{"id":7987,"date":"2003-12-29T14:36:57","date_gmt":"2003-12-29T14:36:57","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=7987"},"modified":"2003-12-29T14:36:57","modified_gmt":"2003-12-29T14:36:57","slug":"jeden-tag-leben-verteidigen-nicht-toedliche-waffen-fuer-kriege-und-innere-einsaetze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=7987","title":{"rendered":"Jeden Tag Leben verteidigen &#8211;\u00a0\u201eNicht-t\u00f6dliche\u201c Waffen f\u00fcr Kriege und Innere Eins\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<h3>von Olaf Arndt und David Artichouk<\/h3>\n<p><strong>Mitte Mai dieses Jahres organisierte das Fraunhofer Institut f\u00fcr Chemische Technologie (ICT) eine hochkar\u00e4tig besetzte Welt-Konferenz f\u00fcr Hersteller und Nutzer \u201enon-letaler Waffen\u201c(NLW). Die Tagung stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass sogenannte \u201eunt\u00f6dliche Wirkmittel\u201c die waffentechnische Zukunft f\u00fcr Polizei und Milit\u00e4r bedeuten k\u00f6nnten.<\/strong><\/p>\n<p>Pistolen, die Stromharpunen verschie\u00dfen, Gewehre zum Abfeuern kleiner Gas-Tabletten und Markierfarben, Mikrowellenstrahler gegen Personen und Computer oder zu Barrieren umfunktionierte Airbagtechnik bieten eine hochgradig effektive zus\u00e4tzliche Option bei Operationen von Sondereinheiten im Innern, im Kampf gegen gewaltbereite Bev\u00f6lkerungsgruppen und vor allem bei Eins\u00e4tzen im Krieg gegen den Terror. Das wurde an der Mammutveranstaltung des ICT in 32 Vortr\u00e4gen und \u00fcber 30 sogenannten \u201eposter sessions\u201c demonstriert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Die Tagung fand etwas abseits in der Stadthalle des beschaulichen badischen \u00d6rtchens Ettlingen statt, das seinen an einem kleinen Fluss erbauten mittelalterlichen Stadtkern als \u201eTraum an der Alb\u201c verkauft. Wie der Traum einer weniger gewaltt\u00e4tigen Zukunft, den die Spezialisten hier tr\u00e4umten, mit energiereichen Plasmatasern oder 160 mm M\u00f6rtelgranaten verwirklicht werden kann, wurde zwei Tage lang ausf\u00fchrlich diskutiert.<\/p>\n<p>\u201eAls tr\u00e4fe dich ein Vorschlaghammer, nur ohne bleibende Sch\u00e4den\u201c, sagt John B. Alexander, Vietnam-Veteran und geistiger Vater der \u201eNLW\u201c, \u00fcber ihre Wirkung. Alexander, als Zugnummer prominent ins Programm platziert, tritt mit Rangers-Anstecknadel und Mosquito-Boots als Polit-Cowboy der \u00c4ra Bush f\u00fcr einen mit aller H\u00e4rte gef\u00fchrten Kampf gegen den Terrorismus auf. Die von ihm propagierten Waffen erweitern das Spektrum, das konventionelle Waffen abdecken und schlie\u00dfen jene oft mit ein. Die Debatte um den exakten Begriffsgebrauch l\u00e4sst den Widersinn offenkundig werden: \u201eless lethal\u201c ist schon einen Schritt n\u00e4her dran an der \u201edualen Kapazit\u00e4t\u201c (wahlweise umschaltbar von t\u00f6dlich auf \u201eweniger t\u00f6dlich\u201c).<\/p>\n<p>Auf dem Symposion zeigen 160 Wissenschaftler und Waffenfabrikanten aus 23 L\u00e4ndern den anwesenden Milit\u00e4rs, Polizeispezialkr\u00e4ften und dem Fachpublikum, wie man mit Gas, Schall, Strom und Licht gezielt Terroristen, revoltierende Gefangene oder Randalierer ausschalten kann. Dass \u201enicht letale Wirkmittel\u201c keinesfalls zu sorglosem Gebrauch einladen und sich nicht immer im Einklang mit bestehenden Gesetzen befinden, machen die Vortr\u00e4ge kritischer Wissenschaftler, Juristen und des Roten Kreuzes deutlich.<\/p>\n<p>Anwesende Vertreter von Nichtregierungs-Organisationen und Friedensforscher gehen noch weiter. Sie sehen in \u201emass incapacitation tools\u201c, Mittel zum fl\u00e4chendeckenden Behandeln gr\u00f6\u00dferer Gruppen von Menschen, schlicht Folterwerkzeuge in einer neuen Dimension. Ein oft zitiertes Beispiel f\u00fcr die Vorz\u00fcge unt\u00f6dlicher Wirkmittel ist die Moskauer Musical-Theater-Belagerung im letzten Winter. Nach Ansicht der meisten Vortragenden eine gelungene Aktion. Denn ohne den Gaseinsatz, so behaupten sie, w\u00e4re die Zahl der Todesopfer vermutlich noch h\u00f6her ausgefallen. Ein Gef\u00fchl beschleicht den kritischen Zuh\u00f6rer: dass der Waffenmarkt die Heimat des hinkenden Vergleichs ist. Konventionelle Waffen haben statistisch bewertet im Schnitt keine verheerendere Wirkung als das viel gepriesene Moskauer Gas. 179 Tote (davon 129 Geiseln) \u2013 20 Prozent der Personen, die sich in dem Theater aufhielten \u2013 sind ohnedies keine Werbung f\u00fcr ein Programm, das \u201erelativ reversible\u201c Sch\u00e4den verspricht.<\/p>\n<p>\u201eDas Recht auf Respekt vor dem Leben\u201c m\u00fcsse als Summe hinter allen \u00dcberlegungen stehen, fordert folgerichtig ICT-Chef und Gastgeber Klaus-Dieter Thiel.<\/p>\n<h4>Aufforderung zum Tanz<\/h4>\n<p>Es ist grunds\u00e4tzlich kein schlechter Traum, Entf\u00fchrer, Bankr\u00e4uber und Randalierer nicht gleich mit der letalen Dosis behandeln zu m\u00fcssen. Vor allem im inneren Einsatz, wo Kollateralsch\u00e4den komplexere Folgen haben, bergen die neuen Waffen, die heute technisch noch in den Kinderschuhen stecken, hoffnungsvolle Aspekte f\u00fcr die polizeilichen Anwender. Die Abw\u00e4gung zwischen Festnahmedringlichkeit und dem \u00dcberleben des vermeintlichen T\u00e4ters f\u00e4llt weg. Im Ernstfall steht die althergebrachte t\u00f6dliche Schusswaffe dem Beamten weiterhin zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Aber verlangt das gr\u00f6\u00dfere Spektrum an M\u00f6glichkeiten nicht nach einer verbesserten Ausbildung? Welche Waffe in welcher Situation ziehen? Elektro-Taser, Fangnetz, Mikrowellenkanone, Gummigeschoss oder doch besser die Gaspistole? Alles l\u00f6sbare Probleme, sagen die anwesenden Polizeipraktiker und Vertreter der Herstellerfirmen \u2013 bevor sie sich in Lobbyisten verwandeln und ein trauriges Lied von der M\u00fchsal der \u00dcberzeugungsarbeit bei den Entscheidungstr\u00e4gern anstimmen. Es klingt nach leeren Kassen, komplizierten Strukturen und der Angst vor \u00f6ffentlichen Diskussionen. Neue Polizeibewaffnung \u201emuss ja immer gleich politisiert werden\u201c.<\/p>\n<p>Die Russen sind angesichts der \u00e4ngstlichen Nachfragen ihrer westeurop\u00e4ischen Kollegen oft perplex. Die Amerikaner l\u00e4cheln. Schneller als die Europ\u00e4er haben sie die Vorteile der nicht-letalen Waffen im strategisch-politischen Bereich erkannt. Es sind klinisch saubere Waffen. Sie f\u00fcgen sich nahtlos in die Philosophie der chirurgischen Eingriffe moderner Kriege ein, die komplette Operation mit An\u00e4sthesie.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher galt \u201eT\u00f6tet sie alle. Gott wird die Seinen erkennen\u201c. Heute, im Zeitalter der Kriege, die Befreiung von Diktatur versprechen, tritt das technische Verm\u00f6gen, die zielgenaue High-Tech-Waffe, an die Stelle des Glaubens. Jetzt kann dank nicht-letaler Wirkstoffe Genauigkeit mit Gr\u00fcndlichkeit erfolgen, konkret zum Beispiel durch ein nur auf spezifische Bev\u00f6lkerungsgruppen wirkendes Gas. Die Unseren werden wir hinterher retten k\u00f6nnen. Die Selektion zwischen angepeiltem Ziel und dem uninteressanten oder sch\u00fctzenswerten Rest ist bei nicht-letalen Waffen erheblich preiswerter. John B. Alexander demonstriert das in seinem Vortrag mit Hilfe einer Differentialgleichung. Seine Mathematik f\u00fcr Milit\u00e4rs errechnet, dass das Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher Sicherheit einen direkten Einfluss auf die \u00d6konomie haben wird. Ob es zu einer gr\u00f6\u00dferen Proliferation f\u00fchrt oder, im Gegenteil, diese Waffen in einer wirtschaftlichen Sackgasse enden, werden wir abwarten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In Ettlingen bleibt un\u00fcbersehbar, wenngleich unausgesprochen, dass Strahlen, Str\u00f6me und Chemikalien zum Zauberstab der Neuen Weltordnung verschmelzen k\u00f6nnten. Die nach seiner Rede in West Point im Juni 2002 \u201eBush-Doktrin\u201c genannten Optionen im weltweiten Krieg gegen den Terror, also vor allem Pr\u00e4ventivschl\u00e4ge gegen Extremistengruppen im Ausland und Strafaktionen gegen tats\u00e4chliche und vermutete Unterst\u00fctzerstaaten, scheitern sicher nicht an mangelnder milit\u00e4rischer Schlagkraft. Die eigentliche Wirkungskraft nicht-letaler Waffen ist die Verhei\u00dfung auf politische Durchsetzbarkeit geplanter Operationen. Das sind die Argumente: Unbeteiligte werden weitgehend geschont. Vor allem im urbanen Raum, dem bevorzugten Feld von Terroristen, ist das bislang nicht gew\u00e4hrleistet. Die Aktionen sind schneller, leiser, sauberer, auch umweltfreundlicher und billiger. Die \u00fcberlebenden Terroristen und Despoten k\u00f6nnten auf diese Weise den Gerichten zugef\u00fchrt werden.<\/p>\n<h4>Stilvolle Sozialingenieure<\/h4>\n<p>Noch eindrucksvoller als das Bildmaterial von Testreihen und Eins\u00e4tzen der Waffen sind in vielen F\u00e4llen die Anbieter und Experten selbst. Elegante Nadelstreifendreiteiler, ma\u00dfgeschneiderte Designerschuhe und Hemden mit eingestickten Firmenlogos vermitteln den Eindruck stilvoller Sozialingenieure. Der graue Waffenschmied im Stangenanzug scheint ausschlie\u00dflich in Deutschland \u00fcberlebt zu haben.<\/p>\n<p>Das gleiche Bild kehrt in den Pr\u00e4sentationen wieder. Die ehemaligen Kanonenbauer von Rheinmetall kr\u00f6keln sich mit bem\u00fchter Verve (\u201ewe can do better\u201c) durch eine Powerpoint-Pr\u00e4sentation f\u00fcr ihren Plasma-Taser, der gleich ganze Menschenmengen per Stromschlag umhauen soll.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Die amerikanischen Konkurrenten kommen dagegen mit DVDs von der Produktionsqualit\u00e4t eines \u201eX-men\u201c Trailers auf die B\u00fchne. Thomas P. Smith stellt sein Produkt \u201eAdvanced Taser\u00ae\u201c als Joystick f\u00fcr den Polizisten vor, ein smartes Ger\u00e4t f\u00fcr den geschmackssicheren Einsatz. Smith hat mit schwungvollem Filzstiftstrich auf seinem Namensschild die Aussage auf drei Buchstaben reduziert: Tom ist dein Ansprechpartner. Das hat Tradition; der Erfinder Jack Cover hat das Produkt-Akronym aus den 50er Jahre Future-Comics abgeleitet. Taser bedeutet: \u201eTom A. Swift Electrical Rifle\u201c und ein fr\u00fches Modell hie\u00df \u201eTron\u201c. So kehren die Namen der Helden wieder, in Disneys und in unserer Welt.<\/p>\n<p>Tom ist der dunkle Messias, der mit dem Stromschlag straft. Der eloquente Pr\u00e4sident von Taser International, der momentan wohl erfolgreichsten Schockwaffenfirma aus Arizona, \u201everteidigt t\u00e4glich Leben\u201c mit seinem Bestseller \u201eM26\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> M26 ist eine Druckluftpistole, die 50.000 Volt an zwei Strom f\u00fchrenden Kabeln auf 7 Meter Distanz mit einer Miniaturharpune in den Angreifer jagt und diesen bereits nach einer halben Sekunden umwirft. Der Strom aus 8 Mignon-Batterien durchschl\u00e4gt 6 cm Kleidung und Leder und l\u00e4sst den bereits kampfunf\u00e4higen Delinquenten, laut Prospekt ein aggressiver Vollbarttr\u00e4ger mit Holzf\u00e4llerhemd und hoch erhobenem Radmutterschl\u00fcssel, noch weitere 5 Sekunden lang den Saft schmecken, der ihn niederstreckt. Danach wird der Beschossene eine Zeit lang Probleme haben, seine Muskeln unter Kontrolle zu halten, aber das vergeht. Zur\u00fcck bleiben zwei Einstichl\u00f6cher von den Polen, gro\u00df wie Insektenstiche. Eine Erfahrung, die von 40.000 Freiwilligen trotz hoher Belohnung keiner ein zweites Mal machen wollte.<\/p>\n<p>Ganz in schwarz, in hautengem Rollkragenpullover, zelebriert Tom eine Messe zwischen Blumenbuketts: Reverend Taser, wie er selbstironisch beim Pausengespr\u00e4ch bemerkt. In seinen Videos knicken die st\u00e4rksten M\u00e4nner der Welt um wie Halme im Wind. \u00dcberall fallen Freiwillige und weniger Freiwillige. Eine kaum gestellt wirkende Szene zeigt in \u00dcberwachungskamera-\u00c4sthetik einen nackten Gefangenen, der in seiner Zelle getasert wird. Von Drogen aufgepeitschten Randalierern und fl\u00fcchtenden Gangstern wird keine Chance gegeben. Alle fallen, fallen und winden sich.<\/p>\n<p>Das neue Modell weist sich durch ein X in Terminator-Fl\u00fcssig\u00admetall-Typographie bereits im Layout als Science-Fiction-Waffe aus. Die X26 ist neongelb, 60 % leichter als ihre Vorg\u00e4nger, mit Flash-LEDs und Laserpointer ausger\u00fcstet. 105 Schuss Kapazit\u00e4t, Pulsweitenmodulation, Feuerdaten-Download Port, ergonomischer Griff. Die \u201eneue Dimension der Gesetzesvollstreckung\u201c ist mit einem \u201eExoskeleton\u201c genannten \u201eBlade Tech\u00ae Paddle\u201c-Halfter lieferbar. Optional: eine Doppel-DVD mit Videotrainingsprogramm. Da reimt sich einfach alles: die X26 ist so frappierend brillant in Szene gesetzt, dass man M\u00fche hat, sich statt Keanu Reeves den Polizei-Einsatzleiter mit der exotischen Waffe in der Hand vorzustellen.<\/p>\n<p>Eine aggressiv klare, und verflucht coole \u201eMen-in-Black\u201c-(!)-Kam\u00adpagne vermarktet die perfekte Waffe. Sie ist \u201eclean\u201c und sie sieht schick aus. Sie ist garantiert unt\u00f6dlich, digital kontrolliert, enorm effektiv und kostet etwa 1.000 Euro. Jeder Mann muss eine haben wollen. Tom ist angetreten, um den Erfolg \u00f6ffentlich zu performieren. Aus einer Spezial\u00adinnentasche seines Taser-Anzugs fliegen Visitenkarten auf den Kreis der Kunden zu wie die Kugeln der Agenten in \u201eMatrix\u201c \u2013 man kann sie einzeln aus der Luft pfl\u00fccken. Kunde: \u201eIch komme aus Korea und habe aus Ihrem Vortrag verstanden, dass sie nicht nach Asien exportieren d\u00fcrfen\u2026 was kann man tun?\u201c Tom: \u201eUnser Sales Representative in Malaysia wird sich um Ihre Anfrage k\u00fcmmern.\u201c<\/p>\n<p>Tom wei\u00df, wie er ins Rampenlicht treten muss \u2013 er ist halb Art Director, halb Propagandaminister. Auf der Konferenz analysiert er messerscharf die Resultate von 2.000 Eins\u00e4tzen: keine Probleme mit Herzschrittmachern, die setzen kurz aus, aber nicht in gesundheitssch\u00e4dlichem Umfang. Keine Probleme mit der Muskelelastizit\u00e4t, die kommt wieder. Drogenkuriere mit geplatzten Heroinbeuteln im Magen sterben nicht am Taser, sondern am Stoff. Keine Aussage ist l\u00e4nger als neun Sekunden, dann ert\u00f6nt das knallhart skandierende \u201enext slide\u201c.<\/p>\n<p>Jede Frage wird mit weniger als vier S\u00e4tzen beantwortet. \u201eTodesf\u00e4lle im Zusammenhang mit dem Einsatz von M26 sind uns nicht bekannt. Wir sind stark an Dokumenten \u00fcber angebliche F\u00e4lle interessiert. Wir werden sie unabh\u00e4ngigen medizinischen Gutachtern zur Pr\u00fcfung \u00fcbergeben.\u201c Nebens\u00e4tze existieren nicht. Zweifel ebenso wenig. Die humane Waffe ist erfunden.<\/p>\n<p>In den USA ist sie bei 2.500 Police Departments eingef\u00fchrt. 250 haben s\u00e4mtliche Beamte damit ausger\u00fcstet. Taser International verleiht als zus\u00e4tzlichen Anreiz j\u00e4hrlich die Medaille f\u00fcr \u201eunt\u00f6dlichen Heroismus\u201c an denjenigen Polizisten, der selbst in gr\u00f6\u00dfter Gefahr konsequent zur Stromwaffe greift, um die Suspekten zu schonen. Im April 2001 empfahl die deutsche Innenministerkonferenz den Bundesl\u00e4ndern die Anschaffung f\u00fcr die Sondereinsatzkommandos: Drei L\u00e4nder \u2013 Berlin, Sachsen und Nordrhein-Westfalen \u2013 haben das Modell seit einem Jahr im Testeinsatz, f\u00fcnf weitere haben sie bereits gekauft, alle hadern aber noch wegen Zulassungsproblemen, sie in den Regeldienst zu \u00fcbernehmen. Gro\u00dfbritannien hat einen Schwung geordert, der in f\u00fcnf ausgew\u00e4hlten Distrikten eingesetzt wird. Die Schweizerische Polizeitechnische Kommission (SPTK) gab im Juli dieses Jahres ihr Placet. Zwei Kantonspolizeien \u2013 Basel-Land und Schwyz \u2013 hatten die Waffe bereits vorher angeschafft. Nach der SPTK-Empfehlung entschlossen sich Stadt- und Kantonspolizei Z\u00fcrich zu einem Testlauf, die restlichen helvetischen Polizeikorps d\u00fcrften in K\u00fcrze nachziehen. Frankreich und Spanien sind in Lauerstellung: Man evaluiert derzeit die vielf\u00e4ltigen Implikationen der Anwendung. Im Auftrag des amerikanischen Verteidigungsministeriums forschen Taser International an einer aufger\u00fcsteten Version mit 100 Meter langem Draht. Wozu? Erfolgreiche Eins\u00e4tze gegen Selbstm\u00f6rder und Randalierer auf Hausd\u00e4chern zeigen das Potential, die X26 auch im Kampf gegen Terroristen einzusetzen. Daf\u00fcr wird jedoch mehr Reichweite ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Eine Consumer-Variante, im Volksmund \u201eDog-Taser\u201c genannt, ist in den USA frei erh\u00e4ltlich und geeignet, Attacken von Kampfhunden abzuwehren. Es ist nur von einem Fall bekannt, dass ein Tier nicht sofort das Weite suchte. Es war ein Experiment. Der Hund sollte ein Kind in einem Raum bewachen. Nach dem vierten Schuss hat er sich in eine Ecke verzogen und \u201etot gestellt\u201c.<\/p>\n<p>John B. Alexander wei\u00df zu berichten, dass ihm im Selbstversuch mit Klebeelektroden der Taser die Kappe der Armeestiefel durchschlagen hat. Seinem 16-j\u00e4hrigen Sohn Josh hat Alexander erlaubt, den \u201eB\u00fcffel zu reiten\u201c und die Waffe an sich selbst zu testen. Obwohl extrem k\u00f6rperlich fit und wahrlich kein \u201ecouch potatoe\u201c, habe der Taser Josh im Nu aus dem Sattel gehauen, berichtet der Vater schmunzelnd.<\/p>\n<p>Das makabre Beispiel stellt noch einmal klar heraus: Was hei\u00dft schon non-letal? Ein bisschen weniger tot? Wenn man Gl\u00fcck hat, wie Tom und Josh, und kerngesund ist. Denkt man jedoch an die intendierten Eins\u00e4tze, steht eher zu bezweifeln, dass die Gegner sich in Topform befinden und die Anwendung so gut vertragen wie die Marine Corps-H\u00fcnen, die in Ettlingen kaum zwischen die Tischreihen passen.<\/p>\n<h4>Der D-Modus<\/h4>\n<p>Die Euphorie der Ettlinger Elite wird zur Zeit noch durch zahlreiche juristische Probleme gebremst. Genau genommen sind die meisten Waffen heute schlicht verboten. Selbst in Deutschland ist der Taser-Einsatz ein rechtliches Problem. Viele der Waffenkonventionen des 20. Jahrhunderts \u00e4chten nicht-letale Waffen, in den meisten F\u00e4llen zum Schutz der Soldaten vor unn\u00f6tigen Qualen.<\/p>\n<p>So wurde der Kriegseinsatz von Reizgasen nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges 1925 im Genfer Protokoll verboten. Seit 1993 liegt ein Bann auf \u00e4tzenden, klebenden, einschl\u00e4fernden und in anderer Form die Rechte des freien B\u00fcrgers einschr\u00e4nkenden Mitteln. Dass mit Gasen im Polizeieinsatz gegen Demonstranten seit Jahrzehnten \u201esehr gute\u201c Erfahrungen gesammelt werden, rief die Milit\u00e4rs auf den Plan. Beim Ausr\u00e4uchern der Taliban in ihren H\u00f6hlen, das zeigt Viktor Selivanov von der Baumann Universit\u00e4t Moskau in einer humorvoll aufbereiteten Flash-Animation, die den ganzen Saal zum Lachen bringt, w\u00e4re Gas die ideale Waffe gewesen.<\/p>\n<p>Schon arbeiten Juristen am gleichen Recht f\u00fcr alle. Anstatt das Naheliegende zu tun, und das teilweise restriktivere Kriegsrecht f\u00fcr das Polizeirecht einzufordern, finden sich offenbar ausreichend Juristen bereit, internationales Recht und die zahlreichen Konventionen auf neue Mindeststandards hin durchzuforsten. Zwar k\u00f6nnen Konventionen schwerlich andere ersetzen, ein juristisches Problem! Aber es wird bereits an kreativen L\u00f6sungsans\u00e4tzen gearbeitet.<\/p>\n<p>In Ettlingen endete der Kongress mit einem Vorschlag der Juristen aus der \u201eEuropean Working Group\u201c unter Leitung von Friedhelm Kr\u00fcger-Sprengel, International Society for Military Law: Die behutsame Ann\u00e4herung der \u201eEWG\u201c an die Zulassung bislang verbotener Wirkstoffe ist der Beginn einer Suche nach einer Klassifizierung der neuen Technologie jenseits der Genfer Vereinbarungen.<\/p>\n<p>Wir, die \u201ebio-specimen\u201c, Exemplare aus der weichen Kollektion der Humanoiden, warten derweil im \u201eD-Modus\u201c auf die Wunder aus den neuen Waffen. Wir werden detektiert (detect), weggehalten (deny), ausgesondert (discriminate), verz\u00f6gert (delay), verteidigt (defend), geblendet (dazzle), besiegt (defeat) und nur im \u00e4rgsten Fall zerst\u00f6rt (delete\/destroy).<\/p>\n<h5>Olaf Arndt und David Artichouk arbeiten seit 1989 mit der interdisziplin\u00e4ren K\u00fcnstlergruppe \u201eBeobachter der Bediener von Maschinen\u201c BBM (<a href=\"http:\/\/www.bbm.de\/\">www.bbm.de<\/a>) an Recherche-Projekten und Technologie-kritischen Installationen, so genannten Maschinen-Performances.<\/h5>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> www.ict.fhg.de\/english\/events\/nlw.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> www.telepolis.de\/deutsch\/inhalt\/co\/14971\/1.html<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> www.taser.com<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Olaf Arndt und David Artichouk Mitte Mai dieses Jahres organisierte das Fraunhofer Institut f\u00fcr<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,82],"tags":[1232,1410,1545],"class_list":["post-7987","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-076","tag-ruestungsindustrie","tag-taser","tag-weniger-toedliche-waffen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7987","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7987"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7987\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7987"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7987"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7987"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}