{"id":8195,"date":"2006-01-30T14:03:16","date_gmt":"2006-01-30T14:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/cilip.site36.net\/?p=8195"},"modified":"2006-01-30T14:03:16","modified_gmt":"2006-01-30T14:03:16","slug":"herzlich-willkommen-behandlung-von-fussballfans-bei-internationalen-turnieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=8195","title":{"rendered":"Herzlich willkommen?\u00a0Behandlung von Fu\u00dfballfans bei internationalen Turnieren"},"content":{"rendered":"<h3>von Wilko Zicht<\/h3>\n<p><strong>Ein R\u00fcckblick auf die Europa- und Weltmeisterschaften der letzten zwanzig Jahre zeigt: Wenn ein Turnier positiv verlaufen soll, dann d\u00fcrfen Fans und ihre Interessen nicht nur als Sicherheitsrisiken wahrgenommen werden.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eKultur ist nichts f\u00fcr Fu\u00dfballfans, die verstehen nur den Polizeikn\u00fcppel.\u201c Das war die kurze und pr\u00e4gnante Antwort eines hohen DFB-Funktion\u00e4rs auf die Frage, wie die vielen zur Europameisterschaft 1988 erwarteten Fans empfangen werden sollten.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Dementsprechend sahen die Empfangskomitees vor den Bahnh\u00f6fen aus: Behelmte Hundertschaften nahmen sich der BesucherInnen aus England, den Niederlanden und aus Italien an und spielten f\u00fcr sie w\u00e4hrend des gesamten Aufenthalts in Deutschland die Rolle des Gastgebers.<!--more--><\/p>\n<p>Kurz nach der Trag\u00f6die im Br\u00fcsseler Heyselstadion, bei der vor Anpfiff des Endspiels des Jahres 1985 im Europapokal der Landesmeister zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool 39 Menschen ums Leben kamen, dominierte die Angst vor den allgegenw\u00e4rtigen Hooligans die \u00f6ffentliche Debatte. Englische Gewaltt\u00e4ter hatten in Br\u00fcssel italienische Zuschauer attackiert. Die Juventus-Fans versuchten zu fliehen, bis eine Mauer im Stadion barst, es zu einer Panik kam und 39 Fans schlie\u00dflich zu Tode kamen. Schon damals wurde in der Analyse der Vorf\u00e4lle ignoriert, dass kein einziger Zuschauer durch eine direkte Gewalthandlung ums Leben kam, sondern gravierende bauliche und organisatorische M\u00e4ngel zu diesem Ungl\u00fcck beitrugen. Die Verantwortung von Organisatoren, Verband, Polizei, Feuerwehr, Ordnungsdiensten etc. f\u00fcr einen reibungslosen Ablauf einer Gro\u00dfveranstaltung war leider kein Thema. Millionen an den Fernsehschirmen wurden live Zeugen der dramatischen Geschehnisse, die nicht nur den Ruf der Hooligans begr\u00fcndeten, sondern auch den \u00f6ffentlichen Blick auf Fu\u00dfballfans bis heute pr\u00e4gen. Das Begriffspaar Fu\u00dfballfan\/Gewalt wird seitdem munter fortgeschrieben, obwohl sich die Sicherheitslage im deutschen Fu\u00dfball im Vergleich zu den 80er Jahren signifikant verbessert hat. Es ist ein immerw\u00e4hrender Kreislauf: Wird eine Gruppe als gef\u00e4hrlich klassifiziert, kommt unweigerlich die Polizei ins Spiel. Deren Blick impliziert, \u201edass diejenigen, die er trifft, der Rechte und R\u00fccksichtnahmen unw\u00fcrdig\u201c sind, die in der Regel \u201enormgerechten Passanten zugebilligt werden\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Dieser stigmatisierende Blick auf Fu\u00dfballfans bestimmt in der Regel die Palette der polizeilichen Sicherheitsma\u00dfnahmen, die durch Kampf\u00adanz\u00fcge, Kesselbildung, Video\u00fcberwachung und Fantrennung gepr\u00e4gt sind. Um zu erahnen, wie viele f\u00fcr Fans allt\u00e4gliche Situationen auf die \u00fcbrige \u00d6ffentlichkeit wirken, achte man nur auf die unbeteiligten Passanten, wenn am Spieltag friedliche Fu\u00dfballfans von einem martialischen Polizeiaufgebot durch die Stadt begleitet werden: In ihren Gesichtern wird man Angst erkennen \u2013 nicht etwa vor den Beamten in Kampfmontur, sondern vor den 15- oder 16-j\u00e4hrigen Ultras im Polizeikessel.<\/p>\n<h4>EM 1988 in Deutschland<\/h4>\n<p>F\u00fcr die Fu\u00dfballfans, die 1988 zur EM nach Deutschland kamen, wurde au\u00dfer einer verst\u00e4rkten Polizeipr\u00e4senz so gut wie nichts vorbereitet. Die vom Fansoziologen Dieter Bott aus Frankfurt initiierte Kampagne \u201eKultur statt Kn\u00fcppel\u201c, die preiswerte Unterk\u00fcnfte und ein kulturelles Rahmenprogramm<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> forderte, verlief im Sande \u2013 niemand wollte sie finanzieren. W\u00e4hrend der EM gab es eine Reihe von gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen. Die gr\u00f6\u00dfte, von englischen und deutschen Hooligans, fand abseits der Spielorte in der D\u00fcsseldorfer Altstadt statt.<\/p>\n<h4>WM 1990 in Italien<\/h4>\n<p>Die Weltmeisterschaft 1990 wurde von massiven Auseinandersetzungen \u00fcberschattet, als schon vor dem ersten Spiel deutsche Hooligans und italienische Polizei auf der Mail\u00e4nder Domplatte aneinander gerieten. Bemerkenswert war der Umgang mit der englischen Fangruppe, die gemeinhin als die gef\u00e4hrlichste angesehen wurde: Die Spiele der Engl\u00e4nder wurden aus Sicherheitsgr\u00fcnden in Cagliari auf Sardinien ausgetragen, da man meinte, die englischen Fans auf einer Insel besser unter Kontrolle halten zu k\u00f6nnen. Neben der massiven Polizeipr\u00e4senz griffen die Verantwortlichen f\u00fcr die Sicherheit auf ein weiteres, nicht un\u00fcbliches Mittel zur\u00fcck: das Alkoholverbot, in diesem Fall jedoch in der versch\u00e4rften italienischen Variante: Schon einen Tag vor dem Spiel und dann am Spieltag selbst galt auf ganz Sardinien ein absolutes Alkoholverbot, welches auch auf alle Gastst\u00e4tten und Restaurants ausgedehnt wurde.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Ein grandioses Beispiel, wie eine Ma\u00dfnahme eigentlich auf eine Minderheit unter den Fu\u00dfballfans zielt, aber durch die Bank alle trifft. Gro\u00df war der \u00c4rger unter Fans und Nichtfans und ebenso gro\u00df die Freude \u00fcber Hooligans, denen es immer wieder gelang, etwas Alkoholisches zu \u201eorganisieren\u201c.<\/p>\n<h4>EM 1992 in Schweden<\/h4>\n<p>Das im eigenen Liga-Alltag von Hooligans im Gro\u00dfen und Ganzen eher unbehelligte Schweden konnte es sich leisten, f\u00fcr die Europameisterschaft 1992 eine etwas moderatere und gastfreundlichere Sicherheitsphilosophie anzuwenden. Erstmals wurden in die Organisation der G\u00e4stebetreuung auch nichtpolizeiliche Beh\u00f6rden eingebunden, die sich um Probleme k\u00fcmmern sollten, die G\u00e4ste auf einer Urlaubsreise bekommen k\u00f6nnen: Was ist, wenn der Pass weg ist? Wohin kann ich mich wenden, wenn die Geldb\u00f6rse gestohlen wurde? Sogar f\u00fcr die Betrunkenen, die ihr Bett nicht mehr fanden, wurden Notschlafpl\u00e4tze vorbereitet. In Nork\u00f6pping, dem Spielort Deutschlands, Schottlands und der GUS (ehem. Sowjetunion), wurde den Fans sogar ein Zeltplatz zur Verf\u00fcgung gestellt. So ganz traute man der Sache allerdings doch nicht und errichtete zwischen den einzelnen Lagern jeweils einen Zaun. Die deutschen und schottischen Fans, die mit- und gegeneinander kicken wollten, hatten so zwar ein paar organisatorische Probleme, die sie aber nicht von ihrem sportlichen Vorhaben abhalten konnten.<\/p>\n<p>Schweden war auch die Geburtsstunde der so genannten Fanbotschaften als Service- und Unterst\u00fctzungsangebote f\u00fcr die Fans. Der englische Begriff Fans\u2019 Embassies macht das Besondere des Angebots deutlich: von Fans f\u00fcr Fans. Die englische Football Supporters Association (FSA, heute Football Supporters Federation, FSF), eine demokratische Mitgliederorganisation, stellte diesen Service den Fans der englischen Nationalmannschaft auf absoluter Freiwilligenbasis zur Verf\u00fcgung. Weil die unabh\u00e4ngige FSA in der Vergangenheit sowohl die Polizei als auch den englischen Fu\u00dfballverband wiederholt kritisiert hatte, gab es f\u00fcr die Fanorganisation keine finanzielle F\u00f6rderung. In Deutschland, dem Land der institutionalisierten Fan-Projekte, war dies anders. Hier unterst\u00fctzte der Deutsche Fu\u00dfball-Bund (DFB) erstmals eine Fanbetreuung f\u00fcr die Fans der deutschen Nationalelf. Eine Fanbotschaft wurde organisiert, und auch ein Fanzine (ein Fan-Magazin) mit wichtigen Tipps und Tricks erleichterte den Fans den Aufenthalt in Schweden.<\/p>\n<p>\u00dcber dieses Fanzine, bei dem die Mitarbeit der sich vor Ort befindlichen Anh\u00e4nger ausdr\u00fccklich gew\u00fcnscht war, war es m\u00f6glich, dass sich Fans zu den von deutschen Hooligans angezettelten Auseinandersetzungen rund um das Spiel gegen die Niederlande direkt \u00e4u\u00dfern konnten. Ein Thema im Fanzine war auch der Kartenverteilungsskandal vor dem Endspiel zwischen D\u00e4nemark und Deutschland. Der gr\u00f6\u00dfte Teil der f\u00fcr den DFB vorgesehenen Karten wurde durch den Verband an VIPs und Sponsoren in Deutschland gegeben, was zur Folge hatte, dass ein Gro\u00dfteil derjenigen, die in Schweden von Anbeginn die Nationalmannschaft unterst\u00fctzt hatten, beim H\u00f6hepunkt des Turniers ausgesperrt waren. Der bis heute beliebte Fan-Gassenhauer \u201eFu\u00dfballmafia DFB\u201c feierte beim Endspiel in G\u00f6teborg seine Geburtsstunde.<\/p>\n<h4>EM 1996 in England<\/h4>\n<p>1994 fand die WM in den USA statt. Im Heimatland des American Football war die WM von Anfang an deplatziert, w\u00e4hrend der Fu\u00dfball zur Europameisterschaft 1996 wahrlich nach Hause kam. \u201eFootball\u2019s coming home\u201c, die legend\u00e4re ironisch-leichte Hymne von Baddiel &amp; Skinner mit den Lightning Seeds war ein positives Sinnbild f\u00fcr die Gesamtatmosph\u00e4re bei dem Turnier in England. Erstmals wurden bei einem internationalen Turnier Fans verbindlich in die Organisation eingebunden. Erstmals machte sich das breite gesellschaftliche Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Fu\u00dfballfans und deren \u2013 bisweilen tats\u00e4chlich gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen \u2013 Eigenarten positiv bemerkbar.<\/p>\n<p>In jeder Ausrichterstadt wurde eine internationale Fanbotschaft er\u00f6ffnet, wurden Fan-Fu\u00dfballturniere veranstaltet und den Fans preiswerte Unterk\u00fcnfte angeboten. Zus\u00e4tzlich fanden zahlreiche k\u00fcnstlerische und kulturelle Veranstaltungen statt; von Ausstellungen \u00fcber Theaterst\u00fccke bis hin zu Rockkonzerten. Besondere Erw\u00e4hnung verdient die Polizeiarbeit, die angemessen und zur\u00fcckhaltend, freundlich und kommunikativ ausgerichtet war. Vor dem Hintergrund der \u00fcberdrehten Sicherheitsbef\u00fcrchtungen im Vorfeld der Euro 1996, die ja immerhin im \u201eVaterland des Hooliganismus\u201c stattfand, war dies eine sehr bemerkenswerte Tatsache. Die mutige Politik spiegelte sich in einer generell sehr angenehmen fu\u00dfball-dominierten Atmosph\u00e4re wieder. Gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen fanden nicht statt.<\/p>\n<h4>WM 1998 in Frankreich<\/h4>\n<p>Bedauerlicherweise orientierten sich die Organisatoren in Frankreich recht wenig an den guten englischen Erfahrungen und banden Fans bzw. Fanexperten leider nicht mit in die Vorbereitungen ein. Dies zeigte sich nicht zuletzt bei der Frage des Ticketings, die ja auch im Vorfeld der WM 2006 in Deutschland Anlass f\u00fcr kontroverse Diskussionen bietet. Frankreich 1998 ist bei vielen Fans als das erste Turnier der gro\u00dfen Kartenskandale und der exklusiven Behandlung der Sponsoren in Erinnerung geblieben. Tausende Fans auf Kartensuche vor den Stadiontoren, die Legionen von Sponsorengr\u00fcppchen an sich vorbei in die Arenen ziehen lassen mussten, \u00e4u\u00dferten ihren Unmut in w\u00fctenden Sprechch\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wie seit der EM 1992 Usus, waren auch in Frankreich wieder die sogenannten szenekundigen Polizeibeamten aus den Teilnehmerl\u00e4ndern vor Ort. Diese spezifische polizeiliche Ma\u00dfnahme zur Erkenntnisgewinnung im Fu\u00dfballfanumfeld wurde in den Niederlanden \u201eerfunden\u201c und dort zun\u00e4chst national angewandt. Sie fand \u00fcber die Europameisterschaft in Schweden ihren Einzug in die polizeilichen Ma\u00dfnahmen internationaler Turniere. \u00c4hnlich wie bei der Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c legitimierten angebliche \u201egute Erfahrungen\u201c die Ausweitung auf andere Bereiche in diesem Kontext und die \u00dcbernahme des Systems durch andere L\u00e4nder. England und Deutschland (ab 1992) zogen bald nach. Seit Anfang 2000 ist innerhalb der EU die Einrichtung sogenannter polizeilicher Informationsstellen zur Sammlung fu\u00dfballbezogener Daten obligatorisch. Leicht nachvollziehbar, dass damit auch der europaweite Datenaustausch immens zunahm.<\/p>\n<p>Obwohl die Datenlage in Frankreich also sehr gut h\u00e4tte sein m\u00fcssen, schienen die Verantwortlichen von der Situation in Lens vor dem Spiel Deutschland gegen Jugoslawien \u00fcberrascht. In Anbetracht der vielen gewaltbereiten deutschen Hooligans und Neonazis, die sich an diesem Wochenende gen Nordfrankreich aufmachten, war eine ausreichende Polizeipr\u00e4senz nicht sp\u00fcrbar. Bis auf die mobile Fanbotschaft der deutschen Fan-Projekte gab es keine weiteren Anstrengungen, die Atmosph\u00e4re positiv zu beeinflussen. So existierten z.B. in Lens keine Gro\u00dfbildleinw\u00e4nde, auf denen diejenigen, die keine Karten erwerben konnten, wenigstens das Spiel h\u00e4tten sehen k\u00f6nnen. Beginnend mit dem Abend vor dem Spiel bis zum brutalen \u00dcberfall auf den Gendarmen Daniel Nivel herrschte eine deutsch-nationalistische und gewaltbereite Stimmung in der gesamten Stadt.<\/p>\n<h4>EM 2000 in den Niederlanden und Belgien<\/h4>\n<p>F\u00fcr die folgenden Turniere hatten die wochen- und monatelang weltweit gesendeten Bilder des in seinem Blut liegenden Nivel einen \u00e4hnlichen Effekt wie die 1985 live \u00fcbertragene Trag\u00f6die im Br\u00fcsseler Heyselstadion. Man konnte von nun an wieder verst\u00e4rkt den Eindruck gewinnen, dass nicht eine n\u00fcchtern analysierte Datenlage, sondern jene emotionalen Bilder die Grundlage f\u00fcr die Sicherheitskonzepte bildeten. Die Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden geht diesbez\u00fcglich sicherlich als negativer H\u00f6hepunkt in die Geschichte ein.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> R\u00fcckblickend l\u00e4sst sich einerseits sagen, dass insbesondere Belgien vor der Medienhysterie und dem Druck der deutschen Regierung kapitulierte. (Drei Tage nach dem Endspiel sollte die WM vergeben werden. Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily musste beweisen, dass er die deutschen Hooligans besser unter Kontrolle hatte als der englische Mitbewerber.) Zu den absurden H\u00f6hepunkten der Sicherheitsma\u00dfnahmen dieser EM z\u00e4hlten der Bau eines Gef\u00e4ngnisses f\u00fcr Tausend Hooligans in Charleroi nur f\u00fcr die Dauer des Turniers, der Import von neun b\u00fcrgerkriegserprobten gepanzerten Fahrzeugen aus dem nordirischen Belfast, die n\u00e4chtliche Abschaltung der Beleuchtung in der gesamten Br\u00fcsseler Innenstadt und das Verbot von Messern und Gabeln in Restaurants in L\u00fcttich.<\/p>\n<p>Langfristig noch viel schwerwiegender waren jedoch die polizeilichen und sicherheitspolitischen, oftmals europaweit getroffenen Entschei\u00addungen der Sicherheitsagenturen, die sich im Folgenden unwidersprochen etabliert haben. In Belgien und den Niederlanden wurden erst\u00admals seit dem Schengener Abkommen wieder Grenzkontrollen durchgef\u00fchrt. In beiden L\u00e4ndern wurden neue gerichtliche Schnellverfahren eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>In Deutschland wurde zum einen das Passgesetz ge\u00e4ndert, zum anderen wurden die polizeilichen Ma\u00dfnahmen, die auf einem Eintrag in die Datei \u201eGewaltt\u00e4ter Sport\u201c beruhen, verfeinert und versch\u00e4rft. Seitdem geh\u00f6ren Gef\u00e4hrderansprachen, Meldeauflagen, Ausreiseverbote und Inge\u00adwahrsamnahmen zum routinierten Gebrauch der Polizeien. Speziell hierzulande, wo seit der Vergabe der WM im Jahr 2000 nach Deutschland diese Ma\u00dfnahmen ihren Schatten auch auf den Bundesligaalltag werfen und in Kombination mit einer rigorosen Stadionverbotspraxis zu einer Art Parallelstrafrecht ohne effektiven Rechtsschutz gef\u00fchrt haben.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Es ist bizarr: Die Gef\u00e4hrdungssituation im deutschen Liga-Alltag ist so harmlos wie nie, die Zuschauerzahlen galoppieren in neue Rekordbereiche. Aber Politik und Polizei versch\u00e4rfen stetig ihr Arsenal auf Grundlage eines von ihnen selbst mitkonstruierten Trugbildes.<\/p>\n<h4>EM 2004 in Portugal<\/h4>\n<p>Nach den erschreckenden Erfahrungen der EM 2000 war die nicht nur r\u00e4umliche, sondern auch mediale Randlage Portugals ein Garant f\u00fcr die \u00fcberaus entspannte Ausrichtung der Europameisterschaft 2004. Hinzu kam, dass in Portugal, \u00e4hnlich wie in Schweden, gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen zwischen Fangruppen im Ligaalltag nur eine untergeordnete Rolle spielen. Unter diesen Voraussetzungen konnten Bedingungen geschaffen werden, die den Aufenthalt im Land sehr angenehm machten. Die Einwohner freuten sich auf die EURO und ihre G\u00e4ste, und letztere zahlten die Gastfreundschaft mit gleicher M\u00fcnze zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein durch die UEFA finanziertes internationales Fanbetreuungs-Team aus sieben Nationen (Deutschland, England, Frankreich, Italien, Niederlande, Schweiz und Tschechien) bot den Fans ihrer jeweiligen Nationalmannschaften ein umfassendes Programm an, dessen Kern mo\u00adbile Fanbotschaften bildeten. Eingebettet war dieses Angebot in ein anti\u00adrassistisches Projekt, welches \u00fcber sportliche Angebote versuchte, die Fans der beteiligten Nationen mit den Kindern und Jugendlichen der St\u00e4dte, insbesondere jenen mit Migrationshintergrund, zusammenzubrin\u00adgen. Auch dies trug sicherlich zur insgesamt entspannten Stimmung bei.<\/p>\n<h4>Ausblick<\/h4>\n<p>Alles in allem ist festzustellen, dass \u00fcberall dort, wo Faninteressen durch die Turnierorganisation ernst genommen, wo Fangruppen oder Fanexperten in die Vorbereitungen miteinbezogen wurden und dies nicht nur alibihaft zur Verschleierung polizeilicher Ma\u00dfnahmen geschah, die Turniere insgesamt positiv verliefen. Es bleibt f\u00fcr die WM 2006 abzuwarten, wie sich die Lage entwickeln wird. Einerseits sorgt das Organisationskomitee der WM f\u00fcr ein recht umfangreiches Fan- und Besucherbetreuungsprogramm, welches durch die Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) umgesetzt werden soll. Andererseits dominiert seit Monaten ein angebliches Gef\u00e4hrdungsszenario nach dem anderen die \u00f6ffentliche Debatte. RFID-Chips auf den Eintrittskarten, Datenspeicherungen und -austausch in bisher nicht da gewesenem Umfang, ein diskutierter Bundeswehreinsatz im Inneren, Grenzkontrollen und vieles mehr. Es scheint, als w\u00fcrden viele unterschiedliche Interessengruppen basierend auf dem Trug- und Zerrbild der vermeintlich gef\u00e4hrlichen Fu\u00dfballfans ihr eigenes S\u00fcppchen kochen. Bleibt nur zu hoffen, dass der Topf nicht \u00fcberl\u00e4uft.<\/p>\n<table width=\"100%\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>Schweiz: Referendum gegen \u201eHooligan-Gesetz\u201c<\/p>\n<p>In Vorbereitung auf die Fu\u00dfball-Europameisterschaft 2008, die in \u00d6sterreich und der Schweiz ausgetragen wird, hat das schweizerische Parlament am 24. M\u00e4rz 2006 eine Versch\u00e4rfung des Staatsschutzgesetzes (BWIS) um \u201eMassnahmen gegen Gewalt bei Sportveranstaltungen\u201c verabschiedet. Das \u201eHooligan-Gesetz\u201c orientiert sich am deutschen Vorbild. Vorgesehen sind eine Datenbank f\u00fcr \u201egewaltt\u00e4tige Sportfans\u201c, Rayonverbote (Aufenthaltsverbote), Meldeauflagen und Ausreisebeschr\u00e4nkungen sowie die vorbeugende Ingewahrsamnahme. Gegen dieses Gesetz haben Fu\u00dfball- und Eishockeyfans quer durch die Schweiz das Referendum ergriffen. Bis zum 13. Juli m\u00fcssen sie 50.000 Unterschriften zusammenbringen, damit es zu einer Volksabstimmung kommt.<\/p>\n<p>Quelle: www.referendum-bwis.ch (H.B.)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Offenbach-Post v. 12.4.1988<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Eichhorn, C.; M\u00fcller, J.: Zur Warnung an das Publikum. Private Sicherheitsdienste, in: Die Beute 1994, H. 3, S. 40-48 (42)<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> So wollten deutsche Fans englische Bands einladen, die f\u00fcr beide Fangruppen spielen sollten.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Gleiches galt bei Spielen der deutschen Elf im gesamten Mail\u00e4nder Gro\u00dfraum.<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> ausf\u00fchrlich Gabriel, M.: Fans in der Falle, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 73 (3\/2002), S. 59-68<\/h6>\n<h6><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> siehe hierzu den Artikel von Matthias Bettag in diesem Heft<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Wilko Zicht Ein R\u00fcckblick auf die Europa- und Weltmeisterschaften der letzten zwanzig Jahre zeigt:<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,89],"tags":[413,495,588,643,806],"class_list":["post-8195","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artikel","category-cilip-083","tag-datenbanken","tag-em-2000","tag-fanpolitik","tag-fussball","tag-italien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8195"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8195\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}