{"id":7028,"date":"2002-12-07T19:06:38","date_gmt":"2002-12-07T19:06:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=7028"},"modified":"2002-12-07T19:06:38","modified_gmt":"2002-12-07T19:06:38","slug":"fussballfans-in-der-falle-die-konstruktion-als-gefaehrliche-gruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7028","title":{"rendered":"Fu\u00dfballfans in der Falle &#8211; Die Konstruktion als gef\u00e4hrliche Gruppe"},"content":{"rendered":"<h3>von Michael Gabriel<\/h3>\n<p><strong>Internationale Fu\u00dfballturniere sind nicht nur sportliche, sondern auch polizeiliche Gro\u00dfereignisse. Ein R\u00fcckblick auf die von Belgien und den Niederlanden ausgerichtete Europameisterschaft 2000 gibt einen Vorgeschmack auf das, was Fans und Fan-Projekte bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland erwarten k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n<p>\u201eWir werden das Image der niederl\u00e4ndischen Polizei \u2013 wir seien zu liberal, zu z\u00f6gerlich, zu weich \u2013 korrigieren &#8230; Wir werden schon bei blo\u00dfem Verdacht Einzelne oder ganze Gruppen in Arrest nehmen &#8230; Unsere Toleranzgrenze ist nicht verhandelbar.\u201c Gnadenloses Vorgehen \u2013 \u201eno mercy\u201c \u2013 hatte Theo Brekelmans, Sicherheitschef f\u00fcr den niederl\u00e4ndischen Teil der Fu\u00dfballeuropameisterschaft 2000, kurz vor dem Turnier angek\u00fcndigt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Schon Jahre vor dem Er\u00f6ffnungsspiel der \u201eEuro\u201c war die Sicherheit zum zentralen Thema der medialen Vorbereitung avanciert. Phantasievoll wurden Gef\u00e4hrdungsszenarien beschrieben, die der lustvollen Gewaltspirale best\u00e4ndig neue Energie zuf\u00fchrten. Die \u201eHitze im Sicherheitskessel\u201c konnte nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeit der Fan-BetreuerInnen bleiben.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei waren die Voraussetzungen anfangs \u2013 zumindest auf der Seite der Fan-Projekte \u2013 eigentlich g\u00fcnstig gewesen. Seit der Europameisterschaft 1988 in Deutschland haben die deutschen Fan-Projekte vielf\u00e4ltige Erfahrungen bei gro\u00dfen Turnieren gesammelt. Sie tragen heute die Verantwortung f\u00fcr die gesamte Organisierung und Durchf\u00fchrung von Betreuungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die deutschen Fans. Die deutschen Fan-Projekte und ihre Koordinationsstelle (KOS) pflegen dar\u00fcber hinaus seit mehreren Jahren intensive Kontakte nach Belgien und den Niederlanden.<\/p>\n<p>Zwar waren uns gewisse Unterschiede zu der Fan-Arbeit in den beiden L\u00e4ndern bekannt. Absolute \u00dcbereinstimmung gab es jedoch \u00fcber die grundlegende Idee von Fanbetreuung bei internationalen Turnieren, n\u00e4mlich: Lobby f\u00fcr die Interessen von Fu\u00dfballfans in dem Sinne zu sein, dass Aufenthaltsbedingungen geschaffen werden, die es der \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit der friedlichen Fans erm\u00f6glichen, ihre Kultur auszuleben und mit Fans anderer Nationen auszutauschen.<\/p>\n<p>Schon unmittelbar im Anschluss an die WM 1998 waren wir zu verschiedenen Informationsgespr\u00e4chen sowohl nach Belgien als auch in die Niederlande eingeladen worden. Um so \u00fcberraschter waren wir, dass dieser Informationsaustausch offensichtlich keinerlei Folgen nach sich zog. Bei der ersten \u2013 viel zu sp\u00e4t (im September 1999) terminierten \u2013 internationalen Konferenz zur Fanbetreuung in Eindhoven zeigte sich nicht einmal der Ansatz eines durch beide L\u00e4nder gemeinsam erarbeiteten Konzepts.<\/p>\n<p>Vielmehr schockierte dort die belgische Verantwortliche f\u00fcr die Sicherheit bei der Euro 2000, Monique de Knop, nicht nur die angereisten Fan-BetreuerInnen mit ihrer Erkl\u00e4rung, die \u201eFanbotschaften\u201c dienten nach den Erkenntnissen der belgischen Beh\u00f6rden als Zentren des organisierten Schwarzhandels und der Verabredung f\u00fcr Schl\u00e4gereien. Ca. ein Jahr vor der Euro hatte in Belgien das f\u00fcr die Polizei zust\u00e4ndige Innenministerium die Tr\u00e4gerschaft von zwei vorher beim Jugendministerium angesiedelten Fan-Coaching-Projekten \u00fcbernommen, woraufhin die dortigen Sozialarbeiter k\u00fcndigten. Nachdem Belgien sich wenige Monate vor Beginn der Euro schlie\u00dflich doch noch f\u00fcr die Einrichtung von \u201eFanbotschaften\u201c entschied, wurde auch dieses Projekt dem Innenministerium unterstellt. All dies verst\u00e4rkte bei den deutschen Fan-Projekten die Skepsis. Man bef\u00fcrchtete, zum blo\u00dfen sozialarbeiterischen Alibi zu verkommen und erwog kurzzeitig, auf die Pr\u00e4senz bei der Euro ganz zu ver\u00adzichten, um so ein Signal f\u00fcr die p\u00e4dagogische Jugendarbeit zu setzen.<\/p>\n<h4>Das Klima der Angst \u2013 Fakten<\/h4>\n<p>F\u00fcr Zuschauerbetreuung und Rahmenprogramm standen bei der Europameisterschaft rund 1 Million Euro zur Verf\u00fcgung. Die Angaben \u00fcber die Kosten f\u00fcr die Sicherheit dagegen variieren zwischen 160 und 200 Millionen Euro. Man hatte sich offensichtlich nicht f\u00fcr ein \u201eFu\u00dfballfest\u201c, sondern f\u00fcr \u201eb\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde\u201c ger\u00fcstet.<\/p>\n<p>In Belgien waren angeblich 35.000 Sicherheitskr\u00e4fte im Einsatz. Fu\u00dfballfans konnten bis zu zw\u00f6lf Stunden ohne Gerichtsverfahren pr\u00e4ventiv festgenommen werden. Ein neues \u201eSchnellrecht\u201c ohne Verteidigungsm\u00f6glichkeiten wurde eigens zur Europameisterschaft verabschiedet. In Charleroi baute man ein provisorisches Gef\u00e4ngnis f\u00fcr 1.000 Menschen. Zus\u00e4tzlich wurden aus anderen belgischen Haftanstalten verurteilte Straft\u00e4ter vor\u00fcbergehend auf freien Fu\u00df gesetzt, um Platz f\u00fcr die erwarteten deutschen und englischen Hooligans zu schaffen.<\/p>\n<p>Aus Belfast erhielt die Br\u00fcsseler Polizei von der britischen Armee leihweise zw\u00f6lf gepanzerte Jeeps. \u201eB\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde\u201c, so schrieb der K\u00f6lner Stadtanzeiger am 7. Juni 2000, \u201esignalisiert auch die neue Robocop-Ausr\u00fcstung der Hauptstadt-Polizei mit 14 Kilo schwerer, dick gepolsterter Uniform und einem Granatwerfer f\u00fcrs Tr\u00e4nengas.\u201c In Charleroi waren beim Aufeinandertreffen der deutschen und der englischen Elf zus\u00e4tzlich 13 Wasserwerfer und mehrere Hubschrauber im Einsatz.<\/p>\n<p>In den Niederlanden sollten 45.000 Sicherheitskr\u00e4fte f\u00fcr Ordnung sorgen. Die Polizei erhielt Sondervollmachten, um gezielt gegen Hooligans vorgehen zu k\u00f6nnen. Fu\u00dfballfans konnten auch hier 12 Stunden ohne Gerichtsverfahren festgehalten werden. Mit einer \u201eLex Euro\u201c wurde auch in den Niederlanden eigens das Strafrecht versch\u00e4rft. Mittels Helikopter und kleiner Flugschiffe sollten Fanbewegungen kontrolliert und Mobilfunk-Telefonate abgeh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Sowohl die Niederlande als auch Belgien griffen auf die Ausnahmeregelung des Art. 2 des Schengener Durchf\u00fchrungs\u00fcbereinkommens zur\u00fcck und f\u00fchrten f\u00fcr den Zeitraum der Europameisterschaft die Kontrollen an den Binnengrenzen wieder ein. Bilaterale Abkommen u.a. mit Deutschland, Gro\u00dfbritannien und Italien sicherten einen EU-weiten Datenaustausch \u00fcber Stadionverbote oder bekannte gewaltbereite Fu\u00dfballfans ab.<\/p>\n<p>\u201eLens darf sich nicht wiederholen!\u201c, lautete auch in Deutschland das st\u00e4ndige Credo. Vor dem Hintergrund der Bewerbung des DFB f\u00fcr die WM 2006, \u00fcber die in der Woche nach dem Endspiel entschieden werden sollte, scheute man keine Anstrengungen. Zum deutschen Sicherheitskonzept geh\u00f6rten u.a. sog. Gef\u00e4hrderansprachen (Hausbesuche bei m\u00f6glichst allen bekannten oder vermeintlichen Gewaltt\u00e4tern). Kurz vor dem \u201eFu\u00dfballfest\u201c hatte der Bundestag im Schnellverfahren eine Versch\u00e4rfung des Passgesetzes beschlossen und damit die Grundlage f\u00fcr mehrere Hundert strafbew\u00e4hrte Passbeschr\u00e4nkungen und Ausreiseverbote gelegt. Vor den Medien br\u00fcstete sich DFB-Pr\u00e4sident Egidius Braun mit der Aussage: \u201eWir haben zweitausend Hooligans den Pass weggenommen, in England geschieht nichts dergleichen!\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> 294 Personen erhielten Meldeauflagen, d.h. die schriftliche Verpflichtung, an bestimmten Tagen zu festgelegten Uhrzeiten auf der heimischen Polizeiwache zu erscheinen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Sieben Personen wurden vorsorglich in Gewahrsam genommen. Wie bei vorangegangenen Meisterschaften, waren auch dieses Mal zehn \u201eszenekundige Beamte\u201c aus Deutschland zur Unterst\u00fctzung bei der Aufkl\u00e4rung und Einsch\u00e4tzung der Gef\u00e4hrdungslage vor Ort. Die Benennung einer Eilstaatsanwaltschaft, die von der Generalstaatsanwaltschaft D\u00fcsseldorf gestellt wurde, zur wirksamen Verfolgung von Auslandsstraftaten deutscher Fans und die Hinzuziehung des Bundeskriminalamtes komplettierten das Sicherheitskonzept Deutschlands.<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball \u2013 so der eingangs zitierte niederl\u00e4ndische Sicherheitschef \u2013 sollte den Polizeien erneut als \u201eTestfeld\u201c dienen: \u201eFest steht, die Euro 2000 hat die Chance, wegweisendes Beispiel grenz\u00fcberschreitender Polizeiarbeit zu werden.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Angesichts dieser drastischen Ma\u00dfnahmen erscheint es nicht verwunderlich, wenn in der \u00d6ffentlichkeit der Begriff Fu\u00dfballfan Assoziationen zu Terror und B\u00fcrgerkrieg ausl\u00f6st. Dieser Eindruck stand jedoch in keinerlei Relation zur tats\u00e4chlichen Situation.<\/p>\n<h4>Das Klima der Angst \u2013 Fakten Teil 2<\/h4>\n<p>Die sportliche Bilanz der EM war zumindest f\u00fcr die beiden gro\u00dfen Fu\u00dfballnationen England und Deutschland sehr ern\u00fcchternd. Beide Mannschaften schieden sehr zur Freude der Sicherheitsorgane schon nach der Vorrunde aus. Die Engl\u00e4nder konnten sich wenigstens noch damit tr\u00f6sten, Deutschland zum erstenmal seit 1966 bei einem internationalen Turnier geschlagen zu haben. Trotz der sportlich desastr\u00f6sen Vorstellung gelang es den anwesenden deutschen Fans im Stadion De Kuip, eine beeindruckende, jederzeit friedliche Stimmung zu schaffen, wie man sie zuvor bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft selten erlebt hatte.<\/p>\n<p>Was die polizeiliche Bilanz betrifft, gibt es nur unvollst\u00e4ndige, nichtsdestoweniger aussagekr\u00e4ftige Zahlen. In Belgien waren bis zum Halbfinale insgesamt 1.301 Personen in Haft genommen worden, darunter 965 Engl\u00e4nder, von denen 474 ausgewiesen wurden. Von diesen 474 waren nach englischen Quellen nur 15 polizeibekannt, die anderen hatten sich im Zusammenhang mit Fu\u00dfball bisher nichts zu Schulden kommen lassen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> 110 Deutsche wurden in Belgien, allesamt in Charleroi, festgenommen, davon nur 10 auf Grund angeblich \u201ehooligantypischer\u201c (was immer das hei\u00dft) Vergehen, die \u00fcbrigen waren Opfer pr\u00e4ventiver Festnahmen.<\/p>\n<p>Insgesamt gab es im Zusammenhang der Europameisterschaft nur eine einzige Verurteilung: Ein englischer Fan kassierte nach dem neu verabschiedeten Schnellrecht \u2013 ohne tats\u00e4chliche Verteidigungsm\u00f6glichkeit \u2013 eine Strafe von einem Jahr Gef\u00e4ngnis ohne Bew\u00e4hrung. Ausschlie\u00dfliche Grundlage des Urteils war die Aussage eines einzigen Polizisten, der den Angeklagten an verschiedenen Brennpunkten gesehen haben will. Mark Forrester wurde dennoch nach sieben Wochen Haft entlassen (wobei das Urteil nicht aufgehoben, sondern nur reduziert wurde), weil er belegen konnte, zum betreffenden Zeitpunkt noch nicht einmal in Br\u00fcssel gewesen zu sein.<\/p>\n<p>In den Niederlanden, so Justizminister Benk Korthals auf einer Bilanzpressekonferenz, wurden im Zusammenhang der Europameisterschaft insgesamt 650 Personen festgenommen: 241 wegen Schwarzhandels, 45, weil ihnen ein Gewaltdelikt vorgeworfen wurde, der Rest vermutlich aus pr\u00e4ventiven Gr\u00fcnden. Unter den Festgenommenen befand sich kein einziger Vertreter der beiden \u201eber\u00fcchtigten\u201c Hooligannationen England und Deutschland. Dass es beim Spiel Englands gegen Portugal in Eindhoven keine Festnahmen gab, f\u00fchrten einige \u201eSicherheitsexperten\u201c pikanterweise auf den Marihuana-Genuss englischer Fans zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Niederlande verweigerten in den drei Wochen insgesamt 1.200 Einreisewilligen den Besuch des Landes. Darunter befanden sich immerhin beeindruckende 13 angebliche Hooligans, sieben aus England, sechs aus Deutschland. Die meisten anderen Personen, n\u00e4mlich \u00fcber 800, wurden zur\u00fcckgeschickt, weil ihre Papiere nicht in Ordnung waren.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Aus Belgien liegt keine Bilanz der Grenzkontrollen vor. Die des deutschen Bundesgrenzschutzes liest sich wie folgt: Insgesamt wurden 266.000 Personen und 55.288 Kraftfahrzeuge, darunter ca. 1.500 Busse kontrolliert. Weiter wurden 2.322 Z\u00fcge begleitet, davon 1.156 grenz\u00fcberschreitend bis zum ersten Bahnhof nach der Grenze. Insgesamt sprach der BGS 166 Ausreiseuntersagungen aus, davon 109 auf Grund eines angeblichen Eintrages in der Datei Gewaltt\u00e4ter Sport. Fest- oder Ingewahrsamnahmen gab es nicht.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die in die deutschen Sicherheitsma\u00dfnahmen involvierte Generalstaatsanwaltschaft blieb ebenso \u201earbeitslos\u201c wie das Bundeskriminalamt.<\/p>\n<p>Angesichts des riesigen Aufwandes, der auf allen Sicherheitsebenen betrieben wurde, erscheinen die vorgelegten Zahlen doch recht niedrig. Die Gefahrenprognosen der Polizei erwiesen sich als falsch. Entt\u00e4uscht wurden aber auch die Erwartungen der Medien, die sich auf einen Showdown zwischen Hooligans und Polizei eingestellt hatten.<\/p>\n<p>Besonders deutlich wurde dies auf der Place Charles II. in Charleroi vor dem Spiel England gegen Deutschland, wo sich ein Mix aus Fans, Medienvertretern, Gewaltspannern und B\u00fcrgern der Stadt umrahmt von Wasserwerfern, Polizeiketten und Fernesehkameras einfand. F\u00fcr die \u201ebestangek\u00fcndigte Randale aller Zeiten\u201c waren die Sendepl\u00e4tze fest eingeplant. Jedes Zimmer, jeder Balkon rund um diesen Platz war mit Fernsehteams aus aller Welt belegt, die im wahrsten Sinne des Wortes von oben herab \u00fcber die Fu\u00dfballfans berichteten. W\u00e4hrend Deutsche und Engl\u00e4nder abseits des Platzes nahezu ungest\u00f6rt, oftmals sogar gemeinsam, die Zeit bis zum Spiel mit Essen, Trinken und Plaudern verbringen konnten, wurden auf dem Platz die Weltnachrichten produziert. Deutsche Fans wurden vom thail\u00e4ndischen Fernsehen, englische von jenem aus S\u00fcdafrika zu Fragen des internationalen Hooliganismus interviewt. Jedes heruntergefallene Bierglas zog die Aufmerksamkeit der Reporter auf sich. Jedoch die, derentwegen alle kamen, waren gar nicht da. Der \u201eGuardian\u201c titelte deshalb zu recht: \u201eHooligans? \u2013 I didn\u2019t see any\u201c.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Ein Rahmenprogramm, welches den Bed\u00fcrfnissen der \u00fcber 25.000 englischen Fans entgegengekommen w\u00e4re, habe gefehlt. Die Verantwortlichen h\u00e4tten den nicht einmal hundert Hooligans die B\u00fchne bereitet: \u201eIch erkannte, dass ein gro\u00dfer Teil des sogenannten Hooligan-Problems in Charleroi eine UEFA-Kreation war.\u201c<\/p>\n<h4>Zero tolerance \u2013 ein Nicht-Konzept findet Anwendung<\/h4>\n<p>Am Konstrukt der \u201egef\u00e4hrlichen Fans\u201c, an der Wiederaufw\u00e4rmung einer l\u00e4ngst \u00fcberwunden geglaubten Stereotypisierung aller Fu\u00dfballfans als rassistisch und gewaltt\u00e4tig, stricken Politik, Medien und Sicherheitsbeh\u00f6rden mit. Noch im Januar 2000 hatte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, der nordrhein-westf\u00e4lische Innenminister Fritz Behrens, einen deutlichen R\u00fcckgang der Hooliganproblematik konstatiert und damit die Beobachtungen der Fanprojekte best\u00e4tigt, dass es in den Stadien der ersten und zweiten Bundesliga kaum noch zu nennenswerten Problemen kommt.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Mit dem Herannahen der Europameisterschaft und der Entscheidung \u00fcber die WM 2006 konnte die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der bundesdeutschen Sicherheitsbeh\u00f6rden jedoch den Eindruck einer Verdreifachung des gewaltbereiten Spektrums in Deutschland vermitteln.<\/p>\n<p>Das wissenschaftliche Futter hierzu lieferte die vom Bundesministerium des Innern in Auftrag gegebene sog. L\u00f6sel-Studie, die sich ihrem Untersuchungsgegenstand eindimensional aus einer Sicherheitsperspektive n\u00e4herte. Das Team der Universit\u00e4t Erlangen hatte bezeichnenderweise die Auflage erhalten, erste Ergebnisse vor der Europameisterschaft 2000 zu pr\u00e4sentieren. Diese erf\u00fcllten denn auch die vorgesehene Funktion, so dass die Bild-Zeitung schlie\u00dflich auf der ersten Seite titeln konnte: \u201eStudie belegt: Hooligans immer brutaler\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Die im Vorfeld der \u201eEuro\u201c entfachte Sicherheitshysterie lie\u00df viele Fans davor zur\u00fcckschrecken, \u00fcberhaupt nach Belgien oder in die Niederlande zu fahren. Die, die doch fuhren, taten dies zumindest mit einem mulmigen Gef\u00fchl, reisten nur zum Spiel an, um direkt im Anschluss die Stadt wieder zu verlassen. Teilweise liefen in den Fan-Projekten Anfragen von ver\u00e4ngstigten Fans auf, die um einen polizeilichen Schutz jenseits der Grenze baten. In allen Berichten aus der Fanszene wurde \u00fcbereinstimmend festgestellt, dass die Europameisterschaft 2000 bezogen auf die Aufenthaltsbedingungen f\u00fcr die Fu\u00dfballfans die schlechteste war, die jemals stattgefunden habe. Alle j\u00fcngeren Fans seien \u2013 insbesondere in Belgien \u2013 per se \u201ewie Verbrecher behandelt\u201c worden. Eine festliche Stimmung habe gar nicht aufkommen k\u00f6nnen.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Die undifferenzierte Reduktion der Fans auf ein ausschlie\u00dfliches Sicherheitsproblem reduziert aber ebenso die Handlungsoptionen der Veranstalter und der Sicherheitsorgane. Fans werden nur als Hooligans wahrgenommen, \u201ewer offensichtlich friedlich ist, ist eben nur noch nicht negativ in Erscheinung getreten\u201c.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<h4>Auswirkungen auf den Bundesliga-Alltag<\/h4>\n<p>Ganz \u00e4hnlich h\u00f6ren sich zur Zeit die Klagen der Fans \u00fcber die Behandlung bei Bundesliga-Spielen an. Insbesondere jene Gruppen, die ihre Mannschaft regelm\u00e4\u00dfig zu Ausw\u00e4rtsspielen begleiten, berichten \u00fcber eine zunehmende Drangsalierung durch Sicherheitsdienste und\/oder durch die Polizei. Der beh\u00f6rdliche Umgang mit Ausw\u00e4rtsfans am Spieltag ist dadurch bestimmt, dass sie \u201eals durchweg potentielle Gewaltverbrecher\u201c wahrgenommen w\u00fcrden.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Zu diesem Eindruck tragen nicht nur die extremeren Vorf\u00e4lle bei, sondern auch die vielen kleinen, sich stetig versch\u00e4rfenden Schikanen, denen sich der Gro\u00dfteil der Fans ausgesetzt sieht \u2013 vom neugierigen Blick des Ordners in das Bratwurstbr\u00f6tchen bis zur peniblen Durchsuchung der sechsj\u00e4hrigen Tochter.<\/p>\n<p>Fahren die Fangruppen der Bundesligavereine heute zu Ausw\u00e4rtsspielen, erwartet sie in der Regel v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der Zusammensetzung der Gruppe ein beeindruckendes \u201eAngebot\u201c der Gastfreundschaft, das schon bei der Begleitung im Zuge durch den BGS beginnt. Am Bahnhof eingekesselt wird die Gruppe ohne Ausnahme sofort zum Stadion verbracht, dabei st\u00e4ndig von Videoteams der Polizei gefilmt, dort in den f\u00fcr die gegnerischen Fans reservierten Block \u201eplaziert\u201c, nach Spielschluss so lange dort festgehalten, bis die Fans der Heimmannschaft das Gebiet verlassen haben, um anschlie\u00dfend wieder im Kessel zum Bahnhof und den Z\u00fcgen begleitet zu werden. Nicht selten wird den M\u00e4nnern, Frauen und Kindern dabei verwehrt, grundlegende Bed\u00fcrfnisse nach Verpflegung und der Verrichtung der Notdurft nachzukommen. Zur Beobachtung aus der Luft werden zudem immer wieder auch Hubschrauber eingesetzt. Ein solcher Umgang mit den Fans geht eindeutig \u00fcber das f\u00fcr die Sicherheit am Spieltag erforderliche Ma\u00df hinaus.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die beim Bundeskriminalamt gef\u00fchrte bundesweite Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c, die nicht umsonst von einer Reihe von Datenschutzbeauftragten kritisiert wurde. F\u00fcr die Erfassung in dieser Datei reicht in der Praxis bereits eine banale Ausweiskontrolle und die Einsch\u00e4tzung des kontrollierenden Beamten, dass der Fan gef\u00e4hrlich sei. Trotzdem ist sie Grundlage f\u00fcr die Weitergabe von Informationen ins Ausland anl\u00e4sslich internationaler Turniere und diente vor der Europameisterschaft 2000 als Quelle f\u00fcr Zeitungsmeldungen \u00fcber st\u00e4ndig wachsende Zahlen gef\u00e4hrlicher Fans. \u00c4hnlich problematisch ist die Praxis der Vereine bei der Erteilung von Stadionverboten. Dabei handelt es sich zwar um privatrechtliche Ma\u00dfnahmen, die aber unmittelbare Folgen f\u00fcr das Handeln der (staatlichen) Polizei haben: Ein bundesweites Stadionverbot hat f\u00fcr den betroffenen Fan fast zwangsl\u00e4ufig die Erfassung in der Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c zur Folge. Dies jedenfalls ergeben die Regelungen f\u00fcr den \u00dcbergangsbetrieb dieser Verbunddatei. In den Richtlinien des DFB \u201ezur einheitlichen Festsetzung und Verwaltung von Stadionverboten\u201c ist die Unschuldsvermutung faktisch au\u00dfer Kraft gesetzt. Eine M\u00f6glichkeit des Widerspruchs gegen ein zu Unrecht erteiltes Stadionverbot ist im Grunde nicht vorgesehen.<\/p>\n<h4>Blick \u00fcber den Spielfeldrand hinaus<\/h4>\n<p>Dieses Vorgehen sowohl der Polizei als auch der Vereine und des DFB ist einerseits nur m\u00f6glich, weil die Differenziertheit der Fanszene nicht zur Kenntnis genommen wird. Es bewirkt andererseits, dass in der \u00d6ffentlichkeit die Vorurteile gegen die Fans reproduziert werden: Wem die Polizei auf diese Art begegnet, der muss gef\u00e4hrlich sein. Trotz ihrer immer geringer werdenden Bedeutung f\u00fcr alle Fanszenen in Deutschland erhalten die Hooligans dadurch eine Aufwertung von au\u00dfen, die f\u00fcr die Fan-Arbeit kontraproduktiv ist.<\/p>\n<p>Den Fu\u00dfballfans \u2013 und den Fan-Projekten \u2013 ist es kaum m\u00f6glich, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Die pauschale Wahrnehmung als gef\u00e4hrliche Gruppe scheint allgemein etabliert. Eine gesellschaftliche und politische Lobby f\u00fcr Fu\u00dfballfans gibt es leider nicht. Auch die Vereine, die ansonsten auf vielerlei Ebenen \u2013 materiell, atmosph\u00e4risch und symbolisch \u2013 von den Fans profitieren, lassen sie allein im Regen stehen.<\/p>\n<p>Nur auf Grund dieses Klimas ist zu erkl\u00e4ren, dass die Versch\u00e4rfung des Passgesetzes vor der Europameisterschaft im Schnelldurchgang und ohne gr\u00f6\u00dfere kritische gesellschaftliche Debatte verabschiedet werden konnte, obwohl schon damals absehbar war, dass Passbeschr\u00e4nkungen und Ausreiseverbote auch anderen \u201egef\u00e4hrlichen\u201c Gruppen, wie etwa den GlobalisierungsgegnerInnen, drohten.<\/p>\n<p>Die p\u00e4dagogischen Interventionsm\u00f6glichkeiten beispielsweise der Fan-Projekte reduzieren sich unter den Bedingungen dieser \u201eBek\u00e4mpfung des Hooliganismus\u201c auf ein v\u00f6llig unangemessenes Ma\u00df und dienen dann h\u00f6chstens noch als politisches Alibi. Die unterdessen angelaufenen Vorbereitungen f\u00fcr die WM 2006 in Deutschland geben jedoch zu berechtigten Hoffnungen Anlass. DFB und Bundesinnenministerium haben mehrmals \u00f6ffentlich betont, sowohl den Aufenthaltsbedingungen f\u00fcr die erwarteten G\u00e4ste als auch spezifischen Fanbetreuungsma\u00dfnahmen gr\u00f6\u00dfere organisatorische Aufmerksamkeit zu widmen.<\/p>\n<h5>Michael Gabriel ist Bildungsreferent der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend in Frankfurt\/M.<\/h5>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> bearbeitete Fassung des Beitrags \u201eDie Fu\u00dfballeuropameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden\u201c, in: Kosmos 4\/2001, S. 25-34 (zu beziehen bei der Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der DSJ, Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt am Main, www.kos-fanprojekte.de)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Focus 23\/2000, S. 47<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> zitiert nach Sport1.de v. 6.6.2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zentrale Informationsstelle Sporteins\u00e4tze (ZIS): Jahresbericht 2000, D\u00fcsseldorf 2001<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> FOCUS 23\/2000, S. 47<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Football Supporters\u2019 Association: EURO 2000 \u2013 Policing, arrests and deportations, Newcastle December 2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Sport1.de v. 3.7.2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Zentrale Informationsstelle Sporteins\u00e4tze a.a.O. (Fn. 4); Bundesgrenzschutz: Jahresbericht 2000\/2001 (s. unter www.bundesgrenzschutz.de)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> The Guardian v. 22.6.2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Weniger junge M\u00e4nner bei Hooligans \u2013 Erfolg von Fan-Projekten, Pressemitteilung des NRW-Innenministeriums v. 18.1.2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> L\u00f6sel, F. u.a.: Hooliganismus in Deutschland, Berlin 2001 (hg. v. Bundesministerium des Innern); zur Kritik siehe Fan-Projekt Bremen: Anmerkungen zur L\u00f6sel-Studie in: Kosmos 4\/2001 a.a.O. (Fn. 1) (Anhang); Bild-Zeitung v. 16.3.2000, siehe auch: N\u00fcrnberger Nachrichten v. 23.2.2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Nahezu alle szenetypischen Fanzines (match live, Schalke Unser, Fan geht vor etc.) berichteten in diesem Tenor \u00fcber die Euro 2000.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> s. Miles, K.: So viele Engl\u00e4nder wie m\u00f6glich verhaften und ausweisen, in: Kosmos 4 a.a.O. (Fn. 1), S. 50-53<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Beschwerdebrief der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fan-Projekte, Jena 1.2.2001<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Gabriel Internationale Fu\u00dfballturniere sind nicht nur sportliche, sondern auch polizeiliche Gro\u00dfereignisse. 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