{"id":7574,"date":"2009-02-17T21:28:22","date_gmt":"2009-02-17T21:28:22","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7574"},"modified":"2009-02-17T21:28:22","modified_gmt":"2009-02-17T21:28:22","slug":"bandenkampf-und-blinde-flecken-der-gebrauch-von-geschichte-in-der-polizei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7574","title":{"rendered":"Bandenkampf und blinde Flecken &#8211;\u00a0Der Gebrauch von \u201eGeschichte\u201c in der Polizei"},"content":{"rendered":"<h3>von Michael Sturm<\/h3>\n<p><strong>Die polizeiliche Historiografie war w\u00e4hrend Jahrzehnten eine biedere Hausgeschichtsschreibung, die mehr verschleierte als erhellte. Diese Haltung scheint heute einer neuen Offenheit zu weichen. F\u00fcr das gegenw\u00e4rtige Selbstverst\u00e4ndnis, die Handlungsmuster und Einsatzkonzepte bleibt die Auseinandersetzung vor allem mit der NS-Vergangenheit jedoch folgenlos.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eVorbehaltlos\u201c aber weitgehend inhaltsleer waren die Bekenntnisse zur parlamentarischen Demokratie, die die Polizei nach 1949 in Fachzeitschriften, Pr\u00e4ambeln von Ausbildungshandb\u00fcchern oder Ansprachen bei der Vereidigung von Bereitschaftspolizeieinheiten ablegte. Die Spuren der kommunalen und nicht-militarisierten Polizeikonzepte, die die britischen und amerikanischen Besatzungsm\u00e4chte \u2013 wenn auch vielfach nur halbherzig \u2013 zu installieren versucht hatten, waren schnell beseitigt. Nachdem die Polizeigewalt wieder in deutschen H\u00e4nden war, bem\u00fchte man sich um eine Restauration des preu\u00dfisch-deutschen Polizeimodells.<!--more--><\/p>\n<p>Die Strukturen, das Selbstverst\u00e4ndnis und die paramilit\u00e4rische Ausr\u00fcstung der neuen Bereitschaftspolizeiverb\u00e4nde kn\u00fcpften nahezu bruchlos an die geschlossenen Schutzpolizeiformationen der 20er und 30er Jahre an. Dass die Polizei der fr\u00fchen Bundesrepublik vor allem hier ihre Traditionen suchte, war nicht zuletzt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass zahlreiche Polizeif\u00fchrer ihre Karrieren bei den Truppenpolizeien der Weimarer Republik begonnen hatten und mental besonders von den Einsatzerfahrungen jener Jahre gepr\u00e4gt waren. Diese Generation von Beamten, die Klaus Weinhauer treffend als \u201ePatriarchen\u201c bezeichnet,<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> dominierte das Selbstverst\u00e4ndnis und die Au\u00dfendarstellung der Polizei bis zur Mitte der 60er Jahre.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Ereignisse wie der Mitteldeutsche Aufstand 1921, der Berliner \u201eBlutmai\u201c 1929 oder der \u201eAltonaer Blutsonntag\u201c 1932 wurden in den Fachzeitschriften und Ausbildungshandb\u00fcchern ausf\u00fchrlich rezipiert \u2013 und zwar nicht nur, um die damaligen Strategien der Schutzpolizei im Hinblick auf k\u00fcnftige Eins\u00e4tze zu analysieren. Ziel war es vor allem, das kollektive Selbstbewusstsein der neu gegr\u00fcndeten Bereitschaftspolizeien durch die Konstruktion positiver historischer Referenzpunkte zu untermauern. In zahlreichen Aufs\u00e4tzen wurden die K\u00e4mpfe der Weimarer Republik noch einmal geschlagen. Die f\u00fcr die beschriebenen Polizeieins\u00e4tze charakteristische, bisweilen milit\u00e4rische Ge\u00adwaltanwendung geriet dabei ebenso wenig zum Gegenstand kritischer Reflexionen wie die Frage, ob die Glorifizierung b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlicher Auseinandersetzungen mit dem Selbstverst\u00e4ndnis einer modernen demokratischen Polizei zu vereinbaren sei. \u00dcberschriften wie: \u201eHart gepr\u00fcft, aber bestanden. Polizeitruppe rettete die Heimat vor dem Terror\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> verdeutlichten die durchweg apologetische Tendenz dieser Texte.<\/p>\n<p>Weit weniger ausf\u00fchrlich befasste sich die polizeiliche Historiografie mit der Rolle der eigenen Institution und ihrer Beamten w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus. Auch wenn sie wie Adolf von Bomhard, Heinrich Lankenau oder Paul Riege nach 1945 nicht mehr eingestellt wurden, avancierten hohe Polizeif\u00fchrer des \u201eDritten Reiches\u201c zu einflussreichen geschichtspolitischen Akteuren in eigener Sache, die es geschickt verstanden, den gerne geglaubten Mythos von der \u201esauberen Ordnungspolizei\u201c zu verbreiten. Einige ihrer Publikationen galten noch vor wenigen Jahren als \u201eStandardwerke\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das Echo dieser Version der Geschichte hallte auch durch die Fachzeitschriften: Die Staatsmacht sei zwar vom Regime f\u00fcr dessen Zwecke \u201emissbraucht\u201c worden, insgesamt h\u00e4tten sich aber die \u201eMachthaber im NS-Staat \u2026 zur Durchsetzung ihrer Ziele \u2026 ganz anderer Mittel als der regul\u00e4ren Polizei\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> bedient. Nicht selten wurden auch die \u201evorbildlichen\u201c Leistungen der w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs im Bereich der Partisanenbek\u00e4mpfung eingesetzten Polizeibeamten hervorgehoben. Von den beispiellosen Massenverbrechen der Polizeibataillone, die gewisserma\u00dfen als \u201eFu\u00dfvolk der Endl\u00f6sung\u201c (Klaus-Michael Mallmann) eine blutige Spur quer durch Europa gezogen hatten, war freilich zu diesem Zeitpunkt an keiner Stelle die Rede.<\/p>\n<h4>Einsatzkonzepte zwischen Beat und B\u00fcrgerkrieg<\/h4>\n<p>Die historischen und personellen Kontinuit\u00e4tslinien zur Weimarer Republik pr\u00e4gten bis weit in die 60er Jahre die polizeilichen Einsatzkonzepte, die sich in erster Linie auf die Bew\u00e4ltigung b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlicher Szenarien konzentrierten und zumal in Zeiten des Kalten Krieges auf antikommunistische Feindbilder rekurrierten. In einem 1954 erschienenen Beitrag in \u201eDie Polizei\u201c hie\u00df es beispielsweise: \u201eDer St\u00f6rer Nr. 1 in der Bundesrepublik ist derselbe wie in den Zeiten der Weimarer Republik, nur mit dem Unterschied, dass wir damals kein dreigeteiltes Deutschland und die Sowjets nicht unmittelbar hinter einem \u201aEisernen Vorhang\u2018 hatten.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Im Zentrum der Bedrohungsanalysen vor allem der Bereitschaftspolizeien und des Bundesgrenzschutz stand die Vorstellung des durch bewaffnete Umsturzversuche hervorgerufenen Ausnahmezustands. Diese Szenarien beherrschten auch die Ausbildungsinhalte der geschlossenen Polizeiverb\u00e4nde. Zwar galt die Festnahme von \u201eSt\u00f6rern\u201c als vorrangiges Ziel polizeilichen Einschreitens, das Ein\u00fcben von Zugriffs- und Festnahmetechniken spielte aber bei der Bereitschaftspolizei nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen befassten sich die Ausbildungsrichtlinien mit Einsatzlagen, die augenscheinlich \u201emilit\u00e4risch\u201c gel\u00f6st werden sollten. Das 1930 erstmals erschienene und rund zwanzig Jahre sp\u00e4ter fast unver\u00e4ndert neuaufgelegte Standardwerk \u201eDer Einsatz st\u00e4rkerer Polizeikr\u00e4fte\u201c diskutierte unterschiedliche Angriffsvarianten gegen bewaffnete \u201eSt\u00f6rer\u201c: \u201eL\u00e4sst der Widerstand nicht nach, so muss das Widerstandsnest umgangen oder durch den Einsatz von Schnellfeuerwaffen und gen\u00fcgend Munition ausgeschaltet werden.\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Bei den mehrt\u00e4gigen Einsatz\u00fcbungen der Bereitschaftspolizei, die sich kaum von milit\u00e4rischen Man\u00f6vern unterschieden, ging es denn auch in der Regel darum, marodierende, die Bev\u00f6lkerung terrorisierende \u201ekommunistisch\u201c gesteuerte \u201eBanden\u201c unsch\u00e4dlich zu machen und die \u00f6ffentliche Sicherheit wieder herzustellen.<\/p>\n<p>In der Praxis polizeilicher Demonstrationseins\u00e4tze w\u00e4hrend der 50er und 60er Jahre zeigte sich deutlich, dass die Verabsolutierung starrer Ordnungsvorstellungen wie auch die Rezeption \u00fcberkommener massenpsychologischer Theorien des 19. Jahrhunderts zu unflexiblen Handlungsstrategien f\u00fchrten, die Gewalteskalationen oder auch nur \u201eUnordnung\u201c oftmals erst hervorriefen. Der langj\u00e4hrige M\u00fcnchner Polizeipr\u00e4sident Manfred Schreiber konstatierte im R\u00fcckblick, die \u201ePolizeitaktik gegen\u00fcber demonstrierenden Mengen\u201c sei bis zum Beginn der 60er Jahre jene der Bayerischen Landespolizei vor 1933 gewesen: \u201eAufsitzen, Ausr\u00fccken, Absitzen, R\u00e4umen, Aufsitzen, Einr\u00fccken, Essenfassen.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die Bezugnahme auf die Polizeikonzepte der Weimarer Republik sowie die damit einhergehende mythische \u00dcberh\u00f6hung des Staates geriet erst Ende der 60er Jahre ins Wanken. Vorausgegangen waren spektakul\u00e4re Jugendproteste, etwa die Welle der \u201eHalbstarkenkrawalle\u201c 1957\/58, die \u201eSchwabinger Krawalle\u201c im Juni 1962 oder die \u201eBeatkrawalle\u201c anl\u00e4sslich der Konzerttourneen der \u201eBeatles\u201c und der \u201eRolling Stones\u201c 1965\/66, bei denen es oftmals zu brachialen Polizeieins\u00e4tzen kam. Diese Erfahrungen lie\u00dfen zum einen auch innerhalb der Polizei die Erkenntnis wachsen, dass die auf b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Szenarien fokussierten Ausr\u00fcstungs- und Ausbildungsstandards den politischen und kulturellen Wirklichkeiten der Bundesrepublik kaum entsprachen \u2013 eine Wahrnehmung, die durch das Abflauen der Blockkonfrontation w\u00e4hrend der 60er Jahre weiter verst\u00e4rkt wurde. Zum anderen entstanden seit Ende der 50er Jahre erste Ans\u00e4tze einer kritischen Zivilgesellschaft, die von der Polizei die Einhaltung b\u00fcrgerrechtlicher Mindeststandards verlangte. Im Kontext des Ulmer \u201eEinsatzgruppenprozesses\u201c (1958), des Eichmann-Prozesses in Jerusalem (1961) und des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963-1965) r\u00fcckte zudem die unbew\u00e4ltigte NS-Vergan\u00adgenheit verst\u00e4rkt ins \u00f6ffentliche Bewusstsein. Die personellen Kontinuit\u00e4tslinien in den Polizeibeh\u00f6rden und Verfassungsschutz\u00e4mtern wurden nun zunehmend als skandal\u00f6s wahrgenommen.<\/p>\n<h4>Befangene Polizeireformen<\/h4>\n<p>Das Selbstverst\u00e4ndnis wie auch die Strukturen und Einsatzstrategien der Polizei in der Bundesrepublik erfuhren in Folge dieser Entwicklungen wie auch durch die Erfahrungen mit den Protesten der 68er-Bewegung einschneidende Umbr\u00fcche. Als Protagonisten der Polizeireformen firmierte eine neue, in den 20er Jahren geborene Generation von Beamten, die ihre Karrieren meist erst nach 1945 begonnen hatten und sich in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis von den \u201ePatriarchen\u201c erkennbar abhoben. Paradoxerweise leiteten gerade die 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze eine strukturelle Entmilitarisierung der Polizei ein. Die Gesetze, die seither in Krisenf\u00e4llen den Einsatz der Bundeswehr im Innern erm\u00f6glichen, f\u00fchrten zu einem Funktionswandel der Bereitschaftspolizeien und des Bundesgrenzschutzes (BGS), die ihre Bedeutung als potentielle \u201eB\u00fcrgerkriegsar\u00admeen\u201c verloren. Die milit\u00e4rischen Waffen verschwanden allm\u00e4hlich aus ihren Arsenalen. Die Ausbildungsinhalte und \u00dcbungsszenarien vor allem der geschlossenen Einheiten sollten anderen Schwerpunkten folgen.<\/p>\n<p>Die Polizei galt nunmehr als integraler Bestandteil des expandierenden Sozialstaates. Polizeiliche T\u00e4tigkeitsfelder sollten dieser Vorstellung zufolge k\u00fcnftig st\u00e4rker in pr\u00e4ventive Bereiche verlagert werden. Die Erwartungen richteten sich auf einen professionalisierten und verwissenschaftlichten Polizeiapparat, der im Verbund mit anderen Institutionen des Sozialstaates in der Lage sein sollte, gesellschaftliche Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. In einigen Beitr\u00e4gen der umfangreichen Reformdebatten, die besonders in den Jahren zwischen 1969 und 1972 die Diskurse in den polizeilichen Fachzeitschriften pr\u00e4gten, wurden daher Entw\u00fcrfe skizziert, die den Polizeibeamten der Zukunft als eine Art \u201eSozialarbeiter\u201c zu definieren versuchten. In jenen Jahren begann sich die Polizei in bis dahin nie da gewesenem Umfang f\u00fcr au\u00dferpolizeiliche Einrichtungen zu \u00f6ffnen; diese Entwicklung verlief durchaus nicht spannungsfrei, aber gemessen an den von Kulturpessimismus und elit\u00e4rem Denken gepr\u00e4gten polizeilichen Selbstbildern der 50er und fr\u00fchen 60er Jahre war ein Ver\u00e4nderungsprozess hin zu einer Demokratisierung der Polizeistrukturen erkennbar. Am bedeutendsten erwies sich in diesem Kontext die \u00d6ffnung gegen\u00fcber den Sozialwissenschaften und der Psychologie. In der Polizei wuchs die Bereitschaft, verschiedene Facetten der Institution auch von als polizeikritisch geltenden Sozialwissenschaftlern untersuchen zu lassen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Die umfangreichen Polizeireformen waren jedoch fast ausschlie\u00dflich nach \u201evorne\u201c gewandt und erwiesen sich eigent\u00fcmlich \u201egeschichtsblind\u201c. So blieb auch w\u00e4hrend der 70er Jahre die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit innerhalb der Polizei im Wesentlichen das Bet\u00e4tigungsfeld interessierter Einzelpersonen, die unter ihren Kollegen im besten Fall als ein wenig kauzig galten, sich bisweilen jedoch dem Ver\u00addacht der \u201eNestbeschmutzung\u201c ausgesetzt sahen. Die Feststellung, dass trotz der erkennbaren Liberalisierungstendenzen die Rolle der Polizei im Nationalsozialismus kaum thematisiert wurde, hatte vor allem zwei Ursachen. Erstens w\u00e4hrte die Reformeuphorie innerhalb der Polizei nicht lange. Die Anschl\u00e4ge der RAF und die blutig verlaufende Geiselnahme israelischer Sportler w\u00e4hrend der Olympischen Spiele in M\u00fcnchen im September 1972 f\u00fchrten zu einem deutlichen Abflauen der polizeilichen \u00d6ffnungs- und Demokratisierungsdiskurse \u2013 eine Entwick\u00adlung, die sich im Kontext der zahlreichen Protestereignisse der folgenden Jahre weiter verst\u00e4rken sollte. Von nun an folgten der Aus- und Umbau der Sicherheitsarchitektur in der Bundesrepublik fast ausschlie\u00dflich den vermeintlichen Notwendigkeiten einer effektiven Terrorismusbek\u00e4mpfung, die offenkundig keinen Raum lie\u00dfen f\u00fcr kritische historische Fragestellungen. Im Gegenteil: Zumindest bis Mitte der 70er Jahre erlebte die Er\u00f6rterung von \u201eBandenkampf\u201c-Szenarien in polizeilichen Diskursen eine erkennbare Renaissance.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Zweitens ist auf die pers\u00f6nliche Befangenheit zahlreicher Protagonisten der Polizeireformen zu verweisen, die trotz der von ihnen ausgehenden Demokratisierungsans\u00e4tze weiterhin enge Beziehungen zur Generation der \u201ePatriarchen\u201c unterhielten, die wom\u00f6glich an den Massenverbrechen der Polizei im NS-Staat beteiligt gewesen waren, zumindest aber davon gewusst haben konnten. Diese N\u00e4he resultierte zweifellos aus der oftmals hermetischen, von Prim\u00e4rgruppenbindungen gepr\u00e4gten m\u00e4nnlichen \u201eDienstgemeinschaft\u201c, die f\u00fcr die Organisationskultur der Beh\u00f6rde bis in die 60er Jahre kennzeichnend war und in der die f\u00fcr den Polizeiberuf als notwendig betrachteten Kenntnisse und Erfahrungen von den \u00c4lteren an die J\u00fcngeren weitergegeben wurden.<\/p>\n<p>Die im Hinblick auf die kritische Thematisierung der NS-Vergan\u00adgenheit problematische pers\u00f6nliche N\u00e4he zwischen \u00e4lteren \u201ePatriarchen\u201c und j\u00fcngeren \u201eModernisierern\u201c hob etwa Siegfried Zaika in einem Zeitzeugengespr\u00e4ch im Jahr 2002 hervor. Zaika, Polizeibeamter seit 1947, sp\u00e4ter Dozent an der Polizeif\u00fchrungsakademie in M\u00fcnster-Hiltrup, und w\u00e4hrend der 70er Jahre ein Verfechter der Polizeireformen in Nordrhein-Westfalen, hatte neben seinem Beruf Geschichte studiert und 1979 \u00fcber \u201edie preu\u00dfische Schutzpolizei in der Weimarer Republik\u201c promoviert.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Wie er r\u00fcckblickend einr\u00e4umte, w\u00e4re es ihm aufgrund seiner historischen Forschungen m\u00f6glich gewesen, auch \u00fcber die Eins\u00e4tze der Ordnungspolizei in Osteuropa und der Sowjetunion w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges zu schreiben. Dies h\u00e4tte ihn aber in die von ihm als misslich empfundene Situation bringen k\u00f6nnen, diskreditierende Erkenntnisse \u00fcber \u00e4ltere Kol\u00adlegen ver\u00f6ffentlichen zu m\u00fcssen.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Die Beobachtung, dass intergenerationelle Bindungen eine kritische Besch\u00e4ftigung mit der NS-Geschichte \u00fcber Jahrzehnte hinweg blockierten, zumindest aber erschwerten, gilt freilich nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Polizei, sondern auch f\u00fcr zahlreiche andere Berufsgruppen, wie beispielsweise die heftigen Kontroversen \u00fcber die Rolle der Historiker im \u201eDritten Reich\u201c belegt haben. Demnach f\u00fchrte erst ein weiterer generationeller Umbruch zu einer offeneren und kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus.<\/p>\n<h4>\u201eBew\u00e4ltigte\u201c Vergangenheit \u2013 b\u00fcrgerfreundliche Polizei?<\/h4>\n<p>Diese Z\u00e4sur ist etwa auf den Zeitraum zwischen 1988 und 1992 zu datieren, also jene Phase, in der die Alterskohorte der w\u00e4hrend der 20er Jahre Geborenen aus dem Dienst ausschied und denen nun Beamte folgten, die zum einen kaum noch \u00fcber Verbindungen zu den \u201ePatriarchen\u201c verf\u00fcgten, zum anderen oftmals die in den 1970er Jahren geschaffenen neuen Aus- und Fortbildungseinrichtungen der Polizei durchlaufen hatten. Seit den 80er Jahren r\u00fcckten zudem neuere historische und sozialwissenschaftliche Forschungen zum Nationalsozialismus das \u201eHinnehmen und Mitmachen der Vielen\u201c (Alf L\u00fcdtke) ins Zentrum der Betrachtung. In diesem Kontext erhielt auch der Mythos von der \u201esauberen Ordnungspolizei\u201c erste Risse. Einen Ausgangspunkt hierf\u00fcr bildete Christopher Brow\u00adnings Studie \u00fcber die \u201eganz normalen M\u00e4nner\u201c des Hamburger Reservepolizeibataillons 101.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Wichtige Impulse gingen auch von Daniel Goldhagens Werk \u201eHitlers willige Vollstrecker\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> sowie den beiden so genannten Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung aus. In deren Folge entstanden, an manchen Orten in enger Kooperation mit der Polizei, einige bemerkenswerte Ausstellungs- und Forschungsprojekte zur Geschichte einzelner Polizeibataillone und lokaler Polizeibeh\u00f6rden in der Zeit des \u201eDritten Reichs\u201c. Zu nennen sind hier beispielsweise die im Jahr 2000 er\u00f6ffnete Wanderausstellung \u201eWessen Freund und wessen Helfer\u201c, die sich der K\u00f6lner Polizei im Nationalsozialismus widmete, oder die Dauerausstellung \u201eTransparenz und Schatten. D\u00fcsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur\u201c, die seit 2007 im Polizeipr\u00e4sidium D\u00fcsseldorf zu sehen ist.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Insgesamt ist festzustellen, dass innerhalb der offiziellen Polizeikultur in der Bundesrepublik sp\u00e4testens seit der Jahrtausendwende die verbrecherische Rolle der Ordnungs\u00adpolizei im NS-Staat kaum mehr umstritten ist.<\/p>\n<p>Der neue polizeiliche Umgang mit der Geschichte bleibt indessen am\u00adbivalent. Zwar sind die Aktivit\u00e4ten einzelner Polizeibeamten, die sich en\u00adgagiert um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ihrer Beh\u00f6rde bem\u00fchen ebenso zu begr\u00fc\u00dfen wie die daraus resultierende Abkehr von Jahrzehnte lang tradierten Mythen. Dennoch ist erstens die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte innerhalb der Polizei weiterhin ein Min\u00adderheitenph\u00e4nomen. Nach wie vor h\u00e4ngen diese Initiativen von Einzelpersonen ab, die meist auf h\u00f6heren polizeilichen F\u00fchrungs- und Verwaltungsebenen t\u00e4tig sind, w\u00e4hrend die \u201eBasis\u201c mit den Projekten in der Regel kaum in Ber\u00fchrung kommt. Vergleicht man die von den verschiedenen Polizeibeh\u00f6rden initiierten oder unterst\u00fctzten Ausstellungs- und Publikationsprojekte, sind zudem erhebliche Unterschiede im Hinblick auf deren fachwissenschaftlichen und didaktischen Gehalt festzustellen. Das Spektrum reicht dabei von inhaltlich anspruchsvollen multimedialen Pr\u00e4sentationen bis hin zur schlichten Devotionaliensammlung, die sich mit der Vorf\u00fchrung m\u00f6glichst vieler Waffen und Uniformkn\u00f6pfe begn\u00fcgt. Diese Beobachtung verweist auf einen zweiten Punkt. Die Vermittlung von Polizeigeschichte ist in der Aus- und Fortbildung, mit Ausnahme einiger Modellversuche etwa in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, nicht vorgesehen. Insofern scheint die polizeiliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weniger die Herausbildung eines reflektierten kri\u00adtischen Geschichtsbewusstseins unter den Beamten zu bezwecken. Vielmehr bildet das Bekenntnis zu den Verbrechen der Ordnungspolizei in der Zeit des Nationalsozialismus den negativen Ausgangspunkt einer identifikationsstiftenden Basiserz\u00e4hlung, die die Entwicklung der Polizei in der Bundesrepublik als beispiellose Erfolgsstory deklariert. Auffallend ist drittens, dass sich an die Besch\u00e4ftigung mit der NS-Vergangenheit innerhalb der Polizei keine gegenwartsbezogenen Reform- und Demokratisierungspostulate kn\u00fcpfen. Im Gegenteil: Polizeiliche Diskurse sind zur Zeit \u2013 anders als w\u00e4hrend der \u201eReform\u00e4ra\u201c der Bundesrepublik am Ende der 60er Jahre oder im Kontext des \u201eBrokdorf\u201c-Urteils des Bundesverfassungsgerichts Mitte der 80er Jahre \u2013 von einem deutlichen Pragmatismus gepr\u00e4gt, der die vermeintlichen Sachzw\u00e4nge der Inneren Sicherheit und deren Bew\u00e4ltigung durch die Polizei in den Mittelpunkt r\u00fcckt. Damit einher gehen Strategien des \u201eprotest policing\u201c, die trotz aller Bekenntnisse zur Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG), in erster Linie die Herstellung \u201efl\u00e4chendeckender Ordentlichkeit\u201c (Alf L\u00fcdtke) im Blick zu haben scheinen. Der Verweis auf die martialischen (milit\u00e4risch unterst\u00fctzten) Polizeieins\u00e4tze in Heiligendamm anl\u00e4sslich des G8-Gipfels im Juni 2007 soll an dieser Stelle gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Eine Polizeigeschichte indes, die sich auf eine reine Historisierung der NS-Vergangenheit beschr\u00e4nkt, deren nachwirkenden personellen, strukturellen und mentalen Kontinuit\u00e4tslinien aber ebenso ausblendet, wie aktuelle Bez\u00fcge, verliert jegliches kritische Potential und mutiert zu affirmativer Geschichtspolitik in eigener Sache.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Weinhauer, K.: Schutzpolizei in der Bundesrepublik. Zwischen B\u00fcrgerkrieg und Innerer Sicherheit. Die turbulenten sechziger Jahre, Paderborn 2003<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> in: Die Polizei 1954, H. 7\/8, S. 70 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Lankenau, H.: Polizei im Einsatz w\u00e4hrend des Krieges 1939\u20131945 in Rheinland-West\u00adfa\u00adlen, Bremen 1957; Riege, P.: Kleine Polizei-Geschichte, L\u00fcbeck 1954 (Neuauflagen 1959 und 1966)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Kunke, B.: Probleme der \u201eInneren F\u00fchrung\u201c, in: Die Polizei 1963, H. 5, S. 145<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Liebau, K.: Warum sind besondere F\u00fchrungsst\u00e4be f\u00fcr die Bereitschaftspolizei erforderlich?, in: Die Polizei 1954, H. 21\/22, S. 214<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Kreutzer, M.: Der Einsatz st\u00e4rkerer Polizeikr\u00e4fte, M\u00fcnchen 1950, S. 107<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Schreiber, M.: Das Jahr 1968 in M\u00fcnchen, in: Schubert, V. (Hg.): 1968. 30 Jahre danach, St. Ottilien 1999, S. 35-52 (38)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> s. u.a. Feest, J.; Blankenburg, E.: Die Definitionsmacht der Polizei. Strategien der Strafverfolgung und soziale Selektion, D\u00fcsseldorf 1972<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Weinhauer, K.: Zwischen \u201ePartisanenkampf\u201c und \u201eKommissar Computer\u201c: Polizei und Linksterrorismus in der Bundesrepublik bis Anfang der 1980er Jahre, in: ders.; Requate, J.; Haupt, H.-G. (Hg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt 2006, S. 244-270<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Zaika, S.: Polizeigeschichte. Die Exekutive im Lichte der historischen Konfliktforschung. Untersuchungen \u00fcber die Theorie und Praxis der preu\u00dfischen Schutzpolizei in der Weimarer Republik zur Verhinderung und Bek\u00e4mpfung innerer Unruhen, L\u00fcbeck 1979<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Siegfried Zaika am 18.2.2002, Geschichtsort Villa ten Hompel, M\u00fcnster<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Browning, C.: Ganz normale M\u00e4nner. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die \u201eEndl\u00f6sung\u201c in Polen, Reinbek b. Hamburg 1993<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Goldhagen, D.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gew\u00f6hnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Buhlan, H.; Jung, W. (Hg.): Wessen Freund und wessen Helfer? Die K\u00f6lner Polizei im Nationalsozialismus, K\u00f6ln 2000; Geschichte am J\u00fcrgensplatz e.V. (Hg.): Transparenz und Schatten. D\u00fcsseldorfer Polizisten zwischen Demokratie und Diktatur. Katalog zur Dauerausstellung im Polizeipr\u00e4sidium D\u00fcsseldorf, D\u00fcsseldorf 2008<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Michael Sturm Die polizeiliche Historiografie war w\u00e4hrend Jahrzehnten eine biedere Hausgeschichtsschreibung, die mehr verschleierte<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":11045,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,98],"tags":[342,355,1007,1011,1109],"class_list":["post-7574","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-092","tag-bundesgrenzschutz","tag-bundeswehr","tag-notstandsgesetze","tag-ns-vergangenheit","tag-polizeigeschichte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7574","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7574"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7574\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/11045"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7574"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7574"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7574"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}