{"id":7502,"date":"2008-02-17T20:16:52","date_gmt":"2008-02-17T20:16:52","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7502"},"modified":"2008-02-17T20:16:52","modified_gmt":"2008-02-17T20:16:52","slug":"literatur-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7502","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Rede \u00fcber Europas Grenzen ist kaum ein Ausdruck so missverst\u00e4ndlich wie der vom \u201eWegfall der Grenzen\u201c. Selbst die korrekte Formulierung vom \u201eWegfall der Binnengrenzkontrollen\u201c zwischen den Schengen-Mitgliedstaaten verschleiert den Umstand, dass an die Stelle vollst\u00e4ndiger Personen- und Warenkontrollen an den nationalstaatlichen Grenzen ein komplexes Kontrollarrangement getreten ist. Die nationale Grenze bleibt in diesem System weiterhin eine Option, zu der die Regierungen dann schreiten d\u00fcrfen (und schreiten), wenn sie es f\u00fcr angezeigt halten, Ein- und Ausreisende zu kontrollieren und gegebenenfalls die Bewegungsfreiheit f\u00fcr Einzelne zu beschr\u00e4nken. Die beiden anderen, f\u00fcr den Alltag bedeutsameren Elemente des europ\u00e4isierten Grenzregimes sind die Verlagerungen der Grenzen nach au\u00dfen und innen. Die Sicherung der Au\u00dfengrenzen mit technischen Sperren, mit polizeilichen und milit\u00e4rischen Mitteln und unter Einsatz moderner \u00dcberwachungstechnik sind ebenso Ausdruck der Grenzverschiebung nach au\u00dfen wie die Einrichtung von Lagern in verschiedenen Anrainerstaaten der Union. Die neuen Grenzen im Innern zeigen sich an den ausgeweiteten Befugnissen, jede Person ohne Vorliegen von Verdacht oder Gefahr kontrollieren zu d\u00fcrfen. Was vormals nur der Grenz\u00fcbertritt erlaubte, ist nun beim Betreten eines Bahnhofs, bei der Fahrt auf der Autobahn oder beim Passieren eines \u201egef\u00e4hrlichen Ortes\u201c zul\u00e4ssig.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Eigm\u00fcller, Monika:<\/strong> <em>Grenzsicherungspolitik. Funktion und Wirkung der europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenze, Wiesbaden (VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften) 2007, 263 S., EUR 29,90<\/em><\/p>\n<p>In drei Kapiteln untersucht diese soziologische Dissertation die Voraussetzungen und Folgen der europ\u00e4ischen Grenzsicherung an den Schengen-Au\u00dfengrenzen. Im ersten Kapitel wird eine \u201eTheorie der Grenze\u201c entwickelt, die sich dahingehend zusammenfassen l\u00e4sst, dass \u201eGrenze\u201c als eine soziale Institution betrachtet wird, die einerseits aus Handlungen sozialer Akteure entsteht, andererseits aber unabh\u00e4ngig von deren Absichten Wirkungen entfaltet. Das zweite Kapitel schildert unter der \u00dcberschrift \u201eDie Politik der Grenze\u201c die Ziele und Instrumente der EU-Grenzpolitik. Nachdem die Zusammenarbeit in der \u201edritten S\u00e4ule\u201c der EU und die Phasen hin zu einer gemeinsamen Einwanderungspolitik (d.h. vor allem einer Einwanderungs-Verhinderungspolitik) beschrieben werden, stellt die Autorin die beiden zentralen Dimensionen der Grenzsicherungspolitik vor: Abschottung und Kooperation mit bzw. Druck auf Drittstaaten. Am Beispiel Spaniens untersucht die Arbeit im dritten Kapitel die \u201ePraxis der Grenze\u201c. In diesem umfangreichsten Kapitel des Buches werden sowohl die Praktiken der Grenzsicherung vorgestellt, wie der Umfang und die Wirkungen der illegalen Migration. Die \u2013 gemessen an den europ\u00e4ischen Absichten \u2013 ineffektive \u201espanische Migrationsverhinderungspolitik\u201c erkl\u00e4rt die Autorin durch die ambivalenten Interessen von Arbeitgebern und Gewerkschaften sowie die Ignoranz der Regierung gegen\u00fcber der Lage der \u201eIllegalen\u201c: \u201eProfiteure sind schlie\u00dflich alle, sowohl die inl\u00e4ndische Wirtschaft, als auch die Konsumenten spanischer Produkte weltweit \u2013 nur die Migranten geh\u00f6ren nicht dazu.\u201c (S.\u00a0216). In ihrem kurzen Fazit weist Eigm\u00fcller auf die gewandelte r\u00e4umliche und soziale Dimension der neuen europ\u00e4ischen Grenze hin: Im Raum sei sie \u201ezugleich eine starre lineare Grenze, wie auch beweglicher Grenzsaum\u201c; in sozialer Hinsicht sei die Au\u00dfengrenzpolitik zwar nach innen motiviert (Binnenmarkt etc.), aber sie entfaltete ihre Wirkung ma\u00dfgeblich nach au\u00dfen, \u201eindem sie vor allem das Verhalten der Menschen jenseits der Grenze strukturiert\u201c (S.\u00a0217 f.).<\/p>\n<p><strong>Pfl\u00fcger, Tobias u.a.:<\/strong> <em>Was ist FRONTEX? Aufgaben und Strukturen der Europ\u00e4ischen Agentur f\u00fcr die operative Zusammenarbeit an den Au\u00dfengrenzen, Br\u00fcssel, Berlin 2008, 52 S. (www.imi-online.de\/download\/FRONTEX-Broschu ere.pdf)<\/em><\/p>\n<p>Diese im Auftrag des Europaabgeordneten Tobias Pfl\u00fcger erstellte Brosch\u00fcre gibt einen Einblick in Entstehungsgeschichte, Aufgaben, Arbeitsformen und bisherige Leistungen von FRONTEX. Eine Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle, die sich \u00fcber die Warschauer Agentur genauer informieren wollen \u2013 und die keine Angst vor dem Dschungel an Institutionen, Kooperationen, Projekten und Verfahren haben, der als Netzwerk auf den Seiten 26 f. grafisch und im Glossar auf den Seiten 42-50 in erl\u00e4uternden Worten dargestellt wird.<\/p>\n<p><strong>Georgi, Fabian:<\/strong> <em>Migrationsmanagement in Europa. Eine kritische Studie am Beispiel des International Centre for Migration Policy Development (ICMPD), Saarbr\u00fccken (VDM Verlag Dr. M\u00fcller) 2007, 126 S., EUR 49,\u2013<\/em><\/p>\n<p>Diese auf eine politikwissenschaftliche Diplomarbeit zur\u00fcckgehende Ver\u00f6ffentlichung untersucht das \u201eInternational Centre for Migration Policy Development\u201c, eine zwischenstaatliche Einrichtung, die 1993 zun\u00e4chst von \u00d6sterreich und der Schweiz gegr\u00fcndet wurde, der sich aber mittlerweile neun weitere europ\u00e4ische Staaten angeschlossen haben. Georgi zeichnet die Gr\u00fcndungsmotive, die Aufgaben und die Leistungen des ICMPD nach. Urspr\u00fcnglich als ein Instrument der Politikberatung und -koordination nach dem Fall es Eisernen Vorhangs gegr\u00fcndet, hat das Zentrum nicht nur seine Aufmerksamkeit von der Ost- auf die S\u00fcdgrenze Europas gelegt, sondern es hat sich zu einer Dienstleistungsagentur entwickelt, deren Spektrum von der Organisation von R\u00fcckf\u00fchrungen bis zur Entwicklung strategischer Konzepte reicht. Der Autor sieht im ICMPD eine Einrichtung, \u201edie einen umfassenden planerischen Zugriff auf Bev\u00f6lkerung und ihre Zusammensetzung erm\u00f6glichen soll. Ihr Ziel ist es, Bev\u00f6lkerungsbewegungen und damit die Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung zu kontrollieren und auf verschiedenen Weise zu \u201averbessern\u2018\u201c (S.\u00a0107). Dass die Interessen der MigrantInnen in diesem Migrationsmanagement keinen Platz haben, ist offenkundig.<\/p>\n<p><strong>Graf, Susanne:<\/strong> <em>Verdachts- und ereignisunabh\u00e4ngige Personenkontrollen. Polizeirechtliche und verfassungsrechtliche Aspekte der Schleierfahndung, Berlin (Duncker &amp; Humblot) 2006, 414 S., EUR 87,80<\/em><\/p>\n<p>Wenn das Bundesinnenministerium die Ver\u00f6ffentlichung einer Arbeit mit einem \u201egro\u00dfz\u00fcgigen Druckkostenzuschuss unterst\u00fctzt\u201c, dann ahnt das Publikum, was es erwarten darf. Insofern entt\u00e4uscht diese umf\u00e4ngliche rechtswissenschaftliche Untersuchung der Schleierfahndung nicht. Die Autorin stellt die einschl\u00e4gigen Regelungen im deutschen Polizeirecht (Begr\u00fcndung, Abgrenzung zu anderen Befugnisse, zul\u00e4ssige Ma\u00dfnahmen, Umfang und Erfolge etc.) vor und pr\u00fcft ihre verfassungs- und europarechtliche Zul\u00e4ssigkeit (wobei sich der europarechtliche Bezug mittlerweile durch den Schengener Grenzkodex ver\u00e4ndert hat). Grafs Fazit lautet: \u201eDie derzeit g\u00fcltigen Schleierfahndungsnormen sind allesamt verfassungsgem\u00e4\u00df\u201c (S.\u00a0374) \u2013 kleine Nachbesserungen werden allen\u00adfalls bei einzelnen Folgema\u00dfnahmen vorgeschlagen. Die argumentativen Kunstst\u00fccke, die die Autorin vollf\u00fchren muss, um zu ihrem Ergebnis zu gelangen, sind beachtenswert: Da es nachweislich keine belastbaren Erfolge der Schleierfahndung gibt, rettet sie sich mit dem Hinweis, die Kontrollen seien \u201enicht v\u00f6llig ungeeignet\u201c (S.\u00a0372). Der Aufenthalt an einem gef\u00e4hrlichen Ort rechtfertige \u201edie Inanspruchnahme des B\u00fcrgers\u201c (S.\u00a0373) \u2013 auch wenn geheimgehalten wird, welcher Ort von der Polizei als \u201egef\u00e4hrlich\u201c klassifiziert wird. Und dass \u201ees bei Kontrollen zur Verhinderung unerlaubter Einreise zu einer erh\u00f6hten Inanspruchnahme von ausl\u00e4ndischen Staatsangeh\u00f6rigen komme\u201c, sei keine Diskriminierung, sondern \u201edurch den Normzweck gerechtfertigt\u201c (S.\u00a0340) \u2013 obwohl das Selektionskriterium, wie jeder Reisende wei\u00df, nicht die Staatsangeh\u00f6rigkeit ist, die man bekanntlich nicht sehen kann, sondern die Hautfarbe. Besonders entlarvend ist der Hinweis der Autorin, die Schleierfahndung sei deshalb rechtsstaatlich unbedenklich, weil sie sich \u201eproblemlos\u201c in die \u201eallgemeine Tendenz &#8230; eine(r) Vorverlagerung polizeilicher Aktivit\u00e4t\u201c einf\u00fcge. (S.\u00a0369). Denn genau in dieser entgrenzenden Vorverlagerung liegt das Problem.<\/p>\n<p><strong>Niechziol, Frank; Schmucker, Mirko: <\/strong><em>Polizeiliche Bek\u00e4mpfung der grenz\u00fcberschreitenden Kriminalit\u00e4t nach Wegfall der Grenz\u00fcbertrittskontrollen. Recht\u00adliche Rahmenbedingungn und taktische Umsetzungsm\u00f6glichkeiten, in: Kriminalistik 2008, H. 2, S.\u00a0105-111<\/em><\/p>\n<p>Die Autoren stellen den Schengener Grenzkodex und die Strategien der deutschen Polizeien zur Bek\u00e4mpfung grenz\u00fcberschreitender Kriminalit\u00e4t dar. Durch den Grenzkodex w\u00fcrden die verdachtsunabh\u00e4ngigen Kontrollen \u201edurch den europ\u00e4ischen Gesetzgeber sogar ausdr\u00fccklich gew\u00fcnscht\u201c. Der Schleierfahndung (durch die Bundespolizei) wird eine \u201edurch jahrelange Evaluation nachgewiesenen zwingenden Erforderlichkeit\u201c bescheinigt (was angesichts der Standards dieser \u201eEvaluation\u201c ein Hohn ist). Als zentrale Elemente der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung werden eine \u201ehochwertige operative und strategische Auswertung\u201c sowie intensivere Formen internationaler Zusammenarbeit (Datenaustausch, gemeinsame Ermittlungsgruppen, grenz\u00fcberschreitende verdeckte Ma\u00dfnahmen) genannt. F\u00fcr das Inland werden die Gemeinsamen Fahndungsgruppen gelobt, in der durch die Kopplung unterschiedlicher Befugnisse \u201ehohe Synergieeffekte\u201c erzielt w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Walter, Bernd: <\/strong><em>Grenzsicherheit zwischen Wegfall der Binnengrenzkontrollen und einem integrierten Schutz der Au\u00dfengrenzen. Paradigma f\u00fcr das schnelle Verfallsdatum von kriminalpolitischen Prognosen, in: Kriminalistik 2006, H. 12, S.\u00a0730-736<\/em><\/p>\n<p><strong>Schober, Konrad: <\/strong><em>Replik auf den Artikel von Bernd Walter, in: Kriminalistik 2007, H. 4, S.\u00a0212-216<\/em><\/p>\n<p><strong>Walter, Bernd:<\/strong> <em>Anmerkungen zur Replik von Konrad Schober, in: Kriminalistik 2007, H. 8\/9, S.\u00a0557-559<\/em><\/p>\n<p>Eine interessante Debatte \u00fcber die Grenzsicherheit: Auf der einen Seite Bernd Walter, pensionierter Pr\u00e4sident des Grenzschutzpr\u00e4sidiums Ost, auf der anderen Seite der bayerische Kriminaldirektor Konrad Schober. Gemeinsam ist beiden Polizeif\u00fchrern, dass sie kein Wort \u00fcber die Folgen der Abschottungspolitik nach au\u00dfen verlieren, gemeinsam ist ihnen auch die Sorge vor der grenz\u00fcberschreitenden Kriminalit\u00e4t, die beliebig zwischen organisierter Kriminalit\u00e4t und illegaler Migration festgemacht wird. W\u00e4hrend jedoch Walter, ein polizeilicher Hardliner alter Schule, den Verlust der alten Grenzkontrollen bedauert und ihre Abschaffung f\u00fcr einen von der Politik zu verantwortenden Fehler h\u00e4lt, der nun m\u00fchsam und mit seiner Ansicht nach nur halbherzig zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln durch die Polizeien wieder aufgefangen werden m\u00fcsste, verteidigt Schober, der als L\u00e4ndervertreter an den Beratungen zum Schengener Grenzkodex teilnahm, das europ\u00e4ische Grenzregime. Vor allem die Schleierfahndung hat es beiden angetan: Walter weist darauf hin, dass ihre Legalisierung eine direkte Folge des Schengener Vertrages war, durch die die Grenzkontrollen funktional ersetzt werden sollten. Dem widerspricht Schober vehement, denn ein solcher Ersatz h\u00e4tte deren Rechtswidrigkeit nach dem Schengener Durchf\u00fchrungs\u00fcbereinkommen und jetzt auch nach dem Grenzkodex zur Folge. Walter kann in seiner Replik jedoch nachweisen, dass um die Formulierungen im Grenzkodex so lange gefeilscht wurde, bis dessen Art. 21 die deutsche Kontrollpraxis absegnete: \u201eSch\u00f6ner kann man einen Freibrief f\u00fcr die deutsche Schleierfahndung eigentlich nicht formulieren.\u201c<\/p>\n<p><strong>Fl\u00fcchtlingsrat Niedersachsen; Komitee f\u00fcr Grundrechte und Demokratie; Forschungsgesellschaft Flucht und Migration (Hg.):<\/strong> <em>AusgeLAGERt. Exterritoriale Lager und der EU-Aufmarsch an den Mittelmeergrenzen, Hamburg 2005 (http:\/\/www.nds-fluerat.org\/rundbr\/ru%20110\/RU%2<br \/>\n0110%20ohne%20Deckblatt.pdf)<\/em><\/p>\n<p>Die Aufr\u00fcstung an der S\u00fcdgrenze der Europ\u00e4ischen Union und die Strategie der au\u00dferhalb Europas liegenden Fl\u00fcchtlingslager sind Gegenstand dieser Gemeinschaftspublikation. Fast die H\u00e4lfte der 190 Seiten nimmt die Analyse Helmut Dietrichs \u00fcber \u201edas Mittelmeer als Raum der Abschreckung\u201c ein. Dargestellt wird die Bedeutung des Mittelmeers als migrationsstrategischer Raum, in dem unterschiedliche Gefahren aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen abgewehrt werden sollen. Infolge der Abschottungspolitik sei die Meerenge von Gibraltar mit sch\u00e4tzungsweise 12.000 bis 14.000 Ertrunkenen zum gr\u00f6\u00dften Massengrab Nachkriegseuropas geworden. Der Beitrag endet mit einem \u00dcberblick \u00fcber die Abschiebelager in Italien und Spanien sowie den Lagern und Grenzregimen in den nordafrikanischen Staaten. In den weiteren Beitr\u00e4gen des Bandes werden die Logik des Lagersystems (einschlie\u00dflich der deutschen Sammelunterk\u00fcnfte und Ausreisezentren), die Chronologie der EU-Lagerpl\u00e4ne sowie die unterschiedlichen Konzepte, Fl\u00fcchtlinge aus Europa fernzuhalten, vorgestellt. Im dritten Teil von \u201eAusgeLAGERt\u201c werden Gegenaktionen gegen das Lagersystem dokumentiert. Sie reichen von Protesten in Griechenland, Italien und Deutschland bis zu Appellen gegen die Lager in Marokko bzw. gegen die Lager an den Grenzen Europas insgesamt.<\/p>\n<p><strong>Antirassistische Initiative e.V.: <\/strong><em>Bundesdeutsche Fl\u00fcchtlingspolitik und ihre t\u00f6dlichen Folgen 1993 bis 2007 (15. aktualisierte Auflage) (2 Hefte), Berlin 2008, EUR 16,\u2013<\/em><\/p>\n<p>Mittlerweile in der 15. Aktualisierung legt die ARI Berlin ihre einzigartige Sammlung \u00fcber die negativen Folgen der deutschen Abschottungspolitik vor. In chronologischer Folge werden seit 1993 Ereignisse aufgelistet, in denen Fl\u00fcchtlinge durch das Grenzregime unmittelbar oder mittelbar \u2013 etwa durch Anschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlinge oder als Folge ihrer Abschiebung \u2013 zu Schaden kamen. Insgesamt kamen demnach in den letzten 15 Jahren 370 Fl\u00fcchtlinge durch staatliche Ma\u00dfnahmen ums Leben, 81 starben in Folge rassistischer \u00dcbergriffe.<\/p>\n<p><strong>Pieper, Tobias:<\/strong> <em>Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik, M\u00fcnster (Verlag Westf\u00e4lisches Dampfboot) 2008, ca. 400 S., EUR 29,90<\/em><\/p>\n<p>In der Untersuchung, die in diesen Tagen erscheint, wird die Wirklichkeit in den Sammelunterk\u00fcnften und \u201eAusreisezentren\u201c aus Sicht der BewohnerInnen rekonstruiert und analysiert. Der Autor fragt nach den politischen, ideologischen und \u00f6konomischen Funktionen der Unterbringung in Lagern.<\/p>\n<h4>Aus dem Netz<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/frontex.antira.info\/\">http:\/\/frontex.antira.info<\/a><\/p>\n<p>Diese Seite h\u00e4lt laufend aktualisierte Berichte \u00fcber die T\u00e4tigkeit der europ\u00e4ischen Grenzschutzagentur \u201eFrontex\u201c sowie \u00fcber die EU-Planun\u00adgen f\u00fcr den Au\u00dfengrenzschutz bereit. Von den Rubriken der Seite, die von \u201eFrontex in den Medien\u201c bis zu \u201eResearcher\u2019s toolkit\u201c reichen, sind die \u201eMeldungen\u201c und die \u201eAnalysen\u201c von besonderem Interesse. Die Berichte sind in der Regel mit Links zu den Originalquellen versehen; ggw. z.B. die Stellungnahme des europ\u00e4ischen Datenschutzbeauftragten zum Grenzmanagement oder das Gutachten von amnesty international zu Frontex. Das bis Sommer 2007 zur\u00fcckreichende \u201eArchiv\u201c erlaubt zudem, Entwicklung und Aktivit\u00e4ten der Agentur nachzuzeichnen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.noborder.org\/\">http:\/\/www.noborder.org\/<\/a><\/p>\n<p>Diese nur in Englisch publizierte Seite entstand als Teil des \u201eNo border\u201c-Netzwerks, das seit 2004 nicht mehr aktiv ist. Die Seite wird jedoch fortgef\u00fchrt. Sie versteht sich als eine Plattform zur internationalen Vernetzung von Aktivit\u00e4ten und \u00fcber Ereignisse im Bereich Migration. Wer sich \u00fcber die aktuellen Kampagnen (etwa die geplante gegen Frontex in Warschau), aber auch \u00fcber die Grenzcamps der vergangenen Jahre oder die Aktionen gegen Fluggesellschaften, die Abschiebungen ausf\u00fchren, informieren will, wird bei \u201enoborder.org\u201c bestens bedient.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/\">http:\/\/fortresseurope.blogspot.com\/\u00a0<\/a><\/p>\n<p>Diese italienische Seite liefert Informationen in 17 Sprachen. Das Angebot variiert erheblich zwischen den einzelnen Sprachen. W\u00e4hrend in der deutschen Ausgabe vorwiegend \u00fcber Italien (inkl. der Beziehungen zu Libyen) berichtet wird, enth\u00e4lt die englische Seite links zu den Frontex-Aktivit\u00e4ten, zur Situation von Fl\u00fcchtlingen im Jemen oder Berichte \u00fcber die Internierung von Fl\u00fcchtlingen in der T\u00fcrkei oder in den zehn neuen EU-Mitgliedstaaten; auf der franz\u00f6sischen wird zus\u00e4tzlich \u00fcber die Lage in Algerien berichtet.<\/p>\n<p>(s\u00e4mtlich: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<h4>Sonstige Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><strong>della Porta, Donatella; Peterson, Abby; Reiter, Herbert (eds.):<\/strong> <em>The Policing of Transnational Protest, Aldershot (Ashgate) 2006, 224 S., EUR 76,\u2013<\/em><\/p>\n<p>Rund zehn Jahre nach ihrem Sammelband \u201ePolicing Protest: The Control of Mass Demonstrations in Western Europe\u201c haben Donatella della Porta und Herbert Reiter, diesmal zusammen mit der Soziologin Abby Peterson, einen Sammelband zur polizeilichen Bearbeitung transnationalen Protests vorgelegt. In acht Kapiteln besch\u00e4ftigen sich zehn AutorInnen mit den Gewaltexzessen der Polizei auf dem G8-Gipfel in Genua, den EU-Treffen in G\u00f6teborg und Kopenhagen. Von Vancouver (1997), Calgary (2000), Ontario (2000), Quebec (2001), Ottawa (2001) und Kananaskis (2002) in Kanada \u00fcber Seattle (1999), Washington D.C. (2000) bis nach Philadelphia (2000) in den USA reichen die Fallstudien. Die Militarisierung der Polizei durch neue Strategien, Taktiken und Ausr\u00fcstung ist einer der zentralen Entwicklungstrends, den die AutorInnen transatlantisch \u2013 und lange vor 9\/11 \u2013 ebenso konstatieren, wie ein durchgehendes Defizit bei der parlamentarisch-politischen Kontrolle der Exekutive.<\/p>\n<p>Hatten della Porta und Reiter 1989, wenngleich auf empirisch d\u00fcnner Basis, noch die These vertreten, die \u201eArbeit\u201c der Polizei habe sich seit den 1960er Jahren \u201ezivilisiert\u201c, so mag diesen Befund f\u00fcr das ausgehende 20. Jahrhundert kein Beitrag mehr vertreten. John Noakes und Patrick Gillham zeigen anhand der USA (S.\u00a097-115), dass neben exzessiver Gewaltanwendung durch die Polizei und einer Strategie, die auf Verhandeln setzt, heute ein dritter Typ von Polizeiarbeit zur Anwendung kommt, den sie als \u201estrategic incapacitation\u201c bezeichnen (S.\u00a0111). Drei Kernelemente lie\u00dfen sich identifizieren: \u201erisk assessment\u201c, \u201etemporary incapacitation\u201c und \u201erearrangement of offenders\u201c. Insbesondere die neuen \u00dcberwachungstechniken und -technologien erlaubten Geheimdiensten und Polizeibeh\u00f6rden, \u201eRisiken\u201c einzusch\u00e4tzen und Individuen und Gruppen zu identifizieren, die sich an der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung von Events beteiligen (k\u00f6nnten). Sie werden sodann Gegenstand \u201estrategischer Entm\u00fcndigung\u201c und \u2013 mittels Vorfeldkriminalisierung, Zutrittsverboten, pr\u00e4ventiver Haft oder schlichter Gewalt etc. \u2013 selektiv kaltgestellt.<\/p>\n<p>Reiter und Fillieule (S.\u00a0145-173) beschreiben f\u00fcr die Europ\u00e4ische<br \/>\nUnion, wie \u2013 unter Kontrolle der Exekutive in Gestalt der Police Chiefs Task Force (PCTF) \u2013 auf EU-Ebene informelle Agreements formalisiert und die Spielr\u00e4ume f\u00fcr das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung weitgehend ohne parlamentarische Kontrolle systematisch untergraben werden. Die alte Frage \u201eWer bewacht die W\u00e4chter?\u201c stellt sich mithin nicht allein im Hinblick auf den Nationalstaat, sondern supranational. Man darf hinzuf\u00fcgen, dass dies zunehmend auch f\u00fcr das kommerzielle Sicherheitsgewerbe relevant wird.<\/p>\n<p><strong>Republikanischer Rechtsanw\u00e4ltinnen- und Anw\u00e4lteverein \/ Legal Team (Hg.):<\/strong> <em>Feindbild Demonstrant. Polizeigewalt, Milit\u00e4reinsatz, Medienmanipulation. Der G8-Gipfel aus Sicht des Anwaltlichen Notdienstes, Hamburg, Berlin (Assoziation A) 2008, 175 S., EUR 10,\u2013<\/em><\/p>\n<p>Nur wenige Monate nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm erschien diese Bilanz des Republikanischen Anw\u00e4ltinnen- und Anw\u00e4ltevereins e.V. (RAV) und der auf seine Initiative eingesetzten Legal Teams. Der Band ordnet G8 als Chiffre in die politische und rechtliche Gesamtsituation Deutschlands und der Welt ein. Rechtswidrige Festnahmen, polizeiliche Sondereinheiten, mediale Aufr\u00fcstung vor dem Gipfeltreffen (\u201eFeindbild Demonstrant\u201c), menschenunw\u00fcrdige Zust\u00e4nde in Gefangenen-Sammelstellen, \u00dcbergriffe auf und fehlender Zugang f\u00fcr Rechtsanw\u00e4ltInnen werden aus juristischer und politischer Perspektive beleuchtet und als illegitim und illegal bewertet. Rechtsanw\u00e4ltInnen, polizeiliche Vertreter, politisch Verantwortliche und Betroffene kommen zu Wort \u2013 was zu einer gewissen Redundanz f\u00fchrt, gleichwohl aber Einblicke bietet, die in den Medien nicht zur Sprache kamen. Mittlerweile sind zahlreiche weitere Publikationen zum Thema G8 erschienen. Die Diskussionen, wie der gr\u00f6\u00dfte Aufmarsch polizeilicher und milit\u00e4rischer Macht an einem Ort in der Bundesrepublik nach 1945 einzusch\u00e4tzen ist, sind bei weitem noch nicht abgeschlossen.<\/p>\n<p><strong>Gro\u00df, Hermann; Frevel, Bernhard; Dams, Carsten (Hg.):<\/strong> <em>Handbuch der Polizeien Deutschlands, Wiesbaden (Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften) 2008, 593 S., EUR 49,90<\/em><\/p>\n<p>Dies vorneweg: Das \u201eHandbuch der Polizeien Deutschlands\u201c bietet einen kompakten \u00dcberblick zur Polizeiorganisation des Bundes und der L\u00e4nder. Man mag hoffen, dass sein Erscheinen zum Anlass f\u00fcr vertiefende Auseinandersetzungen wird. Immerhin hat das kommerzielle Sicherheitsgewerbe bereits 2004 mit dem \u201eHandbuch des Sicherheitsgewerberechts\u201c gezeigt, dass damit in einem Handbuch begonnen werden kann.<\/p>\n<p>Nimmt man den Band insgesamt, so \u00fcberwiegt, was fehlt: Sch\u00e4tzungsweise 125.000 bis 250.000 KommunistInnen erhielten seit den 1950er Jahren Berufsverbote und wurden verfolgt. Gleichzeitig war die Re-Nazifizierung des Polizei- und Justizapparates in vollem Gange. J\u00fcngst \u00fcbersetzte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (30.9.2007) das K\u00fcrzel BKA f\u00fcr das Jahr 1954 mit \u201eBraunes Kriminalamt\u201c. Manfred Klink, u.a. ehemaliger Leiter der Staatsschutzabteilung des BKA und Autor des Kapitels \u00fcber das Bundeskriminalamt im \u201eHandbuch\u201c (S.\u00a0516-554), erw\u00e4hnt zwar, dass seit 1954 das BKA j\u00e4hrlich Herbsttagungen veranstaltet und seit 1955 eine Schriftenreihe herausgibt \u2013 dass das vom ehemaligen SS-Sturmbannf\u00fchrer Bernhard Niggemeyer in seiner Funktion als Leiter des Kriminaltechnischen Instituts (bis 1968) geschah, davon ebenso wenig ein Wort, wie dazu, dass zwei Drittel der BKA-F\u00fchrungs\u00adebene sich aus SS-Leuten zusammensetzten, die das Amt bis weit in die 1960er Jahre unmittelbar pr\u00e4gen konnten. Zu den Kontrolldefiziten und kaskadenhaft auftretenden Skandalen innerhalb des Apparats der Gegenwart \u2013 kein Wort.<\/p>\n<p>Zum Zoll(kriminalamt), nach allgemeiner Auffassung zwar keine Polizei, aber mit mehr Befugnissen ausgestattet als jene (\u00dcberwachung und Kontrolle von Brief-, Post- und Fernmeldeverkehr ohne Anfangsverdacht oder Richtervorbehalt), finden sich keine Hinweise. Zu den rund 35.000 Besch\u00e4ftigten (allein 8.000 operativ in der Bek\u00e4mpfung der \u201eSchwarzarbeit\u201c aktiv), in deren Reihen sich mit der Zentralen Unterst\u00fctzungsgruppe Zoll (ZUZ) gar ein \u201ePendant zu den Mobilen Einsatzkommandos des BKA\u201c befindet \u2013 kein Wort.<\/p>\n<p>Ein Kapitel zur deutschen Polizei auf EU-Ebene fehlt. Wie es um den Einsatz deutscher Polizisten im Ausland bestellt ist \u2013 seit 1989 immerhin rund 5.300 Abordnungen \u2013, auch dazu kein Wort. Zum Bedeutungsgewinn von Beh\u00f6rden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), die etwa das Technische Hilfswerk, Bundes- und Landespolizeien, Geheimdienste (Landes- und Bundes\u00e4mter f\u00fcr Verfassungsschutz), Teile der Bundeswehr und des Katastrophenschutzes verkn\u00fcpfen \u2013 kein Wort. Die Zusammenarbeit von Landes- und Bundespolizeien mit kom\u00admerziellen Sicherheitsdiensten \u2013 in den so genannten Police-Private Partnerships \u2013 findet, trotz Weltmeister- und Europameisterschaften sowie sonstiger Massen-Events aller Couleur, ebenso wenig Erw\u00e4hnung wie die Zusammenarbeit von Polizei mit kommunalpr\u00e4ventiven Gremien.<\/p>\n<p>Kurz: Wer gehofft hatte, das \u201eHandbuch\u201c liefere eine sozialwissenschaftliche Analyse der \u201edeutschen Polizei\u201c, die oder der wird den Band entt\u00e4uscht zur Seite legen, daran \u00e4ndern auch einzelne gelungene Beitr\u00e4ge (wie der von Herrnkind zu Schleswig-Holstein (S.\u00a0451-484) und P\u00fctter zu Berlin (S.\u00a093-119)) wenig.<\/p>\n<p>(s\u00e4mtlich: Volker Eick)<\/p>\n<p><strong>Hunold, Daniela:<\/strong> <em>Migranten in der Polizei. Zwischen politischer Programmatik und Organisationswirklichkeit, Frankfurt\/M. (Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft) 2008, 130 S., EUR 16,90<\/em><\/p>\n<p>Das Pr\u00e4gnanteste \u00fcber die Einstellungspraxis bei der deutschen Polizei sagt die Autorin eigentlich mit einer kleinen Schnurre im Vorwort. Im Rahmen ihres Forschungsprojektes hatte die Kriminologin an einer Einstellungspr\u00fcfung teilnehmen d\u00fcrfen und verfehlte dabei die erforderliche Punktzahl, um als polizeidienstf\u00e4hig eingestuft zu werden, knapp: Der psychologische Test bescheinigte ihr, f\u00fcr den Polizeialltag nicht \u201egruppentauglich\u201c zu sein. Wie vielen BewerberInnen, insbesondere MigrantInnen, mag es \u00e4hnlich ergehen? Ohnehin ist deren Zahl nicht besonders hoch; daran \u00e4ndert auch die verst\u00e4rkte Werbung vieler L\u00e4nderpolizeien nicht viel. Mit ca. 2 Prozent liegt die Hamburger Polizei hier vorn, gefolgt von Berlin (1,5\u00a0Prozent), Bremen und Schleswig-Holstein (je 1,2\u00a0Prozent). Exakt ist deren tats\u00e4chlicher Anteil ohnehin nicht feststellbar, da sp\u00e4testens mit der Verbeamtung die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft angenommen werden muss. Damit verschwinden migrantische PolizistInnen dann aus den Statistiken. Akribisch beleuchtet die Autorin die verschiedenen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Schwierigkeiten beim Umgang von Politik und Polizei bei der Einstellung von MigrantInnen in die Polizei. Dabei kommt sie zu dem richtigen Ergebnis, dass es sich insgesamt eher um \u201eAssimilationspolitik\u201c denn um \u201eIntegrationspolitik\u201c handelt. F\u00fcr jemanden, der das Thema ohnehin bereits aufmerksam verfolgt, bietet das Werk nicht viel Neues. Dennoch ist es in seiner Ausf\u00fchrlichkeit und Genauigkeit ein wichtiges Buch. Problematisch ist indes, dass jene in den Innenministerien und Polizeipr\u00e4sidien, die es in erster Linie angeht, es kaum lesen werden, da sie Daniela Hunolds ausgepr\u00e4gt wissenschaftliche Ausdrucksweise kaum verstehen werden. Sinnvoll w\u00e4re es daher, das Buch f\u00fcr diese Zielgruppe noch einmal zu \u00fcberarbeiten.<\/p>\n<p><strong>Smidt, Wolbert; Poppe, Ulrike u.a.:<\/strong> <em>Geheimhaltung und Transparenz. Demokratische Kontrolle der Geheimdienste im internationalen Vergleich, Berlin (LIT Verlag) 2006, 368 S., EUR 29,90<\/em><\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist zun\u00e4chst der Titel, beharren Schlapph\u00fcte doch zumeist (wie auch in ihren Beitr\u00e4gen) geradezu psychotisch auf der Bezeichnung geheimer Nachrichtendienst. Verglichen jedenfalls werden in diesem Buch die Geheimdienste von insgesamt zw\u00f6lf recht unterschiedlichen Staaten. Das reicht von Deutschland \u00fcber Britannien und Spanien, Russland und Tschechien, die USA und Kanada bis nach Israel. Wobei bei den gro\u00dfen westeurop\u00e4ischen Diensten die franz\u00f6sischen komplett fehlen, was sich vermutlich aus dem Zustandekommen des Buches erkl\u00e4rt, handelt es sich doch um die (erweiterte) Dokumentation einer gleichnamigen Tagung, die der \u201eGespr\u00e4chskreis Nachrichtendienste in Deutschland e.V.\u201c gemeinsam mit der \u201eEvangelischen Akademie zu Berlin\u201c im M\u00e4rz 2004 ausgerichtet hat. Und die Franzosen waren wohl erst gar nicht angereist.<\/p>\n<p>Bei der Mehrzahl der AutorInnen handelt es sich gleichwohl um ehe\u00admalige oder aktive hochrangige Geheimdienstler unterschiedlicher Couleur. Da wundert es denn auch nicht, dass die parlamentarische, die b\u00fcrokratische und die \u00f6ffentliche Kontrolle (etwa durch die Medien) \u00fcberwiegend als funktionierend und ausreichend eingestuft wird \u2013 selbst wenn hier und da kleinere M\u00e4ngel einger\u00e4umt werden (m\u00fcssen). Das reicht bis hin zur Peinlichkeit, wenn ein solches Res\u00fcmee etwa von der Leiterin des Berliner Verfassungsschutzes gezogen wird. Als stellvertretende Datenschutzbeauftragte sah sie die Sache seinerzeit noch ganz anders. Um einiges interessanter ist da schon der erheblich kleinere Analyseteil, an dem sich zumeist AutorInnen ohne Schlapphut versuchen. Insbesondere der Beitrag der Literaturwissenschaftlerin Eva Horn (S.\u00a0257-277) ist hier lesenswert. Insgesamt handelt es sich jedoch eher um ein Buch f\u00fcr LeserInnen mit einem bereits gefestigten Grundwissen \u00fcber die rechtlichen Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen von Geheimdiensten.<\/p>\n<p><strong>Rott, Joachim:<\/strong> <em>Bernhard Wei\u00df. Polizeivizepr\u00e4sident in Berlin \u2013 Preu\u00dfischer Jude \u2013 K\u00e4mpferischer Demokrat, Teetz, Berlin (Verlag Hentrich &amp; Hentrich) 2007, 64 S., EUR 5,90<\/em><\/p>\n<p>Als Bernhard Wei\u00df im Sommer 1918 zum stellvertretenden Leiter der Berliner Kriminalpolizei ernannt wurde, war er nach eigener Aussage der erste Jude, der \u201ein die bis dahin judenreine preu\u00dfische Verwaltung\u201c gelangte. Er krempelte die alte kaiserliche Polizei komplett um, \u00fcbernahm dabei auch die Leitung des polizeilichen Staatsschutzes und brachte es bis zum Polizeivizepr\u00e4sidenten \u2013 zeitweise in Personalunion. Bernhard Wei\u00df, \u201ekein gl\u00e4ubiger, aber ein bewusster Jude\u201c, war ein \u00fcberzeugter liberaler Demokrat und mutiger K\u00e4mpfer gegen den aufkommenden NS-Faschismus. Diese Kombination machte ihn zwangsl\u00e4ufig zum bevorzugten Hassobjekt von Goebbels. Im letzten Augenblick konnte er mit seiner Familie am Abend der Reichtagswahlen vom 5.\u00a0M\u00e4rz 1933 \u00fcber den Dienstbotenaufgang seiner Wohnung fliehen, w\u00e4hrend die SA bereits das Vorderhaus st\u00fcrmte \u2013 und auf Umwegen schlie\u00dflich nach Gro\u00dfbritannien emigrieren, wo er 1951 starb. Das in der Reihe \u201eJ\u00fcdische Miniaturen\u201c erschienene B\u00e4ndchen zeichnet in K\u00fcrze die wichtigsten Stationen in Wei\u00df\u2019 Leben und Wirken nach. Wer jedoch mehr \u00fcber den engagierten Demokraten und wichtigen Polizeireformer (einschl. seiner politischen Fehler) wissen will, muss auch andere Literatur mit hinzuziehen.<\/p>\n<p>(s\u00e4mtlich: Otto Diederichs)<\/p>\n<p><strong>Heinrich, Stephan:<\/strong> <em>Innere Sicherheit und neue Informations- und Kommunikationstechnologien. Ver\u00e4nderungen des Politikfeldes zwischen institutionellen Faktoren, Akteursorientierungen und technologischen Entwicklungen, Berlin, M\u00fcnster (LIT Verlag) 2007, 496 S., EUR 34,90<\/em><\/p>\n<p>\u201eWas macht die Polizei mit der Technik, was macht die Technik mit der Polizei?\u201c fragte Detlef Nogala 1998 in seiner Arbeit zu \u201eSocial Control Technologies\u201c, um auf die Ambivalenz der Technisierung von Polizeiarbeit hinzuweisen. Derselben Aufgabe nimmt sich auch das Buch von Stephan Heinrich an; nur liegt sein Schwerpunkt explizit auf Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Dabei ist sein Erkenntnisinteresse weniger die gesellschaftliche Tragweite der technologischen Aufr\u00fcstung, da diese erst dann \u201esinnvoll\u201c zu untersuchen sei, \u201ewenn die internen Technisierungsprozesse und ihre Auswirkungen auf die Sicherheitsbeh\u00f6rden, ihr Selbstverst\u00e4ndnis und ihre Techniknutzung erfasst sind\u201c (S.\u00a027). Getreu diesem Motto wagt sich Heinrich tief in das Akronym-ges\u00e4ttigte Dickicht polizeilicher IKT und wirft einen sezierenden Blick auf den sich selbst technisierenden Apparat. Er macht dies im Stil einer Politikfeldanalyse, steckt nach einer ausgiebigen theoretischen Vorrede sein Feld ab, identifiziert ma\u00dfgebliche Akteure und legt die Interessenkonflikte und Machtk\u00e4mpfe offen, von denen die Informatisierung der Polizei begleitet war und ist.<\/p>\n<p>Was sich in einer ersten historischen R\u00fcckschau, die von der Fr\u00fchzeit kriminalpolizeilichen Meldewesens im sp\u00e4ten 19.\u00a0Jahrhundert bis zur Informatisierung des polizeilichen Alltags im fr\u00fchen 21.\u00a0Jahrhundert reicht, als linearer Prozess der vom Zentrum in die Peripherie diffundierenden Technisierung und Methodenoptimierung darstellt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als inkrementaler, \u201eungelenkter Prozess des schleichenden institutionellen Wandels sowie der Entstehung eines h\u00f6chst komplexen sozio-technischen Systems\u201c (S.\u00a0369). Anhand einer detaillierten Fallstudie der Informatisierung der Polizei in Nordrhein-Westfalen nach 1990 wird gezeigt, dass trotz mitunter ambitionierter Pl\u00e4ne eine klare Strategie fehlt. Vielmehr wird deutlich, wie Differenzen und Kompetenzgerangel zwischen Polizeif\u00fchrung und \u201eFu\u00dfvolk\u201c, den Sparten Kriminal- und Schutzpolizei oder zwischen zentralen Diensten, \u201eEDV-Fachbruderschaften\u201c und Kreispolizeibeh\u00f6rden die Gestaltung, Diffusion und Anwendung der Informationstechnik in der Polizei pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Auch wenn Heinrich angesichts des nur \u201erudiment\u00e4r abgestimmten Vorgehens\u201c (S.\u00a0379) die Entstehung eines panoptischen Kontrollapparates daher f\u00fcr unwahrscheinlich h\u00e4lt, f\u00fcrchtet er, dass die wachsende Komplexit\u00e4t der \u201esozio-technischen Konstellation\u201c Polizei diese in wachsendem Ma\u00dfe externer, sprich parlamentarischer, Steuerung und Kontrolle entziehe und so eine schleichende \u201eEntkernung und Aufl\u00f6sung b\u00fcrgerlicher Freiheitsrechte\u201c (S.\u00a0382) bedeute. Zudem weist er darauf hin, dass auch das verwaltungsinterne Steuerungspotenzial absinke und somit Dysfunktionalit\u00e4t, Ineffizienz und eine Schw\u00e4chung der Legitimit\u00e4t polizeilicher Aufgabenerf\u00fcllung vorprogrammiert seien. Als weiteren Effekt der steigenden Komplexit\u00e4t nennt Heinrich die wachsende Abh\u00e4ngigkeit von externer Expertise der Technikhersteller und \u2011dienst\u00adleister, die mit ihren immer st\u00e4rker patentrechtlich gesch\u00fctzten \u201eBlack Box\u201c-L\u00f6sungen die Herausforderung f\u00fcr Kontrollier- und Steuerbarkeit versch\u00e4rfen, w\u00e4hrend sie gleichzeitig einen immer gr\u00f6\u00dferen Anteil an Verwaltungsressourcen binden.<\/p>\n<p>Schade, dass trotz der mehrfach zitierten \u201eFunktionskrise\u201c staatlicher Gewalt die Entwicklung im Innern des Apparats selten kontextualisiert wird. Nur gestreift werden z.B. die neoliberale Kolonisierung der Polizei durch Ideen des New Public Management oder Restriktionen monetaristischer Haushaltspolitik und ihre Implikationen f\u00fcr die Informatisierung. Gleichwohl sucht das Buch von Heinrich in seiner detaillierten Darstellung und abgewogenen Analyse seinesgleichen und hat \u2013 nicht zuletzt aufgrund seines hilfreichen Indexes \u2013 das Potenzial, ein Standard- und Nachschlagewerk f\u00fcr all jene zu werden, die sich f\u00fcr den un\u00fcbersichtlichen Themenkomplex Polizei und IKT interessieren.<\/p>\n<p>(Eric T\u00f6pfer)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt In der \u00f6ffentlichen Rede \u00fcber Europas Grenzen ist kaum ein Ausdruck so missverst\u00e4ndlich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[95,148],"tags":[],"class_list":["post-7502","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-089","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7502","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7502"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7502\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7502"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7502"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7502"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}