{"id":7504,"date":"2008-02-17T20:19:31","date_gmt":"2008-02-17T20:19:31","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7504"},"modified":"2008-02-17T20:19:31","modified_gmt":"2008-02-17T20:19:31","slug":"grenzraeume-im-innern-bramsche-und-das-konzept-der-freiwilligen-ausreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7504","title":{"rendered":"Grenzr\u00e4ume im Innern &#8211;\u00a0Bramsche und das Konzept der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise"},"content":{"rendered":"<h3>von Tobias Pieper<\/h3>\n<p><strong>Im Gegensatz zur Abschottung der EU-Au\u00dfengrenzen und den Lagern in den Pufferstaaten findet der Einschluss unerw\u00fcnschter MigrantInnen im Innern der EU kaum Beachtung. Auch hier werden jedoch Orte des Ausnahmezustands installiert, um diejenigen unter Druck zu setzen, die eigentlich gar nicht hier sein sollten.<\/strong><\/p>\n<p>Das bundesdeutsche Lagersystem, das seit Anfang der 80er Jahre den b\u00fcrokratischen Umgang mit geduldeten MigrantInnen und Fl\u00fcchtlingen bestimmt, wird derzeit neu konfiguriert. Seit der Installation so genannter Ausreisezentren (\u00a7 61 Aufenthaltsgesetz \u2013 AufenthG) wird das gesamte Lagersystem der Effektivit\u00e4t der \u00e4u\u00dferen Grenzziehungen angepasst. Immer weniger MigrantInnen finden den irregul\u00e4ren Weg in die BRD, die vorhandenen Lagerkapazit\u00e4ten werden ab- und umgebaut. Am gr\u00f6\u00dften deutschen Abschiebelager in Bramsche (Niedersachsen) wird das Funktionieren des Konzepts der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise deutlich.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Niedersachsen war das erste Bundesland, das dieses Konzept anwandte. Mit je 50 Pl\u00e4tzen in den Zentralen Aufnahmestellen (ZASt) Oldenburg und Braunschweig installierte das Land im April 1998 das als \u201eProjekt X\u201c bekannt gewordene \u201eModellprojekt f\u00fcr die Beschaffung von Heimreisedokumenten f\u00fcr Ausl\u00e4nder mit ungekl\u00e4rter Staatsangeh\u00f6rigkeit\u201c. Im November 2000 wurde das ehemalige Grenzdurchgangslager Bramsche mit zun\u00e4chst 180 Pl\u00e4tzen als Zweigstelle der ZASt Oldenburg als drittes Lager in Betrieb genommen und bis 2003 auf die heutige Kapazit\u00e4t von 550 Pl\u00e4tzen ausgebaut.<\/p>\n<p>2005 wurde die Lageradministration reorganisiert. Es entstand ein direkt dem Innenministerium unterstellter Verwaltungskomplex, die \u201eZentralen Aufnahme- und Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden\u201c (ZAAB). Neben Bramsche als Au\u00dfenstelle von Oldenburg geh\u00f6ren zwei multifunktionelle Lager mit je 550 Pl\u00e4tzen in Blankenburg\/Oldenburg und Braunschweig zu diesem Komplex. Die beiden letzteren integrieren je eine Aufnahmeeinrichtung (\u00a7 44 Asylverfahrensgesetz \u2013 AsylVfG), eine Gemeinschaftsunterkunft (\u00a7 53 AsylVfG) und eine Ausreiseeinrichtung (\u00a7 61 AufenthG) mit jeweils 50 Pl\u00e4tzen in einem Geb\u00e4udekomplex. Das Lager in Bramsche ist zwar offiziell eine Gemeinschaftsunterkunft, seine Aufgabe ist jedoch die eines Ausreisezentrums, n\u00e4mlich \u201eMa\u00dfnahmen zur F\u00f6rderung der freiwilligen R\u00fcckkehr von Fl\u00fcchtlingen\u201c zu koordinieren.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Hier werden in erster Linie MigrantInnen eingewiesen, die einen neuen Asylantrag stellen und deren Chancen auf Anerkennung die Beh\u00f6rden als relativ gering einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<h4>Modellprojekt Bramsche<\/h4>\n<p>Seit seiner Installation war das Lager in Bramsche Modellprojekt zur Entwicklung neuer Strategien im Umgang mit ungewollten Fl\u00fcchtlingen. Das Konzept der forcierten \u201efreiwilligen\u201c Ausreise wurde hier entwickelt. Bramsche unterscheidet sich in der Umsetzung dieses Konzeptes von anderen Ausreiseeinrichtungen durch die sehr hohe Betreuungsdichte und das Zusammenziehen aller beteiligten Institutionen \u2013 Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde, Polizei, R\u00fcckkehrberatung, Sozialamt, Krankenstation, Schule, Kantine, Kiosk \u2013 innerhalb des Lagerkomplexes. Die einzelnen Stellen sind der Lagerleitung gegen\u00fcber weisungsgebunden und werden zur Durchsetzung der \u201efreiwilligen\u201c Ausreisen koordiniert. Die dort eingewiesenen BewohnerInnen sollen das Lagergel\u00e4nde nicht mehr verlassen, der repressive Sozialraum Bramsche umfasst alles zum Leben und Ausreisen notwendige. F\u00fcr die BewohnerInnen ist die Einweisung in das Lager Bramsche Endpunkt der eigenen Migrationsgeschichte in die BRD. Ihnen bleiben nach Aussage der Lagerleitung in der Regel nur die \u201efreiwillige\u201c R\u00fcckkehr, die Abschiebung oder das Untertauchen in die Illegalit\u00e4t\u201c. Denn auch Bramsche ist ein \u201ehalboffenes\u201c Lager. Die Eingewiesenen k\u00f6nnen das Lager verlassen, sich der Residenzpflicht entziehen und in die Illegalit\u00e4t fl\u00fcchten. Aus Beh\u00f6rdensicht wird das Verschwinden als Erfolg verbucht, die \u201eundokumentierte Ausreise\u201c ist integraler Bestandteil des Konzepts.<\/p>\n<p>Kernst\u00fcck des Konzepts ist ein ausgekl\u00fcgeltes Belohnungs- und Bestrafungssystem, das das grunds\u00e4tzlich perspektiv\u00adlose Lagerleben zus\u00e4tzlich strukturiert und die BewohnerInnen zur Einsicht in die Ausweglosigkeit und zur Kooperation n\u00f6tigen soll. Die B\u00fcndelung und Koordinierung aller relevanten Informationen und eine engmaschige Kontrolle und Beobachtung, die den gesamten Lageralltag bestimmt, erm\u00f6glicht es der Verwaltung, flexible und auf die einzelne Person abgestimmte Repressionskorsetts zu handhaben. \u00dcber die fremdbestimmten Lebensweisen unter Lagerbedingungen werden die Bestrafungs- und Belohnungsmomente in den Alltag transformiert.<\/p>\n<h4>Das Belohnungs- und Bestrafungssystem<\/h4>\n<p>Ab der Einweisung erh\u00e4lt jede\/r BewohnerIn alle zwei Wochen 20,40 Euro in bar als \u201eTaschengeld\u201c. Einmal im Monat wird ein Kleidergutschein im Wert von 15,43 Euro ausgegeben. Er ist drei Monate g\u00fcltig und kann nur in den Bramscher Gesch\u00e4ften eingel\u00f6st werden. Nach kurzer Eingew\u00f6hnungszeit k\u00f6nnen die BewohnerInnen auf dem Gel\u00e4nde f\u00fcr 1,05 Euro die Stunde und maximal 80 Stunden im Monat arbeiten.<\/p>\n<p>Nach einigen Monaten der \u201eGew\u00f6hnung\u201c an die Gesamtsituation m\u00fcssen sie bei der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde ein Dokument unterschreiben, mit dem die Einwilligung in die baldige \u201efreiwillige\u201c Ausreise festgelegt wird. Zentral dabei ist die Zusicherung, alles nur M\u00f6gliche zu unterneh\u00admen, um Passpapiere zu beschaffen, die eigene Identit\u00e4t zu kl\u00e4ren und mit der zust\u00e4ndigen Botschaft zu kooperieren. Mit der Unterschrift unter diese \u201eFreiwilligkeitserkl\u00e4rung\u201c beginnen die R\u00fcckkehrberatung und das Anbieten der finanziellen M\u00f6glichkeiten bei der Ausreise. Wenn n\u00f6tig und auf Basis der \u201eFreiwilligkeit\u201c, organisiert die R\u00fcckkehrberatung in Zusammenarbeit mit den BewohnerInnen auch ungew\u00f6hnliche Reiserouten, vor allem dann, wenn der direkte Luftweg wegen kriegerischer Auseinandersetzungen oder pers\u00f6nlicher Probleme nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Wer kooperiert, bekommt von den BeraterInnen eine auf die individuelle Situation abgestimmte R\u00fcckkehrberatung und eine Planung der Reiseroute. Als Anreiz werden jeder ausreisenden Person bis zu 1.000 Euro in bar angeboten, ausgezahlt auf dem Flughafengate. Zus\u00e4tzlich besteht die M\u00f6glichkeit, mit einem kleinen individuellen \u201eGeschenk\u201c in H\u00f6he von 200-300 Euro weitere Anreize zu schaffen. Die meisten Ausreisenden w\u00fcnschen sich nach Aussagen des R\u00fcckkehrberaters Medikamente, die in der neuen\/al\u00adten Heimat nicht oder schwer erh\u00e4ltlich sind, oder tech\u00adni\u00adsche oder handwerkliche Ger\u00e4te (Videokamera, Handy, Werkzeugkasten).<\/p>\n<p>Nach Einwilligung in die \u201efreiwillige\u201c Ausreise kann eines der Weiterqualifizierungsangebote in den Ausbildungswerkst\u00e4tten besucht werden (Malern, Reparatur von Sanit\u00e4reinrichtungen, Dachdeckern). Sowohl diese Angebote als auch der Erwerb der daf\u00fcr notwendigen rudiment\u00e4ren Deutschkenntnisse wird mit 1,50 Euro die Stunde \u201everg\u00fctet\u201c. Die M\u00f6glichkeit, auf dem Lagergel\u00e4nde \u201egemeinn\u00fctzige zus\u00e4tzliche Arbeit\u201c zu leisten, wird aufgestockt auf nun 120 Stunden im Monat. Der \u201eLohn\u201c steigt von 1,05 auf 1,50 Euro. Von der R\u00fcckkehrberatung wird den Menschen nahe gelegt, dieses Geld als zus\u00e4tzliches Startkapital f\u00fcr das Heimatland anzusparen. Bei Interesse an einem gr\u00f6\u00dferen Sparguthaben kann die Ausreise auch um einige Monate hinausgeschoben werden.<\/p>\n<p>Denjenigen, die nicht kooperieren, wird dagegen mit sofortiger Wirkung das alle zwei Wochen ausgezahlte Taschengeld und die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr 1,05 Euro\/Stunde zu arbeiten, gestrichen. Au\u00dfer dem Kantinenessen und dem Kleidergutschein wird nur noch Beratung zur \u201efreiwilligen\u201c Ausreise angeboten. Die n\u00e4chste Stufe sind vermehrte Termine bei der R\u00fcckkehrberatung und der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde. Die Perspektivlosigkeit soll durch die Androhung der Abschiebung verdeutlicht werden.<\/p>\n<p>Darauf aufbauend erfolgt bei weiterer Nichtkooperation eine Anzeige bei der \u00f6rtlichen Polizei wegen der Verweigerung der Kooperation zur \u201efreiwilligen\u201c Ausreise (\u00a7 95 AufenthG). Die \u00f6rtliche Polizei \u00fcbernimmt dabei in Kooperation mit der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde und der Lagerleitung\/ R\u00fcck\u00adkehrberatung die Befragung der Betroffenen zu dem Straftatbestand. Ganze Familien werden in h\u00e4ufigen und immer gleich ablaufenden Terminen ins Polizeirevier nach Bramsche zur Befragung vorgeladen. Den Transport \u00fcbernehmen MitarbeiterInnen der R\u00fcckkehrberatung, das Lager stellt auch die notwendigen DolmetscherInnen. Die Vernehmungen finden in Anwesenheit der LagermitarbeiterInnen durch uniformierte BeamtInnen statt. Eine Rechtsbelehrung, dass sie als Beschuldigte die Aussage verweigern d\u00fcrfen, gibt es f\u00fcr die Betroffenen nicht. Die Vernehmungen bei der Polizei sollen sie dazu n\u00f6tigen, die erneut vorgelegten Dokumente der Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde zur Einwilligung in die baldige \u201efreiwillige\u201c Ausreise zu unterschreiben.<\/p>\n<p>Wenn die Verh\u00f6re erfolglos bleiben und die n\u00f6tigen \u201eBeweise\u201c f\u00fcr die Nichtkooperation gesammelt sind, werden die polizeilichen Ermittlungsdaten an die zust\u00e4ndige Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die Straf\u00adbefehle in H\u00f6he von 250-600 Euro verh\u00e4ngt. Bei Nichtbezahlen erfolgt der Strafbefehl zum Gef\u00e4ngnisaufenthalt, verbunden mit der dann angebotenen M\u00f6glichkeit, die Strafe nun f\u00fcr f\u00fcnf Euro pro Stunde im Rahmen sozialer Arbeit in der Stadt Bramsche abzuarbeiten. Die meisten Betroffen arbeiten laut Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde \u201eschwarz\u201c und bezahlen die Strafe.<\/p>\n<p>Ein weiteres \u201ekleines\u201c Instrument ist eine zus\u00e4tzliche Beschr\u00e4nkung der Residenzpflicht. Als letztes Mittel steht die Verh\u00e4ngung von Abschiebehaft in Form einer (illegalen) Beugehaft zur Erzwingung der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise zur Verf\u00fcgung. Wie das funktioniert, zeigt folgendes Beispiel: Weil die gesamte Familie den Passbeschaffungsantrag bei einer Botschaft nicht unterschreiben wollte, wurde ein 17-j\u00e4hriger Jugendlicher aus einer vierk\u00f6pfigen Familie auf unbestimmte Zeit in Abschiebehaft in Hannover genommen. Da er ohne dieses Papier nicht abschiebbar ist, dient die Haft eindeutig nicht der Vorbereitung einer Abschiebung, sondern ist eine Erzwingungshaft und damit illegal. Die Inhaftierung des Jugendlichen soll die Familie dr\u00e4ngen, \u201efreiwillig\u201c das Land zu verlassen. Der psychisch kranken Mutter wird zudem die Erstattung der Fahrtkosten zum Abschiebegef\u00e4ngnis verweigert. Da sie ohne Geld nicht nach Hannover fahren kann, hat sie ihren Sohn seit mehreren Monaten nicht mehr gesehen.<\/p>\n<p>Bei Einwilligung in die \u201efreiwillige\u201c Ausreise werden die Versch\u00e4rfungen umgehend eingestellt und die Betroffenen k\u00f6nnen wieder in den Genuss der finanziellen Anreize gelangen.<\/p>\n<h4>Runde Tische<\/h4>\n<p>Zentraler Baustein der Strategien zur Forcierung der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise ist die \u00f6rtliche und administrative Vernetzung und Kopplung der einzelnen Beh\u00f6rden. Wichtigster Ort der Koordination ist der einmal monatlich stattfindende \u201eRunde Tisch\u201c, an dem Leitung, R\u00fcckkehrberatung, Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rde und Sozialamt die Belohnungs- und Bestrafungs\u00adinstru\u00admente abstimmen. Hier, aber auch bei Einzelkoordinierungen k\u00f6nnen spezifische Repressionsstrategien entwickelt, individuell reguliert und deren m\u00f6glichst effektive Umsetzung diskutiert werden. Zus\u00e4tzlich findet fallspezifisch \u00fcber das elektronische Datennetzwerk eine Informationssammlung und Koordinierung durch alle involvierten Stellen statt.<\/p>\n<p>Endpunkt f\u00fcr diejenigen, die nicht kooperieren, ist die gewaltsame Abschiebung, die vor den Augen der potentiell n\u00e4chsten KandidatInnen vom Lagergel\u00e4nde aus inszeniert wird. Allen BewohnerInnen soll damit klar gemacht werden, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ihnen das Gleiche widerf\u00e4hrt. Hierbei sind die Abschiebungen aus Sicht der Betrof\u00adfenen nicht planbar, es bleibt immer unklar, ab welchem Punkt der Kooperationsverweigerung sie durch die Beh\u00f6rden in Gang gesetzt werden. Bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von unter einem Jahr f\u00fchrt die st\u00e4ndige Rotation der BewohnerInnen denjenigen, die sich verweigern, die Effektivit\u00e4t der beh\u00f6rdlichen Strategien direkt vor Augen.<\/p>\n<h4>\u201eFreiwillige\u201c Ausreisen: Ein statistischer \u00dcberblick<\/h4>\n<p>Im Laufe des Jahres 2004 waren in der Ausreiseeinrichtung 483 Menschen untergebracht, davon 140 Minderj\u00e4hrige, von denen 57 schulpflichtig waren. Im selben Jahr sind 95 Personen \u201efreiwillig\u201c ausgereist. Das Durchschnittsalter der \u201efreiwillig\u201c R\u00fcckkehrenden betrug 26,8 Jahre, es waren 74 Erwachsene (16 Frauen und 58 M\u00e4nner) und 21 Minderj\u00e4hrige im Familienverband. Der durchschnittliche Lageraufenthalt der \u201efreiwillig\u201c R\u00fcckkehrenden lag bei 146, der l\u00e4ngste betrug 494 und der k\u00fcrzeste zwei Tage. Im Jahr 2004 sind im Beh\u00f6rdendeutsch 166 Menschen \u201eundokumentiert ausgereist\u201c, also in die Welt des Irregul\u00e4ren abgetaucht. Ob sie sich weiter \u201eillegal\u201c, ohne Papiere, in der BRD aufhalten oder ihr Gl\u00fcck in einem anderen Land versuchen, bleibt ungekl\u00e4rt. Sechs der \u201eundokumentiert Ausgereisten\u201c wurden bei Polizeikontrollen aufgegriffen und danach abgeschoben, 25 kehrten nach Bramsche zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Durchschnittlich 65 Prozent aller BewohnerInnen eines Jahres haben damit das Lager Bramsche verlassen und gingen als \u201eausgereist\u201c in die Statistik des Landes Niedersachsen ein. An diesen Zahlen macht sich die \u201eErfolgsbilanz\u201c der Ausreiseeinrichtung fest, auch wenn nur 20 Prozent im Sinne des Konzeptes der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise das Lager verlassen. Knapp ein Drittel der BewohnerInnen sind \u201eDauerg\u00e4ste\u201c des Lagers. Sie sind diejenigen, die aus den verschiedenen Gr\u00fcnden nicht abschiebbar sind oder die wegen der zu erwartenden Gewalt in den Herkunftsl\u00e4ndern die Lagersituation den 1.000 Euro Startguthaben vorziehen.<\/p>\n<h4>Das Dispositiv Forcierung der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise<\/h4>\n<p>In der Neukonzeption der bundesdeutschen Einwanderungspolitik, die 2005 im Zuwanderungsgesetz ihren rechtlichen Rahmen fand, hat die Ausreiseeinrichtung eine zentrale Stellung. Bramsche ist nicht nur ein Experimentierfeld f\u00fcr neue Konzepte des b\u00fcrokratischen Umgangs mit ungewollten MigrantInnen, sondern erlangt durch die investierten finanziellen und personellen Mittel auch eine Vorzeigefunktion dieser neuen Politik. Durch den Lagerkomplex ZAAB mit seinen insgesamt 1.650 Pl\u00e4tzen entsteht in Niedersachsen ein Regulations- und Puffersystem, innerhalb dessen die betroffenen MigrantInnen die einzelnen Lagertypen nur noch als Akten innerhalb eines Komplexes durchlaufen: vom zentralen Erstaufnahmelager ins \u00dcbergangslager im gleichen Geb\u00e4ude und von dort direkt in das auf die \u201efreiwillige\u201c Ausreise spezialisierte Bramsche. Eine Verteilung neu ankommender Asylsuchender auf die Kommunen soll vermieden werden.<\/p>\n<p>Als rechtsstaatlich organisierte Demokratie und eingebunden in internationale Abkommen sind der bundesdeutschen Exekutive bei Abschiebungen h\u00e4ufig die H\u00e4nde gebunden, und auch die sozialen Proteste gegen die gewaltf\u00f6rmige Abschiebepraxis treiben die realen Kosten in die H\u00f6he. Mit den Strategien der \u201efreiwilligen\u201c Ausreise reagieren die Beh\u00f6rden auf die Schwierigkeiten mit den bisher \u201eGeduldeten\u201c, also mit jenen Personengruppen, denen sie keinen dauerhaften Aufenthalt gew\u00e4hren wollen, die sie aber gleichzeitig nicht abschieben k\u00f6nnen \u2013 sei es, weil die Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention und die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention mit ihrem \u201enon-refoulement\u201c-Gebot im Wege stehen (keine Abschiebung in Staaten, in denen Verfolgung oder Gefahr f\u00fcr Leib und Leben droht), sei es, weil die angeblichen oder wirklichen Herkunftsl\u00e4nder eine R\u00fcck\u00fcbernahme verweigern. Die neuen Ausreiselager bauen auf den bereits seit Jahrzehnten b\u00fcrokratisch erprobten Einschluss der nicht gewollten und nicht verwertbaren MigrantInnen in Lager auf. Die perfektionierte gesellschaftliche Exklusion im Lagereinschluss erscheint vordergr\u00fcndig gewaltfrei und humanit\u00e4r vertretbar.<\/p>\n<p>Neben Niedersachsen erproben zurzeit Bayern, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und seit Anfang 2006 Schleswig-Holstein die Installation neuer Ausreiseeinrichtungen. Eine \u00e4hnliche Umorganisation vorhandener Lagerkreisl\u00e4ufe findet auch im Saarland und in einer Kooperation zwischen Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern statt.<\/p>\n<p>Das Abschiebelager Bramsche und das sich von hier aus entwickelnde Dispositiv einer neuen \u201eFl\u00fcchtlingspolitik\u201c erh\u00e4lt durch seine Effektivit\u00e4t, die finanzielle Effizienz und seine humanit\u00e4ren Legitimationsdiskurse Leitfunktion f\u00fcr die nachziehenden Bundesl\u00e4nder. Es werden innerhalb der BRD neue Grenzr\u00e4ume installiert. Das Lager als Ort des Einschlusses definiert Grenzen, die ein Au\u00dfen im Innern konstituieren.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Daten wurden 2004 bei einem Forschungsbesuch in Bramsche erhoben. S. insgesamt zum Lagersystem der BRD: Pieper, T.: Die Gegenwart der Lager. Zur Mikrophysik der Herrschaft in der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik, M\u00fcnster 2008 (Westf. Dampfboot).<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Aufgabendefinition durch den Runderlass Zentrale Aufnahme- und Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden (ZAAB) des Landes Niedersachsen, zuletzt ge\u00e4ndert am 14.12.2004<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Tobias Pieper Im Gegensatz zur Abschottung der EU-Au\u00dfengrenzen und den Lagern in den Pufferstaaten<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,95],"tags":[238,242,526,1559],"class_list":["post-7504","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-089","tag-asylvfg","tag-aufenthaltsgesetz","tag-eu-aussengrenzen","tag-zast"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7504"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7504\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7504"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7504"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}