{"id":7084,"date":"2004-12-05T20:35:21","date_gmt":"2004-12-05T20:35:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cilip.de\/?p=7084"},"modified":"2004-12-05T20:35:21","modified_gmt":"2004-12-05T20:35:21","slug":"mpi-gutachten-zur-praxis-der-grossen-lauschangriffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7084","title":{"rendered":"MPI-Gutachten zur Praxis der gro\u00dfen Lauschangriffe"},"content":{"rendered":"<p>Das Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht hat den Strafverfolgungsbeh\u00f6rden wieder einmal ein gutes Zeugnis ausgestellt \u2013 dieses Mal, was ihre Praxis mit gro\u00dfen Lauschangriffen angeht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Daf\u00fcr untersuchte Autor <em>Hannes Meyer-Wieck<\/em> die Gesamtheit aller seit Schaffung der Befugnis (\u00a7 100 c Abs.\u00a01 Nr.\u00a03 StPO) im Jahre 1998 beantragten Wohnraum\u00fcberwachungsma\u00dfnahmen \u2013 insgesamt 116 F\u00e4lle. Lauschangriffe finden demnach vor allem in Mord-\/Totschlags\u00adverfah\u00adren und bei schwerer Bet\u00e4ubungsmittel-Kriminalit\u00e4t Anwendung (zusammen 87\u00a0% der Anwendungsf\u00e4lle). <!--more-->Der Einsatz der Ma\u00dfnahme bei anderen Katalogtaten sei stark einzelfallabh\u00e4ngig, oftmals \u2013 so seine Feststellung \u2013 habe dort sogar das Einverst\u00e4ndnis des Wohnungsinhabers als Verbrechensopfer vorgelegen. Der Einsatz der Ma\u00dfnahme erfolge \u2013 im Gegensatz zur Telefon\u00fcberwachung \u2013 tats\u00e4chlich subsidi\u00e4r (Wahrung der Ultima-Ratio-Funktion). Vor dem rechtlichen Subsidiarit\u00e4tskriterium limitiere allerdings bereits eine \u201efaktische Subsidiarit\u00e4t\u201c den Einsatz der Ma\u00dfnahme. Gemeint sind damit insbesondere die Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung der Lauschangriffe. In 13\u00a0% der F\u00e4lle wurden beantragte Ma\u00dfnahmen nicht von der zust\u00e4ndigen Staatsschutzkammer des Landgerichts erlaubt. Rund 30\u00a0% der angeordneten Ma\u00dfnahmen (vorwiegend im BtM-Bereich) werden von <em>Meyer-Wieck<\/em> als<br \/>\nerfolgreich eingestuft. Ingesamt bescheinigt der Autor den Rechtsanwendern ein behutsames Gebrauchmachen von dem Mittel des gro\u00dfen Lauschangriffs. Also: Alles halb so schlimm?<\/p>\n<p>Die Untersuchung des MPI leidet unter einem gravierenden Mangel. Zwar findet die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit des gro\u00dfen Lauschangriffs am Rande Erw\u00e4hnung.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Eine \u00dcberpr\u00fcfung der durchgef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen auf ihre Vereinbarkeit mit den Grunds\u00e4tzen aus dieser Entscheidung fand aber nicht statt. Damit ist beispielsweise v\u00f6llig offen, wie viele Lauschangriffe bei Beachtung dieser Ma\u00dfgaben aus (differenzierten) Gr\u00fcnden h\u00e4tten unterbleiben m\u00fcssen. Auch l\u00e4sst sich die Erfolgs-Quote von 30\u00a0% kaum aufrecht\u00aderhalten, solange sich nicht feststellen l\u00e4sst, in welchen F\u00e4llen ein Beweisverwertungsverbot eingegriffen h\u00e4tte und die einen Verd\u00e4chtigen \u00fcberf\u00fchrenden Informationen folglich im Urteil nicht h\u00e4tten ber\u00fccksichtigt werden d\u00fcrfen. Die Untersuchung zeigt zudem deutlich, dass der \u201eGro\u00dfe Lauschangriff\u201c \u2013 anders als vom Gesetzgeber beabsichtigt \u2013 eher in anderen als OK-Ver\u00adfah\u00adren eingesetzt wird. Und dass technische<br \/>\nUmsetzungsprobleme zurzeit faktisch Grundrechte sch\u00fctzend wirken, kann nun wirklich nicht dem \u201everantwortungsvollen Umgang\u201c der<br \/>\nErmittler zugeschrieben werden. Unabh\u00e4ngig davon handelt es sich bei der Untersuchung aber sicher um ein Gutachten, das der Justizministerin \u2013 jedenfalls solange sie an dem Instrument festh\u00e4lt \u2013 gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>(Fredrik Roggan)<\/p>\n<h5><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 www.bmj.bund.de\/media\/archive\/786.pdf<\/h5>\n<h5><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vgl.\u00a0dazu Roggan, F.: Unerh\u00f6rt?!, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 77 (1\/2004), S.\u00a065-70<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht hat den Strafverfolgungsbeh\u00f6rden wieder einmal ein gutes Zeugnis<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[85,146],"tags":[],"class_list":["post-7084","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-079","category-meldungen-inland"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7084\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}