{"id":7560,"date":"2009-02-17T21:16:36","date_gmt":"2009-02-17T21:16:36","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7560"},"modified":"2009-02-17T21:16:36","modified_gmt":"2009-02-17T21:16:36","slug":"governing-emotions-fussball-europameisterschaft-2008-in-oesterreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7560","title":{"rendered":"Governing Emotions &#8211;\u00a0Fu\u00dfball-Europameisterschaft 2008 in \u00d6sterreich"},"content":{"rendered":"<h3>von Andrea Kretschmann<\/h3>\n<p><strong>Vorab inszenierte Sicherheitsrisiken boten w\u00e4hrend der Europameisterschaft (EM) die Legitimation f\u00fcr altbew\u00e4hrte und neue Interventionsformen. Bei der Sorge um die Sicherheit ging es nicht nur um eine erweiterte europ\u00e4ische Kooperation, sondern auch um die Absicherung neoliberaler Profitinteressen.<\/strong><\/p>\n<p>Die kommerzielle Ausrichtung der \u201edrittgr\u00f6\u00dften Sportveranstaltung der Welt\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> barg neben unmittelbaren \u00f6konomischen Motivationen und dem Versprechen, den Standort \u00d6sterreich aufzuwerten, auch die Option, staatliche Souver\u00e4nit\u00e4t unter Beweis zu stellen, etwa durch ein erfolgreiches Management der sich zunehmend erh\u00f6henden infrastrukturellen und sicherheitspolitischen Anforderungen. Begeisterungen zu erm\u00f6glichen, die den disziplinierten Alltag unterbrechen, stellte also in vielerlei Hinsicht eine Attraktion dar. Doch \u201eBegeisterung \u00fcberf\u00e4llt einen nicht, man muss sie herstellen\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Der interessengeleiteten Zusammenarbeit verschiedener staatlicher und privater Akteure bei dem Versuch, der nur m\u00e4\u00dfig fu\u00dfballbegeisterten \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung die EM als \u201eFest\u201c anzupreisen, kam deshalb ein besonderer Stellenwert zu.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr den Erfolg des kommerziellen Events war jedoch nicht nur das Zulassen von Begeisterung wichtig. Um das Geschehen im Bezug auf seine \u00d6konomisierung und sicherheitspolitische Bearbeitung steuerbar und damit erwartbar werden zu lassen, galt es, die Begeisterung kontinuierlich aufrechtzuerhalten und zu managen. Hierf\u00fcr wurden zahlreiche Konsumangebote auch f\u00fcr die Zeit zwischen den Spielen bereitgestellt, welche eine l\u00fcckenlose Teilhabe an und eine Besch\u00e4ftigung mit dem Fu\u00dfballevent erm\u00f6glichen sollten. Die staatlichen Aktivit\u00e4ten lagen hierbei ma\u00dfgeblich in der Formulierung eines an die Bev\u00f6lkerung und das europ\u00e4ische Ausland gerichteten Versprechens, die \u00f6ffentliche Ordnung vor dem Hintergrund besonderer Gefahren aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Der sich als Sicherheitsstaat konstituierende Akteur rechtfertigte ungew\u00f6hnliche und neue sicherheitspolitische Ma\u00dfnahmen einerseits durch die Unvergleichbarkeit mit vorangegangenen Sportgro\u00dfereignissen in \u00d6sterreich: Weil es ein \u201eFest\u201c dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung bisher noch nicht gegeben hatte, plante man auch den gr\u00f6\u00dften Polizeieinsatz in der Geschichte \u00d6sterreichs. Der schien nicht nur die permanente Bereitschaft aller 27.000 einheimischen PolizistInnen zu erfordern, sondern auch den Einsatz ausl\u00e4ndischer Polizeien im Inneren. Andererseits griff man f\u00fcr die Sicherheitskonzeption die schon aus vorhergehenden Sportgro\u00dfveranstaltungen in anderen L\u00e4ndern bekannten Problemdarstellungen auf: von den hohen BesucherInnenzahlen und einem erh\u00f6hten Verkehrsaufkommen \u00fcber gewaltbereite Fans und den Handel mit gef\u00e4lschten Tickets bis hin zu organisierter Kriminalit\u00e4t und terroristischen Bedrohungen.<\/p>\n<h4>EU-weite Angleichung von Sicherheitsstandards<\/h4>\n<p>Die vorrangig sicherheitspolitische Bearbeitung der EM wurde nicht nur von der UEFA vorgegeben, der gegen\u00fcber sich der \u00f6sterreichische Staat mittels einer Sicherheitsgarantie verpflichtete.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Sicherheitsarchitektonisch formgebend waren ebenfalls solche europ\u00e4ischen L\u00e4nder, welche im Umgang mit und in der Planung von Sportgro\u00dfereignissen bereits Erfahrungen vorweisen konnten. Die Fu\u00dfball-EM 2004 in Portugal, die Olympischen Spiele in Athen 2004 und die Vorbreitungen der WM 2006 in Deutschland boten hier mehr als nur Anregungen. Der Wissensaustausch mit verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern seit der Konkretisierung der \u00f6sterreichischen Planungen im Jahr 2003 zielte auf die Angleichung von Vorgehensstandards innerhalb der EU. Die Ausrichterl\u00e4nder \u00d6sterreich und Schweiz bem\u00fchten sich denn auch um eine gegenseitige Anpassung ihrer Kriterien \u201einsbesondere beim Einsch\u00e4tzen von Gef\u00e4hrdungslagen, bei der Einstufung von Gewaltt\u00e4tern, beim Personen- und Objektschutz, bei Grenzma\u00dfnahmen, bei der Pr\u00e4vention\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Neben der Erleichterung der Organisation und Durchf\u00fchrung des Events bargen europ\u00e4isch angeglichene Standards und Methoden die Chance, Interventionen teils weit im Vorfeld, teils f\u00fcr begrenzte Zeitr\u00e4ume zu erleichtern und Interventionsr\u00e4ume zu zentralisieren. Bereits im November 2005 waren viele der gesetzlichen Vorkehrungen umgesetzt. Die anstehende EM erlaubte es, vormals f\u00f6derale Gesetze im Bereich des Veranstaltungswesens zu vereinheitlichen, das Sicherheitspolizeigesetz um neue Regelungen \u00fcber eine Gef\u00e4hrderdatei, Gef\u00e4hrderansprachen, Schutzzonen und Meldeverpflichtungen zu erg\u00e4nzen und eine Versch\u00e4rfung von Betteleinschr\u00e4nkungen und -verboten durchzusetzen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> F\u00fcr die EM wurde \u00d6sterreich in einen wohl\u00fcberlegten rechtlichen Ausnahmezustand versetzt \u2013 durch die Beteiligung von Euro- und Interpol, den Einsatz von 100 FRONTEX-MitarbeiterInnen an den Grenzen, von 3.000 Soldaten im Inneren (u.a. f\u00fcr sicherheitspolizeiliche Assistenzeins\u00e4tze), von 850 PolizistInnen mit Exekutivbefugnissen aus Deutschland und insgesamt 135 Spezialbeamten anderer Staaten. Die mit dem Schengener Abkommen aufgehobenen Grenzkontrollen wurden wieder eingef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Initiativen zur Angleichung von Sicherheitsstandards gab es auch von Seiten der EU, die die Schaffung einer nationalen sicherheitspolitischen Koordinationsstelle f\u00fcr sportliche Gro\u00dfereignisse anregte. Das nach dem Vorbild anderer europ\u00e4ischer Staaten seit 2003 eingerichtete \u201eReferat f\u00fcr Sportangelegenheiten\u201c, dem auch das \u201ePolice Information Coordination Center\u201c (PICC) und die \u201eNationale Fu\u00dfballinformationsstelle\u201c zugeordnet waren, war und ist vorrangig mit dem Sammeln und Auswerten von Daten(banken) \u00fcber die Fu\u00dfball-Szene und mit der Koordination der verschiedenen Sicherheitsakteure befasst. Sport wird so ebenfalls in \u00d6sterreich nachhaltig zu einer \u201eQuerschnittsmaterie &#8230; bei der auch sicherheitspolitische und kriminalpr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen eine ma\u00dfgebliche Rolle spielen\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Bei der Herstellung von Sicherheit setzte das Referat nicht mehr nur auf die reaktive Feststellung von Rechtsbr\u00fcchen, sondern auf Pr\u00e4vention und Risikokalkulation. Gruppen so genannter \u201eRisikofans\u201c wurden eruiert. Ganze Spiele wurden unter Orientierung an au\u00dferrechtlichen Normen zu \u201eHigh-Risk-Spielen\u201c erkl\u00e4rt, welche einer besonderen exekutivischen Behandlung bedurften.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<h4>Begeisterung und Exzess \u2013 eingeschlossen in Fanzonen<\/h4>\n<p>Die Kontrollstrategien sollten dabei m\u00f6glichst sanft, niedrigschwellig und z.T. ganz unsichtbar bleiben. Denn das erfolgreiche Ansprechen neuer Zielgruppen wie Frauen und Familien war mit dem \u201eRowdy\u201c-Image von Fu\u00dfballfans sowie repressiv agierenden Exekutivorganen nicht vereinbar. Exzessive Ausdr\u00fccke der Fu\u00dfball-Popul\u00e4rkultur wurden fortan weniger als St\u00f6rung der \u00f6ffentlichen Ordnung problematisiert, sondern sollten in die Zelebrierung eines (\u00fcber-)nationalen \u201eausgelassenen Festes\u201c \u00fcberf\u00fchrt werden. Vor dem Hintergrund der \u00d6konomisierung des Staates liegt die St\u00e4rke moderner Staatlichkeit eben auch bei Fu\u00dfballevents zunehmend in einem Gewaltmonopol, das sich auf seine Potentialit\u00e4t beschr\u00e4nkt. Das von staatlichen und nicht-staatlichen Sicherheitsproduzierenden einzul\u00f6sende Sicherheitskonzept setzte deshalb in Anlehnung an die Konzeption in Deutschland 2006 auf eine kommunikative, transparente, kooperative und situationsgerechte Arbeitsweise.<\/p>\n<p>Wo Ordnung immer \u00f6fter \u00fcber den Imperativ der Gefahr herzustellen versucht wird, da blieb dennoch Einladen und Einschlie\u00dfen die Devise. Dies galt nicht nur f\u00fcr <em>Crowd Control<\/em> in den Fu\u00dfballstadien. Wo ZuschauerInnen im Stadion eine immer geringere Rolle spielen und lediglich die Funktion des Hintergrundbildes f\u00fcr die Fu\u00dfballfernseh\u00fcbertragung einnehmen,<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> wo Fu\u00dfballschauende immer \u00f6fter auf die bereitgestellten Gro\u00dfbildleinw\u00e4nde in halb\u00f6ffentlichen R\u00e4umen zugreifen, da bilden sich neue Orte heraus, an denen ein kontrolliertes Verwahrungs-Management zum Einsatz kommt, so auch bei der EM 08.<\/p>\n<p>Die Einrichtung von Fanzonen hatte denn auch die Funktion, solche Fans, die nicht in die Stadien wollten, konnten oder durften, mittels architektonischer und r\u00e4umlicher Ma\u00dfnahmen an daf\u00fcr vorgesehenen Pl\u00e4tzen zu gruppieren, um dort f\u00fcr ein reguliertes Ablassen der Fan-Emo\u00adtionen zu sorgen. Dies waren die Orte, wo karnevaleske Ausbr\u00fcche zugelassen werden konnten, wo Befriedungs- und im Notfall Disziplinierungsma\u00dfnahmen bereitstanden. Zus\u00e4tzlich zu den etwa 550.000 StadionbesucherInnen wurden bis zu eine Million Fans erwartet, die die Spiele in den offiziellen Public Viewings der UEFA mitverfolgen sollten.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> W\u00e4hrend in den Stadien ausschlie\u00dfende Praktiken zunahmen, wurde die <em>Crowd Control<\/em> innerhalb des (halb)\u00f6ffentlichen Raums stetig ausgeweitet. Auf diese Weise entstanden neue kontrollierte, aber im Vergleich weniger exklusive R\u00e4ume.<\/p>\n<p>War das Motto der EM 08 in \u00d6sterreich \u201eBegeisterung verbindet\u201c f\u00fcr die in den Stadien nach Klasse und Nationalit\u00e4t voneinander separierten Fans kaum mehr anwendbar, so galt dies umso mehr f\u00fcr die in den Fanzonen zusammengepferchten ZuschauerInnen. Das Regieren der Emotionen durch die zentralisierte Verwaltung der Fans wurde hier jedoch vor neue Herausforderungen gestellt. Die Sorge um die zu kontrollierende Masse ausgerechnet mit ihrer Zusammenballung zu kompensieren, produzierte lange Wartezeiten und Schlangen an Ein-, Ausg\u00e4ngen, Toiletten und Essst\u00e4nden. Hier gab es kaum eine B\u00fcndelung, Leitung und Aufteilung der Fans, kaum ein \u201eFiltern\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> im Sinne solcher Selektionsprozesse, die sich <em>individuell<\/em> auf Personen beziehen und die sicherstellen sollen, dass nur Befugte den abgegrenzten Raum betreten. Weniger ging es dabei um die individuelle Selektion bekannter Hooligans \u2013 derjenigen \u201eRisikogruppe\u201c, die bei Fu\u00dfballspielen ma\u00dfgeblich zur Legitimation verst\u00e4rkter Kontrollen herhalten muss \u2013, sondern um die B\u00fcndelung einer m\u00f6glichst gro\u00dfen Anzahl von Fu\u00dfball-Begeisterten. Ausschl\u00fcsse bezogen sich vielmehr auf andere weniger als gef\u00e4hrlich, sondern als unerw\u00fcnscht eingestufte Personengruppen wie z.B. Wohnungslose. Dennoch waren auch die Fanzonen von ihrer Umwelt abgegrenzt und sorgten somit f\u00fcr eine Einschlie\u00dfung der Menge: hohe, meist sichtundurchl\u00e4ssige mobile Z\u00e4une umrahmten die Fanzonen, Ein- und Ausg\u00e4nge waren definiert.<\/p>\n<p>Das Konzept einer sanften Kontrolle durch den \u00f6sterreichischen Fu\u00dfballbund (\u00d6FB) entfaltete seine Wirksamkeit an den Eing\u00e4ngen der Public Viewings. Auch hier kam es auf ein geschicktes Management der neuen Zielgruppen und darum auf eine \u201epr\u00e4ventiv, angemessen, praktikabel und akzeptiert\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> wirkende Sicherheitsarbeit an. Hatten die Public Viewings bei der WM 2006 in Deutschland noch in erster Linie als organisatorische Entlastung gedient, so waren sie von der UEFA inzwischen als Gesch\u00e4ftsfeld entdeckt worden.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Sicherheitskr\u00e4fte, deren Anzahl je nach Einordnung des Spiels in eine hohe oder niedrige Risikogruppe variierte, standen am Eingang jeder Fanzone an den Vereinzelungsschleusen zur Kontrolle von Personen und Taschen bereit. Mittels eines automatischen BesucherInnenzahlen-Z\u00e4hlsystems, konnten fehlende Kapazit\u00e4ten in der Fanzone fr\u00fchzeitig mit der Verwehrung des Einlasses reguliert werden. Protest regte sich lediglich, wenn das Management der Massen grobe Fehler aufwies bzw. unverstanden blieb: Zu langes Warten, Ein- oder Auslassstopps sowie das Verwehren des Eintritts trotz eines sichtlich leeren Areals riefen die Funktion der mobilen Z\u00e4une in Erinnerung. Konsumiert wurde dann vom Zaun aus, beispielsweise durch das Herunterrei\u00dfen der Sichtblenden. Vereinzelt wurden auch Z\u00e4une aus der Verankerung gel\u00f6st und der Public Viewing-Bereich gest\u00fcrmt. Was im Stadion nach der Ticketkontrolle die \u201ezweite Stufe des Einlassprozesses\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> darstellte, bildete hier die erste und einzige H\u00fcrde.<\/p>\n<p>Dabei lag die Funktion der so genannten Service-Stewards an den Eing\u00e4ngen abseits jeglicher martialischer Aufmachung weniger in einer bedrohlichen, potentiell gewaltsamen Pr\u00e4senz. Vielmehr fungierten sie als Dienstleistende, die neben der Durchf\u00fchrung von Kontrollen und der Meldung von \u201eVorf\u00e4llen\u201c an die Polizei auch als erste Auskunftsperson und als Hilfestellung Leistende dienten. Ein solches schon an der T\u00fcr auf Kommunikation und Service-Orientierung setzendes Sicherheitskonzept war nur aufgrund der bereits bestehenden weitgehenden gesellschaftlichen Akzeptanz dieser niedrigschwelligen Form der Kontrolle m\u00f6glich, welche die Gewaltsamkeit in den Hintergrund schob. Auftreten und Erscheinung der Stewards verdeutlichten die weitgehende Verschmelzung von Informationsstellen und Serviceeinrichtungen mit Kontroll-, \u00dcberwachungs- und Ordnungsorganen und damit die stetig tiefere Kerbung des Sozialen mittels moderner Kontrolltechniken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die niedrigschwellige Kontrolle privatisiert wurde \u2013 die UEFA als Betreiberin der Public Viewings delegierte diese Aufgabe an den \u00d6FB, dieser beauftragte wiederum einen Zusammenschluss von Sicherheitsunternehmen \u2013, bestand die Aufgabe der Polizeikr\u00e4fte anders als in den Stadien, in denen sie m\u00f6glichst unsichtbar blieb, in ihrer erschlagenden Pr\u00e4senz. Die Einsatzphilosophie der Polizei orientierte sich wie schon bei der WM in Deutschland 2006 an den drei Schlagworten \u201eDialog, Deeskalation und Durchgreifen\u201c. Trotz dunkler Overalls und eines massiven Aufgebots inner- und au\u00dferhalb der Fanzonen, sollte die stets m\u00f6gliche Ansprechbarkeit der PolizistInnen den BesucherInnen ein Sicherheitsgef\u00fchl vermitteln. Polizeiliche Informationsst\u00e4nde in den Fan-Zonen boten \u201eSicherheitsinseln\u201c, auch die zentrale Leitstelle sa\u00df jeweils in einem Container im Public-Viewing-Bereich.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Polizeibeamte gaben sich weniger drohend als mit \u201eSchm\u00e4h\u201c, ebenfalls sollten hier Spezialbeamte von Polizeien anderer Nationen ihre muttersprachlichen Kompetenzen zu Deeskalationszwecken einsetzen. Sichtbar bei den Fanzonen wurden auch die Greiftrupps postiert. F\u00fcr Notf\u00e4lle stand dagegen ein wenig abseits und unsichtbar f\u00fcr die BesucherInnen ein Arsenal an Polizeikr\u00e4ften und Milit\u00e4r als Deckungsreserve bereit.<\/p>\n<p>Wenn die Bundesregierung w\u00e4hrend der EM \u201eganz \u00d6sterreich (als) ein Stadion\u201c sah,<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> so mag diese Beschreibung in Hinsicht auf die r\u00e4umlich differenzierten Techniken sozialer Kontrolle zwar verk\u00fcrzt sein. Im Bezug auf das Management der Emotionen ist ihr wiederum zuzustimmen: Der im Ineinandergreifen einer vorrangig sicherheitsorientierten Politik mit \u00f6konomischen Interessen auftretende Einschluss der Fans hat aus der EM ein \u201eplanm\u00e4\u00dfig ablaufendes Event\u201c gemacht.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Die Ausrichtung solcher Gro\u00dfevents zeigt jedoch, dass die weitgehend europ\u00e4isch-standardisierte staatliche sowie privatisierte kontrollierte Euphorisierung von hunderttausenden Menschen unter dem Vorzeichen eines Risikodenkens mit dem Fokus auf der Verhinderung von Gefahren zu schematisch ist, um erfolgreich zu sein. Durch die Unterminierung historisch gewachsener Fankulturen, hervorgerufen durch Reglementierungen der UEFA und der Sicherheitsbeh\u00f6rden, verlor das Public Viewing \u201eden Reiz des spontanen Sommerfests in \u00fcberdimensionaler Gr\u00f6\u00dfe\u201c.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Die Existenz und geringe Nutzung der \u201eSchimpfarena\u201c mag hier als paradigmatisches Beispiel f\u00fcr das Fehlschlagen einer Separierung und Kanalisierung von Emotionen am rechten Ort und zum rechten Zeitpunkt gelten, in der sich ein Besucher folgenderma\u00dfen \u00e4u\u00dferte: \u201eJa immer wenn ma dann mal schimpfen k\u00f6nnt, fallt am nix ein. Schrecklich is des.\u201c So blieben die Areale oft verwaist, zus\u00e4tzlich bereitgestellte Unterk\u00fcnfte (Fancamp Wien) wurden kaum genutzt.<\/p>\n<h4>Zweifelhafter Erfolg<\/h4>\n<p>So wenig Emotionen nach Belieben (re)produzierbar waren, so sehr erwies \u201esich das Versprechen, mit der je individuellen Stadt-Kulisse nachhaltige Tourismus-Werbung betreiben zu k\u00f6nnen, als gro\u00dfer Irrtum.\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Die BesucherInnenzahlen blieben hinter den Erwartungen zur\u00fcck, KleinunternehmerInnen in den Public Viewings klagten \u00fcber ausbleibende Profite durch hohe Standgeb\u00fchren, die Zahl der \u00dcbernachtungen blieb gering, weil der \u00fcbliche Tourismus ausblieb, und das Gewerbe hatte Umsatzeinbu\u00dfen von teilweise bis zu 40 Prozent zu verzeichnen. Neben der UEFA, welche die Kosten f\u00fcr die Sicherheit an Staat und \u00d6FB ausgelagert und sich vertraglich schon im Vorfeld finanziell abgesichert hatte, konnte einzig der Staat als Sicherheitsagent einen Erfolg verbuchen: Seine bereits lang im Vorfeld begonnene Inszenierung von Sicherheitsrisiken und das Aufstellen von Gefahrenprognosen anhand der Ausrichtung an schlimmstm\u00f6glichen Szenarien erf\u00fcllte die Funktion einer \u201eauf die Zukunft gerichtete[n] R\u00fcckversicherung f\u00fcr all jene, die \u00f6ffentlichkeitswirksam ihre politische Verantwortung demonstrieren woll[t]en\u201c.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<h5>Dieser Text basiert auf Untersuchungsergebnissen des Forschungsprojektes \u201e\u00d6ffentliche Begeisterung bei der EM 08 in \u00d6sterreich.\u201c Ich danke Heinz Steinert, Reinhard Kreissl, Christine Resch, Phillip M\u00e4nner, Daniel Penninger, Martin Niederauer, Kai Praum, Renate Uhrig, Susanne Martin, Oliver Br\u00fcchert, Niki Kubacek, Maria Schindler, Christoph Stich, Norbert Leonhardmair, Bodo Hahn-Dehm, Torsten Heinemann.<\/h5>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Euro und Sicherheit von A bis Z, in: \u00d6ffentliche Sicherheit 2008, H. 5\/6, S. 10<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Steinert, H.: Das Begeisterungs-Crescendo vor der Er\u00f6ffnung, 2008, www.folks-uni.org\/<br \/>\nindex.php?id=160<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Koordination Bundesregierung: Fu\u00dfball verbindet. Endbericht Koordination Bund zur UEFA EURO 2008 in \u00d6sterreich, Wien 2008 (Annex 4.7.1-4.7.3)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bundespolizeidirektion Villach: \u00d6sterreichische Sicherheitstage. Sicherheit bei Gro\u00dfveranstaltungen, 2005: www.bmi.gv.at\/cms\/BPD_Villach\/_news\/Aktuelles_BMI.aspx?id=<br \/>\n7170477661786E7A2F69773D&amp;page=103&amp;view=1<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Sicherheitspolizeigesetz 158 d.B. (XXIII. GP): <a href=\"http:\/\/www.parlament.gv.at\/\">www.parlament.gv.at\/<\/a>PG\/DE\/XXIII\/I\/<br \/>\nI_00158\/phm.shtml; M\u00e4nner, P.: Wien als \u201eHost City\u201c: Ein kommunaler Kraftakt mit Nebenwirkungen, 2008, www.folks-uni.org\/index.php?id=172<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Euro und Sicherheit von A bis Z a.a.O. (Fn. 1)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Marakovits, A.: Umfassende Sicherheitsma\u00dfnahmen, in: Magazin des Innenministeriums 2004, H. 11\/12, www.bmi.gv.at\/oeffentlSicherheit\/2004\/11_12\/artikel_8.asp<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Steinert, H.: Begeisterung und Anh\u00e4ngerschaft: Fu\u00dfball als Zuschauer-Sport und Fu\u00dfballer als proletarische Helden, 2008, www.folks-uni.org\/index.php?id=157<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Brenner, G. u.a.: Europameister der Sicherheit, in: \u00d6ffentliche Sicherheit 2008, H. 9\/10, S. 17<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Hagemann, A.: Filter, Ventile und Schleusen: Architektur der Zugangsregulierung, in: Eick, V.; Sambale, J.; T\u00f6pfer, E. (Hg.): Kontrollierte Urbanit\u00e4t. Zur Neoliberalisierung st\u00e4dtischer Sicherheitspolitik. Bielefeld 2007, S. 301-328 (307)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Bundespolizeidirektion Villach a.a.O. (Fn. 4)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Praum, K.: Eine kleine Geschichte des \u201ePublic Viewing\u201c, 2008, www.folks-uni.org\/index.php?id=165<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Hagemann a.a.O. (Fn. 11), S. 310<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Brenner u.a. a.a.O. (Fn. 10), S. 12 ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Koordination Bundesregierung a.a.O. (Fn. 3), S. 12<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Praum a.a.O. (Fn. 13)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Kreissl, R.: \u00d6ffentliche Inszenierung von Sicherheitsfragen, in: Kritische Vierteljahresschrift 2008, H. 3, S. 322-332 (323)<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Andrea Kretschmann Vorab inszenierte Sicherheitsrisiken boten w\u00e4hrend der Europameisterschaft (EM) die Legitimation f\u00fcr altbew\u00e4hrte<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,98],"tags":[553,588,643,661,1043],"class_list":["post-7560","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-092","tag-euro-2008","tag-fanpolitik","tag-fussball","tag-gefahrenabwehr","tag-oesterreich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7560"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7560\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}