{"id":8022,"date":"2004-02-29T17:54:37","date_gmt":"2004-02-29T17:54:37","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=8022"},"modified":"2004-02-29T17:54:37","modified_gmt":"2004-02-29T17:54:37","slug":"nichtdeutsche-in-der-polizeistatistik-kriminelle-auslaender-oder-gesetzestreue-arbeitsmigranten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=8022","title":{"rendered":"\u201eNichtdeutsche\u201c in der Polizeistatistik &#8211;\u00a0Kriminelle Ausl\u00e4nder oder gesetzestreue Arbeitsmigranten?"},"content":{"rendered":"<h3>von Rainer Gei\u00dfler<\/h3>\n<p><strong>Das Vorurteil vom \u201ekriminellen Ausl\u00e4nder\u201c erschwert die notwendige Integration von Migranten. Problematisch pr\u00e4sentierte und falsch interpretierte Daten der Polizeistatistik haben diese Situation mit verschuldet.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDie in Deutschland lebenden Ausl\u00e4nder begehen h\u00e4ufiger Straftaten als Deutsche\u201c. Diese Aussage wurde 1996 von 50 Prozent der Ostdeutschen und 36 Prozent der Westdeutschen ausdr\u00fccklich bejaht.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Sie stehen mit diesem Vorurteil nicht alleine da: Das Zerrbild des bedrohlichen und d.h. vor allem des \u201ekriminellen Ausl\u00e4nders\u201c bedienen auch gro\u00dfe Teile der Medien \u2013 und zwar nicht nur in rei\u00dferischen Stories \u00fcber Einzelf\u00e4lle: In einer um Ausgewogenheit bem\u00fchten Titelgeschichte (\u201eZu viele Ausl\u00e4nder?\u201c) kam etwa der \u201eSpiegel\u201c 1998 zu dem Schluss: \u201eZwar geht die Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t minimal zur\u00fcck \u2013 1996 waren noch 28,3 Prozent aller Tatverd\u00e4chtigen keine Deutschen, im vergangenen Jahr waren das 27,9 Prozent. Doch stellen Ausl\u00e4nder eben nur insgesamt rund 9 Prozent der Bev\u00f6lkerung &#8230; Ausl\u00e4nder sind im Schnitt krimineller, da hilft kein Sch\u00f6nreden.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> In einem Einwanderungsland \u2013 und als ein solches wird Deutschland inzwischen auch von den politischen Eliten angesehen \u2013 sind solche Meinungen ein ernsthaftes Hindernis bei der Integration der Migranten, l\u00f6sen unn\u00f6tige \u00c4ngste aus und sch\u00fcren fremdenfeindliche Ressentiments.<!--more--><\/p>\n<p>Nicht nur in dem zitierten \u201eSpiegel\u201c-Artikel ist die \u201ePolizeiliche Kriminalstatistik\u201c (PKS) die zentrale Quelle f\u00fcr das Stereotyp vom \u201ekriminellen Ausl\u00e4nder\u201c. Dieser j\u00e4hrliche Bericht \u00fcber die Arbeit der Polizei tr\u00e4gt ein falsches Etikett, weil seine Daten lediglich Auskunft \u00fcber Handlungen und Personen geben, die nach Meinung der Polizei einer Straftat verd\u00e4chtig sind. In dieser Statistik sind daher auch viele registriert, die irrt\u00fcmlich in einen Verdacht gerieten oder leichtfertig falsch verd\u00e4chtigt wurden, weil es in der Konkurrenz um m\u00f6glichst hohe \u201eAufkl\u00e4rungsquoten\u201c (ein ebenfalls v\u00f6llig irref\u00fchrender Begriff) f\u00fcr ein Kriminalkommissariat vorteilhaft ist, m\u00f6glichst viele F\u00e4lle als \u201eaufgekl\u00e4rt\u201c an die Staatsanwaltschaft weiterzumelden. Nur etwa ein Drittel der Tatverd\u00e4chtigen wird sp\u00e4ter rechtskr\u00e4ftig verurteilt. Die PKS ist also eine Tatverdachtstatistik und keine Kriminalstatistik im eigentlichen Sinn.<\/p>\n<p>Obwohl das PKS-Kapitel \u00fcber \u201eNichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige\u201c seit 1992 mit einem einf\u00fchrenden methodischen Kurzkommentar versehen ist, der auf wichtige Interpretationsprobleme hinweist, verleiten die Daten und die Art ihrer Aufbereitung zu Missverst\u00e4ndnissen und gezieltem Missbrauch. Die Verzerrungen der PKS lassen sich auf der Basis kriminalsoziologischer Erkenntnisse korrigieren. Der \u201ekriminelle Ausl\u00e4nder\u201c verwandelt sich dabei in einen gesetzestreuen Arbeitsmigranten.<\/p>\n<h4>Ethnisch selektives Anzeigeverhalten<\/h4>\n<p>In der Polizeistatistik spiegelt sich die Verbrechensrealit\u00e4t nur sehr unzureichend wider, weil lediglich ein kleiner Teil der Gesetzesverst\u00f6\u00dfe und ein noch kleinerer Teil der Straft\u00e4ter den Strafverfolgungsinstanzen bekannt wird. Die Mehrheit der T\u00e4ter und Taten bleibt \u201eim Dunkeln\u201c. Die Dunkelfeldforschung bem\u00fcht sich, das tats\u00e4chliche kriminelle Geschehen besser auszuleuchten, als es die offiziellen Kriminalstatistiken k\u00f6nnen, und dabei auch den Selektionsprozessen auf die Spur zu kommen, die sich beim bekannt werden von Straftaten vollziehen. Durch neuere Dunkelfeld- und Opferstudien ist inzwischen eindeutig belegt, dass Ausl\u00e4nder, insbesondere Jugendliche, h\u00e4ufiger angezeigt werden als Deutsche. W\u00e4hrend nur jeder sechste deutsche Sch\u00fcler (7. und 9. Klasse), der mindestens ein Gewalt- oder Eigentumsdelikt begangen hatte, bei der Polizei registriert war, war es von den Migrantens\u00f6hnen jeder zweite.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das ethnisch selektive Anzeigeverhalten verzerrt die Polizeistatistik zu Lasten der Ausl\u00e4nder.<\/p>\n<h4>Ausl\u00e4nder \u2013 welche?<\/h4>\n<p>Der Begriff \u201eAusl\u00e4nder\u201c wird im Folgenden nicht mehr auftauchen. In der Migrationsforschung ist er ein Auslaufmodell, weil er wichtige Migrantengruppen entweder \u00fcberhaupt nicht oder viel zu grob erfasst. So blendet er die eingewanderten Aussiedler mit deutscher Staatsangeh\u00f6rigkeit, die im letzten Jahrzehnt auch in der Kriminalit\u00e4tsdebatte eine Rolle gespielt haben,<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> genauso aus wie die eingeb\u00fcrgerten Migranten, deren Zahl kontinuierlich ansteigt. \u00dcber die Gesetzestreue, Kriminalit\u00e4t und Kriminalisierung der Eingeb\u00fcrgerten ist bisher \u00fcberhaupt nichts bekannt, weil Ausl\u00e4nderstatistiken und die \u201eAusl\u00e4nderforschung\u201c diese wichtige Gruppe per definitionem ausklammern.<\/p>\n<p>Dass der Ausl\u00e4nderbegriff die Migrantengruppen, die er erfasst, nur unzureichend differenziert, hat sich gerade in der Polizeistatistik schmerzlich bemerkbar gemacht. Mit dem pauschalen Sammelsurium \u201eAusl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c oder auch \u201eNichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige\u201c werden Gruppen in einen Topf ger\u00fchrt, die nicht nur kriminologisch (bei der Analyse der Ursachen von Kriminalit\u00e4t), sondern auch kriminalistisch (bei der Verfolgung von Straftaten) auseinander zu halten sind.<\/p>\n<p>Um falsche Verallgemeinerungen und Vorurteile gegen\u00fcber bestimmten Migrantengruppen zu vermeiden, sind mindestens die vier folgenden Gruppen getrennt zu analysieren: Arbeitsmigranten und ihre Familien, Asylsuchende und Fl\u00fcchtlinge,<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Illegale sowie kriminelle Grenzg\u00e4nger, die nicht in Deutschland wohnen, aber Straftaten auf deutschem Gebiet begehen (die PKS nennt sie \u201eTouristen\/Durchreisende\u201c). Diese vier Gruppen halten sich nicht nur aus v\u00f6llig unterschiedlichen Motiven in Deutschland auf, auch ihre Lebensperspektiven, ihre -be\u00addingungen und -chancen unterscheiden sich grundlegend. Entsprechend unterschiedlich ist auch ihre Kriminalit\u00e4tsbelastung: Der pauschale \u201eAusl\u00e4nder\u201c-Begriff verwischt diese Unterschiede, er ist ein \u201eUnbegriff\u201c, weil sich mit ihm wichtige Differenzierungen nicht begreifen lassen.<\/p>\n<p>Ich beschr\u00e4nke mich im Folgenden auf die Analyse der (ausl\u00e4ndischen) Arbeitsmigranten und ihrer Familien, weil sie quantitativ und qualitativ die Kerngruppe der hier lebenden Migranten bilden. Mit ca. 6,1 Millionen stellen sie 2002 etwa 84 Prozent der ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung. Hinzu k\u00e4men noch etwa 1 Million eingeb\u00fcrgerte Arbeitsmigranten, \u00fcber deren Kriminalit\u00e4t leider nichts bekannt ist.<\/p>\n<h4>Mindestens genauso gesetzestreu wie Deutsche<\/h4>\n<p>Mit Hilfe der Bev\u00f6lkerungsstatistik und der PKS l\u00e4sst sich relativ einfach belegen, dass Arbeitsmigranten nicht h\u00e4ufiger bei der Polizei registriert sind als Deutsche. 2002 machten die Arbeitsmigranten und ihre Familien gut 7,5 Prozent der Wohnbev\u00f6lkerung Deutschlands aus.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Ihr Anteil unter den Tatverd\u00e4chtigen der PKS liegt nicht h\u00f6her, sondern vermutlich eher niedriger. Denn von den 24,4 Prozent der im Jahre 2002 in der PKS registrierten \u201enichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen\u201c sind lediglich 27,9 Prozent ausl\u00e4ndische Arbeitnehmer, Gewerbetreibende, Studenten und Sch\u00fcler, und das bedeutet: Lediglich 6,8 Prozent aller Tatverd\u00e4chtigen geh\u00f6ren diesen Migrantengruppen an (vgl. die Grafik).<\/p>\n<p>Bei der Interpretation dieses Wertes sind zwei gegens\u00e4tzlich wirkende Verzerrungen zu beachten: Der Wert ist einerseits k\u00fcnstlich erh\u00f6ht durch das erw\u00e4hnte selektive Anzeigeverhalten; andererseits erfasst er die Gruppe der tatverd\u00e4chtigen Arbeitsmigranten nicht restlos, weil in der PKS-Kategorie \u201esonstige nichtdeutsche Tatverd\u00e4chtige\u201c neben Fl\u00fcchtlingen, \u201eBesuchern\u201c und anderen Personengruppen auch eine unbekannte Zahl von erwerbslosen Arbeitsmigranten registriert ist. Informierte Sch\u00e4tzungen machen es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass dadurch der Prozentwert der ausl\u00e4ndischen Arbeitsmigranten an allen Tatverd\u00e4chtigen ihren Anteil an der Wohnbev\u00f6lkerung \u00fcbersteigt, wahrscheinlich bleibt der Tatverd\u00e4chtigenanteil unter 7,5 Prozent. Aus diesen \u00dcberlegungen l\u00e4sst sich eine erste wichtige Schlussfolgerung ableiten: Die Kerngruppe der ausl\u00e4ndischen Arbeitsmigranten und ihrer Familien ist mindestens genauso gesetzestreu wie Deutsche.<\/p>\n<h4>Erheblich gesetzestreuer als Deutsche<\/h4>\n<p>Kriminalit\u00e4t und Kriminalisierung einer Gruppe h\u00e4ngen stark mit ihrem Sozialprofil zusammen \u2013 mit ihrer Zusammensetzung nach Qualifikationsniveau, Berufsstatus, Alter, Geschlecht, Wohnregion etc. Gering qua\u00adlifizierte und Statusniedrige, Jugendliche und Heranwachsende, M\u00e4nner sowie Gro\u00dfstadtbewohner sind h\u00e4ufiger als Tatverd\u00e4chtige bei der Polizei registriert als hoch qualifizierte und Statushohe, \u00c4ltere, Frauen oder Landbewohner. Ein angemessener Gruppenvergleich muss die Unterschiede im Sozialprofil beachten. Um Scheinkorrelationen zu vermeiden, d\u00fcrfen nur Migrantengruppen und Einheimische mit \u00e4hnlichem Sozialprofil verglichen werden.<\/p>\n<p>Die offiziellen Kriminalstatistiken lassen die Kontrolle der Sozialprofileffekte jedoch nur sehr eingeschr\u00e4nkt zu. Einen Ausweg aus diesem Dilemma liefert eine \u201eNotl\u00f6sung\u201c: Auf der Basis von Fallstudien, die Auskunft \u00fcber das Sozialprofil von Tatverd\u00e4chtigen oder Verurteilten geben, und den Kenntnissen \u00fcber die Sozialprofile der deutschen und ausl\u00e4ndischen Wohnbev\u00f6lkerung lassen sich Sozialprofileffekte sch\u00e4tzen. Solche Sch\u00e4tzungen wurden wiederholt mit unterschiedlichen Datens\u00e4tzen durchgef\u00fchrt und lieferten \u00e4hnliche Resultate.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Die letzte Sch\u00e4tzung dieser Art kam zu folgenden Ergebnissen: Durch den Geschlechtereffekt (mehr M\u00e4nner) m\u00fcsste sich die \u201eKriminalit\u00e4tsbelastung\u201c bei Ausl\u00e4ndern um 9 Prozent erh\u00f6hen, durch den Regionaleffekt (mehr Gro\u00dfstadtbewohner) um 12 Prozent und durch den Alterseffekt (mehr j\u00fcngere Menschen) um 33 Prozent. Weitaus am st\u00e4rksten schl\u00e4gt der Schichteffekt zu Buche: durch den erheblich h\u00f6heren Anteil an Un- und Angelernten m\u00fcsste sich die Kriminalit\u00e4tsbelastung um 129 Prozent erh\u00f6hen, in der zweiten Generation um 78 Prozent (vgl. Tabelle).<\/p>\n<p>Tab.: Sozialprofileffekte bei Arbeitsmigranten<\/p>\n<p>Erh\u00f6hung der erwarteten Belastung durch polizeilichen Tatverdacht durch den<\/p>\n<p>Geschlechtereffekt 9 %<\/p>\n<p>Gro\u00dfstadteffekt 12 %<\/p>\n<p>Alterseffekt 33 %<\/p>\n<p>Schichteffekt<\/p>\n<p>alle Arbeitsmigranten 129 %<\/p>\n<p>zweite Generation 78 %<\/p>\n<p><em>Quelle: Gei\u00dfler a.a.O. (Fn. 7), S. 34<\/em><\/p>\n<p>Es w\u00e4re des Quantifizierens zu viel, wenn man mit diesen gesch\u00e4tzten Effekten den oben errechneten Prozentwert der tatverd\u00e4chtigen Arbeits\u00admigranten nach unten korrigieren w\u00fcrde. Die \u00dcberlegungen und Sch\u00e4tzungen zu den Sozialprofileffekten machen jedoch deutlich, dass die Kriminalit\u00e4tsbelastung einer Gruppe von Arbeitsmigranten, die von ihrem Sozialprofil und d.h. von ihrer Soziallage her mit den Deutschen vergleichbar ist, erheblich niedriger liegt als es der erw\u00e4hnte Wert von 6,8 Prozent ausweist. Sie erlauben daher eine zweite empirisch abgesicherte Schlussfolgerung: Arbeitsmi\u00adgranten und ihre Familien sind erheblich gesetzestreuer als Deutsche mit vergleichbarem Sozialprofil.<\/p>\n<h4>Migrationseffekt Gesetzestreue<\/h4>\n<p>Die letzte Schlussfolgerung hat wichtige theoretische Konsequenzen f\u00fcr die Zusammenh\u00e4nge von Migration und Kriminalit\u00e4tsentwicklung. Die Vorstellung einer hohen \u201eAusl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u201c ist mit der Annahme verbunden, Migration bewirke einen Anstieg der Kriminalit\u00e4t. F\u00fcr die Arbeitsmigration gilt jedoch genau das Gegenteil: Durch die tendenzielle Unterschichtung der Gesellschaft durch Arbeitsmigranten r\u00fccken in die niedrigen \u201ekriminalit\u00e4ts- und kriminalisierungsanf\u00e4lligen\u201c Positionen Menschen ein, die von der Polizei seltener als Tatverd\u00e4chtige registriert werden als Deutsche in diesen Positionen. Arbeitsmigration hat also eine h\u00f6here Gesetzestreue zur Folge; die Einwanderung von Arbeitsmi\u00adgranten hat die Kriminalit\u00e4tsentwicklung insgesamt positiv beeinflusst, sie hat die Zahl der Straftaten reduziert. Der Effekt der Arbeitsmigration besteht in h\u00f6herer Gesetzestreue, nicht in h\u00f6herer Kriminalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch die \u00fcbliche Frage nach den Ursachen von Migrantenkriminalit\u00e4t muss umgekehrt werden. Es gilt nicht zu erkl\u00e4ren, warum Arbeitsmigranten h\u00e4ufiger kriminell werden, sondern warum sie sich besser an die Gesetze halten als Deutsche mit vergleichbarem Sozialprofil. Auf diese Frage gibt es eine plausible Antwort: Arbeitsmigranten sind bescheidener in ihren Anspr\u00fcchen als Einheimische und finden sich daher leichter mit strukturellen Benachteiligungen ab. Die These von der Anpassungswilligkeit der Arbeitsmigranten \u2013 von ihrer besonderen Bereitschaft und F\u00e4higkeit, sich mit im Vergleich zu Einheimischen relativ benachteiligten Lebensbedingungen im Aufnahmeland zu arrangieren \u2013 wird auch durch arbeitswissenschaftliche Untersuchungen belegt. Obwohl Ausl\u00e4nder \u00fcberproportional h\u00e4ufig Nacht- und Schichtarbeit sowie belastende und gef\u00e4hrliche und wenig Selbstgestaltung und Mitentscheidung erlaubende T\u00e4tigkeiten verrichten und auch h\u00e4ufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Deutsche, sind sie mit ihrer Arbeit genauso zufrieden wir ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<h4>Zur Kriminalit\u00e4t der Jugendlichen aus Migrantenfamilien<\/h4>\n<p>Um die Gesamtsituation nicht zu besch\u00f6nigen, soll noch kurz auf die Kriminalit\u00e4t der Jugendlichen aus Migrantenfamilien eingegangen werden. Dunkelfeldanalysen aus den 80er Jahren zeigen, dass Jugendliche ohne deutschen Pass gar nicht oder nur sehr geringf\u00fcgig h\u00f6her kriminell belastet waren als Deutsche.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Daran hat sich in den 90er Jahren nichts ge\u00e4ndert. Allerdings gibt es Auff\u00e4lligkeiten im Hinblick auf Vielfacht\u00e4ter und schwerere Delikte. Die Studien stimmen weitgehend darin \u00fcberein, dass Jugendliche aus Familien von Arbeitsmigranten h\u00e4ufiger Gewaltdelikte und Einbruchdiebst\u00e4hle begehen als Deutsche und dass es unter ihnen auch h\u00e4ufiger Vielfacht\u00e4ter gibt. Bei der Anwendung von Gewalt sind insbesondere junge T\u00fcrken und Ex-Jugoslawen stark belastet. Deutsche lassen sich dagegen h\u00e4ufiger als Arbeitsmigrantenkinder zu einfachen Diebst\u00e4hlen sowie zu Drogenkonsum hinrei\u00dfen. Im Hinblick auf Sachbesch\u00e4digung stellen drei von vier Studien keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen fest.<\/p>\n<p>Die Ursachen f\u00fcr das Mehr an Gewalttaten und Einbr\u00fcchen bei jungen Ausl\u00e4ndern h\u00e4ngen zum einen mit Integrationsproblemen zusammen: hohe Raten von Arbeitslosigkeit und Armut bei den Eltern sowie \u2013 damit verkn\u00fcpft \u2013 Misshandlung durch elterliche Gewalt; Ausbildungsdefizite der Migrantenkinder und damit verbundene Defizite an Berufs- und Lebenschancen. Dar\u00fcber hinaus gibt es aber auch deutliche Hinweise darauf, dass die \u201eErfahrungen der Ausgrenzung\u201c und mangelnde Anerkennung in den 90er Jahren abweichende Reaktionen beg\u00fcnstigt haben<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> \u2013 die fremdenfeindlichen Ausschreitungen, aber auch die Vers\u00e4umnisse einer \u201eAusl\u00e4nderpolitik\u201c, die keine Integrationspolitik war, sondern, wie es auch das Wort besagt, Migranten abwehrend und auch ausgrenzend als \u201eAusl\u00e4nder\u201c ansah.<\/p>\n<h4>Fazit: Ver\u00e4nderungen der PKS<\/h4>\n<p>Ein unkritischer Umgang mit den offiziellen Kriminalstatistiken kann dazu f\u00fchren, dass sich integrationshemmende Vorurteile \u00fcber das kriminelle Verhalten von Migranten verbreiten. Die Verantwortlichen f\u00fcr die PKS k\u00f6nnten die Risiken gef\u00e4hrlicher Missverst\u00e4ndnisse und Missbr\u00e4uche verringern, wenn sie zwei Ver\u00e4nderungen vornehmen:<\/p>\n<p>Die erste l\u00e4sst sich ohne Schwierigkeiten realisieren: Der Methodenteil sollte einen Hinweis auf das ethnisch selektive Anzeigeverhalten und die dadurch verursachte Verzerrung zu Lasten der Migranten enthalten.<\/p>\n<p>Die zweite, erheblich schwierigere Ver\u00e4nderung betrifft das begriffliche System, das die Struktur und Pr\u00e4sentation der Daten steuert: Das unsinnige Sammelsurium der \u201enichtdeutschen Tatverd\u00e4chtigen\u201c sollte durch differenziertere Konzepte ersetzt werden \u2013 wie z.B. Grenzkriminelle, Illegale, Asylbewerber und Fl\u00fcchtlinge sowie Arbeitsmigranten und ihre Familien. Sehr sinnvoll, aber noch schwieriger w\u00e4re es, den Begriff der Arbeitsmigranten nicht am Fehlen der deutschen Staatsangeh\u00f6rigkeit festzumachen, sondern am Kriterium der Zuwanderung.<\/p>\n<h5>Rainer Gei\u00dfler ist Professor f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Siegen.<\/h5>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Allgemeine Bev\u00f6lkerungsumfrage Sozialwissenschaften (ALLBUS), Mannheim 1996<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> DER SPIEGEL Nr. 48 v. 23.11.1998, S. 22-36 (32)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Mansel, J.; Hurrelmann, K.: Aggressives und delinquentes Verhalten Jugendlicher im Zeitvergleich, in: K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie 1998, S. 78-109<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> vgl. z.B. Luff, J.: Kriminalit\u00e4t von Aussiedlern, M\u00fcnchen 2000<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> zur Notkriminalit\u00e4t von Asylbewerbern und Fl\u00fcchtlingen vgl. Gei\u00dfler, R.: Sind \u201eAusl\u00e4nder\u201c krimineller als Deutsche?, in: Gegenwartskunde 2001, H. 1, S. 27-41 (37 f.)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> berechnet nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Wohnbev\u00f6lkerung) und des Bundesministeriums des Inneren (Arbeitsmigranten bzw. Fl\u00fcchtlinge)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> z.B. Masel, J.: Die Selektion innerhalb der Organe der Strafrechtspflege am Beispiel von jungen T\u00fcrken, Italienern und Deutschen, Frankfurt\/M. 1989; Gei\u00dfler, R.: Das gef\u00e4hrliche Ger\u00fccht von der hohen Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 1995, H. 35, S. 30-39, zu Einzelheiten zur Methode und den theoretischen Annahmen ebd. S. 37<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> siehe z.B. Seifert, W.: Ausl\u00e4nder in der Bundesrepublik \u2013 Soziale und \u00f6konomische Mobilit\u00e4t, Berlin 1991 (WZP-Paper P 91-105), S. 25<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> siehe u.a. f\u00fcr die 80er Jahre: Schumann, K.F. u.a.: Jugendkriminalit\u00e4t und die Grenzen der Generalpr\u00e4vention, Neuwied-Darmstadt 1987, S. 70-75; f\u00fcr die 90er: Naplava, T.: Delinquenz bei einheimischen und immigrierten Jugendlichen. Sekund\u00e4ranalyse von Sch\u00fclerbefragungen der Jahre 1995-2000, Arbeitsbericht Freiburg 2002<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> vgl. u.a. Freudenberg Stiftung (Hg.): Junge T\u00fcrken als T\u00e4ter und Opfer von Gewalt, Weinheim 2000<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Rainer Gei\u00dfler Das Vorurteil vom \u201ekriminellen Ausl\u00e4nder\u201c erschwert die notwendige Integration von Migranten. 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