CS: Im Prinzip besteht das Problem auch bei anderen Delikten, die nicht im \u00a7 138 erfasst sind, denn bei einer geplanten K\u00f6rperverletzung w\u00fcrden wir auch nicht tatenlos zusehen. Wir gehen davon aus, dass wir ein so gutes Verh\u00e4ltnis zu den Jugendlichen haben, dass es uns gelingt, sie von den Straftaten, die uns bekannt werden, abzuhalten. Da setzen wir unseren ganzen Ehrgeiz rein. Sofern das nicht gelingt, wird niemand aus\u00adschlie\u00dfen, eine angek\u00fcndigte Tat anzuzeigen. Ich habe das aber noch nicht tun m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Problematischer als die Anzeigepflicht wird h\u00e4ufig das fehlende Zeugnisverweigerungsrecht f\u00fcr SozialarbeiterInnen empfunden. Durch Ihre N\u00e4\u00adhe zu den Jugendlichen k\u00f6nnten Sie ja ein pr\u00e4destinierter Zeuge in Strafverfahren sein. Gibt es das, dass Sie als Zeuge vorgeladen werden?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> In der Auseinandersetzung mit der OGJ<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> wurden wir schon mal mit Vorw\u00fcrfen der Verdunkelung einer Straftat konfrontiert. Naja, meine Chefin meinte, dann sollen die eine Anzeige machen. Das w\u00e4re dann sehr spannend gewesen. Ich hatte so eine Situation bisher nur derart, dass die Polizei mich als Zeuge laden wollte. Es ging um einen einfachen Fahrraddiebstahl. Ich war mit einer spannenden Gruppe unterwegs. Wir waren auf einer Kartbahn, so dass die Polizei nachher Adressen und Namen hatte. Und am Ende wurde eben ein Fahrrad geklaut. Ich habe noch versucht, den Typen zu erwischen, dass er mir das Fahrrad \u00fcber\u00adgibt und ich es zur\u00fcckbringen kann. Bl\u00f6derweise war das aber ziemlich schnell verkauft. Auf jeden Fall sollte ich als Zeuge geladen werden. Dann hat sich meine Chefin, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin von Gangway, einge\u00adschaltet, und ich musste nicht mehr hin. Das war auch mein Einstieg damals, wir hatten hier als Team in Moabit neu angefangen. Da Fahrrad\u00addiebstahl nicht die \u201eHausnummer\u201c dieser Gruppe war, sondern ganz andere Baustellen bei denen waren, die auch heftiger waren, wollten wir an die ran, wir wollten mit denen arbeiten. Eine Aussage h\u00e4tte da alles kaputt gemacht, alles. Wir w\u00e4ren nie wieder an diese Gruppe und das ganze Umfeld herangekommen.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Und die Polizei hat sich von dieser Argumentation \u00fcberzeugen lassen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>CS: Das ging \u00fcber die Direktionsleitung und die guten Kontakte unserer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin. Ich kann mich bisher immer nur auf die Sachen zur\u00fcckziehen, die ich arbeitsrechtlich habe. Dann haben wir gute Anwaltskontakte. Und ich habe die Zusage meiner Chefin, sie besucht mich in Beugehaft und bringt mir Zigaretten mit. Ich w\u00fcrde es aber sehr begr\u00fc\u00dfen, wenn wir ein Zeugnisverweigerungsrecht h\u00e4tten, dann m\u00fcssten wir nicht so \u201erumeiern\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Werden denn von der Polizei konkrete W\u00fcnsche an Sie gerichtet? <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Nein, so konkret habe ich das noch nicht erlebt. Das kommt eher auf einer allgemeinen Ebene. Etwa dass ein Beamter sagt: Ja, wir k\u00f6nnen ja kooperieren, und wir gucken dann auch weg und so. Das ist subtiler. Es wird nie direkt nach Person XY gefragt. Das habe ich bei Jugendclubs schon erlebt, dass da gefragt worden ist: Kommt denn der zu euch? War der dann und dann da? Gangway hat eine gute Beziehung zu den Jugendclubs. Weil die h\u00e4ufiger mit derartigen Polizeifragen konfrontiert waren, haben wir damals eine Veranstaltung zu diesem Thema organi\u00adsiert: Welche Rechte die KollegInnen vor Ort in den Einrichtungen haben, welche Pflichten sie aber auch haben. Also wenn ein Polizeibeamter kommt und fragt: \u201eKennst du den, ist der bei dir?\u201c, dann haben sie da keine Auskunft zu geben. Deshalb gibt es in unserem Stadtteil Moabit keine Einrichtung, die eine Kooperation mit der Polizei gemacht hat. In anderen Altbezirken von Mitte (Mitte und Wedding) geschieht das durchaus.<\/p>\n<h4>Die Polizei \u2013 dein Helfer?<\/h4>\n<p><strong><em>NP: Gab es denn schon umgekehrt F\u00e4lle, in denen die Polizei Ihnen geholfen hat? Es gibt das Argument, dass Sozialarbeit mitunter in gef\u00e4hrliche Situationen kommt, so dass sie selbst polizeiliche Hilfe braucht.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Nee, das habe ich noch nicht erlebt. Naja, da kommen KollegInnen, die in Einrichtungen arbeiten, eher in eine solche Situation. Aber auf der Stra\u00dfe ist das anders. Ich kenne die meisten. Beziehungsweise, wir sind ja zu dritt. Und selbst, wenn man mal eine Situation hat, die einem unangenehm ist \u2013 ich sage immer, man kann nur in eine Situation reingehen, wenn man Selbstsicherheit ausstrahlt. Und das ist keine Sache, die man nur rational beurteilen kann, sondern das ist ein Gef\u00fchl vom Bauch, da kommen die ganzen Erfahrungen, die man mit dieser Gruppe gemacht hat, hinzu, mit den Personen. Und dann wei\u00df man in dem Moment, ich kann mich dazwischen stellen, ich kann den anschreien, oder ich kann ihn einfach in den Arm nehmen oder \u00e4hnliches. Dann brauche ich keine Polizei. Es gab vielleicht mal zwei Bedrohungs\u00adsituationen, die ich dann schnell relativieren konnte und wusste, es geht gar nicht um die Bedrohung, es geht um andere Sachen. So nach dem Motto: Bist du auch einer, der sofort wegl\u00e4uft? Der sich langfristig nicht um mich k\u00fcmmert, nur weil ich durchgeknallt bin \u2026 Ich hatte das in meinem ganzen Berufsleben bislang noch nie, auch nicht im Bereich der Stra\u00dfensozialarbeit. Vielleicht habe ich auch immer nur Gl\u00fcck gehabt. Aber ich wei\u00df auch, dass es bei Gangway insgesamt nicht mehr so ein Problem ist. Diese Zeiten (in den 1990er Jahren) mit den Gro\u00dfgruppen waren bestimmt an dieser Stelle schwieriger. Da wei\u00df ich nicht, ob mal Polizei geholt wurde. Wir haben ja jetzt \u00fcberschaubarere Gruppen mit maximal 30 Leuten.<\/p>\n<h4>Jugendgruppen \u2013 auf Trab gehalten<br \/>\n<\/h4>\n<p><strong><em>NP: Welche Bedeutung hat die Existenz der Polizei f\u00fcr die Jugendlichen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Bei uns ist es so, dass wir wirklich nur noch zwei Gruppen haben, die feste Pl\u00e4tze haben. Also sprich, die meisten Jugendlichen haben keinen Bock auf diese Polizei. Selbst wenn es nur der Small Talk ist, also \u201eHallo, wie geht\u2019s euch\u201c und solche Sachen. Deshalb wandern die Jugendlichen viel mehr im Stadtteil rum. Die wissen, wenn wir jetzt einen festen Ort haben, dann kommt die OGJ bei uns genauso regelm\u00e4\u00dfig vorbei wie Gangway \u2013 naja, vielleicht nicht ganz so regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Erschwert oder erleichtert das Ihre Arbeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Das erschwert unsere Arbeit nat\u00fcrlich. Fr\u00fcher hat man gesagt, einmal die Woche, wenigstens alle 14 Tage eine \u201agro\u00dfe Runde\u2018 machen, wirklich durch ganz Moabit, an viele Pl\u00e4tze etc.; das sind so 20 Kilometer. Mittlerweile muss man das schon h\u00e4ufiger machen, damit man au\u00dfer unseren \u201aStammtruppen\u2018 auch mal die anderen, kleineren Gr\u00fcppchen sieht. Vor einer Weile hatten wir am Neuen Ufer welche getroffen. Und zwei Tage sp\u00e4ter waren die dann auf einem kleinen Spielplatz an einer ganz anderen Stelle im Stadtteil. So, das ist total gestreut. Kann ich auch verstehen. Ich w\u00fcrde auch gerne in Ruhe gelassen werden. Nat\u00fcrlich spielen die Handys eine Rolle. Ich kann mich leichter ir\u00adgendwo anders verabreden, wenn ich ein Handy habe. Aber der Kontroll\u00adas\u00adpekt ist schon das Motiv. Ansonsten kann ich ja an meinem ange\u00adstamm\u00adten Platz bleiben.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Sie haben die unterschiedlichen Logiken erw\u00e4hnt, die Ihr Handeln und das der Polizei bestimmen. Dr\u00fcckt sich das auch in einzelnen Konflikten aus? Sie haben Beispiele genannt: Durchsuchung, Festnahme \u2026<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Letztens wurde ein Jugendlicher wegen einer K\u00f6rperverletzung gesucht. Die Polizei hat dann hier auf einem Platz eine Gruppe Jugend\u00adlicher kontrolliert. Aber der gesuchte Tatverd\u00e4chtige geh\u00f6rte nicht zu dieser Gruppe, sondern er war der Bruder von jemandem aus der Gruppe. Von der Polizei wurde gesagt, ihr habt da jemanden geschlagen. Und die Jugendlichen sagten: Wir haben keinen geschlagen. Die waren emp\u00f6rt, aber sie wurden alle erkennungsdienstlich behandelt, vor Ort, umgehend. Dabei war die Tat einen Tag her, es gab also keine \u201eGefahr im Verzug\u201c oder \u00e4hnliches. F\u00fcr mich war das klar: Die Polizei wollte einfach Druck aus\u00fcben und verdeutlichen: Leute, macht keinen M\u00fcll, hier ist die Staatsmacht, und wir haben euch im Auge.<\/p>\n<p>Wenn wir neue Gruppen in Moabit kennenlernen, dann kennen die auch schon die OGJ. Manchmal sind wir ein bisschen schneller. Aber das findet fast zeitgleich statt. Und bei denen, da geht es nicht um Pr\u00e4vention, wie in anderen Bezirken bei der OGJ, das ist gleich immer repressiv angelegt: Leute, wir haben euch im Auge \u2026<\/p>\n<p><strong><em>NP: Manche Eins\u00e4tze finden im Rahmen der Strafverfolgung statt; bei anderen soll den Jugendlichen die Staatsmacht vor Augen gef\u00fchrt werden. Gibt es noch andere Interessen, die hinter der polizeilichen Arbeit stehen?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Naja, da greifen mehrere Sachen zusammen, die nicht unbedingt nur von der Polizei initiiert werden. Ich finde es sehr bedenklich, dass bei der Berliner Polizei nun eine Stadtplanerin eingestellt worden ist, die daf\u00fcr sorgen soll, dass \u2013 etwa wenn Pl\u00e4tze neu gestaltet werden \u2013 das subjektive Sicherheitsempfinden mit bedacht wird. So ist dann zum Beispiel hier bei der Planung der Umgestaltung des Kleinen Tiergartens auch ein Polizist dabei. Der sagt dann: Hier muss alles zurechtgestutzt werden. Im g\u00fcnstigsten Fall werden dann offensichtliche Szenen wie die Trinkerszene noch ber\u00fccksichtigt. Die bekommen dann noch einen kleinen Platz. Unsere Jugendlichen, die werden jedoch verdr\u00e4ngt, wenn alles zurechtgestutzt und alles einsehbar ist: Die verliebten muslimischen P\u00e4rchen, die nicht von ihren Verwandten gesehen werden wollen, die haben keine R\u00fcckzugsr\u00e4ume mehr. Genauso wie die Jugendlichen, die gerne mal kiffen. Daf\u00fcr suchen sie nicht einsehbare Ecken \u2013 auch weil sie nicht wollen, dass kleine Kinder das sehen. Wenn ich mir einige umgestaltete Pl\u00e4tze ansehe, da kann man nun quer \u00fcber den Platz gucken. Und man sieht sofort, wo sich welche Gruppe aufh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Hier spielt auch das Quartiersmanagement eine Rolle. In dessen Rahmen ist es h\u00e4ufig so, dass die Pl\u00e4tze so ver\u00e4ndert werden, dass auch die AlkoholikerInnen keinen Platz mehr finden. Nat\u00fcrlich ist in der Kneipe das Bier teurer, deshalb sitzt man drau\u00dfen. Das greift halt ineinander: Das, was die Polizei mit Umgestaltung will, und das, was bestimmte AnwohnerInnen wollen, die in Quartiersr\u00e4ten sitzen. Das sind ja nicht die \u201eBodenst\u00e4ndigen\u201c: Die rennen nach der ersten Sitzung weg, weil sie diese Art zu diskutieren gar nicht ertragen. So greift das ineinander. Es w\u00e4re gemein, das alles nur der Polizei zuzuschieben.<\/p>\n<p><strong><em>NP: In Berlin sind die Ordnungs\u00e4mter in den letzten Jahren mit uniformiertem Personal ausgestattet worden. Spielen die eine Rolle?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Hier in Moabit nicht, in anderen Bereichen wie am Alexanderplatz, am Bahnhof Zoo und Umfeld sehr wohl. Sowohl das Streetworkteam Mitte-City hat am Alex mit den Ordnungs\u00e4mtern zu tun, als auch die Leute von den Brennpunktteams. Aber bei uns, in dem klassischen Jugendbereich, wo selten Orte von \u00fcberregionaler Bedeutung sind, da tauchen die Ordnungs\u00e4mter fast nicht auf.<\/p>\n<h4>Politischer Druck?<br \/>\n<\/h4>\n<p><strong><em>NP: Wie die Polizei wird die Sozialarbeit aus \u00f6ffentlichen Kassen finanziert. Gibt es einen politischen Einfluss des Geldgebers auf Ihre Arbeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Komischerweise nein. In den Bezirken erfahren wir mit unserer Arbeit eine gro\u00dfe Wertsch\u00e4tzung; da spielt es auch keine Rolle, welche Partei das Sagen hat. Wir sind auch in den politischen Gremien pr\u00e4sent. Ich bin zum Beispiel h\u00e4ufig im Jugendhilfeausschuss. Wenn dann neue Jugend\u00adgrup\u00adpen im Bezirk in Erscheinung treten, dann hei\u00dft es, wie kann man das machen, mit Streetwork angehen etc.? Da ist man dann in der Dis\u00adkus\u00adsion. Aber es gibt keinen Rechtfertigungsdruck \u00fcber die Arbeit, wie wir sie machen, ob wir sie anders zu machen haben und \u00e4hnliches. Wir haben bestimmte Standards, zu denen die Parteilichkeit f\u00fcr die Jugendlichen und auch die Distanz zur Polizei geh\u00f6ren. Dann m\u00fcsste der Bezirk sagen, er will unsere Arbeit nicht mehr.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Ich schlie\u00dfe daraus: Gangway hat eine vergleichsweise gro\u00dfe Freiheit in der praktischen Umsetzung der eigenen Arbeit.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Genau. Kann sein, dass es den einen oder anderen Bezirk gibt, wo es andere Drucksituationen gibt, das will ich nicht ausschlie\u00dfen. Aber insgesamt wissen alle, dass wir eine gute und verl\u00e4ssliche Arbeit machen. In der Gr\u00fcndungszeit von Gangway wurde in den Einrich\u00adtun\u00adgen der Jugendhilfe viel mit Hausverboten gearbeitet. Die Stra\u00dfensozialarbeit hat diese Jugendlichen aufgefangen; in gewisser Weise in Konkurrenz um die Mittel der Jugendarbeit. Mittlerweile werden wir auch von den KollegInnen in den Einrichtungen eher als Unter\u00adst\u00fct\u00adzung gesehen. Diese Konkurrenz gibt es nicht mehr. Es gibt die Vernetzungsrunden in den Sozialr\u00e4umen, mit Fach-AGen und \u00e4hnli\u00adchem, wo wir uns sehr stark einbringen. Es geht ja um die Lobby f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Die nehmen wir sehr intensiv wahr. Das bringt uns bei den KollegInnen Anerkennung. Und die \u00c4mter, die sind nicht nur froh dar\u00fcber, wenn Leute nicht kritisieren. Also selbst da ist es manchmal ganz gut, wenn man im Jugendhilfeausschuss mal Position bezieht.<\/p>\n<p><strong><em>NP: Seit Jahren wird heftig \u00fcber Mehrfach- und Intensivt\u00e4terInnen diskutiert. Hat dies Folgen f\u00fcr Ihre Arbeit?<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>CS:<\/strong> Naja, da werden ja auch \u201eIntensivt\u00e4ter\u201c konstruiert. Je mehr ich einen bestimmten Raum kontrolliere, in dem sich immer wieder dieselben Leute aufhalten, dann habe ich nat\u00fcrlich schneller diese zehn Straftaten im Jahr zusammen. Bei uns sind es h\u00e4ufig arabische oder t\u00fcrkische Jugendliche, die gleich unter Generalverdacht stehen. Ich hatte hier manchmal das Gef\u00fchl, wenn in den Gruppen deutsche Jugendliche waren, die kamen kaum in Haft. Nat\u00fcrlich bauen die ziemlich viel Mist. Aber ein \u201eIntensivt\u00e4ter\u201c hat f\u00fcr mich auch intensive Probleme.<\/p>\n<p>Man muss sich die Lebensl\u00e4ufe angucken, was wurde da gemacht? Nichts \u2013 oder wenig. H\u00e4ufig sind die Biografien durch eine Abfolge von Beziehungsabbr\u00fcchen bestimmt: Schon als Kind aus der Kita rausgeflogen. Elternhaus: In meinen Augen h\u00e4tten die Kinder eigentlich schon im Alter von sieben Jahre beim Jugendamt anklopfen m\u00fcssen: Ich halt\u2019s hier nicht mehr aus. Dann f\u00e4ngt\u2019s an mit einer komischen, schr\u00e4gen Beschulung. Wir hatten Leute mit neun unterschiedlichen Schulen, bei denen nie das Jugendamt dran war, kein Einzelfallhelfer, kein Familienhelfer etc. Wenn ich kein stabiles Zuhause habe, in Kita und Schule st\u00e4ndig wechselnde Bezugspersonen habe, wo soll da Nachhaltigkeit sein? Das einzige, was mitwandert, ist die Akte. Wenn dann jemand schreibt: Er war schon immer ein schwieriges Kind, dann hei\u00dft das f\u00fcr mich: Das Umfeld war schon immer schwierig.<\/p>\n<p>Selbst vor Gericht vermisse ich eine F\u00f6rderung, die den Namen verdient: Klassische Sanktionen sind Strafarbeiten, eventuell ein Freizeitarrest, solche Sachen. Die Freizeitarbeiten sind noch nicht einmal p\u00e4dagogisch begleitet, denn dann w\u00e4ren die schon wieder teurer. Dass die Jugendgerichtshilfe den Vorschlag macht, der Familie zu helfen, das habe ich noch nicht geh\u00f6rt. Denn die bef\u00fcrchtet, dass der Richter sagt: ein guter Vorschlag. Und das w\u00e4ren dann Ausgaben, die die Jugendhilfe aufbringen m\u00fcsste.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 s. <a href=\"http:\/\/www.gangway.de\">www.gangway.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00a0\u00a0\u00a0 Bei den Operativen Gruppen Jugendgewalt (OGJ) handelt es sich um Einheiten, die aus \u201eorts- und szenekundigen\u201c, j\u00fcngeren BeamtInnen bestehen und pr\u00e4ventive und repressive Aufgaben im Bereich der Jugendgruppengewalt wahrnehmen. Die OGJ treten in Zivil auf, geben sich aber als PolizistInnen zu erkennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Christian Schramm, Gangway e.V. 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