{"id":8189,"date":"2006-01-30T13:55:41","date_gmt":"2006-01-30T13:55:41","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=8189"},"modified":"2006-01-30T13:55:41","modified_gmt":"2006-01-30T13:55:41","slug":"hoeher-schneller-weiter-wie-die-eu-polizeien-in-sachen-fussball-kooperieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=8189","title":{"rendered":"H\u00f6her, schneller, weiter &#8211;\u00a0Wie die EU-Polizeien in Sachen Fu\u00dfball kooperieren"},"content":{"rendered":"<h3>von Heiner Busch<\/h3>\n<p><strong>Noch mehr Daten, noch umfassendere Lagebilder, kontrollierte Grenzen und eingeschr\u00e4nkte Bewegungsfreiheit: Mit sportlichem Eifer dehnen die Polizeien der EU ihre Kooperation bei Fu\u00dfballspielen aus.<\/strong><\/p>\n<p>Ende August 2004, wenige Wochen nach dem Ende der Fu\u00dfball-Europa\u00admeisterschaft pr\u00e4sentierte Portugal in der Polizeiarbeitsgruppe des EU-Rates eine Bilanz des Gro\u00dfereignisses.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Rund 1,2 Millionen ZuschauerInnen hatten die Spiele in den Stadien gesehen. 600.000 Personen waren f\u00fcr die Euro 04 aus dem Ausland nach Portugal gekommen. Zwischenf\u00e4lle hatte es nur wenige gegeben. 261 Personen (darunter 99 BritInnen und 26 Deutsche) hatte die Polizei in den vier Wochen festgenommen, von weiteren hundert hatte sie die Personalien festgestellt. Die Vorw\u00fcrfe lauteten \u00fcberwiegend auf Ticketverkauf auf dem Schwarzmarkt und Ordnungsst\u00f6rungen. Dass es so ruhig geblieben war, war f\u00fcr die portugiesische Polizei ein Erfolg ihrer zur\u00fcckhaltenden Strategie. Sie sei mit vielen zivilen Kr\u00e4ften pr\u00e4sent gewesen und habe ihre Bereit\u00adschaftspolizei im Hintergrund gehalten.<!--more--><\/p>\n<p>Ausdr\u00fccklich w\u00fcrdigte die portugiesische Delegation in der Polizeiarbeitsgruppe die Zusammenarbeit mit ihren Partnern aus dem Ausland. Diese h\u00e4tten daf\u00fcr gesorgt, dass als gewaltt\u00e4tig bekannte Fans gar nicht erst nach Portugal kommen konnten. Sie h\u00e4tten sowohl im Vorfeld als auch w\u00e4hrend der Euro Informationen geliefert. Alle Teilnehmerstaaten der Euro hatten zudem Polizei-Delegationen nach Portugal entsandt. Die gr\u00f6\u00dfte mit 22 Polizisten kam aus England. Deutschland entsandte 18, Frankreich, die Niederlande und Spanien je elf. Verbindungsbeamte sorgten in der eigens f\u00fcr die Euro eingerichteten Zentrale f\u00fcr die Koordination; szenekundige Beamte, \u201espotters\u201c, berieten die Polizei an den Spielorten und in den Stadien. Sie halfen ihren portugiesischen Kollegen, die jeweiligen Fangruppen einzusch\u00e4tzen, identifizierten gegebenenfalls einzelne bekannte Gesichter, schlichteten Auseinandersetzungen mit ihren Landsleuten, wo dies gefordert war. Sie erledigten damit eine typische Mischung aus repressiven und pr\u00e4ventiven T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>So \u00e4hnlich stellt sich das die deutsche Polizei auch w\u00e4hrend der WM vor. Von allen Staaten, deren Mannschaften sich qualifiziert haben, erwartet man Delegationen. Die britische d\u00fcrfte mit 44 Personen wiederum eine der gr\u00f6\u00dften, wenn nicht die gr\u00f6\u00dfte sein.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Nach Angaben der Bundesregierung werden \u2013 ohne die Verbindungsbeamten von Europol und Interpol \u2013 rund 550 ausl\u00e4ndische PolizistInnen w\u00e4hrend des Turniers in Deutschland im Einsatz sein. Allein die Bundespolizei wird durch 318 ausl\u00e4ndische KollegInnen unterst\u00fctzt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Anfang vergangenen Jahres rechnete die Innenministerkonferenz mit rund 220 ausl\u00e4ndischen PolizistInnen, die im Bereich der L\u00e4nderpolizeien eingesetzt werden sollen. F\u00fcr deren Verpflegung und Unterbringung h\u00e4tten die SteuerzahlerInnen der BRD rund 1,6 Mio. Euro aufzubringen.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Bevor die Spotters sich auf die Orte verteilen, wo ihre Mannschaften spielen und ihre Fans f\u00fcr Probleme sorgen k\u00f6nnten, werden sie von der ZIS mit Kommunikationstechnik versorgt, damit sie den Kontakt untereinander und zu den deutschen Einsatzleitungen halten k\u00f6nnen. Beamte aus Gro\u00dfbritannien, aber vermutlich auch aus anderen Staaten werden dieses Mal randalierende Fans nicht nur \u00fcberwachen, sondern auch gleich selbst festnehmen d\u00fcrfen.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Damit hat die europ\u00e4ische Polizeikooperation in Sachen Fu\u00dfball eine neue Qualit\u00e4t gewonnen.<\/p>\n<h4>Ein ausgekl\u00fcgeltes System<\/h4>\n<p>Angefangen hat sie in den 80er Jahren \u2013 zu einer Zeit, da sich die polizeiliche Zusammenarbeit der damaligen Europ\u00e4ischen Gemeinschaft noch in den informellen Strukturen des TREVI-Netzwerks abspielte. 1987, ein Jahr vor der Fu\u00dfball-Europameisterschaft in der BRD, begann die TREVI-Arbeitsgruppe 2 mit dem Aufbau eines \u201eKorrespondentennetzes\u201c, \u00fcber das die deutschen Polizeibeh\u00f6rden schon Monate vor der Euro 88 zun\u00e4chst einen Fragebogen verschickten. Da die Antworten darauf nur eine sehr allgemeine Grobanalyse erbrachten, reisten deutsche Polizeif\u00fchrer anschlie\u00dfend in die Niederlande, nach Gro\u00dfbritannien, Italien, Spanien und Portugal, um detailliertere Informationen \u00fcber die Anreise m\u00f6glicher St\u00f6rer zu erhalten. \u201eNach Auswertung der Erkenntnisse \u00fcber die ausl\u00e4ndischen gewaltt\u00e4tigen Fan-Gruppierungen erwuchs die begr\u00fcndete Notwendigkeit, Experten der ausl\u00e4ndischen Polizei als Berater f\u00fcr die Einsatzleitungen der acht Spielorte zu gewinnen\u201c, schrieb Walter Sperner vom Bundesgrenzschutz ein Jahr sp\u00e4ter in seiner Auswertung.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p>Mittlerweile ist aus diesen informellen Anf\u00e4ngen ein ausgekl\u00fcgeltes System geworden, das nicht nur bei gro\u00dfen Turnieren Anwendung findet, sondern auch bei s\u00e4mtlichen Spielen der National- und bei jenen der Club-Mannschaften im Rahmen der Wettbewerbe der UEFA. Im Mai 1997 erlie\u00df der Rat eine Gemeinsame Ma\u00dfnahme \u201ebetreffend die Zusammenarbeit im Bereich der \u00f6ffentlichen Ordnung und Sicherheit\u201c; der Informationsaustausch vor gr\u00f6\u00dferen Versammlungen und Veranstaltungen (also nicht nur vor Fu\u00dfballspielen), die Entsendung von Verbindungsbeamten und die Einrichtung zentraler Stellen in den Mitgliedstaaten erhielten damit eine erste verbindliche Rechtsgrundlage.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> In den Jahren 1996 und 1997 verabschiedeten die Justiz- und Innenminister dar\u00fcber hinaus zwei nicht verbindliche, aber umso folgenreichere Texte, die sich ausschlie\u00dflich auf Fu\u00dfballspiele bezogen: In einer Entschlie\u00dfung \u201ezur Verhinderung und Eind\u00e4mmung des Fu\u00dfballrowdytums\u201c erkl\u00e4ren sie erstens u.a. einen j\u00e4hrlichen Lagebericht \u00fcber das \u201eFu\u00dfballrowdytum\u201c und eine j\u00e4hrliche \u201eSachverst\u00e4ndigensitzung\u201c f\u00fcr \u201ew\u00fcnschenswert\u201c. Ein \u201eLeitfaden zur Verhinderung von St\u00f6rungen der \u00f6ffentlichen Ordnung bei Fu\u00dfballspielen\u201c sollte zweitens den Informationsaustausch durch ein \u201eeinheitliches Formblatt f\u00fcr Berichte mit polizeilichen Erkenntnissen \u00fcber bekannte und mutma\u00dfliche Gruppen von Ordnungsst\u00f6rern\u201c standardisieren.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> An die Stelle des Leitfaden trat 1999 ein umfangreiches \u201eHandbuch\u201c, das Ende 2001 \u00fcberarbeitet und erweitert wurde.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<h4>Von Risikoanalysen und akademischen Kategorien<\/h4>\n<p>\u201eDie nationale Fu\u00dfballinformationsstelle fungiert im Idealfall als zentrale und einzige Kontaktstelle f\u00fcr den Austausch einschl\u00e4giger Informationen \u00fcber Fu\u00dfballspiele mit internationaler Dimension\u201c, hei\u00dft es in der Handbuch-Version von 2001. Das als Handreichung f\u00fcr die Polizeien gedachte Handbuch nahm einen Ratsbeschluss vorweg, der 2002 den Aufbau solcher \u201eNational Football Information Points\u201c (NFIP) f\u00fcr verpflichtend erkl\u00e4rte.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> In einer Reihe von Mitgliedstaaten \u2013 darunter Gro\u00dfbritannien und die Niederlande \u2013 hatten solche Stellen schon lange existiert. Auch die deutsche ZIS nahm diese Funktion seit 1992 wahr.<\/p>\n<p>Zwar verf\u00fcgen mittlerweile s\u00e4mtliche Mitgliedstaaten \u00fcber einen NFIP, jedoch funktionieren sie nicht alle so, wie sich die Polizeiarbeitsgruppe des Rates das w\u00fcnscht. In einer Bestandsaufnahme im Jahre 2004 beklagte sich die Gruppe, dass \u201ees manchmal schwierig werden kann, genaue und fr\u00fchzeitige Informationen aus Mitgliedstaaten zu erhalten, deren NFIP scheinbar nicht das notwendige hohe Profil und die volle Unterst\u00fctzung der polizeilichen \u201astakeholders\u2018 hat.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Kein Wunder, denn die Informationswege in Sachen Fu\u00dfball sollen unabh\u00e4ngig von den \u00fcblichen Meldewegen innerhalb der Polizei \u2013 \u201eunbeschadet der Aufteilung der Zust\u00e4ndigkeiten zwischen den einzelnen Beh\u00f6rden und Dienststellen\u201c, wie es im Ratsbeschluss hei\u00dft \u2013 verlaufen.<\/p>\n<p>Die NFIPs sollen alle relevanten Informationen zentralisieren und auswerten, damit sie vor dem jeweiligen Spiel oder der Meisterschaft den NFIPs der anderen Mitgliedstaaten eine \u201eRisikoanalyse betreffend die eigenen Vereine und die eigene Nationalmannschaft\u201c bereitstellen k\u00f6nnen. Diese Analyse \u2013 so mahnte die Polizeiarbeitsgruppe in ihrer Bestandsaufnahme \u2013 m\u00fcsse \u201ewell in advance\u201c eintreffen und \u201eausreichende Details\u201c enthalten.<\/p>\n<p>Schon das im Leitfaden von 1996 enthaltene Formblatt hatte Angaben \u00fcber die Zusammensetzung der Fangruppen, ihre Reisewege, Zwischenstopps und \u00dcbernachtungsorte gefordert, war aber im Vergleich zu den Formularen im Handbuch von 2001 geradezu bescheiden geblieben. Darin findet sich nun auch die Sprache der intelligence-Konzepte, die von den nationalen Informationsstellen verlangt, die Informationen vor, w\u00e4hrend und nach den betreffenden Spielen jeweils in strategische, operative und taktische zu unterteilen.<\/p>\n<p>Trotz des Wortgeklappers orientieren sich Informationen und Lageberichte immer noch an dem Fan-Kategorien-Alphabet aus dem Leitfaden von 1996: \u201eA = friedfertig; B = gewisses Konfrontations- und Ordnungsst\u00f6rungspotenzial, besonders in Verbindung mit Alkoholkonsum; C = gewaltt\u00e4tig oder Organisatoren von Gewalttaten.\u201c Dass diese Unterscheidung nicht (mehr) so richtig funktioniert, f\u00fchrte die Polizeiarbeitsgruppe in ihrem \u201eArbeitsprogramm\u201c f\u00fcr die Jahre 2004 bis 2006 auf die \u201ezunehmend unterschiedliche Auslegung dieser Kategorien\u201c zur\u00fcck.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Einige Mitgliedstaaten machen jedoch andere Gr\u00fcnde geltend. In den statistischen Anh\u00e4ngen der j\u00e4hrlichen Lageberichte erkl\u00e4ren die Fu\u00dfball-Spezialisten der deutschen Polizei mit steter Regelm\u00e4\u00dfigkeit, dass sie die Unterscheidung von B- und C-Fans bei Ausw\u00e4rtsspielen der Nationalmannschaft f\u00fcr \u201eakademisch\u201c und f\u00fcr die Planung der Polizeieins\u00e4tze irrelevant halten.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>In zwei Beitr\u00e4gen vom April 2005 forderte die niederl\u00e4ndische Delegation in der Arbeitsgruppe eine \u201edynamische Risikoanalyse\u201c. Risiko sei ein Kontinuum. Ob das Risiko, das von einer Fangruppe ausgehe, hoch oder niedrig sei, h\u00e4nge \u201ein erster Linie\u201c von der Interaktion zwischen den Fans und verschiedenen Institutionen ab, insbesondere der Polizei. Gefordert sei deshalb eine andere Herangehensweise: statt der traditionellen Ausrichtung auf \u201eriot control\u201c sei die Suche nach einer \u201ebalancierten\u201c, vorsichtigen Herangehensweise wie bei der Euro 04 in Portugal angesagt. Die Niederlande reagierten damit auch auf die Ver\u00e4nderungen in der Fanszene, in der die Hooligans nur noch eine geringe Rolle spielen. Die \u201edynamische Risikoanalyse\u201c erfordert aber keineswegs weniger Informationen als die traditionelle. Im Gegenteil: Eine blo\u00dfe Kategorisierung von Risikofans gen\u00fcge nicht. Es sei notwendig die Umst\u00e4nde und Verhaltensweisen \u2013 auch der Polizei \u2013 zu identifizieren, die zu Zwischenf\u00e4llen f\u00fchren k\u00f6nnten: Dazu seien die j\u00fcngsten Ereignisse und die jeweils bei einem Spiel bevorstehende Situation gr\u00fcndlich zu analysieren.<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<h4>Frei flottierende Daten<\/h4>\n<p>Gem\u00e4\u00df dem Ratsbeschluss von 2002 sollen die NFIPs aber nicht nur Lagebilder, sondern auch personenbezogene Daten von Risikofans austauschen. Die Weitergabe m\u00fcsse \u201ein \u00dcbereinstimmung mit den geltenden nationalen und internationalen Rechtsvorschriften\u201c erfolgen \u2013 eine Einschr\u00e4nkung, die sich zwar menschenfreundlich anh\u00f6rt, aber doch weitgehend bedeutungslos ist. Denn sowohl die Erfassung \u2013 in Deutschland in der Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c \u2013 und Einstufung als \u201eRisikofan\u201c als auch die \u00dcbermittlung ins Ausland sind vom polizeilichen Ermessen abh\u00e4ngig: Der Datenaustausch \u201ekann insbesondere Informationen \u00fcber Einzelpersonen betreffen, die eine Gefahr f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sicherheit und Ordnung darstellen oder darstellen k\u00f6nnten\u201c, hei\u00dft es in Art. 3 Abs. 3 des Ratsbeschlusses. Ausschlaggebend ist also nicht etwa eine einschl\u00e4gige strafrechtliche Verurteilung der Betroffenen, sondern eine polizeiliche Prognose.<\/p>\n<p>Au\u00dfer Frankreich und Italien, die nach eigenem Bekunden wegen rechtlicher Schranken keine Daten ins Ausland liefern, beteiligen sich an diesem Austausch von Personendaten fast alle alten EU-Staaten, deren Clubs oder Nationalmannschaften in europaweiten Wettbewerben oder Turnieren erfolgreich sind.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Ein Jahr nach seinem Beschluss zu den NFIPs forderte der Rat die Mitgliedstaaten in einer Entschlie\u00dfung auf, den Datenaustausch auch auf die von Stadionverboten betroffenen Personen auszudehnen.<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Zwischen 1999 und 2003 war deren Zahl in den 15 alten EU-Staaten von rund 3.500 auf 6.200 angewachsen. F\u00fcr die gesamte EU rechneten die Polizeien bis zur WM mit einem Anstieg auf 10.000.<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Die zumeist von den Vereinen oder Verb\u00e4nden ausgesprochenen zivilrechtlichen Verbote sollen den jeweiligen NFIPs mitgeteilt und \u201ean das Land \u00fcbermittelt werden, in dem ein Fu\u00dfballspiel von internationaler Bedeutung stattfindet\u201c. Genutzt werden sollen die Daten \u201enur\u201c f\u00fcr die Durchsetzung der Stadionverbote \u201eoder dazu, andere geeignete Ma\u00dfnahmen zur Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Sicherheit und Ordnung zu treffen.\u201c Wozu k\u00f6nnten sie sonst noch dienen?<\/p>\n<p>Der Pressesprecher des nordrhein-westf\u00e4lischen LKA best\u00e4tigt, dass die ZIS f\u00fcr die WM solche Angaben erhalten hat, sie aber nach der WM wieder l\u00f6schen w\u00fcrde. Ob dies auch dann geschieht, wenn ein Fan w\u00e4hrend des Turniers \u201eauff\u00e4llig\u201c geworden ist, darf sehr bezweifelt werden. Statewatch berichtete 1993 von einem walisischen Fan, der nach einer Personenkontrolle im Zusammenhang mit einem Fu\u00dfballspiel in Belgien bei jedem Grenz\u00fcbertritt Schwierigkeiten hatte und nur m\u00fchevoll die L\u00f6schung seiner Daten zun\u00e4chst bei der britischen \u201eNational Football Intelligence Unit\u201c und danach in den Registern der verschiedensten EU-Staaten erk\u00e4mpfen musste.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<h4>Geschlossene Grenzen<\/h4>\n<p>Obwohl das in keinem der Ratsbeschl\u00fcsse oder Handb\u00fccher festgehalten ist, spielen Grenzkontrollen in dieser Zusammenarbeit eine zentrale Rolle. Das Schengener Durchf\u00fchrungs\u00fcbereinkommen erlaubt in Art. 2 Abs. 2 die tempor\u00e4re Wiedereinf\u00fchrung der eigentlich abgeschafften Kontrollen an den EU-Binnengrenzen bei schweren St\u00f6rungen der \u201e\u00f6ffentlichen Ordnung\u201c oder \u201enationalen Sicherheit\u201c. Portugal hat anl\u00e4sslich der Euro 04 eine solche Gro\u00dfgefahr gewittert und die Ausnahmeklausel in Anspruch genommen. 3.815 Personen wurden an der Einreise gehindert, 692 bei Kontrollen im Inland aufgegriffen und wieder nach drau\u00dfen spediert. Deutschland wird es anl\u00e4sslich der WM den vorsichtigen portugiesischen Beh\u00f6rden gleichtun.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a><\/p>\n<p>Zur europ\u00e4ischen Fu\u00dfballkatastrophe geh\u00f6rt aber nicht nur die Einschr\u00e4nkung der Einreise-, sondern auch die der Ausreisefreiheit. Seit geraumer Zeit k\u00fcndigen die Repr\u00e4sentanten von Polizei und Innenministerien an, dass sie gef\u00e4hrliche Fans gemeinsam mit den ausl\u00e4ndischen Partnern schon an der Ausreise aus ihren L\u00e4ndern hindern wollen. Ausreiseverbote, \u201ebanning orders\u201c, gibt es im EU-Rahmen bisher nur in Gro\u00dfbritannien, das zur WM rund 3.500 Leuten ihren Pass entzogen hat, und in Deutschland, das sich seit mehreren Jahren bem\u00fcht, das Thema der Reisebeschr\u00e4nkungen auf die Tagesordnung der Polizeiarbeitsgruppe des Rates zu setzen. In deren Arbeitsprogramm rangiert das Thema bisher aber nur unter \u201emittel bis langfristig anzugehen\u201c.<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a> Das Fehlen einer EU-Regelung will das Bundesinnenministerium (BMI) durch bilaterale Absprachen \u00fcberbr\u00fccken. \u201eMit Gro\u00dfbritannien und eini\u00adgen anderen Staaten\u201c habe man sich bereits geeinigt, erkl\u00e4rt der BMI-Pressesprecher. Solche Absprachen strebe das Ministerium mit allen WM-Teilnehmerstaaten an. Zudem sollen die \u201eTransit- und Anrainerstaaten\u201c helfen, Risikofans von der Einreise in die BRD abzuhalten.<\/p>\n<h4>Testfeld Fu\u00dfball<\/h4>\n<p>Der Fu\u00dfball hat sich sowohl im Staatsinnern als auch f\u00fcr die EU-Kooperation als ideales, politisch unverd\u00e4chtiges Testfeld f\u00fcr den polizeilichen Umgang mit Massenveranstaltungen erwiesen. Sp\u00e4testens seit den Gipfeltreffen von G\u00f6teborg und Genua im Sommer 2001 d\u00fcrften auch GegnerInnen der kapitalistischen Globalisierung wahrgenommen haben, dass die gegen Fu\u00dfballfans entwickelten Instrumente auch gegen sie angewandt werden k\u00f6nnen. Im Jahre 2003 hat der Rat eine Entschlie\u00dfung \u00fcber die Sicherheit von Gipfeltreffen, im Jahr darauf einen polizeilichen Leitfaden angenommen.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a> Die beiden Dokumente greifen alle wesentlichen Elemente aus der fu\u00dfballspezifischen Kooperation der Mitgliedstaaten auf: Zusammenarbeit \u00fcber nationale Kontaktstellen, Entsendung von Verbindungsbeamten, Wiederaufnahme von innereurop\u00e4ischen Grenzkontrollen sowie Reisebeschr\u00e4nkungen, Erstellung von Risikoanalysen und ein kaum kontrollierbarer Austausch personenbezogenen Daten.<\/p>\n<p>Von der Kooperation in Sachen Fu\u00dfball l\u00e4sst sich dar\u00fcber hinaus lernen, dass einmal unter Dampf gesetzte Maschinen nicht so einfach zu stoppen sind. Obwohl sich die Fanszenen von heute nicht mehr mit den Hooligans der 80er und 90er Jahre vergleichen lassen, werden die Lageberichte st\u00e4ndig dicker und wachsen die Zahlen der in Polizeidateien gespeicherten Personen, der Stadionverbote und der Zur\u00fcckweisungen an den Grenzen. Der begr\u00fc\u00dfenswerten Einsicht, dass Zwischenf\u00e4lle bei Fu\u00dfball-Veranstaltungen in starkem Ma\u00dfe vom polizeilichen Verhalten abh\u00e4ngen, ist keine Abr\u00fcstung gefolgt. Die Polizeikooperation gegen Risikofans ist selbst zum Risiko geworden.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ratsdok. 11963\/04 v. 30.8.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Frankfurter Rundschau v. 3.4.2006<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> BT-Drs. 16\/1114 v. 3.4.2006, S. 1 f.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> BT-Innenausschuss, Protokoll 16\/57 v. 9.3.2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Berliner Zeitung v. 10.3.2006<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Sperner, W.: Nachrichten- und Informationsbeschaffung zur Euro 88, in: Die Polizei 1989, H. 11, S. 302-305<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Amtsblatt der Europ\u00e4ischen Gemeinschaften (ABl. EG) L 147 v. 5.6.1997<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> ABl. EG C 193 v. 24.6.1997 und C 131 v. 3.5.1996<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Ratsdok. 8743\/99 v. 31.5.1999; ABl. EG C 22 v. 24.1.2002<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> ABl. EG L 121 v. 8.5.2002<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Ratsdok. 7151\/1\/04 v. 11.3.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Ratsdok. 7017\/1\/04 v. 12.3.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Jahresberichte \u00fcber Fu\u00dfballrowdytum, Ratsdok. 8023\/99 v. 31.5.1999, 9559\/1\/00 v. 6.7.2000, 8873\/03 v. 5.5.2003, 15997\/1\/04 v. 4.2.2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Ratsdok. 8241\/05 und 8243\/05, beide v. 20.4.2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> siehe die Bestandsaufnahme in Ratsdok. 7151\/1\/04 v. 11.3.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> ABl. EU C 281 v. 22.11.2003<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> siehe die Jahresberichte in Fn. 12; Frankfurter Rundschau v. 30.11.2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Statewatch Bulletin 1993, no. 2, p. 10<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Ratsdok. 11963\/04 v. 30.8.2004; Berliner Zeitung v. 30.3.2006<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Ratsdok. 7017\/1\/04 v. 12.3.2004<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> Ratsdok. 13915\/03 v. 4.11.2003 und 5744\/1\/04 v. 13.2.2004<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Heiner Busch Noch mehr Daten, noch umfassendere Lagebilder, kontrollierte Grenzen und eingeschr\u00e4nkte Bewegungsfreiheit: Mit<\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,89],"tags":[532,569,643,1444],"class_list":["post-8189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-083","tag-eu-innen-und-justizpolitik","tag-europol","tag-fussball","tag-trevi"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8189\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}