{"id":7493,"date":"2007-12-17T20:06:38","date_gmt":"2007-12-17T20:06:38","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7493"},"modified":"2007-12-17T20:06:38","modified_gmt":"2007-12-17T20:06:38","slug":"medien-polizei-und-schwarze-schafe-das-mediale-doppelleben-eines-protesttages-in-bern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7493","title":{"rendered":"Medien, Polizei und \u201eSchwarze Schafe\u201c &#8211;\u00a0Das mediale Doppelleben eines Protesttages in Bern"},"content":{"rendered":"<h3>von Dinu Gautier<\/h3>\n<p><strong>Am 6.\u00a0Oktober 2007, zwei Wochen vor den nationalen Wahlen, kam es in der Altstadt von Bern zur Blockade eines Marsches der Schweizerischen Volkspartei und zu Ausschreitungen. Ein Beispiel f\u00fcr polizeiliche Medienarbeit in schwierigen Zeiten.<\/strong><\/p>\n<p>Mit einem Stimmenanteil von 29 Prozent etablierte sich die Schweizerische Volkspartei (SVP) bei den Wahlen im Oktober als st\u00e4rkste Partei des Landes. Sie verdankt diesen Erfolg zu gro\u00dfen Teilen dem Multimilliard\u00e4r und umstrittenen Justizminister Christoph Blocher, der die einst gem\u00e4\u00dfigte Partei der Bauern und des Kleinb\u00fcrgertums zu einem schlagkr\u00e4ftigen rechtspopulistischen Apparat geformt hat. Wirtschaftspolitisch verfolgt die SVP einen stramm neoliberalen Kurs. Sie versteht es jedoch seit Jahren, mit ihren Kernthemen \u2013 der Ablehnung eines schweizerischen EU-Beitritts und der \u201e\u00dcberfremdung\u201c \u2013 die Unsicherheit in der Bev\u00f6lkerung in W\u00e4hlerstimmen umzum\u00fcnzen.<!--more--><\/p>\n<p>Mitten im Wahlkampf lancierte sie ihre \u201eAusschaffungs-Initiative\u201c \u2013 ein Volksbegehren, das die Ausweisung und Abschiebung straff\u00e4lliger Ausl\u00e4nderInnen samt ihrer Familien fordert. Ihr rassistisches Sippenhaft-Projekt garnierte die Partei mit einer kostspieligen Plakat- und Inseratekampagne. Nahezu t\u00e4glich schaltete sie mehrfarbige Anzeigen in fast allen Schweizer Zeitungen. Darauf zu sehen waren drei wei\u00dfe Schafe, die ein schwarzes Schaf von der Schweizer Flagge treten.<\/p>\n<p>Am 6. Oktober sollte die Kampagne mit einer Demonstration in Bern einen \u201eH\u00f6hepunkt\u201c erreichen: \u201eMarsch auf Bern\u201c lauteten dazu im Sommer die Ank\u00fcndigungen auf den Webseiten einiger SVP-Sektionen. Das Motto lie\u00df aufhorchen: Einen Marsch auf Bern hatte es n\u00e4mlich bereits 1937 gegeben, als tausend \u201eFr\u00f6ntler\u201c (Schweizer NationalsozialistInnen) durch die Stadt gezogen waren. Als die \u201eBerner Zeitung\u201c am 5. September als erstes gr\u00f6\u00dferes Medium \u00fcber den geplanten Marsch berichtete, war dieser bereits zum \u201eUmzug\u201c mutiert und das Motto in \u201eEinstehen f\u00fcr unsere Schweiz\u201c ge\u00e4ndert worden. Der Umzug sollte mit Bundesrat Blocher an der Spitze durch die Hauptgassen der Berner Altstadt f\u00fchren und auf dem Bundesplatz vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude enden. Bern ist eine Stadt mit rot-gr\u00fcner Mehrheit und einer im Verh\u00e4ltnis zur Bev\u00f6lkerungszahl gro\u00dfen autonomen Szene. Dass dieser \u201eMarsch\u201c als Provokation aufgefasst und St\u00f6raktionen nach sich ziehen w\u00fcrde, muss der SVP und der Polizei bewusst gewesen sein.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich fand sich Anfang September ein B\u00fcndnis vorwiegend aus Gruppierungen der autonomen Szene und kleineren linken Parteien zusammen, das sich in Anlehnung an das SVP-Plakat \u201eKomitee Schwarzes Schaf\u201c nannte.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Das Komitee rief f\u00fcr den 6. Oktober zu einer Gegenkundgebung und einem Stra\u00dfenfest unter dem Motto \u201eganz Fest gegen Rassismus\u201c auf. Stattfinden sollte das Ganze auf dem M\u00fcnsterplatz in der N\u00e4he der SVP-Umzugsroute.<\/p>\n<h4>\u201eWirbel um Anti-SVP-Demo\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/h4>\n<p>Die Stadtpolizei bewilligte diese Gegenkundgebung nicht. Sie begr\u00fcndete diese Entscheidung zun\u00e4chst mit der \u201e\u00dcberlastung der Innenstadt\u201c am fraglichen Samstag.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Drei Tage sp\u00e4ter las sich das anders: Nun erkl\u00e4rte der Berner Polizeidirektor Stephan H\u00fcgli nicht mehr die Innenstadt, sondern die Polizei f\u00fcr \u00fcberlastet: Ihre Ressourcen w\u00fcrden nicht ausreichen, um beide Veranstaltungen zu begleiten.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Eine erstaunliche Behauptung: Kann die Polizei doch f\u00fcr Gro\u00dfeins\u00e4tze auf die Unterst\u00fctzung anderer Kantone z\u00e4hlen und \u00fcber tausend BeamtInnen mobilisieren, was sie im Januar 2005 anl\u00e4sslich eines Aktionstages gegen das Weltwirtschaftsforum (WEF) demonstriert hat. Wie David B\u00f6hner, ein Mitglied des \u201eKomitees Schwarzes Schaf\u201c, uns gegen\u00fcber best\u00e4tigt, lie\u00df H\u00fcgli aber durchblicken, dass die unbewilligte Kundgebung toleriert w\u00fcrde, also stattfinden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Am 6. Oktober versammelte die SVP dann laut eigenen Angaben rund 10.000 Anh\u00e4ngerInnen beim B\u00e4rengraben, dem Wahrzeichen der Stadt. Sowohl die Polizei als auch die Medien \u00fcbernahmen die viel zu hoch gegriffene Zahl. Auch bekannte Rechtsextreme befanden sich darunter. In einem \u201eBlood&amp;Honour\u201c-Forum sch\u00e4tzte ein User die Anzahl seiner KameradInnen auf etwa 150.<\/p>\n<p>Beim \u201eganz Fest gegen Rassismus\u201c in der Altstadt lauschten einige Tausend Menschen den Konzerten und Ansprachen. Die Polizei sprach von 2.500, das \u201eKomitee Schwarzes Schaf\u201c von \u00fcber 5.000 BesucherInnen. Das Fest verlief friedlich und war folglich aus medialer Sicht uninteressant.<\/p>\n<h4>\u201eLinke Chaoten narrten \u00fcberforderte Polizei\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/h4>\n<p>Gegen 13.30 Uhr sammelten sich einige Hundert Leute auf der Umzugsroute der SVP, um den \u201eMarsch auf Bern\u201c zu blockieren. Gegen 14 Uhr rief die Polizei per Lautsprecher zum Verlassen der Gasse auf, einige Minuten sp\u00e4ter drohte sie mit dem Einsatz \u201epolizeilicher Mittel\u201c. Gemeint waren damit Gummischrot und Tr\u00e4nengas \u2013 jene \u201eDistanzmittel\u201c, auf denen der \u201eunfriedliche Ordnungsdienst\u201c der schweizerischen Polizeien seit mehr als zwei Jahrzehnten beruht. Der Einsatz von Gummischrot hat in den letzten Jahren wiederholt zu schweren Augenverletzungen bei DemonstrantInnen und Unbeteiligten gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Da die Blockierenden keine Anstalten machten, sich zu entfernen, schoss die Polizei minutenlang ihre Tr\u00e4nengas- und Gummischrotsalven in die Menge. Die Mehrheit der DemonstrantInnen floh in Seitengassen, andere warfen Flaschen in Richtung Polizei. Die SVP-Route war nun zu einem gro\u00dfen Teil mit Tr\u00e4nengas eingenebelt. In der N\u00e4he des \u201eganz Fest gegen Rassismus\u201c sammelten sich zur gleichen Zeit Hunderte Menschen auf der SVP-Route. Sie hatten das Fest aufgrund von Polizeisperren nicht erreichen k\u00f6nnen. Es spielte eine Sambaband, und die Stimmung war entspannt bis festlich. Eine kleine, fast schon symbolisch anmutende Barrikade brannte in etwa 50 Metern Entfernung vor sich hin, belagert von Heerscharen von FotografInnen, die durch die Wahl eines g\u00fcnstigen Aufnahmewinkels versuchten, die Flammen auf ihren Fotos m\u00f6glichst hoch erscheinen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt schien es bereits undenkbar, dass die SVP durch diese Gassen marschieren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Um ca. 15 Uhr wurden PolizistInnen vom Bundesplatz abgezogen, wo die B\u00fchne f\u00fcr die SVP-Abschlusskundgebung stand. Die BeamtInnen wurden in die Altstadt geschickt, um die dortigen Einheiten zu verst\u00e4rken.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Gleichzeitig wurde eine Gruppe von etwa 100 DemonstrantInnen einige hundert Meter vom Bundesplatz entfernt mit Tr\u00e4nengas eingenebelt und in Richtung des nunmehr polizeifreien Bundesplatzes gedr\u00e4ngt. Die Kameras des Schweizer Fernsehens fingen ein, was sich dann vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude abspielte: Eine kleine Gruppe von Leuten \u201er\u00e4umte\u201c zun\u00e4chst die SVP-St\u00e4nde \u201eab\u201c und \u201edemontierte\u201c Zelte. Absperrgitter flogen auf die B\u00fchne und es kam zu Schl\u00e4gereien mit wartenden SVP-Anh\u00e4ngerInnen. Ein Auto wurde angez\u00fcndet und eine \u00fcberdimensionierte Milchkanne, die als Bar diente, umgekippt. Die drei Frauen, die sich in der Kanne versteckt hatten, gaben noch im Schockzustand TV-Interviews.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte die SVP l\u00e4ngst auf die urspr\u00fcnglich vorgesehene Route verzichtet und sich zur\u00fcck zum Ausgangspunkt des Umzuges begeben, wo Bundesrat Blocher seine vermutlich f\u00fcr diesen Fall bereits vorbereitete Rede hielt.<\/p>\n<h4>\u201eKrawalle gehen um die Welt\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/h4>\n<p>Schon am Samstagnachmittag, also zu einer Zeit, als die Ereignisse noch voll im Gange waren, begann das Buhlen der Politologen um mediale Aufmerksamkeit. Der verhinderte Marsch der SVP w\u00fcrde den Rechtspopulisten nur nutzen, war ihr \u201ewissenschaftliches\u201c Fazit. Die Medien nahmen diesen Steilpass dankend an, und praktisch alle Leitartikel und Kommentare in den folgenden Tagen st\u00fctzten diese These. \u201eSchlacht\u201c, \u201eSchande\u201c, \u201eTerror\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>: Die RedakteurInnen der Zeitungen sch\u00f6pften ihren Wortschatz ohne R\u00fccksicht auf Verluste aus. Die Fernsehbilder von der Gewalt auf dem Bundesplatz wurden zigfach ausgestrahlt, die l\u00e4cherliche Barrikade durfte immer wieder brennen, w\u00e4hrend die friedliche Kundgebung auf dem M\u00fcnsterplatz fast ganz verschwiegen wurde. Ebenso ausgeblendet wurde, dass die Blockaden gr\u00f6\u00dftenteils friedlich abgelaufen waren und dass es in der Altstadt trotz Tausender DemonstrantInnen und \u00fcberforderter Polizei nur zu geringem Sachschaden gekommen war. Egal ob Kundgebung, Blockade oder Bundesplatz, alles wurde in einen medialen Topf geschmissen. Ein v\u00f6llig anderes Bild zeichneten die ebenfalls anwesenden ausl\u00e4ndischen Medien: Die \u201eTagesthemen\u201c der ARD vom Samstag und die \u201eNew York Times\u201c vom Montag stellten die Krawalle als Reaktion auf den fremdenfeindlichen Wahlkampf der SVP dar, was in der Folge wiederum die Schweizer Medien besch\u00e4ftigte. Man f\u00fcrchtete um das Ansehen des Landes im Ausland.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<h4>\u201eSchlechte Presse f\u00fcr die Polizei\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/h4>\n<p>Die Schweizer Presse kritisierte jedoch nicht nur die \u201eChaoten\u201c, sondern auch die Berner Stadtpolizei. Sie habe versagt und sich vorf\u00fchren lassen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Nach und nach wurde offensichtlich, dass die Polizei die Lage komplett falsch eingesch\u00e4tzt hatte. Wie unzufriedene BeamtInnen den Medien mitteilten, waren nur gerade 400 PolizistInnen im Einsatz gewesen. Au\u00dferdem war das Funksystem zeitweise ausgefallen \u2013 mit dem Effekt, dass ein gr\u00f6\u00dferes Polizeikontingent nur hundert Meter vom Bundesplatz entfernt unt\u00e4tig wartete.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Polizeidirektor H\u00fcgli hatte im Hinblick auf den Demotag selber von einem \u201eTanz auf dem Pulverfass\u201c gesprochen und an die Besonnenheit in beiden Lagern appelliert.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Angesichts dieser (korrekten) Einsch\u00e4tzung der Lage erstaunte die geringe Zahl der eingesetzten Beamten tats\u00e4chlich sehr.<\/p>\n<p>Die Pressesprecher der Stadtpolizei mussten sich also etwas ausdenken, um von den eigenen Fehlern ablenken zu k\u00f6nnen. Nach einer kurzen Phase der \u00f6ffentlichen Selbstkritik w\u00e4hlte man eine Doppelstrategie. Einerseits wurden nun S\u00fcndenb\u00f6cke gesucht, andererseits gab die Stadtregierung vier Tage nach den Ausschreitungen bekannt, bei einem externen Experten einen Untersuchungsbericht in Auftrag zu geben. \u201eBis dieser publiziert wird, werden wir keine Ausk\u00fcnfte mehr zu polizeitaktischen Fragen im Zusammenhang mit dem 6. Oktober erteilen. Wann der Bericht rauskommt, wei\u00df ich nicht\u201c, sagte eine Pressesprecherin der Stadtpolizei.<\/p>\n<h4>\u201eNeue Guerillataktik\u201c der Linksextremen<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/h4>\n<p>Die Taktik der Gegenseite kommentierte die Polizei daf\u00fcr umso ausf\u00fchrlicher und mit einer gewissen Kreativit\u00e4t. Laut Polizeidirektor H\u00fcgli habe der Schwarze Block einen \u201eMehrfrontenkrieg in bester Guerillamanier\u201c gef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Diese neue Taktik sei in Bern noch nie verfolgt worden. Er suggerierte damit, die Ausschreitungen an verschiedenen Orten in der Altstadt seien geplant und zentral koordiniert gewesen. Ein \u201eExtremismusexperte\u201c des Inlandsgeheimdienstes (Dienst f\u00fcr Analyse und Pr\u00e4vention, DAP) erkl\u00e4rte den ZeitungsleserInnen die angeblich hierarchische Struktur des \u201eSchwarzen Blocks\u201c und nannte zwei Organisationen, die seinen \u201eKern\u201c darstellen w\u00fcrden: den \u201eRevolution\u00e4ren Aufbau\u201c aus Z\u00fcrich, der allerdings in Bern kaum eine Rolle spielt, und die \u201eAnti-WTO-Koordination\u201c aus Bern, die sich \u2013 von dem \u201eExperten\u201c unbemerkt \u2013 vor \u00fcber einem Jahr aufgel\u00f6st hat.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Keine Guerilla ohne Hauptquartier, dachten sich die JournalistInnen und begaben sich auf die Suche nach der Schaltzentrale. \u201eDer Bund\u201c entdeckte diese in der Galerie eines stadtbekannten Anarchisten nahe des Platzes, auf dem die friedliche Platzkundgebung gegen den SVP-Aufmarsch stattgefunden hatte.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Anwohner h\u00e4tten ein reges Kommen und Gehen im Treppenhaus beobachtet. Funkger\u00e4te seien im Einsatz gewesen. Dem Galeristen wurde die Lokalit\u00e4t in der Folge gek\u00fcndigt. In Tat und Wahrheit war die Galerie von den OrganisatorInnen des \u201eganz Fest gegen Rassismus\u201c benutzt worden, um von dort aus den Ordnungsdienst der Kundgebung zu koordinieren.<\/p>\n<p>Die Polizei vermeldete au\u00dferdem, BeamtInnen seien mit einer \u00e4tzen\u00adden Fl\u00fcssigkeit angegriffen worden. In sp\u00e4teren Verlautbarungen verwandelte sich diese in Urin. Danach wollte man mit Verweis auf den Bericht des externen Experten keine weiteren Angaben mehr machen. Der Beschuldigte, der sich beim Antirepressionstelefon des \u201eKomitees Schwarzes Schaf\u201c meldete, gab zu Protokoll, er habe mit einer pinkfarbenen Wasserpistole BeamtInnen bespritzt. Mehrere Male habe er f\u00fcr die PolizistInnen sichtbar am \u00f6ffentlichen Brunnen Wasser nachgetankt. Vermutlich hatte sich das Wasser auf der Haut der PolizistInnen mit Tr\u00e4nengas verbunden.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Einen \u00e4hnlichen Vorwurf der Polizei hatte sich die \u201eClown-Army\u201c anl\u00e4sslich des G8-Gipfels in Rostock gefallen lassen m\u00fcssen. Dort entpuppten sich die S\u00e4uren als Seifenblasen, gegen die einige BeamtInnen allergisch waren.<\/p>\n<p>Als geeigneter S\u00fcndenbock bot sich Daniele Jenni, linksgr\u00fcner Abgeordneter im Stadtparlament und Sprecher des \u201eKomitees Schwarzes Schaf\u201c an. Hatte die Lokalpresse den Rechtsanwalt fr\u00fcher fast z\u00e4rtlich als \u201eGrundrechtepapst\u201c bezeichnet, so wurde er nun \u201eTalibanf\u00fcrst\u201c genannt.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> In einer als \u201eSatire\u201c betitelten Kolumne wurde die Einweisung Jennis in eine Irrenanstalt gefordert.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Dies alles, weil er zu einer friedlichen Kundgebung auf dem M\u00fcnsterplatz aufgerufen, sich aber geweigert hatte, sich von den Ereignissen auf dem Bundesplatz, mit denen er nichts zu tun hatte, zu distanzieren. Die Polizei schien sich \u00fcber diese mediale Sch\u00fctzenhilfe zu freuen und k\u00fcndigte an, Jenni und weitere Mitglieder des Komitees anzuzeigen, weil sie zu einer nicht bewilligten Demonstration aufgerufen h\u00e4tten. Seither haben die Beh\u00f6rden f\u00fcnf Personen ausgemacht, die sie diesem Komitee zuordnen. Darunter auch die Person, welche am 6. Oktober den Kontakt mit der Polizei gehalten hatte, um im Dialog eine Eskalation der Lage verhindern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die medial orchestrierte Emp\u00f6rung \u00fcber die \u201eChaoten\u201c bot sich an, um mehr Repressionsmittel zu fordern: Beat Hensler, Pr\u00e4sident der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten, forderte die Ausweitung des im Hinblick auf die Fu\u00dfball-Europameisterschaft erlassenen Hooligangesetzes auf politische Demonstrationen.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Das Gesetz, das verfassungsrechtlich auf sehr wackeligen F\u00fc\u00dfen steht, sieht eine undurchsichtige und willk\u00fcrliche Hooligandatenbank vor und erlaubt Zwangsma\u00dfnahmen auch gegen Minderj\u00e4hrige \u2013 vom Aufenthalts- und Ausreiseverbot bis hin zur Pr\u00e4ventivhaft.<\/p>\n<h4>\u201eChaoten: Man spricht Hochdeutsch\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a><\/h4>\n<p>Einigen Medienschaffenden gelang es aber auch ohne Hilfe der polizeilichen PressesprecherInnen nach Schuldigen zu suchen. Nach dem Motto \u201eAlles B\u00f6se kommt von au\u00dfen\u201c behauptete etwa die Boulevardzeitung \u201eBlick\u201c, an den Ausschreitungen h\u00e4tten sich eigens aus dem Ausland angereiste Chaoten beteiligt. Der Journalist will im \u201eSchwarzen Block\u201c Leute ausgemacht haben, die Franz\u00f6sisch, Italienisch und Hochdeutsch gesprochen h\u00e4tten.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Er verga\u00df dabei offenbar, dass die Schweiz ein mehrsprachiges Land ist. Unter den 42 Verhafteten befand sich jedenfalls nach Polizeiangaben nur ein Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<p>Kein Thema in den Medien war die Rolle der Medien selbst. Im Vorfeld des 6. Oktobers hatten verschiedene Medien den Aufruf des Schwarzen Schafs mit anonymen Texten vermengt, die im Internet zu Blockaden und St\u00f6raktionen aufgerufen hatten.<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> Bereits in einer am 20. September vom Lokalfernsehen \u201eTeleB\u00e4rn\u201c gesendeten Diskussionsrunde unter dem Titel \u201eBrennt Bern am 6. Oktober?\u201c hatte der Vertreter der SVP versucht, die OrganisatorInnen der Gegenkundgebung f\u00fcr etwaige Ausschreitungen verantwortlich zu machen. Die Ausschreitungen seien von den Medien regelrecht heraufbeschw\u00f6rt worden, meint Komiteemitglied David B\u00f6hner dazu. \u201eSie haben regelrecht zu Stra\u00dfenschlachten mobilisiert.\u201c<\/p>\n<h4>\u201eHauptstadt der Anarchie\u201c<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/h4>\n<p>Da die Polizei keine Ausk\u00fcnfte zu ihrem Einsatz mehr gab, suchten sich die JournalistInnen ihre Geschichten in Berns Gassen und entdeckten massenhaft Sicherheitsprobleme: einige Bettler, Drogenabh\u00e4ngige und sogar \u00fcberquellende Abfallk\u00fcbel. Der Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom 6. Oktober blieb zwar unklar, dennoch wurde nun eine eigentliche Medienkampagne gegen die Stadt Bern lanciert.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Auch die Sozialdemokratische Partei (SP) versuchte ihre massiven Verluste bei den Parlamentswahlen mit den Ausschreitungen von Bern zu erkl\u00e4ren.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Und die SP-dominierte Berner Stadtregierung meinte handeln zu m\u00fcssen: Sie diskutiert ein Bettelverbot und hat die Polizeipr\u00e4senz in der Innenstadt erh\u00f6ht. So f\u00fchrt ein katastrophaler Polizeieinsatz schlie\u00dflich doch noch zu einem Happy-End f\u00fcr die H\u00fcter von Recht und Ordnung.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> www.das-schwarze-schaf.ch<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Titel des Bund v. 12.9.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Berner Zeitung v. 12.9.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Der Bund v. 15.9.2007; der Polizeidirektor ist das f\u00fcr die Polizei zust\u00e4ndige Mitglied der Stadtregierung.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Titel der Berner Zeitung v. 8.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Aussage des Polizeikommandanten im Tagesanzeiger v. 8.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Titel der Basler Zeitung v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Sonntagsblick v. 7.10.2007; Blick v. 8.10.2007; Weltwoche v. 11.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> unter vielen: Basler Zeitung v. 10.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Titel des Bund v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> unter vielen: Sonntagszeitung v. 7.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> NZZ am Sonntag v. 14.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Berner Zeitung v. 15.9.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Titel der NZZ am Sonntag v. 7.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Der Bund v. 8.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Z\u00fcrichsee-Zeitung und Le Temps v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Der Bund v. 13.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> WOZ v. 25.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Bernerb\u00e4r v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Berner Zeitung v. 13.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Rundschau, Sendung vom 17.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Titel des Blick v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Blick v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Aargauer Zeitung v. 3.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Titel der Sonntagszeitung v. 14.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> z.B. Le Matin v. 9.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> SP-Parteipr\u00e4sident Hans-J\u00fcrg Fehr im Parteiblatt links.ch, November 2007<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Dinu Gautier Am 6.\u00a0Oktober 2007, zwei Wochen vor den nationalen Wahlen, kam es in<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,94],"tags":[429,813,1155,1264,1543],"class_list":["post-7493","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-088","tag-demonstrationen","tag-journalismus","tag-pressearbeit","tag-schweiz","tag-weltwirtschaftsforum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7493","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7493"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7493\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7493"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7493"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7493"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}