{"id":7478,"date":"2007-12-17T19:54:00","date_gmt":"2007-12-17T19:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7478"},"modified":"2007-12-17T19:54:00","modified_gmt":"2007-12-17T19:54:00","slug":"dreissig-jahre-deutscher-herbst-die-raf-und-der-linke-terrorismus-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7478","title":{"rendered":"Drei\u00dfig Jahre Deutscher Herbst &#8211;\u00a0\u201eDie RAF und der linke Terrorismus\u201c \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gerade vor dem Hintergrund des neuen globalisierten Anti-Terro\u00adrismus m\u00fcsste es selbstverst\u00e4ndlich sein, dass die Geschichte des \u201eTerrorismus\u201c (hier: des \u201ealten\u201c, bundesdeutschen, der RAF) zureichend nur verstanden werden kann, wenn die Entwicklung des staatlichen Gewaltmonopols mitgedacht wird.<\/strong><\/p>\n<p>Die Gedenkjahre kommen in verkehrter Reihenfolge daher: Kaum haben wir den drei\u00dfigsten Geburtstag des Deutschen Herbstes von 1977 und seiner Schrecken hinter uns, da rollt der vierzigste der studentenbewegten, tumult\u00f6sen Ereignisse des Jahres 1968 (die eigentlich ein Jahr zuvor begannen) auf uns zu: 1967 bis 1977 \u2013 ein bundesdeutscher Sch\u00fcttelrost: Der \u201eCDU-Staat\u201c wurde am Beginn von der Gro\u00dfen Koalition aufgehoben (1966-1969) und vom sozialliberalen Wechselbad abgel\u00f6st (1969-1982). Mitten in neuer, kontinuierlich, diskontinuierlich verkn\u00e4uelter Gro\u00dfer Koalition werden die verblichenen \u201e68er\u201c und werden ihre utopisch-ruin\u00f6sen Zeiten medial politisiert.<!--more--><\/p>\n<p>Bereits im Fr\u00fchjahr 2007 begannen die Erinnerungsgefechte um den \u201ebundesdeutschen Terrorismus\u201c und seinen Deutschen Herbst \u2013 und zwar in Form einer Debatte \u00fcber das Schicksal zweier Gefangener, die bereits mehr als zwei Jahrzehnte Haft hinter sich hatten: Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, beide im September\/Oktober 1977 am Mord an Hanns Martin Schleyer und seinen Begleitern beteiligt, 1985 lebensl\u00e4nglich bestraft, sollten freigelassen (Brigitte Mohnhaupt) bzw. begnadigt werden (Christian Klar). Der Bundespr\u00e4sident weigerte sich, den Gnadenakt zu vollziehen. Er h\u00e4tte Christian Klar einige zus\u00e4tzliche Jahre Haft erspart. Die Diskussion belegte vor allem die bundesdeutsch seit Ende der 70er Jahre allgemein gelernte Art zu trauern: Von Brigitte Mohnhaupt und vor allem von Christian Klar verlangte man \u00f6ffentlich rollende Schuldbekenntnis- und Reuetr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Das Jahr setzte sich mit einer F\u00fclle von B\u00fcchern, Artikeln, Stellungnahmen und TV-Beitr\u00e4gen fort. In informierter Willk\u00fcr, zugleich in der Hoffnung, als Zeitgenosse neue Informationen und Aspekte zu erfahren, als heimatloser Linker (schon 1968, wieder 1977 und vollends 2007) zugegebenerma\u00dfen misstrauisch, habe ich mir eine Ver\u00f6ffentlichung aus dem Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung zur Besprechung gew\u00e4hlt, die bereits 2006 herausgekommen ist: die beiden von Wolfgang Kraushaar herausgegebenen B\u00e4nde \u201eDie RAF und der linke Terrorismus\u201c. Auf 1.415 zweispaltig bedruckten Seiten sind hier immerhin 64 Artikel ausgewiesener Autorinnen und Autoren versammelt, die zu einem gro\u00dfen Teil bereits an anderer Stelle publiziert waren.<\/p>\n<p>Der einleitend aufgestellten Forderung, den Terrorismus nicht ohne den Staatsapparat zu betrachten, kommen diese lexikondicken B\u00fccher nur im VII. Teil (S. 932-1184) \u201eDer Staat, die Polizei, und die Justiz\u201c entgegen. Die B\u00e4nde heben an mit Slalomkurven zum Terrorismusbegriff, eher m\u00fchsam, weil wenig erkenntnislustig zu lesen (S. 13-137). Wozu dieser trocken schleichende \u201eakademische\u201c Firlefanz ohne Ertrag? \u201eDas Konzept der Stadtguerilla\u201c mit besonderer Ber\u00fccksichtigung der RAF f\u00fcllt den II. Teil (S. 140-314). Anregend, das RAF-Spektrum weitend; spa\u00dfig und spannend besonders Sebastian Haffners 1966 erschienener Essay \u201eDer neue Krieg. Mao Tse-tung und der Guerillakrieg\u201c; \u00e4rgerlich, kontextfrei und eher peinlich Kraushaar zu \u201eRudi Dutschke und der bewaffnete Kampf\u201c. Ein sp\u00e4ter, nasenverstopfter Schn\u00fcffelhund liest Spuren falsch: Dutschke ein RAF\u2019sches Vorspiel?<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der III. Abschnitt ist einer unbegr\u00fcndeten Auswahl von Portr\u00e4ts gewidmet: \u201eDie RAF-Begr\u00fcnder und ihre Nachfolger\u201c (S. 316-510): Gelungen ist das in kritischer Sympathie von dem 2005 verstorbenen J\u00fcrgen Seifert verfasste Portraits Ulrike Meinhofs, misslungen der Beitrag von Karin Wieland \u00fcber Andreas Bader \u2013 unter anderem, weil die kritische Sympathie hier fehlt. Dunkel bleibt, in welchem Zusammenhang die meist hintergrundslosen Portr\u00e4ts wichtig sein sollen. Dieser Einwand gilt weithin f\u00fcr den IV. Teil ebenso: \u201eAndere bewaffnete Gruppierungen in der Bundesrepublik\u201c (S. 512-601). Es fehlt in den einzelnen Beitr\u00e4gen wenn nicht das \u201egeistige\u201c, so doch das im gemeinsamen bundesdeutschen Gesellschafts- und Politikboden liegende Band.<\/p>\n<p>Der V. Teil \u2013 \u201eDie RAF \u2013 Faktoren und Dimensionen\u201c (S. 604-733) \u2013 enth\u00e4lt lehrreiche, teilweise hinterher noch peinigende Belege und Aspekte. Sei\u2019s beispielsweise von Gisela Diewald-Kerkmann unter dem Titel \u201eBewaffnete Frauen im Untergrund\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Sei\u2019s von Wolfgang Kraushaar \u201eAntizionismus als Trojanisches Pferd\u201c. Das Manko schreit jedoch. Und es setzt sich fort im VI. Abschnitt, der den 2. Band er\u00f6ffnet \u2013 \u201eDie internationalen Parallelorganisationen und ihre Vernetzungen\u201c (S. 736-929) \u2013, weil diese \u201eVernetzungen\u201c nicht zureichend nachgekn\u00fcpft werden; weil der RAF-erhellende Faden nicht angesponnen wird. Hierbei trifft die Feststellung des umfangreichsten, materialgetr\u00e4nkten, wenngleich ereignisgeschichtlich begrenzten Beitrags von Thomas Skeleton Robinson mehr zu, als ich etwa fr\u00fcher ahnte (\u201eDie Beziehungen des bundesdeutschen Linksterrorismus zur<em> Volksfront f\u00fcr die Befreiung Pal\u00e4stinas<\/em>, 1969-1980\u201c): \u201eEs ist praktisch unm\u00f6glich, die Geschichte des bundesdeutschen Linksterrorismus zu schreiben, ohne den Kontext des Nahen Ostens und der pal\u00e4stinensischen Bewegung einzubeziehen.\u201c Ebenso scheint mir die Folgerung richtig: Beide Seiten fanden sich Mitte der 70er Jahre \u201ein einem gemeinsamen Prozess der Radikalisierung zusammen\u201c, ein Prozess \u2013 so der Schlusssatz (S. 904) \u2013, der die deutschen Gruppierungen \u201ezum Spielball von Kr\u00e4ften\u201c werden lie\u00df, \u201eauf die sie keinen Einfluss hatten.\u201c. Auch Christopher Daases Beitrag \u201eDie RAF und der internationale Terrorismus. Zur transnationalen Kooperation klandestiner Organisationen\u201c f\u00fchrt weiter. Er belegt, wie sehr die RAF mehr und mehr von geborgten Realit\u00e4ten lebte: \u201eF\u00fcr die RAF scheint vielmehr zuzutreffen, dass sie zwar durch ihre internationalen Kontakte ihre Existenz relativ lange erhalten konnte, sich aber zugleich spezifische Kooperationsprobleme einhandelte, die zu ihrem politischen Scheitern beitrugen\u201c(S. 908). Diese zutreffende Bemerkung kommentiert indirekt die Behauptung, die RAF habe sich nachhaltig im \u201eSympathisantensumpf\u201c gesuhlt.<\/p>\n<p>Der VIII. Teil, \u201eTerrorismus und Medien\u201c (S. 1060-1184), f\u00e4llt ziemlich j\u00e4mmerlich aus. Schon weil fast nur der RAF-Spiegel einiger Medien unzureichend hochgehalten, nicht aber gezeigt wird, wie die RAF im und durch den Medien-Spiegel mitgeschaffen wurde. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den IX. Teil: \u201eDas Terrorismus-Phantom\u201c. Das RAF-Phantom des bundesdeutschen Staates und seiner Sicherheitsorgane \u2013 des Bundeskriminalamts (BKA) vorneweg und der ebenso kr\u00e4ftig expandierten Bundesanwaltschaft \u2013, der meisten Medien und der Mehrheit informationell zugerichteter \u00d6ffentlichkeit wird nicht einmal angehaucht. Stefan Spillers Artikel \u00fcber die \u201eMescalero-Aff\u00e4re\u201c ist insgesamt stimmig. Ihm ent\u00adgeht nur der das Jahr 1977 auszeichnende systematische Mangel an staatlich-\u00f6ffentlichem Augenma\u00df weit \u00fcber diese Aff\u00e4re hinaus. Auch die betr\u00e4chtlichen politisch-pers\u00f6nlichen Kosten werden zu zart angedeutet.<\/p>\n<p>Im X. Teil, vage mit \u201eHypothesen\u201c \u00fcberschrieben (S. 1272-1369), finden sich nachdenkenswerte Essays. Diese formulieren allerdings, ab\u00adgehoben von den anderen Teilen, keine erkundigungsges\u00e4ttigten Hypothesen. Hinweisen will ich vor allem auf Christoph T\u00fcrcke: \u201eMartyrium. Terrorismus als Sinnstiftung\u201c, und Christian Schneider: \u201eOmnipotente Opfer. Die Geburt der Gewalt aus dem Geist des Widerstands\u201c. Welch ein Er\u00f6ffnungszug Schneiders, anzuheben mit Klaus Heinrichs \u201eVersuch \u00fcber die Schwierigkeit, Nein zu sagen\u201c. Heinrichs, der 2007 achtzig Jahre alt wurde, war studentischer Mitbegr\u00fcnder der Freien Universit\u00e4t. Und was f\u00fcr ein anhaltender Mitbegr\u00fcnder!<\/p>\n<p>Als rasch faules Surrogat der notwendigen Anstrengung einer Zusammensicht folgen in Teil XI. \u201eNachfragen\u201c (S. 1370-1411). Es handelt sich um zwei lockere Dreiergespr\u00e4che: Herausgeber Kraushaar und Institutsvorstand Jan Philipp Reemtsma befragen zuerst Horst Herold, einst BKA-Chef, und dann Hans Magnus Enzensberger, seinerzeit Kursbuch-begleitender Anreger und sprachgewandter Opportunist.<\/p>\n<h4>Staatliche Gewalt?<\/h4>\n<p>Die Regel, dass man an den St\u00e4rken einer Sache, die man pr\u00e4sentiere, ansetzen soll, stimmt. Wenn aber haupts\u00e4chliche Schw\u00e4chen und Ein\u00e4ugigkeit alle St\u00e4rken durchdringen? Kontextm\u00e4ngel machen die Beitr\u00e4ge im zusammenhangslosen Zusammenhang bodenlos. Als betrachte man ex post den Kalten Krieg, kritisiere jedoch nur f\u00fcr eine Seite. Die Geschichte der BRD im Umgang mit \u201eanders Meinenden\u201c, der BRD, wie sie seit 1967 und dann besonders seit 1970 leibte und lebte, ihrem staatlichen Herzen und dessen gewaltmonopoligem Schlagen ist meist allenfalls in Spurenelementen zu ahnen. In einem gesellschaftlich so verdichteten und durchstaateten Land wie der postnationalsozialistischen BRD ist jedoch kein soziopolitisches Problem zu behandeln, wenn der definitionskr\u00e4ftig alldurchdringende Kontext drau\u00dfen vor der T\u00fcr harrt. Sonst wird es a-sozial und pseudo-personal traktiert. Als h\u00e4tte ein missverstandener Max Weber als unbefragte Pr\u00e4misse allen Beitragenden gegolten: \u201eStaat\u201c \u2013 so zitiert Kraushaar aus Webers \u201ePolitik als Beruf\u201c \u2013 \u201eist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebiets &#8230; das<em> Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit<\/em> f\u00fcr sich (mit Erfolg) beansprucht &#8230; Es gilt als alleinige Quelle des \u201aRechts\u2018 auf Gewaltsamkeit.\u201c Kraushaar interpretiert. \u201eDer entscheidende Punkt ist demnach also nicht die Beanspruchung von Gewalt durch eine Macht, die \u00fcber derartige Mittel verf\u00fcgt, den Staat, sondern dessen Monopolanspruch in Verbindung mit Recht und Legitimit\u00e4t\u201c (S. 23 f.). In der Anmerkung 51 erl\u00e4utert der Herausgeber weiter: \u201eWie zentral diese Frage f\u00fcr das politische Selbstverst\u00e4ndnis war, zeigte sich sp\u00e4ter auch darin, dass die jahrelange Weigerung der au\u00dferparlamentarischen Linken, das staatliche Gewaltmonopol anzuerkennen, einer \u00f6ffentlichen Revision unterzogen werden musste.\u201c (S. 24).<\/p>\n<p>Diese Revision schlug in diesen beiden B\u00e4nden erfolgreich durch. Staatliche Gewalt wird entgewaltigt und in ihrer Vorab-Legitimation aufgehoben. Sie wird nicht mehr thematisiert. Sie gilt. Demgem\u00e4\u00df werden \u201eDie RAF und der linke Terrorismus\u201c, mit einem Lieblingsausdruck Reemtsmas, \u201eunterkomplex\u201c reduziert (S. 1366 ff.). Schwer ist es darum, die Absicht zu verstehen, die mit den beiden B\u00e4nden verfolgt wird. Es sei denn, man wollte \u00f6ffentlich von \u00f6ffentlichen Belangen ablenken, um abseitige Personen in sp\u00e4ter und paradoxer Schuldvergabe zu markieren. Und das von einem \u201eInstitut f\u00fcr Sozialforschung\u201c! Seltsam. Durchgehend fehlt jede Zusammensicht, damit jede eindringliche Analyse. Die RAF und ihre \u201eGenerationen\u201c werden in ihrem abgeschotteten Selbstbezug zwar zu einem Teil wohl begr\u00fcndet, aber scheuklappeneng vorgestellt. Die Selbstbezogenheit w\u00e4re ihrerseits gesellschaftlich zu erkl\u00e4ren! Just Horst Herold musste im Schlussgespr\u00e4ch darauf hinweisen, dass die RAF auch als ein Seismograph gesellschaftlicher Probleme betrachtet werden muss. Nirgendwo finden sich in den nicht magers\u00fcchtigen B\u00e4nden Hinweise darauf, wie in der Bundesrepublik im nach-national\u00adsozia\u00adlistischen Biedermeier kaltkriegsger\u00fcstet mit Abweichungen \u2013 von der Haarl\u00e4nge \u00fcber die mangelnde B\u00fcgelfalte bis zur \u201eunordentlichen\u201c wissenschaftlichen wie politischen Konformit\u00e4t \u2013 verfahren worden ist. Wie autorit\u00e4r alle und alles ins herrschende Kanalsystem gepresst wurden. Dass es vor allem an \u201epolitischen Gelegenheitsstrukturen\u201c haperte, auch nach 1969 trotz des leeren Versprechens von Willy Brandt, \u201emehr Demokratie wagen\u201c zu wollen.<\/p>\n<p>Gerade wenn man Reemtsmas mehrfach refrainartig wiederholter Aufforderung folgt, lassen seine Antworten und die der beiden B\u00e4nde in ihrer Anlage hei\u00dfhungrig zur\u00fcck. \u201eDie Geschichte der RAF verstehen hei\u00dft, die Attraktivit\u00e4t verstehen, die sie f\u00fcr andere hatte\u201c (S. 1365). Dazu geh\u00f6ren, hier folge ich Reemtsma, ihre anscheinshafte \u201eEntschlossenheit\u201c und Entschiedenheit; ihr anscheinshaftes \u201eTun\u201c, jenseits allen Fragens \u201eWas tun?\u201c; ihr anscheinshafter \u201eDurchblick\u201c, den schon Christiane F. von den \u201eKindern am Bahnhof Zoo\u201c bewunderte; und schlie\u00dflich die Pseudoradikalit\u00e4t und Fehlbefreiung durch \u201eGewalt\u201c. Nur: bei solchen Kennzeichnungen stehen zu bleiben, Darstellung und Analyse staatlicher Gewaltdurchsetzung jedoch auszusparen, eingebettet in die weithin pr\u00e4sente gesellschaftliche Ekstase des kleinb\u00fcrgerlichen Habitus, hei\u00dft das eigene Verst\u00e4ndnis und entsprechende Konsequenzen bewusst abzuschalten und den \u201eWonnen der Undifferenziertheit\u201c und dem \u201elieben Leben\u201c zugleich zu gen\u00fcgen (S. 1368). Warum das die leitenden Autoren dieser B\u00e4nde taten? Ich ahne es. Da ich jedoch ohne Beleg keine Vermutungen raunen will, m\u00f6gen die offenen Fragen umso lauter rufen.<\/p>\n<h4>Terrorismus und Staatsraison<\/h4>\n<p>In Zeiten weiter entgrenzter staatlicher Pr\u00e4vention zu repressiven Zwecken, im Zeichen global herrschaftlich funktionalisierten Antiterrorismus, vom 11.9. manifest bewegt, in Zeiten exkludierender Konkurrenzen, ihren restlosen Erfassungen und Mobilisierungen wird es umso wichtiger, von fr\u00fcheren Erfahrungen in Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t zu lernen. Darum, und darum nahezu allein \u2013 von den Ermordeten und Angeschlagenen dieser Zeit nicht zu schweigen \u2013 lohnt es sich, der terroristisch-antiterroristischen 70er Jahre und ihrer Folgen zu erinnern. Wenige zusammengezogene Bemerkungen m\u00fcssen gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Terrorismusbegriff: In Teil 1 des Kraushaar-Unter\u00adneh\u00admens finden sich ebenso ausf\u00fchrliche wie nutzlos erm\u00fcdende Klimm\u00adz\u00fcge am virtuellen Hochreck eines (\u201edes\u201c) Terrorismusbegriffs. Mit Verlaub gesagt: trotz wissenschaftlich umbundener Krawatte albern klingt wiederholtes Bedauern, \u201eden\u201c Terrorismusbegriff g\u00e4be es nicht. Als k\u00f6nne, solange menschliche Geschichte w\u00e4hrt, ein solcher Begriff gewonnen werden. Als wirkte derselbe nicht seinerseits \u201eterroristisch\u201c, als \u201eangewandte Abstraktion\u201c n\u00e4mlich etwa in Form strafrechtlicher Normen nach Art der Paragrafen 129a und b Strafgesetzbuch. Gewiss: Kriterien des Wortgebrauchs m\u00fcssen gefunden und begr\u00fcndet werden, um erkennen, um urteilen, um handeln zu k\u00f6nnen. Das Kondensat eines aussagekr\u00e4ftigen Begriffs ist jedoch erst zu entwickeln, wenn spezifisch, dem Kontext gem\u00e4\u00df vergleichend recherchiert worden ist. Auch dann werden Unsch\u00e4rfen, Ambivalenzen und Ambiguit\u00e4ten bleiben. Der immer erneuten Anstrengung des Begriffs, als Prozess des Begreifens mit allemal irrtumsoffenem Begriffsschluss entgeht nur, wer fast beliebig f\u00fcllbare Sachverhaltsflaschen mit pr\u00e4tenti\u00f6sen Etiketten pseudopr\u00e4zise bekleben will. Um urteils- und handlungsfrei zu \u201eterrorisieren\u201c, selbstredend mit antiterroristischer Aura.<\/p>\n<p>Ausnahmezustand und Norm: Die offizielle BRD hat ihr 70er Examen nicht bestanden. Nicht nur hat sie mit ihren regierungsamtlich-polizeilichen Ausnahmeaktionen insbesondere 1977 die grundrechtsbestimmten Normen und Institutionen ignoriert. Sie hat vielmehr mit hektisch, aber auf allgemeine Dauer gen\u00e4hten Gesetzen und institutionellen Expansionen (Bundesanwaltschaft, BKA, Verfassungsschutz u.a.) den Ausnahmezustand normiert. Als da sind: Einschr\u00e4nkung der Verteidigungsrechte, Lauschangriffe und Rasterfahndungen und nicht zuletzt eine \u201eVergeistigung\u201c terroristischer, immer schon kriminalisiert entpolitisierter Handlungen ineins mit der \u201eInstitution\u201c der \u201eKontaktschuld\u201c. Durchaus lesenswert ist Kraushaars Beitrag: \u201eDer nicht erkl\u00e4rte Ausnahmezustand\u201c (S. 1011-1025). Trefflich abgewogen Uwe Wesel zu \u201eStrafverfahren, Menschenw\u00fcrde und Rechtsstaatsprinzip\u201c (S. 1048-1059) und Klaus Eschen \u00fcber \u201eDas sozialistische Anwaltskollektiv\u201c (S. 957-972). Wie wenig b\u00fcrgerrechtliche Normen in die Habitus der Bundesdeutschen und ihrer staatlichen Institutionen einschlie\u00dflich der Richter am Bundesverfassungsgericht eingegangen sind, zeigt schlaglichtartig Carsten Polzin: \u201eKein Austausch! Die verfassungsrechtliche Dimension der Schleyer-Entscheidung\u201c (S. 1026-1047). Wie sehr, runderneuert, die STAATS-Tradition Grund- und Menschenrechte \u00fcberh\u00e4ngt, demonstriert die Diskussionsl\u00fccke heute. Niemand von irgendeiner offiziellen Seite, der daran ger\u00fchrt h\u00e4tte, ob die Entscheidungen des Kanzlers samt seiner Krisenst\u00e4be, ob die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 16. Oktober 1977 grund- und menschenrechtlich wie politisch demokratisch \u201erichtig\u201c gewesen ist: Hanns Martin Schleyer wurde der \u00fcber allem thronenden Staatsr\u00e4son geopfert (hinter der sich allemal h\u00f6chst winzige Interessen und Herrschaftskalk\u00fcle verbergen \u2013 am ehesten noch akzeptabel die eigene pers\u00f6nliche Angst der Regierenden). Horst Herold r\u00e4umt immerhin gegen Kraushaar und Reemtsma ein, dass die seinerzeit Regierenden einen \u201enationalen Notstand\u201c gesehen h\u00e4tten und ihm gem\u00e4\u00df nahezu alles Sonstige auf eine Rettungskarte setzten \u2013 und dies, folgt man der zweib\u00e4ndigen Unsumme in Sachen \u201eRAF\u201c, gegen einen Haufen \u201everr\u00fcckter\u201c Kriegserkl\u00e4rer!<\/p>\n<p>Zu reden w\u00e4re hier weiter \u00fcber die Umpolung und Umorganisation aller Institutionen \u201einnerer Sicherheit\u201c auf zukunfts- und risikogerichtete \u201evorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c, ein Prozess, der in den 70er Jahren ansetzt und mit der Notwendigkeit der Terrorbek\u00e4mpfung, zumal mit den Ereignissen von 1977, sp\u00e4ter mit anderen Notwendigkeiten, und heute wieder mit dem Terrorismus gerechtfertigt wurde und wird; \u00fcber die internationalen Dimensionen im Kontext Innerer Sicherheit und ihre ver\u00e4nderte Bedeutung heute. Vor allem \u00fcber die Kontinuit\u00e4t der \u201eUnf\u00e4higkeit zu trauern\u201c (nicht unbeschadet der un\u00fcbersehbaren Unterschiede). Das vor allem anl\u00e4sslich von Bemerkungen Christian Schneiders (S. 1341 f.).<\/p>\n<p>Ich ende mit dem Schlusssatz von Louise Tremmels Beitrag (\u201eLi<em>terrori<\/em>sierung. Die RAF in der deutschen Belletristik zwischen 1970 und 2004\u201c, S. 1154): \u201e36 Jahre nach der Gr\u00fcndung der RAF sind die Deutschen offensichtlich immer erst am Anfang einer wirklich tiefgehenden und umfassenden Besch\u00e4ftigung mit ihrer Geschichte des Terrorismus.\u201c W\u00e4ren die Herausgeber dem Weg gefolgt, auf dem Fritz Sack und Heinz Steinert schon 1984 erste gro\u00dfe Schritte gegangen sind<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> \u2013 einer deskriptiv-analytischen Entwicklung des Umgangs der etablierten BRD mit der Studentenbewegung und ihrem Umkreis \u2013 ihre B\u00e4nde h\u00e4tten mehr Anstrengung verlangt. Ihr Ertrag aber h\u00e4tte, Schillers Glocke gleich, ihre Meister gelobt.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> siehe Treulieb, J.: Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf. Einspruch gegen eine unseri\u00f6se Legendenbildung, in: Kommune 2007, H. 5, S. 18-21<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> vgl. auch ihren Beitrag: \u201eVerf\u00fchrt\u201c \u2013 \u201eabh\u00e4ngig\u201c \u2013 \u201efanatisch\u201c. Erkl\u00e4rungsmuster von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und Gerichten f\u00fcr den Weg in die Illegalit\u00e4t \u2013 Das Beispiel der RAF und der Bewegung 2. Juni (1971-1973), in: Weinhauer, K. u.a. (Hg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt a.M.; New York 2006, S. 188-216<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Sack, F.; Steinert, H.: Protest und Reaktion, Opladen 1984<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade vor dem Hintergrund des neuen globalisierten Anti-Terro\u00adrismus m\u00fcsste es selbstverst\u00e4ndlich sein, dass die Geschichte<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,94],"tags":[370,1180,1421,1427],"class_list":["post-7478","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-088","tag-cdu","tag-raf","tag-terrorismusbegriff","tag-terrorismusforschung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7478","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7478"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7478\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7478"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7478"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7478"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}