{"id":8018,"date":"2004-02-29T17:47:51","date_gmt":"2004-02-29T17:47:51","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=8018"},"modified":"2004-02-29T17:47:51","modified_gmt":"2004-02-29T17:47:51","slug":"ddr-kriminalstatistik-immer-mit-blick-richtung-westen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=8018","title":{"rendered":"DDR-Kriminalstatistik &#8211;\u00a0Immer mit Blick Richtung Westen"},"content":{"rendered":"<h3>von Falco Werkentin<\/h3>\n<p><strong>Wer zu DDR-Zeiten sich kundig machen wollte \u00fcber kriminalstatistische Daten im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat, suchte nahezu vergeblich.<\/strong><\/p>\n<p>Zwar gab es in den statistischen Jahrb\u00fcchern der DDR seit den 50er Jahren zun\u00e4chst eine Rubrik \u201eRechtsprechung\u201c und danach eine mit dem Titel \u201eKriminalit\u00e4t und Zivilprozesssachen\u201c, die dann Mitte der 60er Jahre in \u201eRechtspflege\u201c umbenannt wurde. Doch blieben die Angaben so hoch aggregiert, dass ihr Aussagewert gegen Null ging. Ver\u00f6ffentlicht wurden fast ausschlie\u00dflich Insgesamt-Angaben \u00fcber festgestellte Straftaten und verurteilte Personen sowie Angaben zu wenigen ausgew\u00e4hlten Deliktgruppen aus den Bereichen der Gewalt-, Eigentums- und Sexualkriminalit\u00e4t und Verkehrsdelikte. Seit 1978 waren es immerhin 25 Deliktgruppen, zu denen Jahreszahlen vorgelegt wurden. Zeitweilig, in den Jahrb\u00fcchern 1973-1977, hatte man selbst die Ver\u00f6ffentlichung dieser aggregierten Daten eingestellt. Sonstige statistische Fachserien und Publikationen \u2013 vergleichbar etwa der Rechtspflege- oder der polizeilichen Kriminalstatistik der BRD \u2013 gab es nicht.<!--more--><\/p>\n<p>Angaben \u00fcber die Zahl der in Haft einsitzenden B\u00fcrger wurden w\u00e4hrend der ganzen 40 Jahre DDR-Geschichte nicht publiziert \u2013 von Daten zur politischen Strafjustiz ganz zu schweigen. Die DDR-\u00d6ffentlichkeit erfuhr nicht, dass die Zahl der Strafgefangenen pro 100.000 Einwohner trotz weitaus niedrigerer \u201eKriminalit\u00e4tsbelastungsziffern\u201c in den 50er Jahren bis zu f\u00fcnfmal h\u00f6her war als in der BRD. Nicht nur die Verfolgung politischer Gegner, sondern die insgesamt ungleich rigidere Strafpraxis der DDR sorgten auch in den 70er und 80er Jahren weiter f\u00fcr dramatisch hohe Haftquoten (vgl. Tab. 1).<\/p>\n<p>Dass detaillierte Daten zur registrierten Kriminalit\u00e4t, zur politischen Justiz und zur Strafverfolgung insgesamt nicht ver\u00f6ffentlicht wurden, hie\u00df keineswegs, dass es sie nicht gegeben h\u00e4tte. Konzentriert zu finden sind sie in den \u00dcberlieferungen des Politb\u00fcros der SED, des Sekretariats des ZK und der ZK-Abteilung f\u00fcr Staats- und Rechtsfragen. Letztere kann als heimliches Justizministeriums der DDR angesehen werden. Seit den fr\u00fchen 50er Jahren legten die Strafverfolgungsorgane der Parteif\u00fchrung Jahresberichte zur Kriminalit\u00e4tsentwicklung und Strafverfolgung vor, die unregelm\u00e4\u00dfig erg\u00e4nzt wurden durch Spezialberichte zu einzelnen Bereichen. Denn selbstverst\u00e4ndlich wollten die Mitglieder des Politb\u00fcros und insbesondere die beiden Generalsekret\u00e4re der SED \u2013 bis 1971 Walter Ulbricht, dann Erich Honecker \u2013 wissen, wie es in dem von ihnen gestalteten Staat und Gemeinwesen mit der Kriminalit\u00e4tsentwicklung stand. Dabei galt ihr Interesse nicht nur dem Output der politischen Strafjustiz, einem Bereich der \u201eRechtspflege\u201c, in dem beide SED-Chefs h\u00e4ufig als verdeckte Staatsanw\u00e4lte und \u201eRichter hinter dem Richter\u201c selbst die Entscheidung \u00fcber Anklage und Urteil \u00fcbernahmen.<\/p>\n<p>Tab. 1: Strafgefangene pro 100.000 BewohnerInnen<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"83\"><strong>Jahr <\/strong><\/td>\n<td width=\"83\"><strong>1970<\/strong><\/td>\n<td width=\"83\"><strong>1975<\/strong><\/td>\n<td width=\"83\"><strong>1980<\/strong><\/td>\n<td width=\"83\"><strong>1985<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"83\">DDR<\/td>\n<td width=\"83\">147,2<\/td>\n<td width=\"83\">239,7<\/td>\n<td width=\"83\">212,6<\/td>\n<td width=\"83\">172,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"83\">BRD<\/td>\n<td width=\"83\">59,2<\/td>\n<td width=\"83\">55,9<\/td>\n<td width=\"83\">68,6<\/td>\n<td width=\"83\">79,4<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Das Thema Kriminalit\u00e4t war jedoch weit \u00fcber den engeren Bereich politischer Verfahren hinaus hoch politisiert, galt doch Kriminalit\u00e4t als dem Sozialismus wesensfremd und jeder Eierdiebstahl als eine Beleidigung der gro\u00dfen Utopie. Und so gab es ab Oktober 1952 nach einem erziehungsdiktatorisch inspirierten \u201eGesetz zum Schutz des Volkseigentums\u201c f\u00fcr den Diebstahl von zwei Schrippen aus der volkseigenen B\u00e4ckerei, f\u00fcr den Mundraub einer Weinrebe oder f\u00fcr die Mitnahme eines Paars Pantoffeln aus der KONSUM-Verkaufsstelle als Mindeststrafe ein Jahr Zuchthaus. Ende April 1953 wurde indes umgesteuert, da in der kurzen Zeit seit dem Oktober des Vorjahres bereits knapp 10.000 B\u00fcrger auf Grundlage dieses Gesetzes in den Zuchth\u00e4usern gelandet waren. Die interne Statistik wies es aus. Man rechnete damit, bis Ende 1953 allein auf Grundlage des Volkseigentumsschutz-Gesetzes ca. 40.000 H\u00e4ftlinge mehr in den aus allen N\u00e4hten platzenden Zuchth\u00e4usern einsitzen zu haben. Zudem waren es \u00fcberwiegend Arbeiter, die man beim Diebstahl von Volkseigentum erwischt und in Haft genommen hatte. Und schlie\u00dflich z\u00e4hlten Zuchth\u00e4user zur Kategorie der \u201eMangelg\u00fcter\u201c, nachdem sich als Folge des \u201eAufbaus des Sozialismus mit dem Staat als Hauptinstrument\u201c, verk\u00fcndet auf der 2. Parteikonferenz der SED im Juli 1952, die Zahl der H\u00e4ftlinge von ca. 37.000 im Juli 1952 auf ca. 67.000 im Mai 1953 fast verdoppelt hatte. Auf ein so drastisches Mittel wurde in der Folgezeit nicht mehr zur\u00fcckgegriffen. Wie in der BRD, machten auch in der DDR bis zu deren Ende Eigentumsdelikte ca. 2\/3 aller registrierten Kriminalit\u00e4t aus.<\/p>\n<p>Wurde die Ver\u00f6ffentlichung und Interpretation von Zahlen zur Allgemeinkriminalit\u00e4t bereits zum Problem, da deren Entwicklung als Gradmesser der Entfaltung des sozialistischen Gesellschaftssystems in\u00adterpretiert wurde, so hielt man Daten zur Entwicklung so genannter Staatsverbrechen als Sammelbegriff f\u00fcr die Verfolgung echter und vermeintlicher Feinde des politischen Systems erst recht geheim, so regelm\u00e4\u00dfig sich der Parteiapparat auch dar\u00fcber informieren lie\u00df. W\u00e4hrend die Zahlenreihen zur Allgemeinkriminalit\u00e4t \u201eon the long run\u201c ganz im Gegensatz zu denen der Bundesrepublik sanken und daher in den statistischen Jahrb\u00fcchern der DDR in den 50er und 60er Jahren gen\u00fcsslich Zahlenreihen aus der DDR und der Bundesrepublik gegen\u00fcbergestellt wurden, blieben Angaben zur Zahl verhafteter und verurteilter politischer Straft\u00e4ter von Anfang bis Ende der DDR ein streng geh\u00fctetes Staatsgeheimnis. Dem Klassenfeind in der Bundesrepublik sollte kein Agitationsmaterial gegen die DDR an die Hand gegeben und der eigenen Bev\u00f6lkerung nicht sichtbar gemacht werden, in welchem Ma\u00dfe sich Widerstand gegen die Politik der SED regte. Dies galt selbst f\u00fcr die 50er Jahre, in denen die SED eine Praxis des \u201ebekennenden Terrors\u201c mit justiziellen Mitteln betrieb, riesige Schauprozesse auf Theaterb\u00fchnen, in Betriebskantinen und in Tanzs\u00e4len inszeniert wurden und in den DDR-Medien fast t\u00e4glich Berichte \u00fcber die Aburteilung von Saboteuren, Agenten und Spionen zu finden waren. Soweit ein offenes Bekenntnis zur politischen Justiz \u2013 doch letztlich nur bei als exemplarisch erachteten Verfahren, \u00fcber deren \u00f6ffentliche Inszenierung in vielen F\u00e4llen wiederum das Politb\u00fcro die Entscheidung bis in die Details traf.<\/p>\n<p>Statistische Daten zur Entwicklung der Allgemeinkriminalit\u00e4t wurden bis zum Ende der DDR auch intern sehr naiv als plattes Abbild realer Kriminalit\u00e4tstrends gelesen. Jene methodischen Zweifel am Status der polizeilich registrierten Delikte als Indikator f\u00fcr die \u201ereale\u201c Kriminalit\u00e4tsentwicklung, die in der Bundesrepublik seit den 70er Jahren zum \u201estate of the art\u201c zumindest in Fachkreisen geh\u00f6rten, fanden sich in der DDR nicht. Die interne Sichtweise auf die Entwicklung der Staatsverbrechen bewegte sich hingegen bereits in den 50er Jahren auf der H\u00f6he methodischer Reflexion \u2013 wenn man denn den Parteijargon in den methodischen Jargon der westlichen Kriminologie \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Dass es sich bei politischen Verbrechen um so genannte Kontrolldelikte handelt, mithin die Aktivit\u00e4ten und Schwerpunktsetzungen der Untersuchungsorgane \u00fcber die Zahl der registrierten F\u00e4lle entscheidet \u2013 dessen war man sich durchaus bewusst. Stieg die Zahl der wegen Hetze, Sabotage oder sonstiger Staatsverbrechen Verurteilter massiv an, so hie\u00df es intern, \u201edass auch wir den Klassenkampf versch\u00e4rft\u201c gef\u00fchrt h\u00e4tten und dass es gegebenenfalls zu \u201e\u00dcberspitzungen\u201c gekommen sei.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h4>Parteilinie: Von Liberalisierung zu \u201e\u00dcberspitzung\u201c<\/h4>\n<p>Was das bedeutete, zeigt sich deutlich in den Jahren 1961\/62 \u2013 einer Phase, in der die Parteif\u00fchrung kurz hintereinander radikale Kurswechsel bei der Verfolgung von Staatsverbrechen anordnet: Am 4. Oktober 1960 \u2013 nach dem Tod von Staatspr\u00e4sident Wilhelm Pieck und der Bildung eines Staatsrates unter Vorsitz von Walter Ulbricht \u2013 hielt letzterer eine programmatische Rede, in der es u.a. hie\u00df: \u201eZwischen unserem volksdemokratischen Staat und seiner Politik und den Interessen der B\u00fcrger gibt es keinen Widerspruch.\u201c Im Kampf des Neuen mit dem Alten, so der Staatsratsvorsitzende, sei die sozialistische Menschengemeinschaft geboren. Und mahnend fuhr er fort: \u201eNein, wer Menschen \u00fcberzeugen will, muss den Weg zu ihnen finden, zu ihrem Verstand und zu ihrem Herzen.\u201c Die Justizfunktion\u00e4re, wie Richter und Staatsanw\u00e4lte im DDR-Jargon bezeichnet wurden, bekamen Weisung, das politische Strafrecht \u00e4u\u00dferst milde anzuwenden. Sie hielten sich daran. Ca. 12.000 Strafgefangene wurden vorzeitig aus der Haft entlassen.<\/p>\n<p>Der Mauerbau am 13. August 1961 f\u00fchrte \u00fcber Nacht zu einer neuen, radikalen Linie bei der Strafverfolgung. Anfang 1962 wurden die Ergebnisse der Justizkampagne des letzten Halbjahres aufgerechnet. Im internen Bericht hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eIm I.\u00a0Quartal 1961 gab es in der Strafverfolgung durch einseitige Auslegung des Staatsratsbeschlusses Liberalisierungserscheinungen &#8230; So betrug die erfasste Kriminalit\u00e4t im I.\u00a0Quartal 1961 bei staatsgef\u00e4hrdender Propaganda und Hetze nur 31,0\u00a0% und bei Staatsverleumdung nur 42,6\u00a0% gegen\u00fcber dem I.\u00a0Quartal 1960 &#8230; In den Tagen nach den Ma\u00dfnahmen unserer Regierung zum Schutze des Friedens verst\u00e4rkten die feindlichen Elemente besonders ihre konterrevolution\u00e4re T\u00e4tigkeit &#8230; Es hat im Laufe des 2. Halbjahres 1961 gegen\u00fcber dem 1. Halbjahr 1961 ein beachtliches Ansteigen aller \u00fcbrigen Kriminalit\u00e4t gegeben. Das ist teilweise darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass in solchen Situationen wie nach dem 13. August die labilen Elemente aktiver werden. Der Hauptteil des Ansteigens beruht jedoch auf der \u00dcberwindung der weichen Linie in falscher Auslegung des Staatsratsbeschlusses.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die Tabelle zeigt, dass die Justizfunktion\u00e4re im 2. Halbjahr 1961 mehr B\u00fcrger wegen Staatsverbrechen abgeurteilt hatten als im ganzen Jahr 1960.<\/p>\n<p>Tab. 2: Politische Strafurteile der DDR-Justiz 1960-61<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"217\">Jahr<\/td>\n<td width=\"50\">1960<\/td>\n<td width=\"50\">1961<\/p>\n<p>gesamt<\/td>\n<td width=\"50\">1961<\/p>\n<p>1.Hj.<\/td>\n<td width=\"50\">1961<\/p>\n<p>2. Hj.<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"217\">Staatsverbrechen (\u00a7\u00a7\u00a015-19, 21-26\u00a0StEG)<\/td>\n<td width=\"50\">6.130<\/td>\n<td width=\"50\">8.721<\/td>\n<td width=\"50\">1.521<\/td>\n<td width=\"50\">7.200<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"217\">Staatsverleumdung (\u00a7\u00a020\u00a0StEG)<\/td>\n<td width=\"50\">4.008<\/td>\n<td width=\"50\">5.506<\/td>\n<td width=\"50\">904<\/td>\n<td width=\"50\">4.566<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"217\">Passgesetz (Republikflucht)<\/td>\n<td width=\"50\">7.554<\/td>\n<td width=\"50\">8.546<\/td>\n<td width=\"50\">2.017<\/td>\n<td width=\"50\">6.531<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"217\">Gesamt<\/td>\n<td width=\"50\">17.692<\/td>\n<td width=\"50\">22.773<\/td>\n<td width=\"50\">4.442<\/td>\n<td width=\"50\">18.297<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Mitte 1962 leitete Walter Ulbricht mit einem Beitrag im DDR-Fachorgan \u201eNeue Justiz\u201c eine neue Linie ein, indem er nun den Dogmatismus und das Sektierertum der Juristen kritisierte, die zwischen Unmuts\u00e4u\u00dferungen und politischer Gegnerschaft nicht zu unterscheiden in der Lage seien \u2013 eine autoritative Aufforderung zum Liberalismus unter den Bedingungen der kollektiven Internierung der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<h4>Kriminalit\u00e4t als Relikt<\/h4>\n<p>Soweit es die Entwicklung der Allgemeinkriminalit\u00e4t betraf, tr\u00f6stete sich die Parteif\u00fchrung bis zum Mauerbau mit der Theorie, nach der die Kriminalit\u00e4t in der DDR ein Relikt der alten, kapitalistischen Gesellschaft sei, fortlebend in den Menschen, die zuvor ihre Pr\u00e4gung durch diese Gesellschaftsformation erhalten hatten. Zudem h\u00e4tten die offene Grenze und der \u201eEiterherd\u201c West-Berlin zu einem ungeheuren Ma\u00df an negativer Einflussnahme auf die innere Entwicklung der DDR gef\u00fchrt. Die Ursachen der Kriminalit\u00e4t lagen mithin au\u00dferhalb der DDR. Dies galt etwa auch f\u00fcr Hakenkreuzschmierereien und den erheblichen Anstieg anderer Indizien neonazistischer Aktivit\u00e4ten in der DDR, \u00fcber die das Politb\u00fcro z.B. 1960 informiert wurde.<\/p>\n<p>Mit dem Mauerbau im August 1961 war die DDR \u201est\u00f6rfrei\u201c geworden. Nicht nur das Politb\u00fcro, sondern auch parteikritische Sozialisten hofften nun darauf, dass der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft fortan ungest\u00f6rter seine Kraft beweisen k\u00f6nne. Wo aber h\u00e4tte sich diese st\u00e4rker zeigen k\u00f6nnen als bei der nach 1945 geborenen Jugend, deren sozialer Code von Geburt an unter den gl\u00fccklichen Umst\u00e4nden einer neuen Gesellschaft gepr\u00e4gt wurde?<\/p>\n<p>Umso entsetzter nahmen das Politb\u00fcro und sein Apparat 1963, 1965 und 1966<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> die internen Berichte der Strafverfolgungsorgane entgegen, darunter ein Sonderbericht \u00fcber \u201edas Auftreten von kriminellen und gef\u00e4hrdeten Gruppierungen Jugendlicher\u201c vom 7.7.1965.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Die \u201eSt\u00f6rfreimachung\u201c hatte keineswegs zu einem einschneidenden R\u00fcckgang der Allgemeinkriminalit\u00e4t gef\u00fchrt. Im Gegenteil, f\u00fcr einige Jahre zeigte sich sogar ein Anstieg insbesondere der Jugendkriminalit\u00e4t, obwohl es doch, wie es in dem Bericht hei\u00dft, \u201eobjektiv keine Bedingungen f\u00fcr grundlegende Widerspr\u00fcche zwischen der Jugend und der Gesellschaft gibt.\u201c<\/p>\n<p>Die Autoren des Berichts mussten nun die Kritik der Partei \u00fcber sich ergehen lassen. Sie h\u00e4tten den Ernst der Lage besch\u00f6nigt, obwohl doch das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 \u2013 das ber\u00fcchtigte Kulturplenum, das u.a. zum Verbot einer Reihe von DEFA-Filmen f\u00fchrte \u2013 \u201eernste Erscheinungen moralisch-sittlicher Verwahrlosung\u201c aufgezeigt h\u00e4tte. Die Justizfunktion\u00e4re h\u00e4tten auch in der \u00d6ffentlichkeit das st\u00e4ndige Sinken der Kriminalit\u00e4t propagiert und es damit vers\u00e4umt, die Bev\u00f6lkerung auf die Bek\u00e4mpfung der Kriminalit\u00e4t \u201ezu orientieren\u201c.<\/p>\n<h4>Wie verschleiert man einen Kriminalit\u00e4tsanstieg?<\/h4>\n<p>Sollte der Bev\u00f6lkerung 1966 zum Zwecke der Massenmobilisierung im Kampf gegen die Kriminalit\u00e4t ein etwas ungeschminkteres Bild der Kriminalit\u00e4tsentwicklung gezeigt werden, was sich allerdings nicht in der kriminalstatistischen Ver\u00f6ffentlichungspraxis niederschlug, so f\u00fchrte der zeitweilige Anstieg der Kriminalit\u00e4tsziffern ab 1971 dazu, dass kriminalstatistische Daten aus den statistischen Jahrb\u00fcchern von 1973 bis 1977 ganz verschwanden. Zwischenzeitlich diskutierte man intern, wie man diese zu auff\u00e4llige Praxis wieder \u00e4ndern und doch gleichzeitig den Anstieg der registrierten Kriminalit\u00e4t weiter verschleiern k\u00f6nne. Gewachsen war vor allem die Zahl der Festnahmen wegen \u201ekrimineller A\u00adsozialit\u00e4t\u201c (\u00a7 249 StGB DDR), die 1973 mit 30.500 doppelt so hoch lag wie drei Jahre zuvor. Dieser Anstieg 1973 hatte einen banalen, DDR-ty\u00adpischen Grund: die 1974 in der DDR stattfindenden Weltfestspiele. Um der Jugend der Welt eine saubere DDR zu pr\u00e4sentieren, hatte der nationale Sicherheitsrat im Mai 1973 Planungen zur \u201eGew\u00e4hrleistung der Si\u00adcherheit der X. Weltjugendfestspiele\u201c begonnen, in deren Verlauf Volks\u00adpolizei und Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit knapp 30.000 DDR-B\u00fcrger ins Visier nahmen, die als sozial auff\u00e4llig galten. Viele kamen 1973\/74 in psychiatrische Einrichtungen, in Jugendwerkh\u00f6fe, Spezialkinderheime und nach einer Verurteilung gem\u00e4\u00df \u00a7 249 StGB in Arbeitslager.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, zeitweilig keine Daten mehr zu ver\u00f6ffentlichen, traf Erich Honecker, der 1971 Ulbricht als Ersten Sekret\u00e4r des ZK abgel\u00f6st hatte, auf Vorschlag des Generalstaatsanwalts der DDR, Josef Streit. Vor einer Herausnahme weiterer Deliktgruppen der Allgemeinkriminalit\u00e4t aus der Statistik schreckte man zur\u00fcck, da dies, wie es in einem Papier hie\u00df, \u201ekeine auf die Zukunft berechenbare Probleml\u00f6sung darstellt\u201c.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Und nur Insgesamt-Zahlen und einen verringerten Datenbestand aus einigen Deliktgruppen zu ver\u00f6ffentlichen, so wurde bef\u00fcrchtet, h\u00e4tte dem Gegner die Gelegenheit geboten, die Differenz der beiden Angaben als Zahl der aus politischen Gr\u00fcnden Verurteilten zu deuten. Die Furcht, der Gegner im Westen k\u00f6nne Daten \u00fcber die politische Verfolgung aus der L\u00fccke zwischen Gesamtzahlen und Allgemeinkriminalit\u00e4t herausrechnen, hatte die Praxis der Ver\u00f6ffentlichung kriminalstatistischer Daten seit ihrem Beginn in den 50er Jahren bestimmt. Aus diesem Grund hatte man konsequent darauf verzichtet, detaillierte Angaben f\u00fcr alle \u201eunproblematischen Deliktgruppen\u201c offen zu legen.<\/p>\n<p>Auch der von Honecker angeordnete g\u00e4nzliche Verzicht auf kriminalstatistische Daten in den Jahrb\u00fcchern brachte jedoch nicht den erwarteten Erfolg: 1976 teilte Josef Streit dem Staatsratsvorsitzenden mit, die \u201egegnerischen Massenmedien (w\u00fcrden) w\u00fcste Ger\u00fcchte \u00fcber einen angeblichen fortw\u00e4hrenden Anstieg der Kriminalit\u00e4t in der DDR\u201c ver\u00adbreiten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Die Nichtver\u00f6ffentlichungspraxis war angesichts der Bem\u00fchungen der DDR um internationale Anerkennung auf Dauer nicht durchzuhalten. Auf internationalen Tagungen wie der V. UNO-Konfe\u00adrenz zur Verbrechensbek\u00e4mpfung 1975 wurden DDR-Delegatio\u00adnen zur Vorlage entsprechender Zahlen aufgefordert.<\/p>\n<p>Intern musste also weiter \u00fcberlegt werden, wie Ver\u00f6ffentlichung und Verschleierung miteinander zu verbinden seien. Von Erich Honecker stammt die Anweisung: \u201eF\u00fcr kleine Delikte ist kein Platz in der Kriminalstatistik.\u201c Ab 1978 enthielt das Statistische Jahrbuch mit Honeckers Zustimmung wieder Gesamtzahlen und Angaben zu einzelnen Deliktgruppen. Die Gesamtzahl registrierter Straftaten wurde \u2013 entgegen vorangegangener \u00dcberlegungen \u2013 nicht verf\u00e4lscht.<\/p>\n<p>Um den Kriminalit\u00e4tsanstieg zwischen 1971 und 1974 zu kaschieren, pr\u00e4sentierte man f\u00fcr diesen Zeitraum nur j\u00e4hrliche Durchschnittswerte. Angaben \u00fcber politische Straftaten blieben tabu und sollten auch weiterhin nicht aus der Differenz von Gesamtzahl und den einzeln ausgewiesenen Straftatbest\u00e4nden herausgelesen werden k\u00f6nnen. Man legte daher fest, dass in der Gruppe \u201esonstiger Straftaten \u2026. neben den genannten (politischen) Straftaten m\u00f6glichst viele und unterschiedliche Delikte enthalten sein (m\u00fcssen), \u00fcber deren tats\u00e4chliche \u2026 Gr\u00f6\u00dfe die Gegenseite keine konkreten Vorstellungen haben kann.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Diese Praxis wurde bis 1989 durchgehalten.<\/p>\n<p>Nach 1990 und der \u00d6ffnung der DDR-Archive gehen begr\u00fcndete Sch\u00e4tzungen davon aus, dass in den 40 Jahren DDR ca. 250.000 Personen aus politischen Gr\u00fcnden in Strafhaft kamen.<\/p>\n<h5>Falco Werkentin ist seit 1993 stellvertretender Landesbeauftragter f\u00fcr die Stasi-Unterlagen in Berlin. Von 1975 bis 1990 war er in Forschungsprojekten zur Politik Innerer Sicherheit der Bundesrepublik t\u00e4tig und arbeitete als Redakteur von B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP. In den ersten 17 Jahren lebte er \u2013 bis zum Sprung \u00fcber die Mauer \u2013 in der DDR.<\/h5>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 beispielhaft: Bericht der Strafverfolgungsorgane der DDR \u00fcber die Bewegung der Kriminalit\u00e4t 1958, Bundesarchiv (BArch) DY 30 IV 2\/13\/414; und: Materialien zur Kriminalit\u00e4tsentwicklung 1961, BArch DY 30 IV 2\/13\/424<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Materialien zur Kriminalit\u00e4tsentwicklung 1961, BArch DY 30 J IV 2\/13\/424<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 vgl. den Kriminalit\u00e4tsbericht f\u00fcr 1965 v. 2.3.1966 und die von der ZK-Abt. Staats- und Rechtsfragen daran ge\u00fcbte Kritik v. 24.2.1966, beides BArch DY 30 J IV 2\/3A\/1277<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 BArch DY 30 J IV 2\/3\/1090<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 zit. n. Raschka, J.: \u201eStaatsverbrechen werden nicht genannt\u201c. Zur Zahl politischer H\u00e4ftlinge w\u00e4hrend der Amtszeit Honeckers, Dresden 1997, S. 17<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 ebd.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 aus einem Dokument, zit. n. Raschka a.a.O. (Fn. 5), S. 22<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Falco Werkentin Wer zu DDR-Zeiten sich kundig machen wollte \u00fcber kriminalstatistische Daten im ersten<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,83],"tags":[421,876,1271,1394],"class_list":["post-8018","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-077","tag-ddr","tag-kriminalitaet","tag-sed","tag-strafverfolgung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8018","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8018"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8018\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8018"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8018"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8018"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}