{"id":7564,"date":"2009-02-17T21:19:39","date_gmt":"2009-02-17T21:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7564"},"modified":"2009-02-17T21:19:39","modified_gmt":"2009-02-17T21:19:39","slug":"polizisten-als-geschichtsschreiber-verschweigen-verharmlosen-und-vernebeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7564","title":{"rendered":"Polizisten als Geschichtsschreiber &#8211;\u00a0Verschweigen, verharmlosen und vernebeln"},"content":{"rendered":"<h3>von Martin Schauerhammer, Norbert P\u00fctter und Jan W\u00f6rlein<\/h3>\n<p><strong>Wenn Polizisten sich mit der Geschichte des eigenen Berufes und der eigenen Beh\u00f6rde befassen, leisten sie auch einen Beitrag zum Selbstbild der Profession. Aber wie l\u00f6st man diese Aufgabe, wenn die j\u00fcngste Vergangenheit von Verschleppung, Folter und Massenmord bestimmt ist?<\/strong><\/p>\n<p>Runde und halbrunde Jubil\u00e4en sind auch f\u00fcr Polizeibeh\u00f6rden und ihre Repr\u00e4sentantInnen willkommene Anl\u00e4sse des R\u00fcckblicks. Hier eine exemplarische Auswahl: 1973 w\u00fcrdigten vier Berliner Polizisten den 125-j\u00e4hrigen Geburtstag der \u201eBerliner Schutzmannschaft\u201c mit einer 96-sei\u00adtigen Festschrift.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> In den zehn Textseiten, die der nationalsozialistischen Phase gelten, erw\u00e4hnen sie zwar, dass mehr als 2.600 der insgesamt 85.000 preu\u00dfischen Polizisten nach der \u201eMachtergreifung\u201c die Polizei verlassen mussten. Dar\u00fcber, was die verbliebenen Schutzpolizisten taten, erfahren die LeserInnen jedoch nur wenig: Die Umorganisation des Apparates, der Wechsel der Uniformfarbe werden benannt, die Probleme des zunehmenden Stra\u00dfenverkehrs nehmen einen vergleichsweise breiten Raum ein.<!--more--><\/p>\n<p>Nach S\u00e4tzen wie \u201eEinschneidende Ver\u00e4nderungen f\u00fcr die Schutzpolizei brachte der Kriegsbeginn 1939\u201c (S. 50) folgen Hinweise auf Rekrutierungsprobleme. Die Bildung von Polizeibataillonen wird darauf zur\u00fcckgef\u00fchrt, dass der Ordnungspolizei \u201ew\u00e4hrend des Krieges pl\u00f6tzlich andere und viel weitergehende Aufgaben zu(fielen), als ihr zun\u00e4chst zugedacht waren\u201c. Den Hinweis darauf, dass diese \u201eweitergehende Aufgaben\u201c im M\u00f6rderhandwerk der \u201ePartisanenbek\u00e4mpfung\u201c bestanden, sucht man vergebens. Die Polizeireserven seien w\u00e4hrend des Krieges gebildet worden, um die \u201ef\u00fcr anderweitige Aufgaben bereits \u00fcberm\u00e4\u00dfig in Anspruch genommene Polizei (zu) entlasten\u201c. Statt diese Aufgaben zu erl\u00e4utern, beenden die vier polizeilichen Geschichtsschreiber das Kapitel mit einer im Wortlaut zitierte \u201eAlarmordnung\u201c eines Berliner Polizeireviers, die das Verhalten bei \u201eFeindalarm\u201c regelte.<\/p>\n<p>1984 feierte das Berliner Polizeipr\u00e4sidium seinen 175-j\u00e4hrigen Geburtstag. Eine erneute Gelegenheit, die zw\u00f6lf braunen Jahre zu w\u00fcrdigen. Zwischen den begr\u00fc\u00dfenden Worten des Polizeivizepr\u00e4sidenten und des Innensenators und dem \u201eBlick voraus\u201c des Polizeipr\u00e4sidenten finden sich die \u201eGedanken zu einem Jubil\u00e4um\u201c des Pr\u00e4sidenten der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz Prof. Dr. Werner Knopp. Ganze sieben Zeilen seiner 19-seitigen Jubil\u00e4umsrede widmet er der Berliner Polizei im Nationalsozialismus. \u201eVon einigen Ausnahmen abgesehen\u201c, sei sie bereits beim \u201ePreu\u00dfenschlag\u201c 1932 \u201evon sich aus weder widerstandsf\u00e4hig noch zum Widerstand willens\u201c gewesen. Wer 1933 nicht entlassen worden sei, \u201everstrickte sich bei allem Bem\u00fchen um Rechtlichkeit dann doch unweigerlich in das Verh\u00e4ngnis des Dritten Reiches.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>1996 feiert Manfred Teufel in einer von der Gewerkschaft der Polizei herausgegebenen Zeitschrift das 70-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um der Berliner Mord\u00adinspektion. Den organisatorischen Umgestaltungen h\u00e4tten ab 1933 \u201enat\u00fcrlich\u201c die \u201epr\u00e4ventive(n) Gesichtspunkte zugrunde (gelegen), die dem Polizeibegriff des \u201aMa\u00dfnahmenstaates\u2019 entsprachen\u201c, fand der Autor. Dennoch sei es \u201eden Machthabern des Dritten Reiches vorbehalten (gewesen), der Mordinspektion eine weiterhin verbesserte Grundlage und organisatorische Ausgestaltung zu geben\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die vom Polizeipr\u00e4sidium 1998 herausgegebene umfangreiche Festschrift zum 150-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Schutzmannschaft stellt ebenfalls die organisatorischen Ver\u00e4nderungen in den Vordergrund des historischen Haupttexts (von S. 15-83, ohne Werbung = 29 DinA4-Seiten). Er enth\u00e4lt jedoch zwei bemerkenswerte Passagen zur NS-Zeit: Zwar seien die Zust\u00e4ndigkeiten des Polizeipr\u00e4sidiums so eingeschr\u00e4nkt worden wie zu keiner anderen Zeit, aber<\/p>\n<p>\u201edaf\u00fcr wurden die Beamten mit nahezu grenzenlosen Vollmachten gegen\u00fcber den Parias des Systems ausgestattet. So hatten sie die Vielzahl der als Polizeiverordnungen g\u00fcltigen antij\u00fcdischen Schikanema\u00dfregeln von den Aufenthalts-, Ausgangs- und Einkaufsbeschr\u00e4nkungen \u00fcber die Einziehung der Personalausweise und Ersatz durch Kennkarten mit dem Zeichen \u201aJ\u2019 auf den Revieren bis hin zur Kennzeichnungspflicht durch das Anlegen des Sternes im \u201aAltreich\u2019 ab 1941 zu \u00fcberwachen.<br \/>\nEbenso oblag ihnen die Verbringung der in \u201aSchutzhaft\u2019 genommenen Personen von den Sammelstellen der Stadt zu den Deportationsbahnh\u00f6fen und die Begleitung der Bahntransporte in die Ghettos des Ostens bzw. sofort in die Vernichtungslager.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Auch zur T\u00e4tigkeit der Polizeibataillone findet der Text klare Worte. Die Einheiten h\u00e4tten an der Vertreibung der einheimischen Bev\u00f6lkerung mitgewirkt und die Deportationen abgesichert:<\/p>\n<p>\u201eHinter dem Euphemismus \u201aBefriedungsaktion\u2019, \u201aMa\u00dfnahmen gegen Partisanen\u2019 und \u201aSonderbehandlung\u2019 verbarg sich die bestialische Ermordung ca. einer Million Juden, Zigeuner, kommunistischer Funktion\u00e4re sowie Angeh\u00f6rige der intellektuellen F\u00fchrungsschichten der besetzten L\u00e4nder durch Angeh\u00f6rige der Polizeibataillone.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte der 90er Jahre war die Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber der Rolle der Polizei im Nationalsozialismus aber keineswegs \u00fcberall gewachsen. 1997 ver\u00f6ffentlichte das M\u00fcnchener Polizeipr\u00e4sidium eine von Kriminaloberamtsrat a.D. Kurt Falter verfasste \u201eChronik\u201c. Angesichts des Umstands, dass M\u00fcnchen als \u201eHauptstadt der Bewegung\u201c galt und Himmler und Heydrich ihre Polizeikarriere im Pr\u00e4sidium an der Ettstra\u00dfe begannen, h\u00e4tte man einiges erwarten d\u00fcrfen. Auf den 25 Seiten zu den \u201eJahren der NS-Herrschaft\u201c dominiert die Darstellung der institutionellen Ver\u00e4nderungen, die die Verreichlichung und die S\u00e4uberung des Apparates mit sich brachten. In der Pogromnacht am 9. November 1938 habe die Schutzpolizei \u201eauf Bereitschaft\u201c gestanden, aber die Anweisung gehabt, nicht dagegen einzuschreiten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die aus der M\u00fcnchener Polizei zusammengestellten Polizeibataillone seien in verschiedenen L\u00e4ndern eingesetzt worden; z.B. \u201ezur Sicherung im besetzten polnischen Gebiet\u201c. Statt etwas \u00fcber diese Sicherungst\u00e4tigkeit mitzuteilen, erw\u00e4hnt Falter die ersten Gefallenen der Einheiten oder die Kriegsgefangenschaft.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Im Text erfahren wir auch nichts dar\u00fcber, was die Polizei unterdessen in M\u00fcnchen tat. Falter zitiert die Botschaft des Polizeipr\u00e4sidenten vom Jahresende 1942, dass \u201edie Heimatfront unersch\u00fctterlich\u201c stehe. F\u00fcr den Chronisten ist das nur Anlass auf die Belastungen f\u00fcr die Polizisten hinzuweisen und sodann die Folgen des Luftkriegs zu schildern. Zum T\u00e4tigkeitsprofil der Polizei in den letzten Kriegsjahren schreibt Falter: \u201eNeben Ehedramen traten bei den ver\u00fcbten Verbrechen die Ausl\u00e4nder immer mehr in Erscheinung\u201c. Kommentarlos wird dann erl\u00e4utert, dass es sich u.a. um \u201eOstarbeiter\u201c handelte, die einen \u201ePlatzmeister\u201c erschlagen und einen Mordversuch an einem \u201eLagerwachmann\u201c ver\u00fcbt hatten. So leicht, wie Falter die Zwangsarbeiter zu \u201enormalen\u201c Kriminellen machte, schaffte er es gleich im n\u00e4chsten Satz, die Polizisten zu Opfern des Sys\u00adtems zu stilisieren: \u201eIm Juni 1944 erhielten die Angeh\u00f6rigen der Ordnungspolizei das Soldbuch der Waffen-SS. Es sollte bei Kriegsende vielen Polizeiangeh\u00f6rigen zum Verh\u00e4ngnis werden.\u201c<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Falters Chronik blieb dem schon in den 60er Jahren herrschenden Selbstbild der M\u00fcnchner Polizei treu. In einem Artikel von 1964 zu \u201e50 Jahre M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sidium\u201c hie\u00df es:<\/p>\n<p>\u201eZur Ehre der Ettstra\u00dfe sei gesagt, dass die \u00fcberwiegende Mehrheit der Beamten in den schw\u00e4rzesten Jahren der M\u00fcnchener Polizei ihre Redlichkeit bewahrte. Auch im Dritten Reich gab es Polizisten, die auf Bef\u00f6rderung verzichteten und sich im Krieg nach dem Osten schicken lie\u00dfen, weil sie nicht in die Partei eintreten wollten.\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>Statt auf die \u201e\u00fcberwiegende Mehrheit\u201c konzentrierte sich ein anderer Text \u2013 wohl vom Anfang der 60er Jahre \u2013 auf die Rechtstradition: Da es nicht mehr zur Verabschiedung einer NS-Reichspolizeiverordnung gekommen sei, seien \u201edie Quellen des alten rechtsstaatlichen Polizeirechts nur versch\u00fcttet, aber nicht abgegraben\u201c gewesen \u2013 ein Umstand, den die Besatzungsmacht 1945 \u201eleider nicht erkannt\u201c habe.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Solche Darstellungen sind aber keineswegs spezifisch bayerisch: In den beiden Seiten, auf denen Kriminaloberkommissar Helmut Ebeling 1965 R\u00fcckschau auf hundert Jahre Hamburger Kripo hielt, findet sich folgendes Lob der Zentralisierung der Kripo-Arbeit im Nationalsozialismus: \u201eBald zeigte sich, zu welchen Leistungen eine Kriminalpolizei mit straff organisiertem Erkennungs- und Meldedienst f\u00e4hig war\u201c. Und an anderer Stelle vermerkt Ebeling: \u201eDer Zweite Weltkrieg brachte, wie \u00fcberall, neue Aufgaben, &#8230;\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Was sich heute als zynische Phrase liest, war im Wirtschaftswunder-Deutschland Konsens. So meinte 1962 auch Wilhelm Bendiek, Ministerialdirigent im nieders\u00e4chsischen Innenminis\u00adterium, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus \u00fcberspringen zu k\u00f6nnen, weil \u201eden zahlreichen guten geschichtlichen Darstellungen der Polizei von 1919 bis 1945\u201c keine \u201ewesentlich neuen Gesichtspunkte &#8230; hinzugef\u00fcgt werden k\u00f6nnten.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Die j\u00fcngere Geschichte wollte 1959 auch der baden-w\u00fcrttembergische Landespolizeidirektor Klaus Stromeyer ignorieren: \u201eIm sog. Dritten Reich wurde die Polizei &#8230; in ihrem Wesensgehalt so verf\u00e4lscht, dass ihre Entwicklung w\u00e4hrend seiner Dauer im vorliegenden Zusammenhang keine Behandlung verdient.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnliche Argumentationen finden sich in den Jubil\u00e4umsschriften anderer Pr\u00e4sidien. In der \u201eGeschichte der Frankfurter Polizei\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> aus der ersten H\u00e4lfte der 80er Jahre schrieb Kurt Kraus, mit der Eingliederung in die SS habe f\u00fcr die Polizei \u201eder Leidensweg und die Ausweglosigkeit (begonnen), die ihr von einem verbrecherischen System aufgeb\u00fcrdet wurden\u201c. Die Frankfurter Polizeibataillone h\u00e4tten \u201esich oft mit Partisanenverb\u00e4nden herumschlagen\u201c m\u00fcssen. Eine Einheit sei an der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes, eine andere an der R\u00e4umung von Ghettos und an Erschie\u00dfungen beteiligt gewesen. In einem Prozess gegen sechs Polizeioffiziere habe sich zwar \u201ein erschreckendem Ausma\u00df die fatale Verstrickung der Polizei mit dem SS-Staat\u201c gezeigt, aber es sei auch deutlich geworden, \u201edass sich von Einzelpersonen abgesehen, keine Polizeieinheiten aktiv an Erschie\u00dfungsaktionen beteiligt\u201c h\u00e4tten. Der Autor verweist auf einen geheimen m\u00fcndlichen Befehl, den der Chef der Ordnungspolizei Daluege gegeben haben soll, \u201eder SS nur bei Absperrma\u00dfnahmen zu helfen\u201c. Das Geschichtsbild des Autors hat sich auch ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, beim 125-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Frankfurter Polizeipr\u00e4sidiums, nicht ver\u00e4ndert. Vier Elemente bestimmen hier seine kurzen Bemerkungen zum Nationalsozialismus:<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Erstens der Hinweis auf die S\u00e4uberungswelle 1933, zweitens die institutionellen Umgliederungen, drittens die dominierende Rolle von Gestapo und SS und viertens die T\u00e4tigkeiten der Polizeibataillone. F\u00fcr Verhaftungen, Hinrichtungen und die Deportation der 12.000 Frankfurter Juden sei die Gestapo \u201everantwortlich\u201c gewesen. Der Krieg habe f\u00fcr die Polizei \u201eunheilvolle Folgen\u201c gehabt: Die Bataillone h\u00e4tten in den Partisanenk\u00e4mpfen \u201ezahlreiche Verluste\u201c erlitten und w\u00e4ren bei den Ghetto-R\u00e4umungen der SS unterstellt gewesen. Darin zeige sich \u201edie fatale Verstrickung der Polizei mit dem SS-Staat\u201c. Dezimiert durch Einberufungen zur Wehrmacht, h\u00e4tten sich die Aufgaben der Polizei w\u00e4hrend des Krieges \u201ehaupts\u00e4chlich auf die \u00dcberwachung von Luftschutzvorschriften\u201c erstreckt.<\/p>\n<p>Bis in die j\u00fcngste Gegenwart \u00fcberwiegt in der offizi\u00f6sen Polizeihistoriografie der Verweis auf eine stolze Tradition. 2004 gratuliert der Inspekteur der baden-w\u00fcrttembergischen Polizei der Kripo, die \u201ein den vergangenen 125 Jahren ihre hohe Professionalit\u00e4t, ihr Engagement und ihre Fachkompetenz bis heute immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt\u201c habe; sie k\u00f6nne \u201enicht nur stolz auf ihre Geschichte zur\u00fcck schauen\u201c, sondern auch in eine erfolgreiche Zukunft blicken.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Dieselbe Linie verfolgte Manfred Teufel in seiner Geschichte der Tuttlinger Polizei: Die Kripo sei zwar \u201esehr stark zur mitwirkenden Beratung von polizeilich-politischen Vorg\u00e4ngen durch die Geheime Staatspolizei herangezogen\u201c worden. Aber es m\u00fcsse \u2013 mit Verweis auf zwei kriminalistische Quellen von Anfang der 50er und Anfang der 60er Jahre \u2013 \u201enachdr\u00fccklich festgestellt werden: \u201aDie Methoden der Gestapo waren niemals das Handwerkszeug des Kriminalisten.\u2018\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<h4>Autobiografische Zeugnisse<\/h4>\n<p>Am 25. Mai 1989 trat die Deutsche Polizeigesellschaft, die Dachorganisation f\u00fcr polizeigeschichtliche Vereine, zum ersten Mal zusammen. Mit einer Ausnahme waren ihre 15 Gr\u00fcndungsmitglieder s\u00e4mtlich Polizeibeamte. Deutsche Polizeigeschichte war, wie dieses Detail unterstreicht, noch bis in die 90er Jahre eine Geschichte von Polizisten, die teils als Autobiographen, teils als Zeitzeugen, teils als Hobbyhistoriker \u00fcber \u201aihre\u2018 Polizei \u2013 auch im Nationalsozialismus \u2013 berichteten.<\/p>\n<p>Dass solche autobiographischen Berichte schnell zur Rechtfertigung nicht nur der eigenen Person, sondern der gesamten Polizei werden k\u00f6nnen, belegen die Arbeiten von Bernd Wehner, dem Leiter der Reichszentrale zur Bek\u00e4mpfung von Kapitalverbrechen im Reichskriminalpolizeiamt (RKPA), der es in der BRD zum Chef der D\u00fcsseldorfer Kripo brachte. 1983 legte er mit \u201eDen T\u00e4tern auf der Spur\u201c seine Geschichte der deutschen Kripo vor.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Zu Beginn des Kapitels \u00fcber die kriminalpolizeiliche Arbeit von 1933-1945 erz\u00e4hlt er, wie er am Ende des Krieges zusammen mit einem Kollegen sowie mit dem stellvertretenden RKPA-Chef Paul Werner in einem amerikanischen Gefangenenlager einer Befragung unterzogen wurde. Auf die Frage, ob er Mitglied des Reichsicherheitshauptamtes (RSHA) war, habe er wie sein Kollege mit nein geantwortet, was ihre Entlassung zur Folge hatte. Werner hingegen habe die Frage bejaht und blieb Gefangener. Dass Werners Antwort der Wahrheit entsprach, er selbst hingegen gelogen hatte, unterschl\u00e4gt Wehner jedoch kommentarlos.<\/p>\n<p>Die 1936 erfolgte Eingliederung der Kriminalpolizei ins RSHA hatte laut Wehner keine Folgen f\u00fcr die T\u00e4tigkeit der Kripo, denn \u201ebei der t\u00e4glichen Arbeit waren &#8230; keine Ver\u00e4nderungen zu registrieren. Der Kampf gegen die Kriminalit\u00e4t wurde nach wie vor von mehr oder weniger erfahrenen Beamten mit mehr oder weniger gro\u00dfem Erfolg gef\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<p>Wehner wei\u00df zwar, dass es dem \u201enationalsozialistischen Deutschland &#8230; selbstverst\u00e4ndlich\u201c war, dass \u201eder Kampf gegen den politischen Staatsfeind und gegen den asozialen Verbrecher von einer Hand gef\u00fchrt werden muss\u201c. Gleichzeitig erkl\u00e4rt er, dass \u201esich in der nunmehr geschaffenen Reichskriminalpolizei der Traum weitsichtiger Kriminalisten und Polizeifachleute der Weimarer Zeit in fast ungeahntem Umfang verwirklicht hatte.\u201c Detailliert schildert er die neuen Reichszentralen als Nachrichtensammel- und Auswertungsstellen, denen sich kein \u201ereisender T\u00e4ter\u201c mehr entziehen konnte und folgert, \u201edass nunmehr eine au\u00dferordentlich erfolgreiche Verbrechensbek\u00e4mpfung in Deutschland begann.\u201c Wo dies nicht der Fall war, habe es an mangelnden Kapazit\u00e4ten gelegen. Als Neuheit beschreibt er auch den Ausbau der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP), die ihre Aufgabe in der \u201evorbeugenden\u201c Verbrechensbek\u00e4mpfung gesehen habe und \u201eschon das Kind erfassen und den \u201aAnf\u00e4ngen wehren\u2018 sollte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSo f\u00fcgte sich die WKP-Arbeit fast nahtlos in die Vorbeugetendenz der nationalsozialistischen Kriminalpolitik ein mit der Folge, dass sich Beamtinnnen nach dem Zusammenbruch auch f\u00fcr Entwicklungen und Ma\u00dfnahmen zu rechtfertigen hatten, die beispielsweise in der Errichtung von \u201aJugendschutzlagern\u2019 endeten, die man nach 1945 den Konzentrationslagern zuordnen wollte.\u201c<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise endet dieser Abschnitt mit einem indirekten Zitat aus einer Selbstdarstellung der letzten Leiterin der WKP, der zufolge \u201esich die Gedanken und Theorien des Nationalsozialismus mit denen der Zeit vor Hitler in fast diabolischer Weise verbinden konnten, ohne dass sich die Beteiligten dessen so recht gewahr geworden w\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Teil von Wehners Bericht \u00fcber die Polizei im Nationalsozialismus nimmt die Nacherz\u00e4hlung aufgekl\u00e4rter Kriminalf\u00e4lle ein \u2013 Erfolge, die aus \u201edurchaus kriminalistischen Bem\u00fchungen zur Wahrheitsfindung und juristischen \u00dcberlegungen wie sie auch heutiger Rechtsauffassung entsprechen w\u00fcrden\u201c resultierten. Wehners Ermittlungen f\u00fchrten ihn dabei auch nach Buchenwald, wo er Korruptionsvorw\u00fcrfe \u00fcberpr\u00fcfen sollte. Zwar zeigt er sich dort \u201e\u00fcberrascht und entsetzt\u201c \u00fcber die Praxis, Gifte an H\u00e4ftlingen auszuprobieren, die exekutiert werden sollten. Zu den Exekutionen selbst und zum Lagersystem fehlt hingegen jede kritische Bemerkung. Dass er diese \u201evorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c durchaus f\u00fcr richtig h\u00e4lt, zeigt Wehner schlie\u00dflich in seiner Beurteilung der Nachkriegslage:<\/p>\n<p>\u201eAllein aus den Konzentrationslagern waren &#8230; 6.000 sicherungsverwahrte Gewohnheitsverbrecher und Berufsverbrecher \u201abefreit\u2019 worden. Viele von ihnen nutzten die Umst\u00e4nde ein \u201aneues Leben\u2019 zu beginnen, indem sie die alten Gewohnheiten fortsetzten.\u201c<\/p>\n<p>1989 lieferte auch der 1946 pensionierte Kriminaldirektor Carl Kr\u00e4mer einen \u201eZeitzeugen\u201c-Bericht, und zwar \u201ezur Lage der Bremer Kriminalpolizei im Dritten Reich ab 1938\u201c.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Auch er schildert ausf\u00fchrlich die organisatorische Neuordnung der Kriminalpolizei unter dem RSHA und die Eingliederung in die SS, die aber nur den Charakter einer formalen \u201eAngleichung\u201c gehabt habe:<\/p>\n<p>\u201eDiese \u201aAngleichung\u2018 hat sp\u00e4ter bei der Entnazifizierung eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Die Betroffenen hatten teilweise gro\u00dfe M\u00fche nachzuweisen, dass sie keine \u201arichtigen\u2018 SS-F\u00fchrer waren, d.h. nie aktiven Dienst bei der SS geleistet hatten, sondern dass ihnen Uniform und Dienstrang nur nominell verliehen waren.\u201c<\/p>\n<p>Dem Gros der Polizisten sei diese Angleichung nicht recht gewesen. Dennoch betont er \u201edass einige der Angeglichenen erst nach dem Kriegsende Wert auf diesen Unterschied legten. Sie h\u00e4tten energisch protestiert, w\u00e4re vor dem 8. Mai 1945 auch nur angedeutet worden, sie seien keine \u201arichtigen\u2018 SS-F\u00fchrer.\u201c Die Kritik bleibt jedoch halbherzig, denn wenig sp\u00e4ter stellt Kr\u00e4mer fest: \u201eDoch wer will dar\u00fcber richten? Auch Kriminalisten sind von Eitelkeiten und menschlichen Schw\u00e4chen nicht frei. Sie sind Menschen mit allen Fehlern.\u201c Wie wenig er sich von diesen Verfehlungen distanzieren kann, zeigen die Erinnerungen an seine Kameraden: \u201eCharakterlich war Hamann einwandfrei. Er war offen, kameradschaftlich und taktvoll. In seinem Glauben an die Thesen des Nationalsozialismus war er unersch\u00fctterlich und kompromisslos.\u201c<\/p>\n<p>Eine andere Perspektive bilden die \u201eErinnerungen eines Schutzmannes\u201c des sp\u00e4teren Wiesbadener Polizeipr\u00e4sidenten Karl Ender.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Dass die Zeit des Einzeldienstes ab 1940 in Bremen stattfand, erw\u00e4hnt der Autor nur beil\u00e4ufig. Nichts weist auf die Zeit des Nationalsozialismus hin. Der f\u00fcnfseitige Bericht ergeht sich ausschlie\u00dflich in Anekdoten. Was dem promovierten Juristen Ender aus der Zeit von 1940-1945 im Ged\u00e4chtnis blieb, sind lediglich die \u201awitzig\u2018-pubert\u00e4ren Polizeiberichte seiner Kollegen: \u201eDen den Hausunfall aufnehmenden Polizeibeamten wurde von meiner Braut alles gezeigt, was sie sehen wollten.\u201c<\/p>\n<h4>Das BKA<\/h4>\n<p>Die offizielle Geschichtsschreibung des Bundeskriminalamts (BKA) dr\u00fcckte sich bis vor wenigen Jahren davor, die nicht nur personelle Kontinuit\u00e4t mit dem Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) zur Kenntnis zu nehmen. In den offiziellen Darstellungen erschien das 1951 gegr\u00fcndete BKA einerseits als Produkt eines historischen Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg. Andererseits bem\u00fchte man sich, die organisatorische Zentralisierung der Kripo w\u00e4hrend des Nationalsozialismus als v\u00f6llig unpolitische Angelegenheit zu pr\u00e4sentieren, als logische Konsequenz der von \u201eBerufs- und Gewohnheitsverbrechern\u201c gepr\u00e4gten Kriminalit\u00e4tslage. Ein Anlass, sich von diesen \u201ealten bew\u00e4hrten Formen\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> zu distanzieren, schien folglich f\u00fcr die BRD und ihre kriminalpolizeiliche Zentralstelle nicht zu bestehen.<\/p>\n<p>Deutlich wird dieses unbek\u00fcmmerte Verh\u00e4ltnis zur eigenen (Vor-) Geschichte noch an dem Sammelband, den das BKA 1991 zu seinem 40-j\u00e4hrigen Bestehen ver\u00f6ffentlichte.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Abgesehen von einer d\u00fcrren Chronik f\u00fcr \u201eeilige Leser\u201c, verzichtete man hier ganz auf einen historischen Beitrag, sondern druckte kommentarlos Artikel der Amtspr\u00e4sidenten seit 1951 ab \u2013 darunter einen 1956 in der \u201eKriminalistik\u201c erschienen Beitrag \u00fcber die \u201eNot der Kriminalpolizei\u201c von Hanns Jess, der dem BKA 1952-53 vorstand:<\/p>\n<p>\u201e\u00dcber die Polizei in der Zeit von 1933 bis 1945 herrschen die merkw\u00fcrdigsten &#8230; Auffassungen selbst in den Regierungen der L\u00e4nder und des Bundes. &#8230; Auf dem Gebiete der Kriminalpolizei schuf er (der totalit\u00e4re Staat, d. Aut) beraten von den alten, erfahrenen und fachkundigen preu\u00dfischen Kriminalbeamten, eine sehr zweckm\u00e4\u00dfige, f\u00fcr die Verbrechensbek\u00e4mpfung brauchbare und \u00fcbersichtliche Reichskriminalpolizei.\u201c<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Eine Verstrickung der deutschen Kriminalpolizei in die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes hatte es mithin gar nicht gegeben. Das RKPA sei vom Rest des Reichssicherheitshauptamtes \u201ev\u00f6llig abgetrennt\u201c gewesen und habe vor allem mit den Aktivit\u00e4ten der Gestapo nichts zu tun gehabt. Die f\u00e4lschliche Zuschreibung von nationalsozialistischen Verbrechen habe im Nachkriegsdeutschland \u201ezur zumindest zeitweisen Ausschaltung wertvoller Fachkr\u00e4fte beim Aufbau der Kriminalpolizei nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 gef\u00fchrt &#8230;\u201c<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a><\/p>\n<p>Im Vorwort zu dem Band von 1991 verwies der damals amtierende Pr\u00e4sident Hans-Ludwig Zachert f\u00fcr das genauere Studium der Geschichte des BKA auf zwei \u201edetaillierte Darstellungen von Insidern\u201c: Dabei handelte es sich erstens um eine 1971 erschienene Brosch\u00fcre von Paul Dickopf, BKA-Pr\u00e4sident von 1965-71, und seinem Stellvertreter Rolf Holle. Die beiden Absolventen des Kommissarslehrgangs an der SS-F\u00fchrerschule in Charlottenburg waren in der Tat \u201eInsider\u201c. Sie hatten den Aufbau der BKA und seine ersten beiden Jahrzehnte dominiert. Sie sorgten nach 1951 sowohl f\u00fcr den Fortbestand der organisatorischen und der von allzu krassem NS-Vokabular bereinigten ideologischen Konzepte des alten RKPA als auch f\u00fcr die \u00dcbernahme der zitierten \u201ewertvollen Fachkr\u00e4fte\u201c.<\/p>\n<p>Der zweite von Zachert empfohlene Band war die von Horst Albrecht verfasste offizielle \u201eGeschichte des BKA\u201c aus dem Jahre 1988, die schon in der Einleitung den Mythos der unpolitischen Kriminalpolizei w\u00e4hrend des Nationalsozialismus reproduzierte:<\/p>\n<p>\u201eSieht man vom Missbrauch der Polizei im 3. Reich ab, so ergibt sich, dass eine funktionierende, zweckm\u00e4\u00dfige Organisation entstanden war, die bei der Bek\u00e4mpfung der nichtpolitischen Kriminalit\u00e4t gro\u00dfe Erfolge erzielte.\u201c<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>Albrecht \u00fcbernimmt nicht nur die M\u00e4r von der gegen\u00fcber Polizisten \u201ebesonders strengen\u201c Entnazifizierungspolitik, sondern auch die Selbststilisierung Dickopfs als jemandem, der immer eine \u201eablehnende Haltung\u201c gegen\u00fcber dem Dritten Reich gehabt habe und \u201enur durch eine Flucht ins Ausland der Festnahme entgehen\u201c konnte. Blamabel ist diese Darstellung, weil Albrecht selbst darauf verweist, dass ihm zum einen Quellen f\u00fcr Dickopfs Legende einer Flucht in die Schweiz fehlen und dass ihm zum andern der Zugang zu den 68 B\u00e4nden des Dickopf-Nachlasses verweigert wurde, den die BKA-Verwaltung 1975 durch eine 25-j\u00e4hrige Sperrfrist im Bundesarchiv versenkt hatte.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<p>Blamabel ist sie umso mehr als Armand Mergen, ein Au\u00dfenstehender, in seiner \u201eBKA-Story\u201c 1987 erstmals die Dickopf-L\u00fcgen und die Selbstdarstellung seiner Entourage \u201enur formell, nicht aber in der Sache, SS-M\u00e4nner gewesen\u201c zu sein, zerpfl\u00fcckt hatte.<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a> Ausgehend von dem nunmehr offenen Dickopf-Nachlass konnte Dieter Schenk 2001 offen legen, dass ein gro\u00dfer Teil des leitenden Dienst der ersten zwei Jahrzehnte des BKA in Nazi-Verbrechen verwickelt war.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a> Auch nach dieser Publikation brauchte es noch einige Jahre, bis sich das Amt unter einem neuen Pr\u00e4sidenten mit drei Kolloquien der eigenen Geschichte stellte.<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a> Konkrete politische Folgen wird das heute nicht mehr haben.<\/p>\n<h4>Merkmale<\/h4>\n<p>Wenn \u201aPolizeihistoriker\u2018 die Geschichte ihres Berufs und ihrer Organisation im Nationalsozialismus darstellen, werden insbesondere folgende Argumentationsstr\u00e4nge sichtbar:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Den Nationalsozialismus gab es gar nicht.<\/strong> Jeglicher Hinweis auf die Nationalsozialistische Herrschaft wird einfach ausgelassen.<\/li>\n<li><strong>Polizeigeschichte als Organisationsgeschichte.<\/strong> Die zw\u00f6lf Jahre Nationalsozialismus erscheinen als eine Abfolge von Verwaltungsreformen. \u00dcber die Praktiken und die Rolle der Polizei w\u00e4hrend der Terrorherrschaft wird schlicht keine Auskunft gegeben.<\/li>\n<li><strong>Auf einigen Augen blind.<\/strong> Oft wird nur selektiv berichtet. Mal werden die Osteins\u00e4tze der Polizei weggelassen, mal ihre allt\u00e4gliche Unterst\u00fctzung des Regimes zu Hause.<\/li>\n<li>Schwammige Begriffe und das Herunterspielen der Beteiligung der Polizei ziehen sich durch die Texte.<\/li>\n<li><strong>Die Polizei \u2013 dem Nationalsozialismus wesensfremd.<\/strong> Demokratisch und republikanisch wird die Institution und ihre Mitglieder charakterisiert. Die Polizei erscheint als Ort des Widerstandes.<\/li>\n<li><strong>Die Gestapo war\u2019s.<\/strong> Die eigentlichen Greuel seien von der Gestapo ver\u00fcbt worden. Die Polizei konnte sich deren \u00fcberm\u00e4chtigen Einfluss leider nicht erwehren.<\/li>\n<li><strong>Geheimhaltung und L\u00fcge.<\/strong> Die Arbeit von Historikern wurde durch die Geheimhaltung beweiskr\u00e4ftiger Dokumente behindert. \u00dcber die eigene Beteiligung wird gelogen.<\/li>\n<li><strong>In der Sache richtig.<\/strong> Die Polizei und ihr Umbau im Nationalsozialismus wird als richtig dargestellt. Mit dem Kampf gegen den Gewohnheitsverbrecher, der vorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung, der massenweisen Internierung sowie der Zentralisierung, Verstaatlichung und Militarisierung der Polizei wird sympathisiert.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass die gegenw\u00e4rtige Besch\u00e4ftigung mit der eigenen Geschichte zu mehr Ehrlichkeit, aber auch zu mehr Konsequenz f\u00fcr die Gegenwart in der Lage sein wird.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Horst, D.; Dieter, G.; Gollnik, P., Manthey, B.: Festschrift zum 125-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Schutzmannschaft Berlin 1848-1973, Berlin 1973<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Polizeipr\u00e4sident in Berlin (Hg.): 175 Jahre Polizeipr\u00e4sidium Berlin, Berlin 1984, S. 40<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Teufel, M.: Vor 70 Jahren wurde die Berliner Mordinspektion gegr\u00fcndet, in: Die Kriminalpolizei 1996, H. 3, S. 135-139 (139)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Der Polizeipr\u00e4sident in Berlin (Hg.): 150 Jahre Schutzmannschaft Berlin, Berlin 1998, S. 67<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> ebd., S. 79<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Falter, J.: Chronik des Polizeipr\u00e4sidiums M\u00fcnchen, M\u00fcnchen 1997, S. 72<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> ebd., S. 73 u. 75<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> ebd., S. 80<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Freudenreich, J.: 50 Jahre M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sidium, in: M\u00fcnchen und seine Polizei, Polizei-Verkehr-Technik, Sonderausgabe II\/1964, S. 7-17 (8)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Mayer, F.: Zur geschichtlichen Entwicklung von Polizei und Polizeirecht in Bayern, in: Bayern und seine Polizei, Polizei-Technik-Verkehr, Sonderausgabe IVa, Wiesbaden o.J., S. 5-9 (9)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ebeling, H.: 100 Jahre Kripo Hamburg, in: Kriminalistik 1975, H. 11, S. 510-512 (511)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Bendiek, W.: Geschichtliche Entwicklung der Nieders\u00e4chsischen Polizei, in: Niedersachsen und seine Polizei, Polizei-Verkehr-Technik, Sonderausgabe IV, Wiesbaden 1962, S. 5-8 (5)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Stromeyer, K.: Aus der Geschichte der Polizei in Baden-W\u00fcrttemberg, in: Baden-W\u00fcrttemberg und seine Polizei, Polizei-Technik-Verkehr, Sonderausgabe IV\/1959, S. 15-18 (18)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Kraus, K. (Pressestelle Polizeipr\u00e4sidium Frankfurt): Geschichte der Frankfurter Polizei, Frankfurt am Main o.J. (hier S. 126 f.)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Polizeipr\u00e4sidium Frankfurt am Main (Hg.): 125 Jahre Polizeipr\u00e4sidium Frankfurt am Main, Frankfurt\/M. 1992 (S. 124-127)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Schneider, D.: 125 Jahre Kriminalpolizei Baden, in: Die Kriminalpolizei 2004, H. 4, S. 123-126 (126)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Teufel, M.: Schutzleute und Landj\u00e4ger in Stadt und Oberamt Tuttlingen 1807-1952, Tuttlingen 1986, S. 193 u. 196<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Wehner, B.: Den T\u00e4tern auf der Spur. Die Geschichte der deutschen Kriminalpolizei, Bergisch Gladbach 1983<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Kr\u00e4mer, C.: Zur Lage der Bremer Kriminalpolizei im Dritten Reich ab 1938 \u2013 Erinnerungen eines Zeitzeugen, in: Archiv f\u00fcr Polizeigeschichte 1991, H. 4, S. 54-60<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Ender, K.: Erinnerungen eines Schutzmannes, insbesondere aus der Zeit des Einzeldienstes, in: 75 Jahre Polizeipr\u00e4sidium Wiesbaden. Polizei Technik Verkehr, Sonderausgabe, Wiesbaden 1979<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Harnischmacher, R.: Deutsche Polizeigeschichte, Stuttgart u.a. 1986, S. 193<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Zachert, H.-L. (Hg.): 40 Jahre Bundeskriminalamt, Berlin u.a. 1991<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Jess, H.: Die Not der Kriminalpolizei, in: Zachert a.a.O. (Fn. 22), S. 23-33 (25)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Albrecht, H.: Im Dienst der Inneren Sicherheit, Wiesbaden 1988, S. 14<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> ebd., S. 212, 213 u. S. 209 (Fn. 1)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Mergen, A.: Die BKA-Story, M\u00fcnchen, Berlin 1987, S. 108<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Schenk, D.: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, K\u00f6ln 2001<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> Bundeskriminalamt (Hg.): Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Dokumentation einer Kolloquienreihe, K\u00f6ln 2008<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Martin Schauerhammer, Norbert P\u00fctter und Jan W\u00f6rlein Wenn Polizisten sich mit der Geschichte des<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,98],"tags":[881,1011,1109,1210],"class_list":["post-7564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-092","tag-kriminalpolizei","tag-ns-vergangenheit","tag-polizeigeschichte","tag-reichskriminalpolizeiamt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7564"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7564\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}