{"id":7596,"date":"2009-07-18T07:24:27","date_gmt":"2009-07-18T07:24:27","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7596"},"modified":"2009-07-18T07:24:27","modified_gmt":"2009-07-18T07:24:27","slug":"unbrauchbar-und-kontraproduktiv-fuer-die-abschaffung-des-bundesnachrichtendienstes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7596","title":{"rendered":"Unbrauchbar und kontraproduktiv &#8211;\u00a0F\u00fcr die Abschaffung des Bundesnachrichtendienstes"},"content":{"rendered":"<h3>von Gaby Weber<\/h3>\n<p><strong>Niemand hat den BND je geliebt, doch keine der im Bundestag vertretenen Parteien plant seine Abschaffung. Im Gegenteil: Alle hoffen darauf, wenn sie nur endlich mal an den Schalthebeln sitzen, dass er auch ihnen zu Diensten sein k\u00f6nnte, zum Beispiel im Kampf gegen den politischen Gegner.<\/strong><\/p>\n<p>Ein bisschen Bespitzelung hier, ein wenig Telefonabh\u00f6ren dort \u2013 praktischerweise alles auf Steuerkosten. Es kommt ja nie heraus, im Zweifelsfall wird zur Vertuschung die \u201eNationale Sicherheit\u201c bem\u00fcht. Dabei ging die Rechnung eigentlich nie auf. Keine Regierung war je zufrieden mit dem Dienst. Konrad Adenauer wollte 1962, w\u00e4hrend der Spiegelaff\u00e4re, den BND-Pr\u00e4sidenten Reinhard Gehlen verhaften lassen. Sein Nachfolger warf die Pullacher Verbindungsgruppe aus dem Palais Schaumburg. Ludwig Erhard w\u00f6rtlich: \u201eIch will mit diesen Leuten nicht unter einem Dach sitzen\u201c. Willy Brandt ignorierte die \u201egeheim\u201c gestempelten Berichte, die der Dienst aus der Zeitung abgeschrieben hatte. Helmut Schmidt schimpfte ihn einen \u201eDilettantenverein\u201c, und Helmut Kohl strafte ihn mit Nichtachtung.<!--more--><\/p>\n<p>Jetzt soll der Dilettantenverein wieder n\u00e4her an die politische Macht r\u00fccken. Sp\u00e4testens im Jahr 2012 sollen mehr als die H\u00e4lfte der insgesamt 7.000 hauptamtlichen BND-Mitarbeiter ihre Plattf\u00fc\u00dfe unter einen Schreibtisch in der Berliner Chausseestra\u00dfe strecken. Die Kosten des Neubaus werden mit inzwischen \u00fcber zwei Milliarden Euro veranschlagt, und niemand scheint sich daran zu st\u00f6ren, nicht mal in Krisenzeiten. Schlie\u00dflich steht der Umzug in die Hauptstadt f\u00fcr einen Neuanfang.<\/p>\n<p>Um ein Haar w\u00e4re es mit der Pullacher Beh\u00f6rde zu Ende gewesen. Nachdem sie jahrzehntelang, im Kalten Krieg, von einem Skandal in den n\u00e4chsten gestolpert war, fiel am Ende zu allem Ungl\u00fcck auch noch die Berliner Mauer, und nach und nach flogen die Kundschafter der Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit (MfS) auf. Beim BND sa\u00dfen sie auf Leitungsebene, die Regierungsdirektorin Gabriele Gast und Alfred Spuhler, w\u00e4hrend umgekehrt kein einziger BND-Agent die Normannenstra\u00dfe \u00fcberhaupt nur betreten hat. \u201eIn 40 Jahren Aussp\u00e4hung der DDR und der Sowjetunion hat der BND keinen Beamten verloren\u201c, so Buchautor Hans Halter, \u201eweil sie einfach keinen hingeschickt haben.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie hatten keine Maulw\u00fcrfe, und ihre Analysen waren dilettantisch. Den Bau der Berliner Mauer hatten sie nicht vorhergesehen, sondern dem Regierenden B\u00fcrgermeister am Tag nach dem Mauerbau mitgeteilt, dass an diesem Wochenende \u201emit keinen besonderen Vorkommen\u201c zu rechnen sei. Daf\u00fcr \u00fcbersahen sie auch den Fall der Mauer.<\/p>\n<p>1990 h\u00e4tte die Stunde einer Bilanz schlagen k\u00f6nnen. Und die w\u00e4re nicht nur peinlich, sondern lebensbedrohend gewesen, f\u00fcr den BND, nicht f\u00fcr die Republik. In der Vergangenheit hatte der Dienst versagt und f\u00fcr die Zukunft nichts anzubieten. Der Feind war abhanden gekommen und kein anderer in Sicht.<\/p>\n<p>In den neunziger Jahren waren Terroristen, Drogenh\u00e4ndler und sonstige Dunkelm\u00e4nner noch weitgehend Sache der Strafverfolger. Die Etats der Geheimdienste schrumpften weltweit, Pfr\u00fcnde drohten auf immer verloren zu gehen. Auch konservative Politiker \u00fcberlegten sich, welche anderen Jobs f\u00fcr die bayerischen Spesenritter in Frage k\u00e4men, normale Jobs, mit festen Arbeitszeiten, wo Ausgaben belegt werden m\u00fcssen, wo Arbeit am Erfolg gemessen und bewertet wird? Die wenigsten Schlapph\u00fcte w\u00e4ren den Anforderungen der freien Wirtschaft oder einer normalen Beh\u00f6rde gewachsen gewesen.<\/p>\n<p>War ihre zwielichtige Beteiligung am Plutoniumskandal 1994 ein Versuch, sich ein neues Arbeitsfeld zu erschlie\u00dfen? Die Interna werden dem Parlament und der \u00d6ffentlichkeit bis heute vorenthalten, auf jeden Fall misslang der Versuch. Aber dann kam zum Gl\u00fcck der 11. September 2001, um die Sinnkrise zu \u00fcberwinden. Ab diesem Zeitpunkt hie\u00df es: Kampf dem internationalen Terrorismus mit den selben Methoden, die schon im Kalten Krieg gescheitert waren: unkontrolliertes Verschleudern von Steuermitteln, Bespitzelung breiter Bev\u00f6lkerungskreise und ein absolutes Fehlen jeglicher Qualit\u00e4tskontrolle. Die Hinterm\u00e4nner der An\u00adschl\u00e4ge vom 11. September sind bisher nicht dingfest gemacht worden.<\/p>\n<h4>Von der Organisation Gehlen zum BND<\/h4>\n<p>Der BND wurde 1956 gegr\u00fcndet, an einem Ersten April. Bis dahin hatte er, unter der F\u00fchrung der CIA, als \u201eOrganisation Gehlen\u201c gearbeitet, benannt nach dem Nazigeneral und Leiter der Abteilung \u201eFremde Heere Ost\u201c. Zahlreiche \u201ealte Kameraden\u201c hatte Reinhard Gehlen mitgebracht, also \u201eversorgt\u201c. In Zeiten des Kalten Krieges und des starren Blicks gen Osten reichte ein solider Antikommunismus als Eignungstest. Und es konnte ja niemand nachpr\u00fcfen, was hinter den hohen Mauern des Pullacher Amtes wirklich geschah. Es arbeitete jahrzehntelang abgeschottet, unkontrolliert, ohne Gesetz. Seine einzige Rechtsgrundlage war ein Kabinettsbeschluss. Erst 1990 wurde der Dienst auf eine gesetzliche Grundlage gestellt, konnte aber weiter im Dunkeln werkeln. Im Gegensatz zu den USA, wo der \u201eFreedom of Information Act\u201c auch Geheimdienstunterlagen der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich macht, hat das deutsche Informationsfreiheitsgesetz (IFG) die Nachrichtendienste von der Offenlegung ausdr\u00fccklich ausgenommen.<\/p>\n<p>Durch die Presse geistern immer wieder angebliche Erfolgsmeldungen. Da ist die Rede von der Verhaftung von Terroristen, bei der der BND Hinweise gegeben haben soll. Ein anderes Mal sollen die Pullacher bei der Freilassung von Geiseln mitgewirkt haben. Beweise f\u00fcr die angeblichen Erfolgsmeldungen fehlen, alles bleibt unter dem omin\u00f6sen Mantel der Geheimhaltung.<\/p>\n<p>Der Geheimschutz verhinderte, dass die Verantwortlichen der Skandale jemals zur Rechenschaft gezogen wurden, niemand musste ins Gef\u00e4ngnis, die Beamtenlaufbahn blieb in geordneten Bahnen. Wenn die \u00d6ffentlichkeit Aufkl\u00e4rung und Strafverfolgung forderte, konterte man mit dem \u201eWohl des Bundes\u201c, das bei Offenlegung in Gefahr sei. Damit kamen sie immer durch, so der Berliner Friedensforscher Otfried Nassauer: \u201eNur ihre Komplizen, nie die Beamten, gehen manchmal ein kleines Risiko ein, so etwa bei den illegalen Waffenexporten in Krisenregionen\u201c.<\/p>\n<p>Jahrelang bespitzelte der BND Journalisten, vor allem die, die \u00fcber Geheimdienste recherchierten. Erich Schmidt-Eenboom war wegen seines Buches \u201eSchn\u00fcffler ohne Nase\u201c ins Visier des Pullacher Amtes geraten. Um seinen Quellen auf die Spur zu kommen, lie\u00df ihn der BND drei Jahre lang observieren, bis zu f\u00fcnfzehn Beamte waren im Einsatz. Ob dies auch nur noch einen Anflug von Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit hatte, fragte niemand. Als alles herauskam, beauftragte das Parlament den ehemaligen Bundesrichter Gerhard Sch\u00e4fer mit der Aufkl\u00e4rung. Und dessen Bericht brachte 2006 noch mehr Rechtswidriges ans Tageslicht.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Es passierte auch nichts, als die New York Times meldete, dass der BND kriegsentscheidende Informationen aus dem Irak an seine amerikanischen Freunde und G\u00f6nner geliefert hatte. Dies wurde zwar vom Bundesverwaltungsgericht sp\u00e4ter als \u201ev\u00f6lkerrechtswidrig\u201c erkl\u00e4rt, aber kein Agent oder Mitwisser im Bundeskanzleramt und Au\u00dfenministerium musste den Hut nehmen. Dem Untersuchungsausschuss wurden seitenweise geschw\u00e4rzte Unterlagen vorgelegt, was ebenfalls sp\u00e4ter vor Gericht keine Gnade fand.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Aber au\u00dfer erneuter Emp\u00f6rung in der \u00d6ffentlichkeit geschah nichts. Die Bundesregierung verschanzte sich hinter der Behauptung, der BND sei f\u00fcr die Sicherheit \u201eunverzichtbar\u201c, und die Medien fanden sich damit ab.<\/p>\n<p>Nach jedem Skandal fordern die Politiker sch\u00e4rfere Kontrollen, die \u201enie greifen\u201c, so Schmidt-Eenboom. Bis heute sind die \u201eoperativen Vorg\u00e4nge\u201c des Geheimdienstes weder der parlamentarischen Aufsicht noch dem Bundesrechnungshof zug\u00e4nglich. \u201eDie \u00d6ffentlichkeit erf\u00e4hrt meist nur das, was Journalisten herausfinden\u201c, sagt der Bielefelder Professor Christoph Gusy.<\/p>\n<p>Auch die eingesetzten Untersuchungsaussch\u00fcsse haben dubiose Sachverhalte kaum jemals erhellt. Zum Beispiel die \u201ePlutoniumaff\u00e4re\u201c, deren Aufkl\u00e4rung der BND erfolgreich verhindert hat. Im August 1994 war in M\u00fcnchen ein Lufthansajet mit knapp 400 Gramm Plutonium an Bord gelandet. Polizei und BND feierten die Beschlagnahme als gro\u00dfen Erfolg und Beweis f\u00fcr die Gefahr, dass nach Ende des kalten Krieges ein Handel mit Nuklearwaffen beginnen w\u00fcrde. \u201eDas war kurz vor den bayerischen Landtagswahlen, und auf einen Schlag schien pl\u00f6tzlich bewiesen, dass es Plutoniumschmuggel wirklich gibt und folglich der BND nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue Aufgabe h\u00e4tte\u201c &#8211; so Nassauer. Sp\u00e4ter stand in der Presse, dass der BND den Plutoniumschmuggel \u00fcber zwei angeworbene spanische Kleinkriminellen angekurbelt haben soll. Ein Untersuchungsausschuss wurde einberufen. \u201eEin St\u00fcckwerk\u201c, erinnert sich Nassauer, wichtige Unterlagen verschwanden im Panzerschrank des Geheimdienstes.<\/p>\n<h4>Der Wegfall der DDR: ein echtes Drama<\/h4>\n<p>In den neunziger Jahren betrieb der BND Vorw\u00e4rtsverteidigung gegen den Legitimit\u00e4tsverlust. Er zauberte neue Aufgaben aus dem Hut: Drogen, illegale Migration, Geldw\u00e4sche und eben Proliferation (siehe Plutoniumskandal). In ihrer Not wollte der Dienst sogar den M\u00e4dchenhandel bek\u00e4mpfen, erinnert sich Hans Halter: \u201eDas h\u00e4tte ihm nat\u00fcrlich gut gepasst, bis zu den Philippinen fliegen, Spesen machen in den Nachtbars &#8230;\u201c<\/p>\n<p>An den \u201ealten Fronten\u201c habe er versagt, gibt Eric Gujer zu. Der Buchautor<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und Redakteur der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung ist Mitglied des von BND-Pension\u00e4ren ins Leben gerufenen \u201eGespr\u00e4chskreises Nachrichtendienste\u201c, \u201e\u00fcberzeugtes Mitglied\u201c, meint er stolz. Der Dienst habe im Kalten Krieg versagt, die Gefahr durch Hacker nicht vorausgesehen und keine Antwort auf den islamistischen Terrorismus. Das Ende der Sowjetunion und der DDR sei f\u00fcr den BND \u201eein echtes Drama gewesen. Er war zentral ausgerichtet auf den Ostblock, w\u00e4hrend die CIA, wie die Franzosen und Briten gem\u00e4ss ihrer postkolonialen Interessen, ein viel weiteres Spektrum der Aufkl\u00e4rung besessen haben.\u201c<\/p>\n<p>In Ermangelung eines \u00e4u\u00dferen Feindes begann man in Pullach mit internen Intrigen und verd\u00e4chtigte sich gegenseitig. Es sei eine Berufskrankheit: die panische Angst vor Unterwanderung, die einfachen Weltbilder und die Gefahr, Politik als Produkt von Konspiration zu sehen. Gujer fordert eine \u201eneue Sicherheitsarchitektur\u201c. Welche Aufgabe der BND in ihr spielen solle? Er nennt den internationalen Terrorismus, die Geldw\u00e4sche und den Drogenhandel. Sind dies nicht klassische Aufgaben der Polizei, der die Strafverfolgung und die Gefahrenabwehr obliegt? Gewiss, so Gujer, aber der BND k\u00f6nne weiter im Vorfeld t\u00e4tig sein.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst wildert der BND in polizeilichen Aufgabenfeldern, und das l\u00f6st, zumindest hinter vorgehaltener Hand, Kritik bei der Polizei aus, die massive finanzielle Einschnitte hinnehmen musste, w\u00e4hrend die Schlapp\u00adh\u00fcte nach wie vor ungeniert \u2013 weil unkontrolliert \u2013 aus \u00f6ffentlichen T\u00f6pfen sch\u00f6pfen. So hat der BND eigene Verbindungsbeamte in deutschen Botschaften platziert, die sich dort, sofern nicht gerade das BKA einen eigenen Mann vor Ort hat, auch um Drogenhandel k\u00fcmmern sollen. Das Gemeinsames Analyse- und Strategiezentrum GASIM koordiniert den Informationsaustausch zwischen Strafverfolgern und Geheimdienstlern in Sachen \u201eillegale Migration\u201c. Und auch im Gemeinsamen Terrorabwehr-Zentrum GTAZ sitzt man an einem Tisch. Oder Stammtisch? Zu ihrer Anti-Terror-Datei haben Dienste wie Strafverfolger Zugang, nicht nur der BND auch die Verfassungssch\u00fctzer. Dass damit das Trennungsverbot zwischen Polizei und Nachrichtendienst de facto aufgehoben und eine Art neue Gestapo errichtet wird, scheint die Politik nicht zu st\u00f6ren. Da die \u00d6ffentlichkeit nichts Genaueres erf\u00e4hrt, kann auch niemand den Sinn dieser Unternehmungen in Frage stellen.<\/p>\n<p>Seit die Bundesregierung wieder deutsche Soldaten in die Welt schickt, ist die Rolle der Nachrichtendienste deutlich gewachsen, immer Hand in Hand mit Konzernen wie Siemens. Es war ausgerechnet die rot-gr\u00fcne Bundesregierung Schr\u00f6der\/Fischer, die die Pullacher aufbretzelte.<\/p>\n<h4>Sind Geheimdienste heute noch sinnvoll?<\/h4>\n<p>&#8230;. oder werden Steuermittel verschwendet, das politische Klima vergiftet und andere Konfliktl\u00f6sungen erschwert? W\u00e4ren Informationen nicht billiger und seri\u00f6ser zu erhalten? Wahrscheinlich, meint Professor Gusy und zitiert den ehemaligen Bundespr\u00e4sidenten Gustav Heinemann, der nach der Lekt\u00fcre von BND-Dossiers bemerkte, vielleicht sollte man den Nachrichtendienst besser abschaffen und f\u00fcnf Abonnements der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung besorgen, da st\u00fcnde im Wesentlichen dasselbe drin. Diese Diskussion sei sehr alt, werde aber im Haushaltskontrollgremium nicht gef\u00fchrt, so Gusy.<\/p>\n<p>Wer die Spionage grunds\u00e4tzlich in Frage stellt, muss sich zwei Argumente f\u00fcr ihren Erhalt anh\u00f6ren. Das eine wird oft von ehemaligen DDR-Geheimdienstlern erw\u00e4hnt und lautet etwa so: Spionage mache die Gegenseite berechenbar und sei damit friedensstiftend. Davon ist Rainer Rupp, alias \u201eTopas\u201c, \u00fcberzeugt. Der Jahrhundertspion hielt f\u00fcr Markus Wolf 16 Jahre auf oberster Ebene im NATO-Hauptquartier Augen und Ohren offen. Seine Berichte haben, glaubt Rupp, dem Frieden in Europa gedient. Aus ihnen habe der Warschauer Pakt erkennen k\u00f6nnen, dass das westliche Milit\u00e4rb\u00fcndnis keinen nuklearen Erstschlag geplant habe.<\/p>\n<p>Doch die Annahme, dass wir den Frieden in Europa einer Handvoll von Spionen verdanken, ist unsinnig. Ausschlaggebend war der politische Wille, sich in Europa nicht zu bekriegen. Ost und West wollten keinen Krieg und deshalb gab es keinen Krieg. Friedensprozesse sind stets von der Politik geschmiedet worden, auch die Entspannungspolitik, gibt Klaus Eichner zu, einst zust\u00e4ndig f\u00fcr \u201eAufkl\u00e4rung West\u201c bei Markus Wolf. \u201eEntscheidend waren die vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen, die in Helsinki und Stockholm 1986 vereinbart wurden.\u201c Danach sei es zu einer \u2013 f\u00fcr die Geheimdienstler \u2013 \u201esehr absurden Situation gekommen\u201c. W\u00e4hrend das MfS die DDR-Kasernen mit allen Mitteln der Aufkl\u00e4rung sch\u00fctzte und jeden verhaftete, der sich mit einer Kamera n\u00e4herte, garantierten die vertrauensbildenden Ma\u00dfnahmen der Gegenseite den offiziellen Zugang: \u201eBeobachter der CIA nahmen pl\u00f6tzlich mit ihren Videokameras an unseren Man\u00f6vern teil, was die Abwehr eigentlich verhindern wollte. Dies war durch politische Prozesse auf einmal Normalit\u00e4t geworden.\u201c Eine positive Normalit\u00e4t, die durch die Spionage fast gescheitert w\u00e4re. 1974 flog der MfS-Kundschafter G\u00fcnther Guillaume in der unmittelbaren N\u00e4he von Kanzler Willy Brandt auf. Das m\u00fchsam aufgebaute Vertrauen zwischen den beiden Staaten war schwer gest\u00f6rt. Brandt muss\u00adte zur\u00fccktreten. Zum Gl\u00fcck war die Entspannungspolitik in Ost und West bereits beschlossene Sache, und Brandts R\u00fccktritt \u00e4nderte daran nichts.<\/p>\n<p>Tim Weiner, Autor einer Studie \u00fcber die CIA<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>, kommt zu einem \u00e4hnlichen Ergebnis: \u201eNachdem es der CIA nicht gelungen war, die Sowjetunion mit Agenten zu durchsetzen, baute man Spionage-Satelliten, die aus dem Weltraum heraus die sowjetischen Panzer und Raketen z\u00e4hlten und Truppenbewegungen meldeten. Das erm\u00f6glichte eine Waffenkontrolle. Beide Seiten setzten sich an einen Tisch und diskutierten, was sie brauchten, um sich sicher zu f\u00fchlen. 30.000 Sprengk\u00f6pfe? Oder reichen 10.000? Das war ein gesunder Prozess. Und an ihm war weniger die CIA beteiligt, sondern das Wei\u00dfe Haus, das State Department und die Milit\u00e4rs.\u201c Die Technologie habe diesen Prozess beschleunigt. Nachdem beide Seiten \u00fcber Interkontinental-Raketen verf\u00fcgten, h\u00e4tte die andere Seite gerade noch drei\u00dfig Minuten Zeit zum Zur\u00fcckschlagen gehabt. Dieser Weg, so Weiner, m\u00fcsse im Interesse einer Friedenssicherung weiter verfolgt werden. Und das sei die Zust\u00e4ndigkeit der Politik und nicht der CIA. Deren Covert actions seien kontraproduktiv f\u00fcr die Nationale Sicherheit gewesen. Guant\u00e1namo und der v\u00f6lkerrechtswidrige Angriff auf den Irak habe die USA isoliert. Nicht einmal der \u201eKrieg gegen den Terror\u201c habe eine positive Bilanz. Eine Million Personen wurden als \u201eTerrorverd\u00e4chtige\u201c identifiziert, darunter Abgeordnete, Nonnen und Journalisten, meldete die B\u00fcrgerrechtsorganisation ACLU.<\/p>\n<p>Neben der Entspannungspolitik mit dem Osten hatte es in Deutschland zuvor einen zweiten Friedensprozess gegeben: die deutsch-franz\u00f6sische Auss\u00f6hnung. F\u00fcr sie steht der Name Konrad Adenauer. Und es waren auch hier Verhandlungen, Vertr\u00e4ge, Kontrollen und nicht zuletzt die wirtschaftliche Kooperation, die ihn m\u00f6glich machten. Nicht der Bundesnachrichtendienst, den Adenauer verachtete.<\/p>\n<p>Das zweite Argument ist die Informationsbeschaffung in der globalisierten Welt. So beschreibt der BND seine Aufgaben auf seiner Homepage mit der Beschaffung von \u201eInformationen \u00fcber das Ausland, sofern diese von au\u00dfen- und sicherheitspolitischer Bedeutung f\u00fcr die Bundesrepublik sind\u201c. Das h\u00f6rt sich gut an, denn jede Regierung will und soll wissen, was in der Welt vor sich geht. Wobei in einer modernen Gesellschaft sicher nicht nur eingeweihte Politiker Bescheid wissen sollen, sondern alle sozialen und politischen Akteure. Aber die Geschichte hat bewiesen, dass der BND zu keinem Zeitpunkt seiner Existenz jemals auch nur ann\u00e4hernd dazu in der Lage war.<\/p>\n<h4>Das Gebot der Stunde: Schafft den BND ab<\/h4>\n<p>Eine Regierung braucht keinen Geheimdienst, um informiert zu sein. Ihr stehen nicht nur das Bundespresseamt und die Botschaften zur Verf\u00fcgung, die die Presse der jeweiligen L\u00e4nder auswerten. Bekanntlich beziehen die Geheimdienste \u00fcber 95 Prozent ihrer Informationen aus \u00f6ffentlichen Quellen. Das Problem beginnt ab dem Zeitpunkt, wo die Nachrichtendienstler diese Informationen verhunzen und mit dem Siegel \u201eNur f\u00fcr den Dienstgebrauch\u201c versehen. Denn jede Information ist verl\u00e4sslicher, je offener sie diskutiert, kritisiert und korrigiert wird. Strategisch wichtige Nachrichten k\u00f6nnen nur ohne den Geheimschutz erhalten werden, denn der Geheimschutz sch\u00fctzt nur den T\u00f6lpel.<\/p>\n<p>Wird eine rationale Debatte \u00fcber Geheimdienste in Gang kommen? Das ist unwahrscheinlich, angesichts der Mediokrit\u00e4t der politischen Klasse. T\u00f6lpel halten sich gerne T\u00f6lpel, und es gilt das Motto: \u201eSie waren bisher zu nichts zu gebrauchen, aber davon brauchen wir in der Zukunft um so mehr\u201c.<\/p>\n<table width=\"100%\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Streng geheim: BND-Akte \u201eEichmann\u201c<\/p>\n<p>Wenn eine historische Thematik in der Bundesrepublik offen sein m\u00fcsste, dann die des Nationalsozialismus. Kaum einen anderen Zeitaum haben Historiker rund um den Globus so intensiv behandelt. Denn nur wer wei\u00df, warum etwas wie passiert ist, kann eine Wiederholung vermeiden. Doch der gesunde Menschenverstand scheitert an Angela Merkel. Die hat gerade per Sperrerkl\u00e4rung die Akten \u00fcber den Nazi-Massenm\u00f6rder Adolf Eichmann bis, mindestens, 2017 f\u00fcr \u201estreng geheim\u201c erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Vorgeschichte: Im Mai 2008 hatte mir das Bundeskanzleramt versichert, dass ich alle dortigen Akten zum Thema \u201eAdolf Eichmann und die deutsch-argentinisch-israelische nukleare Zusammenarbeit\u201c einsehen d\u00fcrfe. Eine Geheimakte gab es tats\u00e4chlich \u2013 angelegt nach der Verhaftung Eichmanns 1960, als Adenauer eine Art Krisenstab bildete, weil er Anschuldigungen aus dem Ausland f\u00fcrchtete, dass in der Bonner Regierung noch viele Altnazis s\u00e4\u00dfen. Leiter des Stabes wurde Staatssekret\u00e4r Hans Globke, einst Vorgesetzter Eichmanns im Reichsinnenministerium und Mitverfasser eines Kommentars zu den N\u00fcrnberger Rassengesetzen. Was an den Unterlagen des Krisenstabes jemals \u201egeheim\u201c war, ist aus heutiger Sicht unverst\u00e4ndlich. Das sah auch das Kanzleramt ein. Es hob den Geheimschutz auf. Aber ich hatte nicht die Akten nach, sondern die vor Eichmanns Verhaftung beantragt. Doch mehr wollte das Kanzleramt nicht haben.<\/p>\n<p>Ich stellte einen Antrag beim BND. Dass der \u00fcber Unterlagen verf\u00fcgt, wei\u00df man sp\u00e4testens seit der Freigabe der einschl\u00e4gigen CIA-Akte. Darin findet sich ein Vermerk vom M\u00e4rz 1958, wonach der BND nicht etwa dem Frankfurter Staatsanwalt, der Haftbefehl gegen den Kriegsverbrecher erlassen hatte, sondern der CIA den Aufenthaltsort Eichmanns in Argentinien und seinen Decknamen mitteilte. Die Antwort aus Pullach lautete: Man habe 4.500 Blatt zu Eichmann in Argentinien sowie zur deutsch-argentinisch-israelischen Zusammenarbeit, sie seien aber so geheim, dass sie nie ver\u00f6ffentlicht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ich legte Klage ein. Gem\u00e4\u00df Bundesarchivgesetz m\u00fcssen nach 30 Jahren alle Akten automatisch an das Bundesarchiv abgegeben werden. Zun\u00e4chst schob der BND die Pers\u00f6nlichkeitsrechte seiner Agenten vor: Ein damaliger Spitzel sei noch am Leben und Anfang der achtziger Jahre \u201ereaktiviert\u201c worden. Dann rechnete man die Anzahl der Bl\u00e4tter auf 3.300 herunter (\u201eein B\u00fcrofehler\u201c \u2013 so der BND sp\u00e4ter gegen\u00fcber dem Gericht). Und schlie\u00dflich behauptete Pullach: Diese Akten stammten vor allem von einem ausl\u00e4ndischen Geheimdienst (Mossad) und der w\u00fcnsche totale Geheimhaltung.<\/p>\n<p>Ganz nach Wunsch des BND schob das Kanzleramt die Sperrerkl\u00e4rung nach. Wenn sich der Mossad \u00fcber die Freigabe \u00e4rgere, k\u00f6nnten deutsche Dienste k\u00fcnftig von sensiblen Informationen ausgeschlossen werden. Dann w\u00e4re die Sicherheit der BRD gef\u00e4hrdet. Das Informationsinteresse der \u00d6ffentlichkeit sei nur \u201eabstrakt\u201c, das Sicherheitsinteresse des Staates aber konkret, so die Merkel-Logik. Dass die CIA ihre Eichmann-Akten komplett freigegeben hat, erw\u00e4hnt die Bundesregierung nicht. Es reicht das Totschlagsargument der \u201eNationalen Sicherheit\u201c, und die h\u00e4ngt angeblich vom Mossad ab.<\/p>\n<p>Ob das Verstecken von Nazi-Akten nicht dem Ansehen der Bundesrepublik schaden kann \u2013 diese Frage stellte sich Frau Merkel offensichtlich nicht.<\/p>\n<p>(Gaby Weber)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Halter, H.: Krieg der Gaukler, G\u00f6ttingen 1993; Alle Zitate in diesem Text sind O-T\u00f6ne aus einem Radio-Feature der Autorin f\u00fcr den WDR, s. www.wdr5.de\/fileadmin\/<br \/>\nuser_upload\/Sendungen\/Feature_Serie\/2008\/Manuskripte\/081005manNeu_01.pdf<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Offene Fassung des Berichts, s. www.spiegel.de\/media\/0,4906,13063,00.pdf<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Siehe den Beschluss des Bundesverfassungsgerichts v. 17.6.2009, Az.: 2 BvE 3\/07, www.bundesverfassungsgericht.de<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Gujer, E.: Kampf an neuen Fronten, Frankfurt\/M. 2006<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Weiner, T.: Legacy of Ashes. The History of the CIA, New York 2007, deutsch: CIA \u2013 die ganze Geschichte, Frankfurt\/M. 2008<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gaby Weber Niemand hat den BND je geliebt, doch keine der im Bundestag vertretenen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,99],"tags":[320,421,667,1077,1350,1492],"class_list":["post-7596","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-093","tag-bnd","tag-ddr","tag-geheimdienste","tag-plutoniumskandal","tag-spionage","tag-verfassungsschutz-abschaffen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7596","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7596"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7596\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7596"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7596"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7596"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}