{"id":7644,"date":"2010-02-18T08:02:14","date_gmt":"2010-02-18T08:02:14","guid":{"rendered":"http:\/\/cilip.site36.net\/?p=7644"},"modified":"2010-02-18T08:02:14","modified_gmt":"2010-02-18T08:02:14","slug":"literatur-29","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7644","title":{"rendered":"Literatur"},"content":{"rendered":"<h4>Zum Schwerpunkt<\/h4>\n<p>Gewalt gegen jene, deren beruflicher Auftrag darin besteht, die staatliche Gewalt gegen\u00fcber den B\u00fcrgerInnen zu demonstrieren und ggf. einzusetzen, ist ein sicherheitspolitisches Dauerthema. Immer wieder von den Polizeigewerkschaften in die \u00f6ffentliche Diskussion gebracht, tun sich die politisch Verantwortlichen schwer mit einer Reaktion. Einerseits will man sich nicht vorwerfen lassen, als Dienstherr habe man nicht alles getan, um die Sicherheit des \u201eArbeitsplatzes Polizei\u201c zu gew\u00e4hrleisten. Andererseits kommt eine Kampagne, die die Polizei als Opfer von Angriffen sieht, all denen gelegen, die nach Unterst\u00fctzung f\u00fcr den starken Staat und seine handelnden Organe suchen.<!--more--><\/p>\n<p>In diesem Geflecht fehlt die Wissenschaft weitgehend. Das hat verschiedene Gr\u00fcnde. Politische R\u00fccksichtnahmen m\u00f6gen eine Rolle spielen. Aber wer die \u00fcberw\u00e4nde, s\u00e4he sich erheblichen Zugangsproblemen gegen\u00fcber. Denn so gerne die Innenminister mit den Zahlen verletzter PolizistInnen an die \u00d6ffentlichkeit treten, so schweigsam sind sie, wenn nach handfesten und \u00fcberpr\u00fcfbaren Daten gefragt wird. Zwar werden einschl\u00e4gige Statistiken von den Innenverwaltungen gef\u00fchrt; sie werden jedoch nicht ver\u00f6ffentlicht \u2013 und auch auf Nachfrage nicht preisgegeben. Mit gezielt ver\u00f6ffentlichten Teilinformationen lassen sich die eigenen Interessen besser verfolgen als mit einer offenen Informationspolitik. Insgesamt ist das seri\u00f6se Wissen \u00fcber die Gef\u00e4hrlichkeit des Polizeiberufs in Deutschland bescheiden.<\/p>\n<p><strong>Ohlemacher, Thomas; R\u00fcger, Arne; Schacht, Gabi; Feldk\u00f6tter, Ulrike:<\/strong> <em>Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte 1985-2000, Baden-Baden 2003<\/em><\/p>\n<p>Diese im Auftrag der Innenministerkonferenz (und mitfinanziert von der Gewerkschaft der Polizei, GdP) erstellte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) ist weiterhin die wichtigste Ver\u00f6ffentlichung zum Thema. Damals initiiert durch die hohe Zahl von acht get\u00f6teten Polizisten im Jahr 2000, erf\u00fcllten die Befunde die Erwartungen und Vorurteile von Auftraggebern und Finanziers nicht: Weder lie\u00df sich im untersuchten Zeitraum ein Anstieg der get\u00f6teten PolizistInnen, noch der durch Angriffe verletzten BeamtInnen, noch der \u201eAngriffe mit T\u00f6tungsabsicht\u201c feststellen. Zwar ergab sich, dass das Risiko von PolizstInnen, im Dienst mit T\u00f6tungsabsicht angegriffen zu werden, h\u00f6her als das eines Normalb\u00fcrgers war, aber auch, dass die Nichtpolizisten h\u00e4ufiger infolge der Angriffe starben.<\/p>\n<p>Untersucht wurden auch die n\u00e4heren Umst\u00e4nde der Angriffe auf PolizistInnen. Sie fanden \u00fcberwiegend in eher b\u00fcrgerlichen Wohngebieten statt, galten Funkstreifenbesatzungen und wurden von deutschen M\u00e4nnern, in vielen F\u00e4llen in alkoholisiertem Zustand ver\u00fcbt. Je schwerwiegender der Angriff, so die Studie, desto geringer war die Bedeutung von Alkohol; sie ereigneten sich h\u00e4ufiger im Zusammenhang mit Fahrzeugkontrollen oder beim Ansprechen, bei Identit\u00e4ts\u00fcberpr\u00fcfungen oder bei der Verfolgung oder Verhaftung von Personen. Verbesserte Eigensicherung von PolizistInnen war eine Konsequenz aus diesen Befunden.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der Studie besteht weiterhin darin, dass erstmals konkrete Zahlen der Innenverwaltungen ver- und bewertet werden konnten. Allerdings war der Untersuchungshorizont auf die unmittelbaren polizeilichen Situationen beschr\u00e4nkt, so dass der gesamte gesellschaftliche und politische Kontext, in dem die Angriffe sich entwickelten, vollst\u00e4ndig ausgeblendet wurden. Fraglich ist, ob die gegenw\u00e4rtig laufende Nachfolgestudie des KFN diese Schlagseite vermeiden wird.<\/p>\n<p><strong>Dicke, Wolfgang:<\/strong> <em>Gewalt gegen Polizisten darf nicht \u201eNormalfall\u201c werden, in: Deutsche Polizei 2002, H. 12, S. 14-16<\/em><\/p>\n<p><strong>Holecek, Uwe:<\/strong> <em>Wenn das Schutzschild zur Zielscheibe wird, in: Deutsche Polizei 2008, H. 5, S. 10-15<\/em><\/p>\n<p><strong>Freiberg, Konrad:<\/strong> <em>\u201eBundesweite Untersuchung zur Gewalt gegen Polizeibeamte dringend notwendig\u201c (Interview): in: Deutsche Polizei 2010, H. 2, S. 6-8<\/em><\/p>\n<p>Drei Stimmen aus Reihen der GdP aus drei Jahren. Kennzeichnend f\u00fcr alle Beitr\u00e4ge ist ihr Tenor: Der Polizeiberuf ist gef\u00e4hrlich und wird immer gef\u00e4hrlicher, der Respekt vor den Vertretern der Staatsgewalt schwindet, die Angriffe nehmen zu. Dickes Bericht \u00fcber ein Seminar der Internationalen Union der Polizeigewerkschaften im d\u00e4nischen Roskilde verkn\u00fcpft organisierte Kriminalit\u00e4t, Terrorismus und F\u00e4lle \u201egew\u00f6hnlicher\u201c Gewaltkriminalit\u00e4t mit den Gefahren f\u00fcr Polizeibeamte: Die get\u00f6teten Polizisten in S\u00fcdafrika (\u201eso krass\u201c seien die Verh\u00e4ltnisse hierzulande bei weitem nicht) stehen neben denen in Nordirland oder Einzelschicksalen lebensl\u00e4nglich durch Angriffe gesch\u00e4digter PolizistInnen aus Skandinavien. \u00c4hnlich verf\u00e4hrt Holecek in seiner Lagebeschreibung von Duisburg-Marxloh. Die Missachtung der und die Angriffe auf die Polizei werden eingeflochten in die Schilderung eines sozial problematischen Stadtteils. Die Polizei ist Opfer \u2013 und zwar hilfloses Opfer. Deshalb wird zustimmend der Vorsitzende des GdP-Landesbezirks zitiert: \u201eWir fordern Null-Toleranz bei \u00dcbergriffen gegen Polizisten.\u201c Dass mangels nachpr\u00fcfbarer Daten aus Duisburg der Autor flugs auf Berliner Zahlen ausweicht (\u201eweit \u00fcber 3.000-mal\u201c seien Polizisten 2006 in der Hauptstadt \u201eattackiert\u201c worden, ohne Quellenangabe, ohne zu sagen, was \u201eattackiert\u201c bedeutet), macht die Darstellung nicht plausibler. Der GdP-Bundesvorsit\u00adzende Freiberg nimmt in der Februar-Ausgabe Stellung zum Konflikt um die neue KFN-Studie. Diese sei n\u00f6tig, weil das wirkliche Ausma\u00df der Gewalt gegen PolizistInnen nicht sichtbar sei. In Wirklichkeit, so seine Vermutung, sei es erheblich gr\u00f6\u00dfer als bekannt. Viele Angriffe w\u00fcrden nicht angezeigt, weil die Beamten w\u00fcssten, dass die T\u00e4ter nicht bestraft w\u00fcrden. Einige Bundesl\u00e4nder seien genau deshalb aus der Untersuchung ausgestiegen; sie wollten nicht wahrhaben, wie schlecht es mit der Sicherheit von Polizeibeamten bestellt ist. Obwohl die Gewerkschaft sich so viel von der Studie verspricht, ver\u00f6ffentlicht sie auf den folgenden Seiten bereits ihren Vorschlag f\u00fcr den neuen Paragrafen im Strafgesetzbuch, der den \u201et\u00e4tlichen Angriff auf einen Vollstreckungsbeamten\u201c mit mindestens drei Monaten Freiheitsentzug unter Strafe stellen soll. W\u00e4re es nicht redlicher, die Ergebnisse der neuen Untersuchung abzuwarten?<\/p>\n<p><strong>Sohnemann, J\u00fcrgen:<\/strong> <em>Wie gef\u00e4hrlich ist das \u201ePolizieren\u201c wirklich? Zentrale Erfassung und Auswertung der Angriffe auf Polizeibesch\u00e4ftigte, in: Polizei-heute 2009, H. 2, S. 46 f.<\/em><\/p>\n<p>Hessen hat bereits 2009 mit einer eigenen Untersuchung zum polizeilichen Berufsrisiko begonnen. Die Hessische Landespolizeischule wurde durch das Landespolizeipr\u00e4sidium beauftragt, eine entsprechende Studie anzufertigen. Deren Ziel soll darin bestehen, eine \u201ebelastbare statistische Basis\u201c \u00fcber Angriffe auf Polizeiangeh\u00f6rige zu liefern, die u.a. erlauben soll, ein entsprechendes \u201eLagebild\u201c f\u00fcr das Bundesland zu erstellen sowie Hinweise f\u00fcr Ausbildung, F\u00fchrung, Ausr\u00fcstung und Taktik zu gewinnen. F\u00fcr M\u00e4rz 2009 k\u00fcndigt der Autor die Einf\u00fchrung eines landesweiten elektronischen Erfassungssystems f\u00fcr \u201eeinschl\u00e4gige Vorg\u00e4nge\u201c an. Damit sollen nicht nur \u2013 wie bisher \u2013 jene Angriffe erfasst werden, die Straftatbest\u00e4nde erf\u00fcllen bzw. die zu einer Verletzung f\u00fchren, sondern auch all jene Situationen, in denen ein Polizeiangeh\u00f6riger \u201edurch Gewalt oder Drohung mit Gewalt gen\u00f6tigt, gesch\u00e4digt oder in konkrete Gefahr gebracht wurde, einen physischen oder psychischen Schaden bzw. Sachschaden von einiger Bedeutung zu erleiden\u201c. Die Studie soll die Frage beantworten helfen: \u201eWie k\u00f6nnen wir besser werden?\u201c Ergebnisse sind bislang nicht bekannt geworden.<\/p>\n<p><strong>Liebl, Karlhans:<\/strong> <em>Gewalterfahrung im Polizeialltag \u2013 Geschlechtsspezifische Unterschiede und Fragen der provozierenden Gewalt, in: Die Polizei 2010, H. 5, S. 121-129<\/em><\/p>\n<p>Liebl ist Professor f\u00fcr Kriminologie an der s\u00e4chsischen Fachhochschule f\u00fcr Polizei und liefert einen aktuellen Beitrag zur Debatte. Obwohl er ausdr\u00fccklich keine Stellung dazu nehmen will, ob die Gewalt gegen Polizeiangeh\u00f6rige gestiegen ist, k\u00f6nnen seiner Darstellung einige Hinweise entnommen werden. So pr\u00e4sentiert er zu Beginn entsprechende Daten aus dem \u201ePolizeilichen Auskunftssystem Sachsen\u201c (PASS). Zwar wird die Lesbarkeit der Tabelle durch das missratene Layout erschwert: Die Spalten\u00fcberschriften stehen in einer Spalte untereinander, eine vierstellige Zahl wird mit Trennungsstrichen versehen in vier Zeilen untereinander geschrieben. Wer diese H\u00fcrde aber \u00fcberwunden hat, erf\u00e4hrt, dass die Gesamtzahl der Angriffe von 789 im Jahr 2004 auf 1.375 vier Jahre sp\u00e4ter angestiegen ist, wobei der h\u00f6chste Wert 2007 mit 1.480 F\u00e4llen erreicht wurde. Aufgelistet werden auch die strafrechtlichen Bewertungen der Angriffe: Mit rund 40 Prozent liegt der \u201eWiderstand\u201c mit Abstand an der Spitze, leichte und schwere K\u00f6rperverletzungen machen 10-11 bzw. 8-13 Prozent der Angriffe aus. In der Fu\u00dfnote weist Liebl auf den Lagebericht 2008 \u201eStraftaten gegen Polizeibeamte \u2013 Freistaat Sachsen\u201c hin, der erheblich mehr Beleidigungen und einen wesentlich geringeren Anteil an K\u00f6rperverletzungen ausweist. Auf den insgesamt eher geringen Schweregrad der Angriffe deuten auch die registrierten Tatmittel: 80,8 Prozent entfallen auf die Kategorie \u201ekein Tatmittel\/nicht erfasst\u201c, nur 0,5 Prozent auf Pistole oder \u201eNachbildungen\u201c, 2,3 Prozent auf \u201eMesser\/Stichwaffe.<\/p>\n<p>Der Fokus von Liebls eigener Untersuchung, die nur auf allt\u00e4gliche Polizeieins\u00e4tze bezogen ist (Gro\u00dfereignisse wie z.B. Fu\u00dfballspiele bleiben ausklammert) liegt auf den unterschiedlichen Gef\u00e4hrdungen von weiblichen und m\u00e4nnlichen Polizeiangeh\u00f6rigen. Im Unterschied zu ausl\u00e4ndischen Untersuchungen kommt er zu dem Ergebnis, dass Polizistinnen eher vermittelnd und damit Gewalt und Aggressivit\u00e4t reduzierend wirken.<\/p>\n<h4>Aus dem Netz<\/h4>\n<p><a href=\"http:\/\/www.polizeigewalt.de\">www.polizeigewalt.de<\/a><\/p>\n<p>So vermeintlich einschl\u00e4gig die Adresse dieser Homepage, so entt\u00e4uschend der Ertrag. Das Vorhaben, mehr \u00d6ffentlichkeit durch fundierte Recherchen und die Dokumentation von Einzelf\u00e4llen zu schaffen, ist gewiss l\u00f6blich, aber ganz offenkundig seit dem Start der Seite im Jahr 2001 nicht mehr aktualisiert worden. Schade.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/polizeigewalt.org\">http:\/\/polizeigewalt.org<\/a><\/p>\n<p>Diese Seite m\u00f6chte eine Plattform bieten, auf der F\u00e4lle von Polizeigewalt gesammelt und diskutiert werden k\u00f6nnen. Zur Klarstellung betont \u201epolizeigewalt.org\u201c, dass sie weder \u00fcber Recht oder Unrecht entscheiden, noch einen \u201ePranger\u201c einrichten wolle. Die Verantwortlichen erkl\u00e4ren ferner, sie betrieben \u201ekeine Anti-Polizei-Seite, sondern wir sch\u00e4tzen die Dienste der Polizisten und Polizistinnen und wissen auch, dass diese einen stressigen und teilweise unterbezahlten Beruf ausf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Die Falldokumentation reicht (mit einer fr\u00fcheren Ausnahme) von 2005 bis heute. Sie besteht in Links zu Artikeln aus der Presse (S\u00fcddeutsche Zeitung, Spiegel, Stern); als grafischer Anreiz der ansonsten mit benutzerunfreundlichem schwarzen Hintergrund gestalteten Seite wird eine Europakarte gezeigt, auf der der Ort der polizeilichen Gewaltanwendung markiert ist \u2013 mehr eine Spielerei als Erkenntnisgewinn. Obgleich die Seite etwas mehr an F\u00e4llen liefert, bleibt das Informationsangebot sp\u00e4rlich. Selbst Verweise auf die einschl\u00e4gigen Dokumentationen von amnesty international oder SOS Rassismus fehlen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/gegenpolizeigewalt.blogsport.de\">http:\/\/gegenpolizeigewalt.blogsport.de<\/a><\/p>\n<p>Leider auch nicht mehr aktuell ist diese Seite, die 2008 im Zusammenhang mit der Ausstellung \u201eVom Polizeigriff zum \u00dcbergriff. Rassistisch motivierte Polizeigewalt\u201c in Wuppertal gestaltet wurde. Immerhin werden einige F\u00e4lle aus dem Raum Wuppertal\/Remscheid dargestellt. Die angebotenen Links erlauben, sich mit weiteren Informationen zu versorgen.<\/p>\n<p>(alle: Norbert P\u00fctter)<\/p>\n<h4>Sonstige Neuerscheinungen<\/h4>\n<p><strong>Heim, Christopher: <\/strong><em>Wann schie\u00dfen Polizisten? Auswirkungen verschiedener Reizsituationen in Einsatzlagen, Frankfurt\/M. (Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft), 2009, 228 S., EUR 24,90 <\/em><\/p>\n<p><strong>Lorei, Clemens (Hg.):<\/strong> <em>Eigensicherung &amp; Schusswaffeneinsatz bei der Polizei. Beitr\u00e4ge aus Wissenschaft und Praxis 2009, Frankfurt\/M. (Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft), 2009, 271 S., EUR 24,90<\/em><\/p>\n<p>Sie wird immer gern dann ins Feld gef\u00fchrt, wenn ein Polizist ungerechtfertigt schie\u00dft \u2013 m\u00f6glicherweise mit fatalen Folgen: Die unbeabsichtigte Schussabgabe. Christoph Heim, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Goethe-Universit\u00e4t in Frankfurt\/M., ist dem Problem erstmals in verschiedenen Versuchsreihen intensiver nachgegangen. Und siehe da, es gibt sie tats\u00e4chlich. 80 kurz vor dem Ausbildungsende stehende hessische Polizeisch\u00fclerInnen und 13 StreifendienstbeamtInnen haben daran teilgenommen. Als Ergebnis hat Heim dabei festgestellt, dass \u201eschnelle Bewegungen der Verd\u00e4chtigen h\u00e4ufig Nachjustierungen am Abzug der Waffe zur Folge haben\u201c und dies k\u00f6nne \u201eunter ung\u00fcnstigen Umst\u00e4nden dazu f\u00fchren, dass ein Polizist nicht beabsichtigt einen Schuss seiner Dienstwaffe abfeuert \u2013 und dies selbst dann, wenn eine unmittelbare Gefahr f\u00fcr Leib und Leben erkennbar nicht vorhanden ist\u201c. Aber die Studie zeigt auch, dass (selbst einsatzerfahrene) Polizisten viel zu h\u00e4ufig den Finger bereits (gesetzeswidrig) am Abzug haben, ohne dass hierf\u00fcr ein Grund besteht. Hier ist in der Polizeiausbildung eindeutig nachzubessern.<\/p>\n<p>Der Buchtitel des von Clemens Lorei herausgegebenen Sammelbandes einer Tagung aus dem Jahre 2009 ist etwas irref\u00fchrend. Denn eigentlich kommt polizeilicher Schusswaffengebrauch lediglich in einem englischsprachigen Beitrag niederl\u00e4ndischer Forscher und \u2013 in theoretisch konstruierter Form \u2013 am Rande eines Textes \u00fcber die \u201eAnwendung moderner Eye Tracking Verfahren\u201c vor. Deutsche Forscher haben dazu anscheinend wenig zu sagen. Auch was der (allerdings durchaus lesenswerte) Beitrag von Martin Herrnkind \u00fcber Polizei\u00fcbergriffe und deren notwendige Folgen f\u00fcr die polizeiliche Aus- und Fortbildung hier zu suchen hat, erschlie\u00dft sich nicht. Ansonsten ein buntes Gemisch \u00fcber Vortatphasen von potentiellen Attent\u00e4tern, Reflexionen \u00fcber Beinahe-Unf\u00e4lle bis hin zu m\u00f6glichen Gesundheitssch\u00e4den beim Gebrauch von LED-Taschenlampen. Bei diesem Buch l\u00e4sst sich Geld sparen.<\/p>\n<p>(Otto Diederichs)<\/p>\n<p><strong>Aas, Katja Franko; Oppen Gundhus, Helene; Mork Lomell; Heidi (eds.):<\/strong> <em>Technologies of Insecurity. <\/em><em>The surveillance of everyday life, New York (Routledge<\/em><em>) 2009, 279 S., EUR 100,\u2013<\/em><\/p>\n<p>Der Band, mit zw\u00f6lf Kapiteln und einem Nachwort (von Lucia Zedner), ist das Ergebnis eines vierj\u00e4hrigen norwegischen Forschungsprojekts zu \u201eCrime control and technological culture\u201c. Es verfolgt aus interdisziplin\u00e4rer Perspektive sowohl das Ph\u00e4nomen, dass vermeintliche Sicherheitstechnologien offensichtlich geeignet sind, Unsicherheit zu erzeugen wie es zeigt, dass die Wirksamkeit diverser \u00dcberwachungstechnologien h\u00e4ufig nicht nur von deren Verk\u00e4ufern und Anwendern, sondern auch von deren Kritikern als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt wird. Gegen solche Selbstverst\u00e4ndlichkeiten m\u00f6chte das Buch als \u201eantidote\u201c fungieren: \u201eby accentuating the need for contextualization, nuance and ambiguity\u201c (S.\u00a03). In f\u00fcnf Abschnitte gegliedert, gehen die AutorInnen dem Verh\u00e4ltnis von (Un-)Sicherheit und Terror nach (was es etwa bedeutet, wenn aus dem Mineralwasser in der Plastikflasche kein Getr\u00e4nk mehr \u201aherausgelesen\u2018 wird, sondern eine Bedrohung, S.\u00a021-41). Dem Aufbau (un-)sicherer R\u00e4ume, etwa den Fu\u00dfballstadien und den Fanmeilen w\u00e4hrend der FIFA Weltmeisterschaft 2006 (S.\u00a061-80), wird ebenso nachgesp\u00fcrt, wie den Handlungslogiken auf Flugh\u00e4fen, deren Checkpoints zentral sind f\u00fcr die Identifikation, Authentifikation und Autorisation (S.\u00a081-101): \u201eSecurity checkpoints riddle the society\u201c (S.\u00a099). Der dritte Abschnitt \u2013 (un-)sichere Sichtbarkeit \u2013 betrachtet u.a. die Satelliten\u00fcberwachung von Straft\u00e4tern (S.\u00a0105-124) und die Erfahrungswelt von Besch\u00e4ftigten an den Bildschirmen von Videokameras: Sicherheitsmechanismen \u201eare built by \u201aearthlings\u2018 and have \u2026 at their centre not simply unilateral power \u2026 but interpretative human agents, capable of rule setting, rule following and rule resistance\u201c (S.\u00a0144 f.). Abschnitt vier \u2013 (un-)sichere Virtualit\u00e4ten \u2013 widmet sich der Internetnutzung in Gef\u00e4ngnissen, die als \u201einsecure technologies in secure spaces\u201c interpretiert werden (S.\u00a0171-188), und dem Entstehen einer neuen privatwirtschaftlich organisierten Industrie zum Kriminalit\u00e4tsschutz und zur Missbrauchskontrolle im Internet. Im f\u00fcnften Abschnitt \u2013 (un-)sichere Rechte \u2013 erkennt Benjamin Goold eine \u201easymmetry of trust \u2013 the untrusting state asks the public to trust it as it expands the apparatus of suspicion and surveillance\u201c (S.\u00a0211), die der ma\u00dflose Einsatz von \u00dcberwachungstechnologien hervorbringen kann. Johanne Yttri Dahl behauptet einigerma\u00dfen ungesch\u00fctzt, \u201ein a jigsaw puzzle certain pieces are more important than others\u201c (S.\u00a0234), um mit dieser Metapher zu zeigen, dass der Einsatz von (vermeintlichen) DNA-Beweisen in Gerichtsverfahren mit zahlreichen Problemen behaftet ist (S.\u00a0219-237). Die von ihr gef\u00fchrten Interviews mit Rechtsanw\u00e4lten zeigen das deutlich, nur ein Gerichtsverfahren ist kein Spiel und beginnt, anders als Puzzle (au\u00dfer vielleicht bei politischen Verfahren, was Richter und Ankl\u00e4ger betrifft), nicht seine \u201eexistence as clear, single picture\u201c (S.\u00a0221). So unterhaltsam wie erhellend schlie\u00dflich ist der Beitrag von Vidar Halvorsen, der sich mit der Folter, dem Terror und dem angewandten Unrecht (nicht nur) der US-Regierung auseinandersetzt und der, wohl um den Begriff \u201atechnologies\u2018 nicht allzu weit zu dehnen, an das Ende des Buches platziert wurde.<\/p>\n<p><strong>Stefanu, Constantin; Xanthaki, Helen (eds.):<\/strong> <em>Towards a European Criminal Record. <\/em><em>Cambridge (Cambridge University Press) 2008, 402 S., EUR 75,\u2013<\/em><\/p>\n<p>In drei Abschnitten und 19 Kapiteln widmen sich rund 20 Autoren dem geplanten Aufbau eines zentralen Strafregisters f\u00fcr die Mitgliedstaaten der Europ\u00e4ischen Union (EU). Die Strafregister aller EU-Mitglieder werden, das war im Juni 2007 in Luxemburg beschlossen worden, k\u00fcnftig europaweit vernetzt. Die EU-Justizminister hatten sich dort \u00fcber einen Rahmenbeschlusses verst\u00e4ndigt, in dem der Informationsaustausch von Verurteilungen aus dem Strafregister geregelt wird, die letztlich zu einem echten und zentral organisierten Strafregister f\u00fchren sollen.<\/p>\n<p>Eine der zentralen Problemstellungen, denen das Buch nachgeht, bezieht sich auf die gegenw\u00e4rtige Situation der Strafverfolgung in der EU, die als unbefriedigend betrachtet wird. Jeder Mitgliedstaat habe seine eigenen Datenbanken, die aber nicht zwingend kompatibel seien. Es gebe zwar bereits verschiedene (bilaterale) legale Instrumentarien zur Zusam\u00admenarbeit, doch seien diese nicht von allen Mitgliedstaaten akzeptiert. Zudem h\u00e4tten die bisherigen Erfahrungen mit verschiedenen Formen der gegenseitigen Unterst\u00fctzung letztlich dazu gef\u00fchrt, dass sich auf politischer Ebene die \u00dcberzeugung durchgesetzt habe, es brauche eine zentrale Datenbank, vor allem um transnationales und \u201eorganisiertes\u201c Verbrechen bek\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Mit \u00fcbergro\u00dfer Mehrheit schlie\u00dfen sich die Autoren des Bandes dieser \u00dcberzeugung an, die im ersten Abschnitt in drei Kapiteln diskutiert werden. Klar wird aber auch, dass derzeit sehr vieles noch ungekl\u00e4rt ist. Wie eine solche Datenbank juristisch zu institutionalisieren sei, bei wem die Daten abgelegt, von wem sie kontrolliert, eingepflegt und von wem gegebenenfalls gel\u00f6scht werden, bleibt ebenso offen wie die Frage, was sie letztlich enthalten soll. Welche Verbrechen sollen in sie aufgenommen, welche nicht; soll die Datenbank auch Untersuchungen bzw. Ermittlungsverfahren und Anklagen enthalten oder nur Verurteilungen? Auch der gesamte Bereich des Datenschutzes \u2013 L\u00f6schungsfristen, Auskunftsrecht \u2013 ist auf der politischen B\u00fchne noch weitgehend ungekl\u00e4rt. Warum das so ist, interessiert die Akteure nicht weiter. Insgesamt stellen sie aber richtig fest, dass der Teufel im Detail liegen k\u00f6nnte (S.\u00a0307).<\/p>\n<p>Im zweiten Abschnitt werden in zehn Kapiteln die Rechtssysteme der L\u00e4nder \u00d6sterreich, Tschechiens, Deutschlands, Griechenlands, Ungarns, Irlands, der Niederlande, Sloweniens, der Slowakei, Spaniens sowie von Englands und Wales aus jeweils nationaler Sicht dargestellt. Im Zentrum geht es dabei um die Nutzung von Strafregistern, deren rechtliche Regulierung und Kontrolle, die Zusammenarbeit mit anderen Staaten bei der Kriminalit\u00e4tskontrolle sowie, in die Zukunft gerichtet, um M\u00f6glichkeiten, denkbare Ausrichtung(en) und Grenzen eines Europ\u00e4ischen Strafregisters.<\/p>\n<p>Im dritten Abschnitt wird in vier Kapiteln ein etwas weiterer Bogen gespannt. In den Blick genommen werden die auf europ\u00e4ischer Ebene bereits existierende Datenbanken und damit verbundene \u00dcberlegungen zu deren Vernetzung, die schon mehrfach Gegenstand der Analyse in dieser Zeitschrift waren (u.a. die Datenbanken bei Europol, das Schengen Informationssystem, das derzeit ins Stocken geratene SIS II und das geplante Biometrie-gest\u00fctzte Visa-Informations-System VIS). Dass allein die Anzahl der Datenbanken problematisch sein k\u00f6nnte, wird nicht thematisiert. Fragen von B\u00fcrger-, Menschen- und Datenschutzrechten werden, wie hoheitliche Problemstellungen, immerhin angerissen. Im Zentrum aber steht das im Titel formulierte Ziel, zu einem European Criminal Record zu kommen. Das umfangreiche Buch buchstabiert nationale, wie zuk\u00fcnftig europ\u00e4ische, Strafregister detailliert aus. Auch wenn die Geschichte voranschreitet, der Band wird eine wichtige Grundlage f\u00fcr Wissenschaft und Politik bleiben.<\/p>\n<p>(beide: Volker Eick)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Schwerpunkt Gewalt gegen jene, deren beruflicher Auftrag darin besteht, die staatliche Gewalt gegen\u00fcber den<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[101,148],"tags":[],"class_list":["post-7644","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-cilip-095","category-rezensionen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7644","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7644"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7644\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7644"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7644"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7644"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}