{"id":8191,"date":"2006-01-30T13:58:19","date_gmt":"2006-01-30T13:58:19","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=8191"},"modified":"2006-01-30T13:58:19","modified_gmt":"2006-01-30T13:58:19","slug":"zwischen-werbestatist-und-hooligan-die-instrumentalisierung-der-fans-durch-die-profiteure-des-fussballgeschaefts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=8191","title":{"rendered":"Zwischen Werbestatist und Hooligan &#8211;\u00a0Die Instrumentalisierung der Fans durch die Profiteure des Fu\u00dfballgesch\u00e4fts"},"content":{"rendered":"<h3>von Matthias Bettag<\/h3>\n<p><strong>F\u00fcr die einen sind sie eine Gefahr, f\u00fcr die anderen die notwendige Kulisse, von der der Fu\u00dfball lebt. Kaum ein Begriff wird im Zusammenhang der Weltmeisterschaft so undifferenziert und beliebig benutzt wie der des \u201eFu\u00dfballfans\u201c.<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr den Generalsekret\u00e4r des Deutschen Fu\u00dfballbundes und Vizepr\u00e4sidenten des WM-Organisationskomitees, Horst R. Schmidt, ist \u201ejeder Zuschauer ein Fu\u00dfballfan und jeder Fu\u00dfballfan ein Zuschauer\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> F\u00fcr den ehemaligen Bundesinnenminister Otto Schily sind \u201eFu\u00dfballfans keine Gewaltt\u00e4ter und Gewaltt\u00e4ter keine Fu\u00dfballfans\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Beide Aussagen sind symptomatisch f\u00fcr die Instrumentalisierung von Fu\u00dfballfans.<\/p>\n<p>Schmidt macht es mit seiner pragmatischen Definition vor allem dem Marketing recht: Der Profifu\u00dfball \u2013 und das gilt vor allem f\u00fcr die WM \u2013 ist ein kommerzielles Gro\u00dfereignis mit hohen Profiterwartungen. Aufgrund der Sponsoreninvestitionen sowie massiver direkter und indirekter Unterst\u00fctzung aus Steuergeldern ist der Fu\u00dfball ein Milliardengesch\u00e4ft, welches jedoch f\u00fcr sich in Anspruch nimmt, dem Gemeinwohl zu dienen. Sponsoren zahlen enorme Summen f\u00fcr exklusive Werberechte, wenn die zu bewerbende Zahl der Zuschauer hoch ist.<!--more--><\/p>\n<p>Denn aus Sponsorensicht sind sie potentielle Kunden, die sich zudem gerne als Werbetr\u00e4ger benutzen lassen und die Reklame in Form von Trikots und anderen Artikeln sogar noch selber zahlen. Eine gute Produktwerbung m\u00f6chte aber keine Misst\u00f6ne, die das Marketingkonzept st\u00f6ren k\u00f6nnten, sondern eine werbewirksame heile Welt aus fr\u00f6hlichen, gl\u00fccklichen Menschen.<\/p>\n<p>Auch in Schilys heiler Fu\u00dfballwelt haben die viel zitierten unsch\u00f6nen Szenen keinen Platz: Schily ignoriert nicht nur, dass sich auch gewaltbereite Gruppen \u2013 warum auch immer \u2013 gerne und leidenschaftlich Fu\u00dfball anschauen, sondern auch, dass sich Fu\u00dfballbegeisterung und gewaltsame Auseinandersetzungen nicht einfach trennen lassen, vor allem, dass Fu\u00dfballfans schnell zu \u201eGewaltt\u00e4tern\u201c gemacht sind.<\/p>\n<p>Jede Woche fahren Tausende Fans mit ihrem Verein zum Ausw\u00e4rtsspiel. Anreisende Z\u00fcge mit \u201eAusw\u00e4rtsfans\u201c werden von der in voller Kampfmontur antretenden Polizei in Empfang genommen und dann nicht selten im Polizeikessel zum Stadion eskortiert. Dabei gibt es h\u00e4ufig schikan\u00f6se Auflagen wie zum Beispiel, dass trotz der Enge auf dem Fu\u00dfweg die Stra\u00dfe nicht betreten werden darf oder Ges\u00e4nge zu unterlassen sind. Sich frei zu bewegen, etwas einzukaufen oder ein Schlie\u00dffach aufzusuchen wird h\u00e4ufig erschwert oder erst gar nicht erlaubt. Aus dieser angespannten Situation heraus entstehen schnell Beleidigungen oder provokative Reaktionen. Schon kleinste Anl\u00e4sse reichen aus, um ein Eingreifen der Beamten zu rechtfertigen. Sp\u00e4testens, wenn sich jemand wehrt, ist aus dem Fan ein Gewaltt\u00e4ter geworden. Weitere Eskalationen sind vorprogrammiert: Die Gruppe m\u00f6chte ihr Mitglied aus den H\u00e4nden der Polizei befreien; evtl. entl\u00e4dt sich Frust und Wut, die sich aufgrund vorangegangener Erlebnisse mit der Polizei, aufgrund der durch die Eskorte bedingten Wartezeiten oder schlicht durch die dummen Spr\u00fcche auf beiden Seiten aufgestaut hatten.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag ist in den Zeitungen zu lesen, dass Ausschreitungen von Hooligans nur Dank des entschlossenen Durchgreifens der Polizei verhindert werden konnten. Die \u00d6ffentlichkeit liest es mit Erleichterung und mit der Erwartung, dass die Polizei diesen gewaltt\u00e4tigen Gruppen unbedingt Einhalt gebieten m\u00fcsse. Wenn die Polizei \u201eGewaltt\u00e4ter\u201c in ihren Dateien speichert und Vereine Stadionverbote f\u00fcr ganze Gruppen aussprechen (auch wenn nur gegen Einzelne etwas vorliegt), trifft dies auf breite Zustimmung. Populistische Forderungen von Politikern nach tagelanger Inhaftierung der bekannten \u201eHooligans\u201c im Vorfeld eines Spieles sind auch h\u00e4ufiger zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wenn Fu\u00dfballfans als Hooligans bezeichnet werden, ist dies deswegen so fatal, weil die so bezeichneten nicht mit der Motivation zum Fu\u00dfball gehen, Gewalt zu suchen oder zu provozieren. Sie werden aber so behandelt. Durch repressive (Pr\u00e4ventiv-)Ma\u00dfnahmen werden vornehm\u00adlich sehr junge Menschen gesellschaftlich und im Umgang mit der Staatsgewalt gepr\u00e4gt. Die Polizei avanciert f\u00fcr diese Gruppen zum Feind, der weitaus konkreter und bedrohlicher ist, als der rivalisierende Fan der anderen Mannschaft. Der Staat stellt sich ihnen als repressives Organ dar, das aus irrationalen Gr\u00fcnden die eigenen (Grund-)Gesetze ignoriert oder umgeht. Den Fans bleibt oft nur das demoralisierende Gef\u00fchl der eigenen Ohnmacht.<\/p>\n<h4>Hooligans, gibt\u2019s die noch?<\/h4>\n<p>In den 80er und fr\u00fchen 90er Jahren waren Hooligans ein ernstes Problem im deutschen Fu\u00dfball. Es gab regelm\u00e4\u00dfig Ausschreitungen, auch in und an den Stadien. Viele Fanszenen waren rechtsextrem unterwandert, und die Polizei stand oft hilflos daneben, so sie denn in Erscheinung trat. Damals meinten Vereine und Verb\u00e4nde, dass diese Gruppen nichts mit Fu\u00dfball zu tun h\u00e4tten und die Auseinandersetzung mit ihnen eine Aufgabe der Polizei sei. Die eigene Verantwortung wurde geleugnet, rechtsradikale Symbole im Stadion geduldet und nur wenig soziale Ma\u00dfnahmen dagegen gestellt. Die F\u00f6rderung deutscher Fanprojekte (die es in dem Ma\u00dfe nirgendwo anders gibt) hat einiges dazu beigetragen, die Fanszenen zu befrieden und den Fangruppen mit vornehmlichem Interesse an der Unterst\u00fctzung des eigenen Vereins ein Umfeld zu stellen, in dem produktiv und konstruktiv, und dennoch unabh\u00e4ngig vom Verein oder der Polizei, gelebt und gearbeitet werden kann.<\/p>\n<p>In Deutschland kamen dann ab Mitte der 90er Jahre die \u201eUltras\u201c auf \u2013 eine bis dahin neue Fanszene, die den \u201esupport\u201c des eigenen Vereins neu definierte und zur Maxime erhob. Sie brachte eine gro\u00dfe Belebung von Fanges\u00e4ngen und die Einf\u00fchrung von teilweise beeindruckenden und hochkomplexen Choreographien in deutschen Stadien. Die Fanszene hatte eine neue jugendliche Subkultur geboren, welche letztlich die Hooligans als \u201eChefs\u201c der Kurve ersetzt hat \u2013 ein bemerkenswerter Erfolg.<\/p>\n<p>Die Ultragruppen verschiedener L\u00e4nder sind aber trotz des selben Oberbegriffs nicht vergleichbar. Es gibt viele Unterschiede z.B. zwischen deutschen, italienischen und osteurop\u00e4ischen Ultras. Auch innerhalb Deutschlands sind die Gruppen keineswegs homogen, weder in der jeweiligen politischen Ausrichtung noch bez\u00fcglich ihres Verh\u00e4ltnisses zu Gewalt oder hinsichtlich der Zusammenarbeit mit anderen Szenen oder dem eigenen Verein. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie den eigenen Verein bedingungslos und bei jedem Spiel unterst\u00fctzen. Das kostet nicht nur Kraft und Nerven, sondern auch Zeit und Geld.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu manchen ausl\u00e4ndischen Ultragruppen haben sich viele deutsche Ultras klar von Gewalt distanziert. So auch die ca. 40 im Fanb\u00fcndnis \u201eProFans\u201c zusammengeschlossenen Gruppen.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Allerdings ist diese Subkultur kritisch gegen\u00fcber Einflussnahme von au\u00dfen und vor allem gegen jede Kommerzialisierung. Ironischerweise liefern die plakative Kreativit\u00e4t und die sch\u00f6nen Ges\u00e4nge dem Marketing (sei es des Vereins, der TV-Sender oder der Sponsoren) perfekte Gratis-Unterma\u00adlung f\u00fcr die Eigendarstellung bzw. Produktwerbung.<\/p>\n<p>Die Hooligangruppen sind seit Ende der 90er Jahre in den deutschen Profiligen kaum noch in Erscheinung getreten. Alle Beobachter sind sich einig, dass sich die Situation im deutschen Fu\u00dfball seit etwa 1998 erheblich verbessert hat. Das deutlichste Zeichen hierf\u00fcr sind die j\u00e4hrlichen Zuschauerrekorde der ersten und zweiten Liga. Dennoch steigt der Einsatz von repressiven Ma\u00dfnahmen und Polizeiaufgeboten, und es wird h\u00e4ufig ein Drohszenario erstellt, um einen \u201ekurzen Prozess\u201c zu erm\u00f6glichen. Dabei werden b\u00fcrgerrechtliche Bedenken mit dem Argument der ansonsten ungez\u00fcgelt randalierenden Hooligans schnell \u00fcbergangen.<\/p>\n<p>Bezeichnend ist in dem Zusammenhang auch das bislang letzte massive Auftreten deutscher Hooligans (im Wortsinne) bei der WM 1998 in Lens. Der \u00dcberfall von Hooligans (\u00fcbrigens stark durchsetzt mit militanten Neonazis, wie die sp\u00e4teren Festnahmen belegten) auf den Polizisten Daniel Nivel fand <em>w\u00e4hrend<\/em> eines L\u00e4nderspiels weitab vom Stadion statt. Die \u00fcbliche Polizeitaktik, Fangruppen, die ins Stadion wollen, besonders streng zu kontrollieren und zu begleiten, w\u00fcrde einen solchen Mob weder bremsen noch \u00fcberhaupt erfassen. Auch Stadionverbote helfen nichts, wenn das Stadion kein Ort der Gewalt mehr ist. Im Gegenteil.<\/p>\n<h4>Wer hat ein Interesse an dieser Stigmatisierung?<\/h4>\n<p>Gewalt existiert beim Fu\u00dfball, wie sie in unterschiedlicher Form bei ziemlich jeder Massenveranstaltung vorkommt. Allerdings geschieht diese so gut wie nicht mehr in und am Stadion. Und oftmals werden Lappalien oder auch nur Lage-Einsch\u00e4tzungen zum Anlass genommen, ein hartes polizeiliches Vorgehen zu legitimieren.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Eine differenzierte Bewertung findet nur selten statt. Als Gewalt gelten selbst kleinere Sachbesch\u00e4digungen, die kein \u201eKrawallpotenzial\u201c haben, wie das Anbringen von Aufklebern, das Treten einer Sitzschale, das R\u00fctteln an Gittern und \u2013 seit etwa 1998 \u2013 auch \u201ePyros\u201c, also vor allem Rauch und bengalische Fackeln.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferungen von Betroffenen, dass die Gewalt nicht von ihnen ausging, dass sie nur auf Aktionen der Polizei reagiert haben, finden fast nie Eingang in die Meldungen der Medien.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Solche Argumente m\u00f6gen die Auseinandersetzungen nicht immer rechtfertigen, zeigen aber den Kern des Problems: Die Fans f\u00fchlen sich angegriffen, unter Verdacht gestellt und kriminalisiert.<\/p>\n<p>Die Bezeichnung selbst der harmlosesten Ph\u00e4nomene von \u201eGewalt\u201c im Fu\u00dfballkontext als \u201eHooliganismus\u201c bewirkt genau das Gegenteil dessen, was Polizei, Vereine und Medien erreichen wollen: Die Betroffenen verhalten sich mehr und mehr so, wie sie behandelt werden. Auch urspr\u00fcnglich friedliche Gruppen radikalisieren sich und verlieren den Respekt vor dem polizeilichen Gegen\u00fcber. Seit etwas \u00fcber einem Jahr zeigt sich bei einigen Fanszenen ein Trend, bei dem Gewalt und die Feindschaft zur Polizei mehr und mehr eine Rolle spielt. Der Teufelskreis schlie\u00dft sich.<\/p>\n<p>Die Stigmatisierung erleichtert es den Sicherheitsbeh\u00f6rden, gravierende Einschnitte in B\u00fcrgerrechte zu erm\u00f6glichen und repressive Ma\u00dfnahmen zu etablieren. Gemessen an der bestehenden Situation wird weit \u00fcber das Ziel hinausgeschossen \u2013 sicher nicht aus Versehen, sondern strategisch genau kalkuliert.<\/p>\n<h4>Der Fu\u00dfballfan \u2013 B\u00fcrger ohne Rechte?<\/h4>\n<p>Fu\u00dfballfans werden im Stadion und davor mit Videokameras \u00fcberwacht. Zur WM werden sogar \u00f6ffentliche Pl\u00e4tze \u00fcberwacht, vereinzelt wird es zur automatischen computergesteuerten Gesichtserkennung kommen. Ob beim videotechnischen Auffinden eines s\u00e4umigen Verkehrss\u00fcnders Sondereinsatzkommandos zur Festnahme \u00fcber den Bahnhofsvorplatz st\u00fcrmen werden, bleibt abzuwarten. Diese \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen werden auch nach der WM erhalten bleiben, obwohl die Begr\u00fcndung dazu, n\u00e4mlich die von internationalen Hooligans ausgehende Gefahr, dann nicht mehr existent ist.<\/p>\n<p>Fu\u00dfballfans werden, bedingt durch das Hausrecht, auf das die Vereine auch die Stadionverbote st\u00fctzen, sehr leicht und willk\u00fcrlich ausgegrenzt. Stadionverbote gelten in der Regel bundesweit und jahrelang. Beweise f\u00fcr Fehlverhalten braucht es dazu ebenso wenig wie die Anh\u00f6rung des Betroffenen vor dem \u201eUrteilsspruch\u201c. Die Folgen, gerade f\u00fcr junge Menschen, die langfristig und ungerechtfertigterweise aus ihren Freundeskreisen gerissen werden, sind erheblich.<\/p>\n<p>Obwohl sich die Situation beim Fu\u00dfball anerkannterma\u00dfen sehr verbessert hat, steigen die Eintr\u00e4ge in die Datei st\u00e4ndig an. Noch 1998 nannte die Zentrale Informationsstelle Sporteins\u00e4tze (ZIS) noch eine Zahl von etwas mehr 2.100 Gespeicherten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Kurz vor der Europameisterschaft 2000 war die Zahl der Erfassten urpl\u00f6tzlich auf 7.000 gestiegen. Aktuell, kurz vor der WM 2006, geistert eine Zahl von angeblich 10.000 deutschen Gewaltbereiten durch die Gazetten. \u00c4hnlich sieht es bei den Stadionverboten aus: Im Stadion gibt es eigentlich keine Gewalt, aber die Zahl der Stadionverbote ist mittlerweile bei deutlich \u00fcber 2.000 angekommen.<\/p>\n<p>Fu\u00dfballfans werden in der \u201eDatei Gewaltt\u00e4ter Sport\u201c erfasst, u.a. \u201ewenn zu bef\u00fcrchten ist, dass die betroffenen Personen sich in Zukunft an anlassbezogenen Straftaten beteiligen werden\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Diese polizeiliche Prognose kann an eine Verurteilung oder ein Ermittlungsverfahren anschlie\u00dfen, sie muss aber nicht. H\u00e4ufig reicht eine simple Personenkontrolle. Damit wird der Willk\u00fcr T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet. Ein Eintrag in diese Datei wird dem Betroffenen nicht mitgeteilt, man bekommt davon nur indirekt mit. So kann es zu \u201eGef\u00e4hrderansprachen\u201c kommen, bei denen Polizeibeamte am Arbeitsplatz oder Wohnort (oft noch das Elternhaus) auftauchen und den \u201eGef\u00e4hrder\u201c vor der Teilnahme an Fu\u00dfballspielen warnen. Es sind F\u00e4lle bekannt, wo Ausreiseverbote am Flughafen ausgesprochen wurden, egal ob die Reise dienstlicher oder privater Natur war. Bei der Abfrage sieht der Beamte nur, dass ein \u201eTreffer\u201c aus der \u201eDatei Gewaltt\u00e4ter Sport\u201c vorliegt, nicht aber eine Begr\u00fcndung f\u00fcr die Erfassung. Es besteht also keine Chance, einem Grenzbeamten die eigene Harmlosigkeit zu erkl\u00e4ren. Die Speicherungsdauer betr\u00e4gt mindestens f\u00fcnf Jahre, bevor die erste \u201e\u00dcberpr\u00fcfung\u201c stattfindet. In nahezu allen F\u00e4llen folgt danach eine Verl\u00e4ngerung um weitere f\u00fcnf Jahre.<\/p>\n<p>Mit der \u201eDatei Gewaltt\u00e4ter Sport\u201c wurde ein Instrument etabliert, das wenig bis gar nicht demokratisch kontrolliert wird und auch beliebig auf andere Gruppen \u00fcbertragbar ist. Die \u201epositiven\u201c Erfahrungen mit diesem Instrument haben zur Einrichtung vergleichbarer Dateien im politischen Bereich gef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Die Proteste gegen das G8-Treffen in Genua 2001 bildeten die \u00f6ffentliche Premiere f\u00fcr die bundesweite Datei \u00fcber \u201elinksextremistisch motivierte Straft\u00e4ter\u201c (LIMO).<\/p>\n<h4>Zur WM noch besser \u00fcberwacht<\/h4>\n<p>Mit der Begr\u00fcndung, Schutz vor Hooligans zu bieten, erreicht der Sicherheitswahn zur WM einen H\u00f6hepunkt. Eintrittskarten mit RFID-Chips erlauben das digitale Speichern von Kundendaten und den vom Tr\u00e4ger unbemerkten elektronischen Abgleich der Daten eines Tickets \u00fcber einen Sender, z.B. am Einlass. Diese Technologie wird von zwei Hauptsponsoren der WM mitentwickelt, die Aussichten auf den Einsatz von RFID auf Konsumartikeln sind \u00e4u\u00dferst lukrativ.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Sicherheit bietet der Chip indes keineswegs: Kontrollen aller Zuschauer auf \u00dcbereinstimmung von Ticketdaten und Angaben im Ausweis sind logistisch gar nicht m\u00f6glich (und erfordern weiterhin eine manuelle \u00dcberpr\u00fcfung), das Ausschlie\u00dfen von ungewollten Personen findet vorher statt: diese erhalten auf ihre Bestellung einfach kein Ticket. Dieselbe Sicherheit w\u00e4re also auch mit einem aufgedruckten Namen anstelle des Chips gegeben. Auch Einlasskontrollen auf Waffen und gef\u00e4hrliche Gegenst\u00e4nde k\u00f6nnen Computer nicht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Endg\u00fcltig absurd ist die Forderung nach Einsatz der Bundeswehr zur Unterst\u00fctzung der Polizei. Die WM ist schlie\u00dflich weder ein Milit\u00e4rman\u00f6ver noch eine Naturkatastrophe. Dennoch werden die WM und die damit gesch\u00fcrten \u00c4ngste hinsichtlich der Gewaltszenarien missbraucht, um eine von einigen Politikern schon lange geforderte Grundgesetz\u00e4nderung durchzubringen.<\/p>\n<p>Konstruierte Drohszenarien in Verbindung mit Fu\u00dfballfans, die keinerlei Lobby haben und deren Definition sich nach Belieben \u00e4ndern l\u00e4sst, werden also gezielt benutzt, um B\u00fcrgerrechte abzubauen und den \u00dcberwachungs- und Machtapparat der Polizei auszubauen. \u00c4hnlich wie Fl\u00fcchtlinge oftmals als Drogendealer dargestellt werden, werden Fu\u00dfballfans als Gewaltt\u00e4ter stigmatisiert. Die gesellschaftliche Akzeptanz der daraus abgeleiteten Konsequenzen ist schnell erreicht.<\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, was wirklich durch die Sicherheitsma\u00dfnahmen erreicht wird. Die Hooliganproblematik in Deutschland ist in Anbetracht der sehr geringen Gewaltvorf\u00e4lle in den Bundesligen sekund\u00e4r. Selbst wenn zur WM tats\u00e4chlich gewaltbereite Fu\u00dfballfans einreisen sollten \u2013 was selbst die ZIS-Experten zur Zeit bestreiten; bisher ist kein einziges Spiel als Hochrisikospiel eingestuft \u2013, so w\u00e4re der Spuk nach vier Wochen vorbei \u2013 kein Grund also f\u00fcr langfristige und teure Ma\u00dfnahmen. Die Installation dieser \u00dcberwachungstechnologie ist also nicht mit der WM begr\u00fcndet. Die WM ist nur ein vorgeschobenes Argument, um eine Beschr\u00e4nkung der pers\u00f6nlichen Freiheiten durchzusetzen.<\/p>\n<p>Wirkliche Gewinner der Sicherheitsoptimierung sind Unternehmen, welche durch den Verkauf von Technologie sowie deren Unterhalt und Wartung verdienen. So kostet die \u00dcbertragung von Bildern einer Videokamera in die \u00dcberwachungszentrale pro Glasfaserkabel ca. 2.000 Euro im Monat.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Die \u00dcberwachung in und um die Stadien wird so zum Milliardengesch\u00e4ft. Spekulationen \u00fcber Einfl\u00fcsse von Lobbygruppen der Indus\u00adtrie dr\u00e4ngen sich auf. Bezahlen m\u00fcssen die (dann noch besser \u00fcberwachten) Steuerzahler \u2013 f\u00fcr eine Technologie, die in der Praxis nicht effektiv auf Missbrauch kontrolliert werden kann, die keinen Sicherheitsgewinn bietet, aber den Sicherheitsstaat immer n\u00e4her r\u00fccken l\u00e4sst.<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> im Januar 2004 anl\u00e4sslich eines vom damaligen Bundespr\u00e4sidenten Johannes Rau initiierten Gespr\u00e4chs zwischen Vertretern von Fans, Polizei und Verb\u00e4nden<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> im Juni 2005 bei einem Treffen mit Fanvertretern<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> www.profans.de\/index.php?page=forderungen<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> siehe B\u00fcndnis Aktiver Fu\u00dfballfans (Hg.): Die 100 \u201esch\u00f6nsten\u201c Schikanen gegen Fu\u00dfballfans, Grafenau 2004; weitere Beispiele aus Sicht der Betroffenen auf www.profans.de<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> eine Ausnahme: www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/sport\/476451.html?2005-08-23<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> S\u00fcddeutsche Zeitung v. 25.6.1998<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> s. BT-Innenausschuss, Ausschuss-Drs. 15 (4) 235 v. 29.8.2005<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Es handelt sich um die beim Bundeskriminalamt gef\u00fchrten Dateien LIMO (linksextremistisch motivierte Straft\u00e4ter), REMO (rechtsextremistisch motivierte Straft\u00e4ter) und AUMO (politisch motivierte ausl\u00e4ndische Straft\u00e4ter), vgl. Th\u00fcringer Allgemeine v. 18.1.2001; s.a. B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 70 (3\/2001), S. 85.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> siehe auch www.foebud.ord\/rfid<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.foebud.org\/video\">www.foebud.org\/video<\/a>, siehe den Beitrag von padeluun in diesem Heft<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Matthias Bettag F\u00fcr die einen sind sie eine Gefahr, f\u00fcr die anderen die notwendige<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,89],"tags":[588,643,696,1172],"class_list":["post-8191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-083","tag-fanpolitik","tag-fussball","tag-gewalttaeter-sport","tag-pyrotechnik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8191"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8191\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}