{"id":7566,"date":"2009-02-17T21:21:22","date_gmt":"2009-02-17T21:21:22","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7566"},"modified":"2009-02-17T21:21:22","modified_gmt":"2009-02-17T21:21:22","slug":"alte-charlottenburger-ein-netzwerk-in-westdeutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7566","title":{"rendered":"Alte Charlottenburger &#8211;\u00a0Ein Netzwerk in Westdeutschland"},"content":{"rendered":"<h3>von Stephan Linck<\/h3>\n<p><strong>Ein Netzwerk ehemaliger Beamter des Reichskriminalpolizeiamtes dominierte bis in die 60er Jahre die Personalpolitik und Ideologie der westdeutschen Kripo.<\/strong><\/p>\n<p>Im September 1971 versandte Fritz Kempe das Rundschreiben 6\/71 des Stammtischs der \u201eAlten Charlottenburger\u201c. Der Kreis, dem zu diesem Zeitpunkt noch 92 Personen \u2013 alle im Alter zwischen 59 und 69 Jahren \u2013 angeh\u00f6rten, war vermutlich schon in den 50er Jahren entstanden und traf sich einmal im Monat in einem D\u00fcsseldorfer Lokal. Seine Mitglieder verband aber nicht nur die kneipenselige Freizeitgestaltung. Der Name \u201eAlte Charlottenburger\u201d bezog sich vielmehr auf ihre ehemalige Ausbildungsst\u00e4tte in Berlin-Charlottenburg: Die meisten hatten in der zweiten H\u00e4lfte der 30er Jahre Lehrg\u00e4nge zum Kriminalkommissar am dortigen Polizei-Institut absolviert, das 1937 in F\u00fchrerschule der Sicherheitspolizei umbenannt wurde. Sie grenzten sich zwar vom Korpsgeist her von ihren ebenfalls dort ausgebildeten Gestapo-Kollegen ab, waren jedoch im Regelfall gleichwohl \u00fcberzeugte Nationalsozialisten. Die meisten wurden, wenn sie es nicht schon waren, w\u00e4hrend der Ausbildung SS-Mitglieder.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfer Teil der Charlottenburger Kripo-Absol\u00adventen gelangte 1938\/39 ins Reichskriminalpolizeiamt (RKPA), das im September 1939 als Amt V mit dem Geheimen Staatspolizeiamt und dem SD-Hauptamt zum Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verschmolzen wurde.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Zu den neuen Aufgaben der Kripo und damit vor allem ihrer Zentrale geh\u00f6rte insbesondere die \u201eVorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c, das aktive polizeiliche Vorgehen \u2013 bis hin zur \u201eSicherungsverwahrung\u201c \u2013 gegen alle Gruppen, die potentiell gegen die Normen der \u201eVolksgemeinschaft\u201c versto\u00dfen konnten oder sich \u201eabweichend\u201c verhielten. Die Kripo wurde selbst zur strafverh\u00e4ngenden Beh\u00f6rde, und Rechts\u00admittel konnten nur bei ihr eingelegt werden. In letzter Konsequenz f\u00fchrte dies zur KZ-Einweisung und vielfachen Ermordung von Menschen, die als \u201eZigeuner\u201c, \u201eBerufsverbrecher\u201c oder \u201eAsoziale\u201c stigmatisiert wurden. Wichtige Bestandteile des NS-Terrors lagen somit in der Zust\u00e4ndigkeit der Kriminalpolizei. Mit dem Eroberungskrieg wurde der \u201eausw\u00e4rtige Einsatz\u201c der Sicherheitspolizei zum zus\u00e4tzlichen Arbeitsfeld insbesondere der j\u00fcngeren und karrierebewussten RKPA-Beamten, die damit vielfach an den von den Einsatzgruppen begangenen Morden beteiligt waren.<\/p>\n<h4>Durch die Besatzungszeit<\/h4>\n<p>Das Gros der RKPA-Beamten folgte Heinrich Himmler und dem Gro\u00dfteil der SS- und Polizeif\u00fchrung, setzte sich im April 1945 in den Flensburger Raum ab und quartierte sich in den regionalen Kripo-Stellen ein. Mit der Kapitulation boten sie der britischen Besatzungsmacht umgehend ihre Mitarbeit an. Ihre weitere Karriere in der Nachkriegs\u00e4ra ist untrennbar verbunden mit den Widerspr\u00fcchen der britischen Besatzungspolitik. Die St\u00e4be, die diese ab 1944 im konservativ gef\u00fchrten Foreign Office konzipierten, orientierten sich an der kolonialen Tradition des Empire und suchten auch in Deutschland durch \u201eindirect rule\u201c bei minimalem Einsatz den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Effekt zu erzielen. Um das absehbare Chaos bei Kriegsende in den Griff zu bekommen, wollte man weite Teile der deutschen Exekutive \u2013 auch der Polizei \u2013 \u00fcbernehmen. Zwar sahen die Planer pr\u00e4zise die enge Verzahnung insbesondere der Kripo mit dem Terrorapparat der Nationalsozialisten. Ein Papier bezeichnete Kripo und Gestapo als \u201ebesondere Pflegekinder Himmlers\u201c, deren Personal fast ausschlie\u00dflich aus \u00fcberzeugten SS-Leuten bestanden habe. Die Analysen durchzog andererseits eine distanzlose Bewunderung insbesondere f\u00fcr die zentrale Kripo-F\u00fchrung im Amt V des RSHA \u2013 ein \u201eextrem effizientes &#8230; Produkt deutschen Organisationstalents\u201c, das man gerne zur Verhinderung eines v\u00f6lligen Zusammenbruchs der Polizeiarbeit nutzen wollte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Praktisch wurde dieser Zwiespalt ab Mai 1945 in den Konflikten zwischen der pragmatischen Herangehensweise des Public Safety Branch, der der Wiederaufbau der Polizei oblag, und dem f\u00fcr die Fahndung nach Kriegsverbrechern und daneben auch f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung und Entnazifizierung der Polizei zust\u00e4ndigen Nachrichtendienst der Armee, den Field Security Sections (FSS).<\/p>\n<p>Als rein milit\u00e4rische Organisation, in der zudem etliche rechtzeitig aus Deutschland gefl\u00fcchtete Juden arbeiteten, war die Field Security vor der Gefahr fehlender Distanz oder gar Bewunderung f\u00fcr die deutsche Polizei gefeit. Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung in den ersten Nachkriegstagen waren die in dieser Phase gef\u00fchrten Verh\u00f6re durch die FSS jedoch teils sehr fl\u00fcchtig. Dies zeigt die Vernehmungsmitschrift des Leiters der Gruppe Wi (Wirtschaftsverbrechen) im RKPA, Karl Schulz, der 1941 Adjutant Arthur Nebes in der Einsatzgruppe B gewesen war.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Schulz machte durch seine Englischkenntnisse einen Dolmetscher \u00fcberfl\u00fcssig. Die Notizen dieser Befragung lassen deutlich erkennen, dass die Rechtfertigungslinie und die sp\u00e4tere Selbstdeutung der NS-Krimina\u00adlis\u00adten hier bereits feststanden. Schulz erkl\u00e4rte, dass er mit seinen Beamten verbotenerweise am 22. April Berlin verlassen habe. Er sei Kriminalbeamter, seinen SS-Rang als Sturmbannf\u00fchrer habe er nur ehrenhalber. Den gr\u00f6\u00df\u00adten Teil der Vernehmung beeindruckte er mit Erz\u00e4hlungen von seinen Englandreisen im Gefolge des deutschen Au\u00dfenministers. Kurz darauf wurde Schulz von der Public Safety Branch (PSB) als Verbindungsoffizier zur britischen Besatzungsmacht in Flensburg eingesetzt.<\/p>\n<p>Anfang Juli 1945 trug die PSB in einem \u201eReport on Reichssicherheitshauptamt\u201c ihren Informationsstand \u00fcber den Verbleib der Mitarbeiter insbesondere des RKPA zusammen. Abgesehen von drei untergetauchten Kriminalpolizisten befanden sich alle in dem Report Genannten bereits wieder im Polizeidienst, insbesondere im n\u00f6rdlichen Landesteil Schleswig-Holsteins. Und tats\u00e4chlich wurde die Polizeiorganisation schnell wieder aufgebaut. Bereits im Juli erschien das erste \u201eMeldeblatt der Kriminalpolizei Flensburg\u201c und am 7. August die erste Ausgabe des polizeilichen \u201eMeldeblattes f\u00fcr die Provinz Schleswig-Holstein\u201c. Aber um welchen Preis! Die Kriminalisten machten da weiter, wo sie mit der Kapitulation aufgeh\u00f6rt hatten. Im Meldeblatt der Provinz war tats\u00e4chlich neben Einbruch, Diebstahl, Mord und Totschlag eine eigene Rubrik f\u00fcr \u201ealle von Zigeunern und Zigeunerinnen begangenen Straftaten\u201c vorgesehen. Die Flensburger Kripo schrieb in ihrem ersten Meldeblatt einen \u201eZigeuner\u201c zur Fahndung aus, der zwei Soldaten eine angebliche KZ-Haft bescheinigt hatte, besondere Kennzeichen des Sinto: \u201eAuf dem linken Unterarm T\u00e4towierung der Zahl 3468\u201c. Wollten die Polizisten bei den befreiten KZ-H\u00e4ftlingen ihre T\u00e4towierung kontrollieren? Da trug die Polizei ihr Scherflein dazu bei, dass sich im ersten Nachkriegsjahr auf ihr ein unb\u00e4ndiger Hass der einstigen Sklavenarbeiter mit zahlreichen T\u00f6tungsdelikten entlud.<\/p>\n<p>Im Herbst 1945 \u00fcberpr\u00fcfte die FSS die eingestellten Polizeioffiziere noch einmal gr\u00fcndlicher. Ihr Bericht an die PSB vom Januar 1946 hielt fest, dass neun f\u00fchrende Polizeioffiziere des Landes auf den Fahndungslisten der Alliierten zur sofortigen Verhaftung ausgeschrieben waren, darunter der Polizeichef der Provinz Oberst K\u00fchn und alle Offiziere seines Stabes. Deren Entlassung erfolgte allerdings erst, nachdem sich im April 1946 ein FSS-Angeh\u00f6riger unter Umgehung des Dienstwegs direkt an den britischen Deutschlandminister Hynd wandte. Die RKPA-Angeh\u00f6rigen kamen hingegen erst in Bedr\u00e4ngnis, als die PSB nach einer Reihe von Straftaten deutscher Polizisten ihre Personalpolitik korrigieren musste. Im Juli und August 1946 wurden alle ehemaligen SS-Mitglieder und damit alle fr\u00fcheren RKPA-Leute entlassen, eine Entscheidung, die allerdings von Regionalen Public Safety Officers teilweise hintertrieben wurde. So verlor Karl Schulz zwar seinen Posten bei der Polizei, wurde aber umgehend bei einem nahe Schleswig gelegenen Fliegerhorst als Instrukteur der Royal Air Force (RAF)-Police eingestellt.<\/p>\n<p>Die Entlassungen im Sommer 1946 hatten jedoch keineswegs das Ende des RKPA-Personals bei der Polizei gebracht. Bereits Anfang des Jahres war \u2013 in deutlichem Gegensatz zu den Dezentralisierungsvorgaben der neuen britischen Labour-Regierung \u2013 das Kriminalpolizeiamt f\u00fcr die Britische Besatzungszone in Hamburg eingerichtet worden, wo im Kern nicht weniger versucht wurde als die Weiterf\u00fchrung des RKPA.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Hier kamen insgesamt 48 meist untere RKPA-Dienstgrade unter. Die Einstellung von alten F\u00fchrungskr\u00e4ften war zu diesem Zeitpunkt noch nicht opportun. Sie wurde allerdings m\u00f6glich, als die Briten Anfang 1947 die Polizeigewalt auf das Land Schleswig-Holstein \u00fcbertrugen. Bis 1949 wurden hier bei Neubesetzungen von Kripo-F\u00fchrungspositionen durchg\u00e4ngig ehemalige RKPA-Leitungsbeamte eingestellt. Auch Karl Schulz konnte der RAF-Police den R\u00fccken kehren: Er wurde mit dem Aufbau eines Landeskriminalamtes (LKA) beauftragt.<\/p>\n<h4>Angekommen in der Bundesrepublik<\/h4>\n<p>Als 1949 mit der Gr\u00fcndung der BRD die Polizeigewalt endg\u00fcltig den deutschen L\u00e4ndern \u00fcbertragen wurde, war ein Personalfluss in andere Bundesl\u00e4nder m\u00f6glich. Gleichzeitig fielen mit dem endg\u00fcltigen Abschluss der Entnazifizierung und der Verabschiedung des Gesetzes zur Art. 131 Grundgesetz, das die Wiedereinstellung ehemaliger Nationalsozialisten erm\u00f6glichte, jegliche Einstellungsbeschr\u00e4nkungen fort. Nachdem die Jahre der Besatzungsherrschaft nicht genutzt worden waren, um Nachwuchs f\u00fcr die leitenden Kripo-Aufgaben auszubilden, stand der R\u00fcckgriff auf das F\u00fchrungspersonal der NS-Kriminalisten alternativlos da. Gleichzeitig funktionierten die alten Verbindungen der \u201eCharlottenburger\u201c ausgezeichnet bei der Vermittlung frei werdender Leitungsstellen.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Dies zeigte sich beim Aufbau des Bundeskriminalamts (BKA), das 1951 aus dem Kriminalpolizeiamt f\u00fcr die Britische Besatzungszone hervorging. Nach der Ernennung des \u201eCharlottenburgers\u201c Paul Dickopf zum BKA-Vizepr\u00e4sidenten im Jahre 1952 erfolgte eine systematische Vergabe der F\u00fchrungspositionen an \u201eAlte Charlottenburger\u201c. Dieter Schenk ermittelte insgesamt 24 von ihnen in solchen Funktionen, darunter sieben aus Dickopfs Lehrgang. Von den 1959 insgesamt 47 Beamten des leitenden Dienstes im BKA waren nur zwei \u201eunbelastet\u201c; der Rest blickte auf NS-Karrieren und vielfache Verbrechen zur\u00fcck.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Nordrhein-Westfalen sollte ein zweiter Schwerpunkt der Wiederverwendung von NS-Kriminalisten werden. Dort war bereits im Herbst 1945 Willy Gay zum Leiter der K\u00f6lner Kripo ernannt worden. Der 1890 Geborene war schon seit 1920 als Kriminalbeamter t\u00e4tig und hatte in der Polizei der Weimarer Republik Karriere gemacht. Obwohl er im Mai 1933 der NSDAP beigetreten war und seine Vorstellungen von der \u201eVorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c den NS-Konzeptionen weitgehend entsprachen, stellte die NS-Zeit einen Einbruch in Gays Karriere dar. 1933 praktisch degradiert, war er seit 1934 stellvertretender Leiter der K\u00f6lner Kriminalpolizei. Dies empfahl ihn der britischen Besatzungsmacht. Nach einigen Jahren als K\u00f6lner Kripo-Chef avancierte er 1952 zum Referenten f\u00fcr die Kriminalpolizei im Landesinnenministerium. Gay wurde wichtiger Impulsgeber der Nachkriegs-Kripo, seit Oktober 1952 auch als Herausgeber der \u201eKriminalistik\u201c. Obwohl er schon aus Altersgr\u00fcnden nicht zu den \u201eCharlottenburgern\u201c z\u00e4hlte, verband ihn mit diesen eine Freundschaft auf Gegenseitigkeit. Kurt Zillmann, Lehrer am Charlottenburger Institut und sp\u00e4ter Chef des LKA Schleswig-Holstein, nannte ihn seinen \u201eLehrmeister\u201c, und noch 1971 wurde Gay auf der Adressenliste des D\u00fcsseldorfer Stammtischs gewisserma\u00dfen als \u201eEhrencharlottenburger\u201c gef\u00fchrt. Als Votum eines \u201eUnbelasteten\u201c hatte seine Unterst\u00fctzung gro\u00dfe Bedeutung.<\/p>\n<p>In den 50er Jahren wurde in der Kripo Nordrhein-Westfalens das wohl dichteste Netz von ehemaligen \u201eCharlottenburgern\u201c gesponnen. Wichtige frei werdende Stellen bis hin zum LKA-Chef wurden durchg\u00e4ngig mit ihnen besetzt. Leiter der D\u00fcsseldorfer Kripo war von 1954 bis 1970 Bernd Wehner. Der 1909 Geborene hatte den Kommissarlehrgang in Charlottenburg 1936\/37 besucht und war danach SS-Haupt\u00adsturmf\u00fchrer im Amt V.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Nach Kriegsende hatte er als Polizeireporter des \u201eSpiegel\u201c eine f\u00fcr die NS-Kriminalisten herausragende Funktion. In einer 30-teiligen Serie, die dort 1949\/50 unter dem Titel \u201eDas Spiel ist aus, Arthur Nebe. Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei\u201c erschien, stellte er die Kripo des Dritten Reiches als unpolitische Fachorganisation dar, die im Zweifel in Opposition zum Nationalsozialismus gestanden habe. Bevor er 1954 Chef der D\u00fcsseldorfer Kripo wurde, hatte ihn Gay zur K\u00f6lner Kriminalpolizei geholt. Beide verband auch nach seinem Wechsel nach D\u00fcsseldorf eine langj\u00e4hrige Arbeitsbeziehung. Wehner wurde Schriftleiter der von Gay herausgegebenen \u201eKriminalistik\u201c.<\/p>\n<h4>Vorbeugende Verbrechensbek\u00e4mpfung \u2013 Neuauflage<\/h4>\n<p>Als ein weiterer Ort zur Kommunikation erwies sich das Polizei-Institut Hiltrup bei M\u00fcnster. Die dort abgehaltenen Arbeitstagungen der LKA-Chefs bekamen zwangsl\u00e4ufig den Charakter von Zusammenk\u00fcnften der \u201eCharlottenburger\u201c. Dass dies nicht nur Kameradschaftstreffen waren, sondern die Beteiligten vielmehr gezielt die Kriminalpolitik der neuen Bundesrepublik zu beeinflussen versuchten, l\u00e4sst sich gut an der Positionierung zur \u201eVorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c aufzeigen. Bereits 1947 hatte das nieders\u00e4chsische Landeskriminalpolizeiamt (LKPA) mit Unterst\u00fctzung des Kriminalpolizeiamtes der Britischen Zone eine erste Initiative f\u00fcr ein \u201eGesetz zur Bek\u00e4mpfung der Berufs- und Gewohnheitsverbrecher\u201c gestartet, die allerdings scheiterte.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> An diese Zielsetzungen kn\u00fcpften die Leiter der LKPA auf ihrer 1. Arbeitstagung im August 1949 an: In ihrer auf den Aufbau eines Bundeskriminalpolizeiamtes abzielenden Resolution forderten sie unter anderem eine \u201eZentrale zur Bek\u00e4mpfung internationaler und reisender Berufs- und Gewohnheitsverbrecher\u201c und eine \u201eZentrale zur Bek\u00e4mpfung des Landfahrerunwesens\u201c.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Auf der 3. Arbeitstagung im November 1951 war der \u201eKampf gegen Berufs- und Gewohnheitsverbrecher\u201c Thema.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Zwar akzeptierten die Kriminalisten inzwischen die Einschaltung der Gerichtsbarkeit vor der erw\u00fcnschten Sicherungsverwahrung. Gay forderte aber in seinem Referat eine sofortige Vollstreckbarkeit von Schnellgerichtsurteilen \u2013 ohne R\u00fccksicht auf eingelegte Berufungen.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Als Produkt der Tagung erschien 1952 in der \u201ePolizei\u201c ein Beitrag des \u201eCharlottenburgers\u201c und ehemaligen SS-Sturm\u00adbann\u00adf\u00fchrers im RSHA Fritz Weber. Nach seiner Interpretation war das \u201eGewohnheitsverbrechergesetz\u201c vom November 1933 noch formal in Kraft. Dennoch forderte er ein neues Gesetz, mit dem die vorbeugende Verwahrung unter richterlicher Kontrolle \u2013 ein Zugest\u00e4ndnis an die Gewaltenteilung \u2013 wieder eingef\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p>Diese eindeutig positive Bezugnahme auf die Praxis der \u201eVorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c im NS-Staat griff das BKA 1955 in einer neuen Initiative auf, f\u00fcr die man den Autor der entsprechenden Erlasse im Amt V, Eduard Richrath, pers\u00f6nlich hinzuzog. Im Ergebnis erschien in der Schriftenreihe des BKA ein Band \u00fcber \u201eProbleme der Polizeiaufsicht\u201c, in dem die KZ-Einweisungspraxis als Erfolgsgeschichte dargestellt wurde. Autor war neben dem \u201eCharlottenburger\u201c Rudolf Leitwei\u00df der Leiter des Ausbildungsreferates im Kriminalistischen Institut des BKA, Eberhard Eschenbach, der 1945 direkt in die schleswig-holsteinische Kripo \u00fcbernommen worden war. Hinzu kamen Ver\u00f6ffentlichungen von \u201eCharlottenburgern\u201c in Hiltrup und der \u201ePolizei\u201c. Die BKA-Vorlagen brachten es bis zur Behandlung in der Strafrechtskommission im Bundesjustizministerium. Die Initiative scheiterte zwar wiederum, zeigte aber anschaulich das abgestimmte kriminalpolitische Vorgehen der Seilschaft.<\/p>\n<h4>In der Defensive<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend der Kreis bis dahin offensiv Personalpolitik in eigener Sache betrieben hatte und Einfluss auf die Kriminalpolitik zu nehmen suchte, sollte er in den folgenden Jahren zunehmend in die Defensive geraten. Ausl\u00f6ser war Bernhard Fischer-Schweder, der ebenfalls Teilnehmer eines Kommissarlehrgangs im Polizei-Institut Charlottenburg gewesen war. Fischer-Schweder war aber kein Kriminalist, sondern hatte eine Partei- und SA-Karriere hinter sich, bevor er zur Gestapo kam und schlie\u00dflich Polizeichef von Memel wurde. Als solcher hatte er sich 1941 an Massenerschie\u00dfungen von Juden in Litauen beteiligt. Nach dem Krieg lebte er zun\u00e4chst unter falschem Namen und verschwieg seine Vergangenheit. Mitte der 50er Jahre deutete er das gesellschaftliche Klima falsch und bewarb sich unter Verweis auf seine einstige Laufbahn zur Wiederverwendung im Kripo-Dienst. Weil in diesem Kontext Kenntnisse \u00fcber seine Verbrechen an die \u00d6ffentlichkeit gelangten, trat er mit seiner Bewerbung Ermittlungen los, die zum Ulmer Einsatzgruppen-Prozess f\u00fchrten, an dessen Ende 1958 seine Verurteilung zu zehn Jahren Haft stand.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Bedeutsamer als das Urteil selbst war die dem Prozess folgende Gr\u00fcndung der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg und die damit beginnenden systematischen Ermittlungen zu NS-Verbrechen. Auch wenn die m\u00f6rderischen Konsequenzen der \u201eVorbeugenden Verbrechensbek\u00e4mpfung\u201c und der Verfolgung und Deportation der Roma und Sinti niemals zu Strafverfahren f\u00fchrten, waren die Ermittlungst\u00e4tigkeiten f\u00fcr die \u201eAlten Charlottenburger\u201c ausgesprochen be\u00addrohlich, da etliche von ihnen an den Einsatzgruppen-Morden beteiligt waren. Von den 92 Personen, die 1971 im Verteiler der \u201eAlten Charlottenburger\u201c standen \u2013 also damals noch lebten \u2013, waren lediglich acht nicht von den umfangreichen Ermittlungen zu NS-Verbrechen betroffen. Diejenigen, bei denen die Verfahren zur Suspendierung f\u00fchrten, \u00fcberbr\u00fcckten diese Zeit vielfach durch Arbeitsverh\u00e4ltnisse in der Wirtschaft und kehrten anschlie\u00dfend in den Polizeidienst zur\u00fcck. Insgesamt f\u00fchlten sich die Kriminalisten jedoch \u2013 trotz ihrer Beteiligung an den NS-Verbrechen \u2013 vor Strafverfolgung gesch\u00fctzt. Wie selbstsicher die \u201eAlten Charlottenburger\u201c auftraten, zeigt eine Episode, die der fr\u00fchere Leiter der Sonderkommission f\u00fcr NS-Gewaltverbrechen in Schleswig-Holstein, Karl-Georg Schulz, dem Autor schilderte: Als er den ehemaligen Mitarbeiter im Amt V, Waldemar Krause, gegen den als Chef des Sonderkommandos 4b der Einsatzgruppe C ermittelt wurde, in Untersuchungshaft nahm, habe dieser ihn nur gefragt, warum Schulz das tue. Er wisse doch genau, dass er in sp\u00e4testens 24 Stunden wieder frei sei.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Die Dimension der Beg\u00fcnstigung und gegenseitigen Unterst\u00fctzung ehemaliger \u201eCharlottenburger\u201c bei solchen Ermittlungen ist bislang noch nicht ausgelotet worden und stellt ein anhaltendes Desiderat dar. Fakt ist, dass die britische Besatzungsplanung und -praxis es den \u201eCharlottenburgern\u201c erm\u00f6glichte, ihre kriminalpolizeiliche T\u00e4tigkeit direkt nach Kriegsende fortzusetzen. Den \u201eAlten Charlottenburgern\u201c gelang es, jahrzehntelang nicht nur die Personalpolitik und die kriminalpolitischen Diskurse der westdeutschen Kripo, sondern auch die Deutung kriminalpolizeilicher T\u00e4tigkeit im NS-Staat zu bestimmen.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> So wurde noch 1986 in einem Polizeilehrbuch die Begr\u00fcndung von Walter Zirpins f\u00fcr die hohe Kriminalit\u00e4t nach Kriegsende \u00fcbernommen: Sie sei verursacht worden durch die \u201eFreilassung des gr\u00f6\u00dften Teils der strafgefangenen und sicherungsverwahrten Berufsverbrecher, Asozialen und kriminellen Landfahrer\u201c.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Dies ist die stark gek\u00fcrzte Version eines Aufsatzes, der gerade mit ausf\u00fchrlichen Nachweisen in einem von Klaus-Michael Mallmann und Andrej Angrick herausgegebenen Sammelband erschienen ist: Die Gestapo nach 1945. Karrieren, Konflikte, Konstruktionen. Ver\u00f6ffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universit\u00e4t Stuttgart, Bd. 14, Darmstadt 2009. Die Redaktion dankt f\u00fcr die Abdruck-Genehmigung.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Banach, J.: Heydrichs Elite. Die F\u00fchrerkorps der Sicherheitspolizei und des SD 1936-1945, Paderborn u.a. 1998, S. 106 ff. u. 264-276<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Wagner, P.: Volksgemeinschaft ohne Verbrecher, Hamburg 1996, S. 235-243<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> genaueres bei Linck, S.: Der Ordnung verpflichtet. Deutsche Polizei 1933\u20131949. Der Fall Flensburg, Paderborn u.a. 2000, S. 186\u2013193; ders.: Zur Personalpolitik der britischen Besatzungsmacht gegen\u00fcber der deutschen Kriminalpolizei nach 1945, in: F\u00fcrmetz, G.; Reinke, H.; Weinhauer, K. (Hg.): Nachkriegspolizei. Sicherheit und Ordnung in Ost- und Westdeutschland 1945-1969, Hamburg 2001, S. 105-127<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wildt, M.: Generation des Unbedingten. Das F\u00fchrungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002, S. 790-796<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schenk, D.: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA, K\u00f6ln 2001, S. 133 ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Linck: Der Ordnung verpflichtet a.a.O. (Fn. 3), S. 340 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Schenk a.a.O. (Fn. 5), S. 67 f. u. 282 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> ebd., S. 177<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Wagner, P.: Kriminalpolizei und \u201einnere Sicherheit\u201c in Bremen und Nordwestdeutschland zwischen 1942 und 1949, in: Frank Bajohr (Hg.): Norddeutschland im Nationalsozialismus, Hamburg 1993, S. 259<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> abgedruckt in: Die Polizei 1949, H. 2, S. 282<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Linck: Personalpolitik a.a.O. (Fn. 3), S. 125 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Bericht \u00fcber die 3. Arbeitstagung der Leiter der LKPA v. 13.\u201315.11.1951, in: Mitteilungen aus dem Polizei-Institut Hiltrup 1952, H. 1, S. 12 ff.; Referat von Gay auf S. 16 ff.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> vgl. Klemp, S.: \u201eNicht ermittelt\u201c. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz \u2013 Ein Handbuch, Essen 2005, S. 355<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> vgl. Peters, O.H.: Schleswig-Holstein hat sich als Versteck f\u00fcr NS-Verbrecher bew\u00e4hrt: F\u00fcr Erich Waldemar Krause wurde sogar gelogen, in: ISHZ 23, November 1992, S. 61 f.; zur Unterst\u00fctzung Krauses: Klemp a.a.O. (Fn. 13), S. 397<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> vgl. die apologetische Darstellung von Wehner, B.: Dem T\u00e4ter auf der Spur. Die Geschichte der deutschen Kriminalpolizei, Bergisch Gladbach 1983<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Zirpins, W.: Die Entwicklung der polizeilichen Verbrechensbek\u00e4mpfung in Deutschland, in: Taschenbuch f\u00fcr Kriminalisten, Bd. 5, Hamburg 1955, S. 292; die gleiche Formulierung findet sich bei Harnischmacher, R.; Semerak, A.: Deutsche Polizeigeschichte. Eine allgemeine Einf\u00fchrung in die Grundlagen, Stuttgart 1986, S. 31<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Stephan Linck Ein Netzwerk ehemaliger Beamter des Reichskriminalpolizeiamtes dominierte bis in die 60er Jahre<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,98],"tags":[196,309,1011,1060,1109],"class_list":["post-7566","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-092","tag-alte-charlottenburger","tag-bundeskriminalamt","tag-ns-vergangenheit","tag-paul-dickopf","tag-polizeigeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7566","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7566"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7566\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7566"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7566"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7566"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}