{"id":7531,"date":"2008-07-17T20:43:30","date_gmt":"2008-07-17T20:43:30","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7531"},"modified":"2008-07-17T20:43:30","modified_gmt":"2008-07-17T20:43:30","slug":"polizei-macht-karten-crime-mapping-und-polizeiliche-lagebilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7531","title":{"rendered":"Polizei \u2013 Macht \u2013 Karten &#8211;\u00a0Crime Mapping und polizeiliche Lagebilder"},"content":{"rendered":"<h3>von Eric T\u00f6pfer<\/h3>\n<p><strong>Weitgehend unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit haben Geoinformationssysteme Einzug in den Polizeialltag gehalten. Integriert mit neuen automatisierten Vorgangsverwaltungssystemen und Polizei-Intranets stellen sie eine neue Qualit\u00e4t polizeilicher Lagebilder, aber auch eine Herausforderung f\u00fcr demokratische Kontrolle und Datenschutz dar.<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem die britischen Konservativen mit dem Versprechen \u201eGiving the Public a Crime Map\u201c im Fr\u00fchjahr die B\u00fcrgermeisterwahlen in London gewonnen hatten, \u00fcbte sich die Labour-Regierung in hektischer Aktivit\u00e4t. Ende Juli 2008 stellte das Innenministerium Pl\u00e4ne vor, allen \u201eCommunities\u201c innerhalb des n\u00e4chsten Jahres polizeiliche Informationen zur lokalen Kriminalit\u00e4tslage auf Online-Karten verf\u00fcgbar zu machen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Auch hierzulande erfreuen sich \u201eKriminalit\u00e4tsatlanten\u201c im Rahmen von Programmen zur kommunalen Kriminalpr\u00e4vention wachsender Beliebtheit. Berlin stellte im M\u00e4rz 2008 erstmals seinen \u201eBericht \u00fcber die Kriminalit\u00e4ts\u00adbe\u00adlastung in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen\u201c vor, um dem \u201eRegionalplaner in der \u00f6ffentlichen Verwaltung\u201c eine Entscheidungshilfe an die Hand zu geben.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Verwiesen wurde im Vorfeld der Publikation auf Hamburg, dessen j\u00e4hrliche Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) seit 2005 einen Stadtteilatlas enth\u00e4lt. Zwar handelt es sich hierbei nur um eine Ansammlung von administrativen Karten mit hunderten von Tabellen zu den erfassten Straftaten; mit seiner erstmaligen Ver\u00f6ffentlichung hatte der damalige Innensenator Udo Nagel aber Pionierarbeit bei einer Gro\u00dfstadtpolizei geleistet. Als \u201erichtungweisend\u201c lobte das Bundeskriminalamt (BKA) den \u201eKriminalit\u00e4tsatlas\u201c der Stadt Heidelberg, der registrierte Delikte auf Blockebene herunterbricht, um, wie es hei\u00dft, pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen zu steuern. Der Atlas solle zudem zum Abbau \u00fcbertriebener \u00c4ngste beitragen, aber auch zur Sensibilisierung der B\u00fcrgerInnen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Auf die Erfassung von T\u00e4tern und Opfern und ihren Wohnorten wurde \u201evorerst verzichtet\u201c \u2013 aus Gr\u00fcnden des Datenschutzes, aber auch um eine \u201enegative Etikettierung von Wohnquartieren\u201c zu vermeiden.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Eben diese Sorgen um die Stigmatisierung von bestimmten Quartieren d\u00fcrfte zur weder sonderlich detaillierten noch \u00fcbersichtlichen L\u00f6sung in Hamburg beigetragen haben. Umso \u00fcberraschender waren die vergleichsweise detaillierten Darstellungen f\u00fcr Berlin; hatte doch die Ver\u00f6ffentlichung eines \u201eAtlas\u201c \u2013 tats\u00e4chlich ein DIN-A3-Blatt \u2013 mit neun \u201eProblemkiezen\u201c durch den Innensenator im Januar 2004 f\u00fcr erheblichen \u00c4rger gesorgt. Der dilettantische Versuch, aufgrund des Indikators \u201ekiezbezogener Straftaten\u201c Aussagen \u00fcber die Lage in den Kiezen ziehen zu wollen, war von Bezirkspolitikern stark kritisiert worden, und Landespolitiker warnten, dass vorhandene Abschottungstendenzen nicht verst\u00e4rkt werden d\u00fcrften, indem man Ghettos ausrufe.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Entsprechend kritisch waren auch im Vorfeld der Publikation des j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Kartenwerks die Reaktionen einiger Abgeordneter.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Kaum Beachtung allerdings fand der Umstand, dass es reichlich irref\u00fchrend ist, wenn PKS-Daten zur Grundlage solcher Karten gemacht werden; spiegeln sie doch eher die Leistungsbilanz der Polizei wieder, als dass sie das Ausma\u00df kriminalisierten Verhaltens abbilden.<\/p>\n<p>Unber\u00fchrt von den Diskussionen \u00fcber die Aufbereitung von Kriminalstatistiken zu Karten f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit, hat das \u201eCrime Mapping\u201c f\u00fcr Zwecke der internen Informationsverarbeitung allerdings l\u00e4ngst Einzug in den polizeilichen Alltag gehalten. Waren Stecknadeln in Karten seit langem Hilfsmittel bei der polizeilichen Ermittlung und Lagevisualisierung, haben die M\u00f6glichkeiten der Datenverarbeitung durch Computer das Feld in den letzten Jahrzehnten revolutioniert: Geoinformationssysteme (GIS) erm\u00f6glichen das Speichern, Verkn\u00fcpfen, Analysieren und Visualisieren von beliebigen Datenbest\u00e4nden, solange diese georeferenzierbar sind, also sich ein Raumbezug der Daten herstellen l\u00e4sst, und dies soll nach den vollmundigen Angaben von Werbern der GIS-Industrie bei 80 Prozent aller Daten der Fall sein.<\/p>\n<h4>CompStat: Eine Idee macht Schule<\/h4>\n<p>Bereits 1967 experimentierte das St. Louis Police Department, um aufw\u00e4ndig mit Mainframe-Computern und Lochkarten Kriminalit\u00e4tskarten zu erstellen, die helfen sollten, die Effizienz der Streifenfahrten zu erh\u00f6hen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Ihren eigentlichen Durchbruch erlebte das Computer gest\u00fctzte \u201eCrime Mapping\u201c allerdings erst in den 90er Jahren, als die Technisierung der Polizei in den USA massiv durch die Bundesregierung gef\u00f6rdert wurde. Legend\u00e4r wurde in diesem Zusammenhang der CompStat-Pro\u00adzess, den New Yorks Polizeichef William Bratton seinem Department 1994 verordnete, um innerhalb des Apparates seinen unbedingten F\u00fchrungsanspruch durchzusetzen und ihn f\u00fcr seine \u201eZero Tolerance\u201c-Offen\u00adsive zu mobilisieren. Mit CompStat wurden die Lagebilder und zeitnahen Analysen eines GIS zu Leistungsindikatoren f\u00fcr ein strategisches Qualit\u00e4tsmanagement, bei dem die Leiter der lokalen Polizeiabschnitte ihr Vorgehen in w\u00f6chentlichen Treffen gegen\u00fcber ihren Vorgesetzten zu rechtfertigen haben.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Inzwischen hat die Polizei in den meisten US-ame\u00adrikanischen Gro\u00dfst\u00e4dten CompStat oder vergleichbare Programme implementiert, deren tragende S\u00e4ule immer computer-gest\u00fctztes Crime Mapping ist. Derweil demonstriert Bratton in Los Angeles, wo er inzwischen Polizeichef ist, was die Empfehlung des National Institute for Justice, von der deskriptiven zur analytischen Kartographie \u00fcberzugehen, in der Praxis bedeutet: L\u00e4ngst werden nicht nur polizeilich registrierte Vorf\u00e4lle ausgewertet und auf Karten visualisiert, sondern es wird proaktives Profiling betrieben, das der Lokalisierung vermeintlicher Risikoareale und \u201eat-risk communities\u201c dient. Offensichtlich inspiriert vom Geomarketing der Werbeindustrie, erkl\u00e4rte das Los Angeles Police Department zu seinen j\u00fcngsten Pl\u00e4nen, latent extremistische Muslim-Enklaven zu kartieren: \u201eDas Programm wird tiefe Einblick nehmen in Geschichte, Demographie, Sprache, Kultur, ethnische Zusammensetzung, sozio\u00f6konomischen Status und soziale Beziehungen.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Hierzulande verfolgen das BKA und sein Kriminalistisches Institut sp\u00e4testens seit Ende der 90er Jahre voller Faszination die Entwicklungen in den USA. \u201eInsbesondere im Zuge der bevorstehenden Realisierung von INPOL-neu, die der r\u00e4umlichen Analyse des Kriminalit\u00e4tsgeschehens ein weites Spektrum \u00f6ffnen wird\u201c, beschwor Institutsdirektor J\u00fcrgen Stock im Jahr 2001 eine \u201edringend erforderliche Renaissance\u201c der Kriminalgeographie.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Damit steht Stock in seinem Haus in bester Tradition. Hatte doch BKA-Pr\u00e4sident Horst Herold bereits in den 70er Jahren Hoffnungen in diese \u201eZweckwissenschaft\u201c gesetzt, von der er sich Aufschluss \u00fcber die Beziehungen zwischen der spezifischen Struktur eines Raumes und der in ihm anfallenden \u00f6rtlich und zeitlich anfallenden Kriminalit\u00e4t erhoffte.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Bereits zu seiner Zeit als Polizeipr\u00e4sident von N\u00fcrnberg hatte Herold \u2013 \u00e4hnlich der Zielsetzung der Polizei in St. Louis \u2013 das Anzeigenaufkommen systematisch ausgewertet, um zuk\u00fcnftige Schwerpunkte von Streifent\u00e4tigkeiten zu bestimmen. Damals wie heute liegt der Schwerpunkt solcher Analysen auf \u201epr\u00e4ventablen Delikten\u201c, also der sogenannten Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t.<\/p>\n<h4>Renaissance der Kriminalgeographie: GLADIS und Co.<\/h4>\n<p>Lamentierte der Interministerielle Ausschuss f\u00fcr Geoinformationswesen, dem das Bundesinnenministerium die Feder f\u00fchrt, noch vor wenigen Jahren, dass in der Vergangenheit aufgrund des hohen Zeit- und Arbeitsaufwandes f\u00fcr die Bildaufbereitung der \u201ekriminalgeographische Ansatz \u2026 in Wissenschaft und Praxis nahezu aus den Augen verloren wurde\u201c,<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> scheint es mittlerweile so, als w\u00fcrde der Traum von der Renaissance der Kriminalgeographie und einer umfassenden Geoinformatisierung der deutschen Polizei Wirklichkeit werden.<\/p>\n<p>F\u00fchrend beim Einsatz von \u201eCrime Mapping\u201c-Software ist Bayern. Seit 1999 entwickelte das Polizeipr\u00e4sidium M\u00fcnchen mit Hilfe des GIS-Marktf\u00fchrers ESRI das \u201eGeographische Lage-, Analyse-, Darstellungs- und Informationssystem\u201c (GLADIS) zur Visualisierung der \u201eLage Stra\u00dfenkriminalit\u00e4t\u201c. Im Laufe der Projektentwicklung wurden mehr als 130.000 M\u00fcnchener Adressen georeferenziert, um polizeilich registrierte Vorf\u00e4lle auf einer digitalen Grundkarte \u00f6rtlich zuordnen zu k\u00f6nnen. Zudem k\u00f6nnen die \u201eelektronischen Stecknadeln\u201c, die solche Vorf\u00e4lle markieren, mit weiteren strukturierten Informationen zu Tat und mutma\u00dflichen T\u00e4tern sowie unstrukturierten Text- oder Bilddaten verkn\u00fcpft werden, die dann per Mausklick abrufbar sind. M\u00f6glich ist dar\u00fcber hinaus die Einbeziehung von \u201eFremddaten\u201c zu Polizeieins\u00e4tzen, aus Einwohnermelde\u00e4mtern, Mikrozensus oder Telefon-CDs, um, wie die Projektleiter schreiben, die \u201ekriminalgeographische Struktur\u201c des Geschehens zu ergr\u00fcnden. Alle Vorf\u00e4lle w\u00fcrden, so hei\u00dft es, t\u00e4glich erfasst, um an die Bed\u00fcrfnisse der jeweiligen Dienststelle oder Hierarchieebene angepasste Lagebilder zu generieren, \u201eKriminalit\u00e4tsschwerpunkte\u201c zu identifizieren oder Prognosen zu erstellen.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Nachdem im Polizeipr\u00e4sidium M\u00fcnchen bereits 2003 die Intranetanbindung des Systems perfektioniert wurde, ist GLADIS nun seit 2006 auch landesweit im Einsatz, so dass \u2013 Computerzugang vorausgesetzt \u2013 jeder der rund 32.000 bayerischen Polizisten \u00fcber das polizeiliche Intranet die Daten der polizeilichen Vorgangsverwaltung (karto-)grafisch aufbereiten kann.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr Hamburg wurde die bayerische L\u00f6sung von T-Systems unter dem Namen \u201eGrafisches Informationssystem der Polizei\u201c (GISPOL) angepasst und Anfang 2001 eingef\u00fchrt. Das urspr\u00fcnglich nur zur Unterst\u00fctzung der Einsatzleitzentrale gedachte System wurde unter dem Motto \u201eKartografie f\u00fcr alle\u201c schnell einem gr\u00f6\u00dferen Kreis von Anwendern zug\u00e4nglich gemacht: Bereits 2002 konnten 500 Berechtigte \u00fcber das Polizei-Intranet per Webbrowser Anfragen und Analysen durchf\u00fchren und sich polizeilich registrierte Vorg\u00e4nge als Punktdaten auf digitale Luftbilder und Stra\u00dfenkarten projizieren oder \u201eDeliktballungen\u201c aggregiert darstellen lassen. Aufgrund der Schnittstelle zum Einsatzleitzentralensystem HELP wird das Instrument von Revierleitern allerdings nicht nur zur t\u00e4glichen Visualisierung von Lagebildern genutzt, sondern auch f\u00fcr die interne Leistungskontrolle des Wach- und Wechseldienstes hinsichtlich Eingriffszeiten und Einsatzdauer \u201ezweckentfremdet\u201c.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die hessische Polizei, so wurde 2002 berichtet, mit der Einf\u00fchrung von GISPOL lieb\u00e4ugelte, wird in anderen L\u00e4nder auf eigene Systeme gesetzt: In Baden-W\u00fcrttemberg verteilt das Landeskriminalamt (LKA) seit Sommer 2003 das \u201eLagebild-Informations-System\u201c (LABIS) als CD-ROM an andere Dienststellen. Gab das System Ergebnisse der Datenbankrecherchen urspr\u00fcnglich nur in tabellarischer Form aus, folgt nun in einer zweiten Ausbaustufe die Visualisierung auf digitalen Karten.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Parallel dazu steht der Landespolizeidirektion Stuttgart II mit dem GIS \u201eVisualis\u201c der Einsatzleitstelle \u2013 basierend auf einer Software des ESRI-Konkurrenten MapInfo \u2013 ein System zur Verf\u00fcgung, das prim\u00e4r der Echtzeitdarstellung und Planung von Eins\u00e4tzen dient, aber durchaus auch das Potenzial zur Visualisierung und Auswertung von polizeilichen Kriminalstatistiken hat.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> In Berlin wiederum arbeiten Analysten des LKA und der Polizeidirektionen mit einem urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Berliner Feuerwehr entwickelten System, dem auf ESRI-Software basierenden \u201eGeogest\u00fctzten Feuerwehr-Entscheidungshilfesystem\u201c (GeoFES); zudem steht ausgew\u00e4hlten Sachbearbeitern aller Dienststellen die Software \u201eGoodView\u201c zur Verf\u00fcgung.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<p>Infrastrukturelle Grundlage f\u00fcr den technischen Wandel waren nicht allein der Siegeszug der (Personal-)Computer und ihre Vernetzung, sondern auch die von INPOL-neu angesto\u00dfene Einf\u00fchrung neuer vereinheitlichter und automatisierter Vorgangsverwaltungssysteme und ihrer strukturiert-standardisierten Datenbest\u00e4nde: So bildete die Inbetriebnahme des \u201eIntegrationsverfahren Polizei\u201c (IGVP) im Jahr 2002 die Voraussetzung der Ausweitung von GLADIS auf ganz Bayern. Auch in Berlin greifen alle GIS auf das \u201ePolizeiliche Informations- und Kommunikationssystem\u201c (POLIKS) zu, ohne das der \u201eKriminalit\u00e4tsatlas\u201c nach Auskunft des Polizeipr\u00e4sidenten nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Es \u00fcberrascht daher nicht, dass auch f\u00fcr andere Vorgangsverwaltungssysteme von Landespolizeien, wie z.B. das von Schleswig-Holstein, aber auch das von der Bundespolizei genutzte \u201e@rtus\u201c, die Entwicklung von Schnittstellen zu Geoinformationssystemen auf der Agenda steht.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<h4>Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte?<\/h4>\n<p>Glaubt man den Werbebrosch\u00fcren der Hersteller ist GIS der \u201en\u00e4chste Schritt in der Entwicklung der Informationstechnologie\u201c.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Versprechen die Systeme doch einen Ausweg aus \u201eInformationsinfarkt\u201c und \u201eDatenflut\u201c,<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> indem sie, so ESRI, die \u201eDaten zum Leben erwecken\u201c, weil sie die Macht des menschlichen Auges als \u201evielseitiges und starkes Instrument der effektiven Interpretation komplexer Information\u201c nutzbar machen.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Sollte sich die Technik in der allt\u00e4glichen Polizeipraxis tats\u00e4chlich als so verf\u00fchrerisch erweisen, wie hier suggeriert wird, werden die Systeme zuk\u00fcnftig erheblichen Einfluss auf Polizeiorganisation und \u2013strate\u00adgie haben: Die bunten Karten k\u00f6nnten \u00fcber den territorialen Zuschnitt von Abschnitten oder die Allokation von Ressourcen entscheiden, aber vor allem \u00fcber die aktuelle Verortung oder Prognostizierung von \u201eKriminalit\u00e4tsschwerpunkten\u201c und die Haftbarmachung der dort lebenden Menschen durch die an \u201egef\u00e4hrliche Orte\u201c gebundenen Sondervollmachten wie verdachtsunabh\u00e4ngige Kontrollen oder Video\u00fcberwachung.<\/p>\n<p>Nicht, dass die Karten Ursache solcher Zuschreibungen und ihrer Konsequenzen w\u00e4ren, diese sind in den Novellen des Polizeirechts seit den 80er Jahren zu suchen; das Perfide ist allerdings die vermeintliche Objektivit\u00e4t und entsprechende Unantastbarkeit der positivistisch aufgeladenen digitalen Lagebilder. Dass auch die GIS nur eine \u201espezielle Epistemologie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Welt\u201c sind,<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a> wird von Kritikern seit langem betont. Verdauen die Systeme doch nur quantitative, alphanumerische Daten, Polizeidaten mit all ihren Unzul\u00e4nglichkeiten, was die Abbildung von Kriminalit\u00e4t betrifft, und negieren damit entsprechend alternative r\u00e4umliche Vorstellungen von (Un-)Sicherheit. Zwar war die Produktion \u201egef\u00e4hrlicher Orte\u201c auch in der Vergangenheit insbesondere von der Definitionsmacht der Polizei dominiert, aber angesichts der Komplexit\u00e4t und Intransparenz der GIS-Software und ihrer Algorithmen steht zu bef\u00fcrchten, dass solche Zuschreibungen zuk\u00fcnftig selbst von Polizisten nicht mehr nachvollzogen werden k\u00f6nnen und sich damit vollst\u00e4ndig der Kontrolle entziehen.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> Auch versierte Polizeipraktiker sehen die Probleme und fordern sorgf\u00e4ltige Analysen und eine Schulung der Analysten.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a> Zum einen d\u00fcrfte jedoch die wachsende Verf\u00fcgbarmachung der digitalen Lagebilder \u00fcber Polizei-Intranets solche Qualit\u00e4tsanforderungen untergraben, und zum anderen kapituliert auch der Sachverstand von Experten vor dem unzug\u00e4nglichen Code propriet\u00e4rer Software. Dar\u00fcber hinaus birgt das Potenzial von GIS zur Integration und Auswertung riesiger Datenbest\u00e4nde aus unterschiedlichsten Quellen eine erhebliche Gefahr f\u00fcr den Datenschutz.<\/p>\n<p>Ob und wie polizeiliche GIS die potenzielle Macht, die ihnen innewohnt, entfalten, wird wohl im Wesentlichen davon abh\u00e4ngen, wie die Polizei sie adaptiert, ob konservative Praktiken und Kartenunm\u00fcndigkeit ihre Verf\u00fchrung ignorieren und Standesd\u00fcnkel die neue Macht der Ana\u00adlysten sabotiert. Gleichwohl ist es dringend notwendig, die fortschreitende Geoinformatisierung der Polizei auch \u00f6ffentlich zur Diskussion zu stellen.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> BBC News v. 28.7.2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Polizeipr\u00e4sident in Berlin (Hg.): Kriminalit\u00e4tsbelastung in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen: Berlin 2007, Berlin 2008<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Stadt Heidelberg, Amt f\u00fcr Stadtentwicklung und Statistik (Hg.): Der Heidelberger Kriminalit\u00e4tsatlas \u2013 Kleinr\u00e4umige Kriminalit\u00e4tsentwicklung 2001\/2002, Heidelberg 2003<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bundeskriminalamt (Hg.): Kriminalpr\u00e4vention in Deutschland. L\u00e4nder-Bund-Projekt\u00adsammlung. Ausgew\u00e4hlte Dokumente aus dem \u201eInfopool Pr\u00e4vention\u201c (Bd. 4), Neuwied 2000, S. 263<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Berliner Zeitung v. 13.1.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Abgeordnetenhaus Berlin, Ausschuss f\u00fcr Inneres, Ordnung und Sicherheit: Inhaltsprotokoll 16\/13 v. 2.7.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Harries, K.: Mapping Crime. Principle and Practice (National Institute of Justice), Washington 1999, p. 92<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Weisburd, D. et al.: The Growth of Compstat in American Policing. Police Foundation Report, April 2004; Anderson, D.C.: Crime Control by Numbers. Ford Foundation Report, Winter 2001<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Los Angeles Times v. 9.11.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Stock in der Einleitung zu Vogt, S.: Crime Mapping. Voraussetzungen und Anwendungsbedingungen am Beispiel US-amerikanischer Entwicklungen, Wiesbaden 2001, S. 6 (hg. v. Bundeskriminalamt)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Herold, H.: Die Bedeutung der Kriminalgeographie f\u00fcr die polizeiliche Praxis, in: Kriminalistik 1977, H. 7, S. 289-296<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Bundesamt f\u00fcr Kartographie und Geod\u00e4sie (Hg.): Geoinformationen und moderner Staat. Eine Informationsschrift des Interministeriellen Ausschusses f\u00fcr Geoinformationswesen, 4. Aufl., Frankfurt\/Main 2004, S. 19<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Okon, G.; Weinreich, R.: Das geographische Informationssystem GLADIS, in: Kriminalistik 2000, H. 2, S. 122-127; ESRI (Hg.): M\u00fcnchener Polizei jetzt f\u00fchrend. Lageauskunft jetzt mit ArcIMS und ArcISD, in: ESRI arc aktuell 2003, Nr. 1, S. 4<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Bayerisches Staatsministerium des Innern: Pressemitteilung 192 v. 11.6.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Pendler, T.: Das Intranet-GIS der Hamburger Polizei, in: ESRI arc aktuell 2002, Nr. 4, S. 22-23<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Innenministerium Baden-W\u00fcrttemberg: Pressemitteilung v. 15.8.2003; Der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz Baden-W\u00fcrttemberg: 24. T\u00e4tigkeitsbericht, Stuttgart 2003, S. 16<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> MapInfo (Hg.): Den T\u00e4tern auf der Spur oder wie man Sicherheit durch die \u201eGIS-Brille\u201c betrachten kann, in: MapVision. MapInfo Kundenmagazin 2003, Nr. 2, S. 3 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Auskunft der Pressestelle der Berliner Polizei v. 11.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Auskunft der Pressestelle der Berliner Polizei v. 11.10.2007<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Petersen, D.: @rtus \u2013 Das neue Vorgangsbearbeitungssystem der Landespolizei Schleswig-Holstein, in: Datareport. Dataport Kundenzeitschrift 2004, H. 4, S. 25<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> ESRI: Mapping the Future of Law Enforcement, Redlands CA 2004, p. 3<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Vogt, S.: Geographische Informationssysteme. Crime mapping \u2013 frischer Wind in der Kriminalit\u00e4tsanalyse, in: Kriminalistik 1999, H. 12, S. 821-823 (821)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> ESRI: Mapping the Future of Law Enforcement, 2003, p. 9<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Sheppard, E.: GIS and Society. Towards a Research Agenda, in: Cartography and Geographic Information Systems 1995, vol. 22, pp. 5-16 (7)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Dass Lage und Umfang von \u201eCrime Hotspots\u201c je nach eingesetzter Software sehr unterschiedlich ausfallen k\u00f6nnen, zeigt Ratcliffe, J. H.: Damned if you don\u2019t, damned if you do. Crime mapping and its implications in the real world, in: Policing &amp; Society 2002, no. 3, pp. 211-225<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> Vogt, S.: Crime mapping, Wiesbaden 2001, S. 90 ff.<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Eric T\u00f6pfer Weitgehend unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit haben Geoinformationssysteme Einzug in den Polizeialltag gehalten.<\/p>\n","protected":false},"author":12,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,96],"tags":[305,400,680,897,1152],"class_list":["post-7531","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-090","tag-big-data","tag-crime-mapping","tag-geoinformationssysteme","tag-lagebild","tag-precrime"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/12"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7531"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7531\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}