{"id":854,"date":"2011-02-07T20:18:32","date_gmt":"2011-02-07T20:18:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=854"},"modified":"2011-02-07T20:18:32","modified_gmt":"2011-02-07T20:18:32","slug":"glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=854","title":{"rendered":"Gl\u00e4serne soziale Netzwerke &#8211; Fahndung in digitalen sozialen Interaktionen"},"content":{"rendered":"<h3>von Christiane Schulzki-Haddouti<\/h3>\n<p><b>Menschen kommunizieren, planen, organisieren im Netz und k\u00f6nnen dar\u00fcber auch Gleichgesinnte mobilisieren. Strafverfolger k\u00f6nnen aus den dabei anfallenden Daten nicht nur soziale Netzwerke rekonstruieren, sie k\u00f6nnen auch Social-Network-Dienste direkt f\u00fcr ihre Zwecke verwenden.<\/b><\/p>\n<p>Eine Vielzahl von Diensten unterst\u00fctzt die Kommunikation im so genannten Social Web. \u00dcber Soziale Netzwerke wie Facebook, Xing oder LinkedIn k\u00f6nnen Menschen Kontakte aufbauen und pflegen oder ihre Beziehungsnetze erweitern. Plattformen wie YouTube und Flickr bieten einfache M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung oder den Tausch von Videos und Fotos. \u00dcber Microblogging-Dienste wie Twitter lassen sich per Rechner oder Smartphone Kurznachrichten und Bilder nicht nur an Freunde, sondern ganze Scharen von Interessierten verteilen. Kooperation und Kollaboration \u00fcber Dienste, die Gruppenkommunikation unterst\u00fctzen, erweitern die Reichweite der Nutzer \u2013 und erlauben eine orts- und zeitunabh\u00e4ngige Pr\u00e4senz im Netz. Die Menschen geben dabei nicht nur Inhalte preis, sondern auch, wann sie wo mit wem kommunizieren.<!--more--><\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Strafverfolger ergeben sich dadurch neue Kommunikations- und Handlungsoptionen. Das COMPOSITE-Forschungsprojekt,<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> das aktuellen Trends der polizeilichen Nutzung von Informationstechnologie in zehn EU-Staaten nachgeht, identifizierte den Umgang mit Social Media als zentrale Herausforderung. Laut Studienkoordinator Sebastian Denef werden derzeit bei der deutschen Polizei unter dem Titel &#8222;Bew\u00e4ltigung des digitalen Wandels&#8220; auf Landes- wie Bundesebene diesbez\u00fcgliche Strategien entwickelt. Allerdings stehe man hierzulande noch am Anfang.<\/p>\n<p>Eine Befragung im Rahmen des Composite-Projekts hat ergeben, dass die Polizeien in Europa sehr verschiedene Strategien verfolgen \u2013 von klassischer \u00d6ffentlichkeitsarbeit \u00fcber Monitoring in Sozialen Netzwerken bis zur Einbindung der \u00d6ffentlichkeit in konkrete Ermittlungen. Die Polizeien in Mazedonien und Rum\u00e4nien verwenden YouTube und Facebook lediglich f\u00fcr ihre \u00d6ffentlichkeitsarbeit. In Gro\u00dfbritannien informierten Polizeiwachen testweise die Anwohnerschaft \u00fcber Twitter \u00fcber ihre t\u00e4glichen Aktivit\u00e4ten. Am umfassendsten ist der Einsatz in den Niederlanden: Dort tauschen Polizisten \u00fcber eine eigene Website untereinander Erfahrungen aus. B\u00fcrger k\u00f6nnen f\u00fcr ihre Umgebung so genannte Sicherheitsupdates per Instant Messaging abonnieren. Per Twitter versucht die Polizei den Kreis von Informanten bzw. Zeugen zu erweitern. \u00dcber SMS-Alerts werden Hinweise aus der Bev\u00f6lkerung angefordert. So informiert beispielsweise die Website &#8222;Burgernet&#8220; per Handy \u00fcber die Suche nach vermissten und verd\u00e4chtigen Personen oder gestohlenen Fahrzeugen. Ein Pilotprojekt testet zurzeit Skype f\u00fcr \u00e4hnliche Zwecke. B\u00fcrger k\u00f6nnen au\u00dferdem Polizei-Avatare in sozialen Netzwerken wie Habbo Hotel und Second Life kontaktieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die l\u00e4nder\u00fcbergreifende Kooperation im Dreil\u00e4ndereck Deutschland-Belgien-Niederlande steht den umliegenden Polizeidienststellen ein gemeinsames Intranet zur Verf\u00fcgung. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Polizisten inzwischen mobil vor Ort auf Informationen zugreifen, die bislang nur auf der Wache verf\u00fcgbar waren. Die Einsatzfahrzeuge wurden entsprechend ausger\u00fcstet. Solche Streifenwagen sollen bald auch in Brandenburg zum Einsatz kommen. Die damit erzielte effizientere Arbeit soll allerdings in den l\u00e4ndlichen Regionen dazu f\u00fchren, die Zahl der Beamten und Einrichtungen zu reduzieren.<\/p>\n<h4>Soziale Netzwerke als Datenlieferanten<\/h4>\n<p>Das Interesse von Beh\u00f6rden, Social-Media-Dienste und die dabei anfallenden Daten f\u00fcr ihre Zwecke zu verwenden, w\u00e4chst weltweit. In den USA gibt es \u00dcberlegungen, die Daten f\u00fcr die Notfall- und Katastrophenkommunikation zu nutzen oder um Stimmungen in der Bev\u00f6lkerung aufzunehmen.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Eine Untersuchung stellte fest, dass der Microblogging-Dienst Twitter sowohl terroristische Aktivit\u00e4ten unterst\u00fctzen, als auch auf potenzielle Terroristen abschreckend wirken k\u00f6nne. Basierend auf einer Auswertung der zivilen Reaktionen auf die Terroranschl\u00e4ge in Jakarta und Mumbai entwickelten die Forscher ein Rahmenwerk, um die Reaktionen der Zivilbev\u00f6lkerung strukturiert auszuwerten. Dies soll Beh\u00f6rden und Entscheidungstr\u00e4ger in die Lage versetzen, schnell auf terroristische Bedrohungen reagieren zu k\u00f6nnen.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Die Anbieter von Polizeil\u00f6sungen jedenfalls erwarten laut der Composite-Studie, dass der Bedarf nach Monitoring-L\u00f6sungen f\u00fcr Social Media steigen wird, da Kriminelle hier\u00fcber Aktionen planten und ank\u00fcndigten. Von Nutzern ver\u00f6ffentlichte Daten wie Fotos eigneten sich zudem f\u00fcr die Identifizierung von Straft\u00e4tern wie Opfern. Social Media sei, so die Studie, f\u00fcr die Polizei nicht nur ein Kommunikations-, sondern auch ein Ermittlungswerkzeug. Zu den Merkmalen der neuen Ermittlungssysteme z\u00e4hlten Suchl\u00e4ufe in sozialen Netzwerken sowie die Verbindung von Informationen, die zuvor in keinem direkten Zusammenhang standen. Dabei sollen interne Daten aus sozialen Netzwerken mit Informationen von Websites sowie Polizeiregistern zusammengef\u00fchrt werden. Die polizeilichen Ermittlungen im Netz seien &#8222;davor zu sch\u00fctzen, \u00f6ffentlich zu werden&#8220;. Detailliertere Informationen sind der Vorstudie f\u00fcr einen Trendmonitor, der in vier Jahren erscheinen soll, nicht zu entnehmen, da sie unter Verschluss gehalten werden.<\/p>\n<p>Auch in den USA drangen lange Zeit nur anekdotische Informationen \u00fcber die \u00dcberwachungs- und Ermittlungst\u00e4tigkeiten in Sozialen Netzwerken an die \u00d6ffentlichkeit. Die US-B\u00fcrgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) reichte deshalb im Jahr 2009 eine Klage unter anderem gegen den Geheimdienst CIA sowie das US-amerikanische Verteidigungs- und das Justizministerium ein. In ihrer Beschwerde schreibt die EFF, dass &#8222;obwohl kein Zweifel daran besteht, dass Bundesbeh\u00f6rden soziale Netzwerke im Web dazu verwenden, um Informationen \u00fcber B\u00fcrger zu sammeln, bislang noch keine Klarheit \u00fcber das Ausma\u00df der \u00dcberwachung herrscht. Auch Angaben zu Restriktions- und Kontrollma\u00dfnahmen, die einen Missbrauch verhindern k\u00f6nnen, wurden nicht offen gelegt.&#8220;<\/p>\n<p>Im Zuge des Verfahrens stellte die EFF etliche Antr\u00e4ge auf Basis des US-amerikanischen Informationsfreiheitsgesetzes (Freedom of Information Act \u2013 FOIA), um mehr \u00fcber den Umgang staatlicher Beh\u00f6rden mit sozialen Netzwerken herauszufinden. Bisher wurden eine Reihe von Dokumenten freigegeben. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass die Beh\u00f6rden \u00dcberlegungen anstellten, Recherchen in Sozialen Netzwerken f\u00fcr Sicherheits\u00fcberpr\u00fcfungen von Mitarbeitern zu verwenden. Eine entsprechende Vorstudie stellte fest, dass in \u00fcber der H\u00e4lfte aller untersuchten F\u00e4lle relevante Informationen in den \u00f6ffentlich verf\u00fcgbaren Social-Network-Profilen gefunden werden konnten.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Aus Vortragsfolien der Drogenbek\u00e4mpfungsbeh\u00f6rde DEA ging hervor, dass bereits Onlinetools wie der MySpace- oder der YouTube-Visualizer eingesetzt werden, um die Verbindungen zwischen den Nutzern visuell darzustellen. Die DEA konnte einen Fl\u00fcchtigen \u00fcber die Analyse seines Profils bzw. seiner Kontakte in sozialen Netzwerken lokalisieren.<\/p>\n<p>Verwendet wurde auch der MySpace Private Picture Viewer, der unter Ausnutzung von Sicherheitsl\u00fccken private Informationen anzeigt \u2013 und damit die Nutzungsbedingungen von MySpace verletzt. Aus einem &#8222;FBI Intelligence Information Report Handbook&#8220; geht hervor, dass auch &#8222;Undercover Accounts&#8220; verwendet werden k\u00f6nnen, um an gesch\u00fctzte Informationen heranzukommen. Ein ebenfalls \u00fcber FOI erhaltenes Dokument des <i>Secret Service<\/i> beschreibt wiederum, wie sich &#8222;elektronische Fu\u00dfabdr\u00fccke&#8220; vermeiden lassen, indem man &#8222;anonyme Konten eines Internet-Serviceproviders&#8220; f\u00fcr die \u00dcberwachungsma\u00dfnahe nutzt.<\/p>\n<p>Weitere Unterlagen, die EFF erhalten hat, zeigten, dass die CIA in einem so genannten Open Source Center im Netz frei verf\u00fcgbare Informationen sammelt und daf\u00fcr als Quellen nicht nur Radio- und Fernsehprogramme, sondern auch Blogs, Chatr\u00e4ume und Soziale Netzwerke systematisch auswertet. Das FBI wiederum interessiert sich f\u00fcr das Dark Web Project der University of Arizona, das sich der systematischen Sammlung und Analyse aller Webinhalte verschrieben hat, die von Terroristen erstellt wurden. \u00dcber Spider-Werkzeuge werden Foren durchsucht und Wege zu versteckten Websites gesucht. F\u00fcr ihr Projekt setzen die Forscher ein Tool namens Writeprint<i> <\/i>ein, das die Urheber von anonymen Inhalten identifizieren k\u00f6nnen soll.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit sorgte das US-Justizministerium f\u00fcr Aufsehen, als es per Gerichtsbeschluss Zugang zu den Twitter-Nutzerdaten mehrerer Personen im Umfeld von Wikileaks zu erlangen suchte. Twitter informierte jedoch die Nutzer und gab ihnen damit die Gelegenheit, den Beschluss anzufechten. Die EFF erhielt inzwischen \u00fcber FOI-Anfragen von 13 Social-Media-Anbietern Richtlinien zum Umgang mit Anfragen von Strafverfolgern, die sie mittlerweile tabellarisch auswertete.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Facebook erwies sich dabei als der einzige Anbieter, der sich ausdr\u00fccklich das Recht einr\u00e4umte, falsche Konten auch dann zu l\u00f6schen, wenn sie von Strafverfolgern angelegt wurden.<\/p>\n<h4>Netzwerke aus Kommunikationsdaten rekonstruieren<\/h4>\n<p>Was k\u00f6nnen Daten in Sozialen Netzwerken aussagen? Seit dem 11. September 2001 wurden zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen \u00fcber die Analyse und Auswertung solcher Dienste durchgef\u00fchrt. Dabei ging es darum, Verhaltensanomalien zu entdecken,<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> die Interessen von Gruppen vorherzusagen,<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Trends zu identifizieren<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> oder das Mobilit\u00e4tsverhalten auszuwerten.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> Die Etablierung von Online-Diensten f\u00fcr soziale Netzwerke sorgte daf\u00fcr, dass immer mehr der entsprechenden Daten generiert wurden. Blogs etwa vernetzen sich mit anderen Blogs und liefern \u00fcber die Analyse von Linkstrukturen und Inhalten Aussagen \u00fcber soziale Netzwerke.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> Allein Facebook mit seinen \u00fcber 600 Mio. Nutzern generiert massenhaft Kommunikationsdaten. Neue Werkzeuge m\u00fcssen daher in der Lage sein, mit sehr gro\u00dfen Datenmengen umzugehen.<\/p>\n<p>Diese Netzwerke lassen sich dank der von den Anbietern gew\u00e4hrleisteten Infrastruktur relativ leicht nach verschiedenen Kriterien analysieren. Anders ist das bei sozialen Netzwerken, die aufgrund von illegalen Aktivit\u00e4ten wie Drogenhandel, Geldw\u00e4sche oder terroristischen Aktivit\u00e4ten entstehen. Diese operieren in der Regel verdeckt, dienen aber wie legale Netzwerke der Kommunikation, Kollaboration und Koordination.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> Es gibt Ans\u00e4tze, wie das bereits erw\u00e4hnte Dark Web Project, \u00fcber Weblinks Netzwerke ausfindig zu machen, oder \u00fcber den Page-Rank-Algorithmus von Google wichtige Knoten in terroristischen Netzwerken zu identifizieren.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Schon fast traditionell zu nennen ist daher die Abbildung solcher Beziehungen \u00fcber Telekommunikationsverbindungsdaten. Grunds\u00e4tzlich fallen bei jeder Kommunikation \u00fcber Internet und Telefon Verbindungsdaten an, die sich auswerten lassen. Anhand der Daten lassen sich starke und schwache Bindungen zwischen einzelnen Personen identifizieren, stellte eine Studie von Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University fest.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> F\u00fcr eine Gruppe von 94 Personen wurden dabei einerseits Befragungen durchgef\u00fchrt und andererseits Handy- und Bluetooth-Verkehrsdaten ausgewertet. Dabei stellte sich heraus, dass letztere sogar besser dazu taugten, soziale Netze zu identifizieren: 95 Prozent der Freundschaftsbeziehungen lie\u00dfen sich \u00fcber die Verkehrsdaten erkennen. Ebenso treffsicher waren die Wissenschaftler aber auch bei der Frage, wie es einzelnen Personen etwa hinsichtlich ihrer Arbeitszufriedenheit ging. Die f\u00fcr die Studie mit technischen Hilfsmitteln erhobenen Daten entsprachen im \u00dcbrigen einem Aufwand von 330.000 Stunden bzw. 38 Jahren klassischer Feldbeobachtung. Die Auswertung von Verkehrsdaten ist damit nicht nur \u00f6konomisch effizient, sondern auch treffsicher. Im Vergleich zu traditionellen Methoden wie der Zeugenvernehmung erm\u00f6glicht sie auch die \u00dcberwachung gro\u00dfer Personengruppen.<\/p>\n<p>F\u00fcr hinreichend genaue Ergebnisse m\u00fcssen jedoch nicht alle Beteiligten \u00fcberwacht werden. Eine Studie an den Universit\u00e4ten von Leuven und Rotterdam ging der Frage nach, wie viele Einzelpersonen \u00fcberwacht werden m\u00fcssen, um \u00fcber deren Kontakte zu Dritten eine gro\u00dfe Gruppe mittelbar erfassen zu k\u00f6nnen.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Die Wissenschaftler untersuchten hierf\u00fcr die E-Mails von rund 2.300 Personen, die \u00fcber einen Zeitraum von drei Jahren erstellt worden waren. Ergebnis: F\u00fcr eine vollst\u00e4ndige Aufdeckung der Netzwerkbeziehungen reichte eine \u00dcberwachung von acht Prozent der Gruppe. \u00dcber wenige Zielpersonen kann damit ein gro\u00dfer Personenkreis effizient erfasst werden.<\/p>\n<p>Das franz\u00f6sische Innenministerium und das Entwicklungslabor des franz\u00f6sischen Telekom-Multis Alcatel (Alcatel Lucent Bell Labs France) haben j\u00fcngst in einer gemeinsamen Studie gezeigt, dass Kommunikationsdaten nicht nur soziale Netzwerke abbilden, sondern dass mit Hilfe einer Netzwerkanalyse auch &#8222;verd\u00e4chtiges Verhalten&#8220; entdeckt werden kann.<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a> Hierf\u00fcr entwickelten die Forscher ein Werkzeug, das den Ermittlern \u00fcber ein visuelles Interface Zugriff auf die in Form von Netzwerken dargestellten Daten und deren Filterung nach bestimmten Kriterien erlaubt.<\/p>\n<p>In seiner im Auftrag des Bundesjustizministeriums erstellten Untersuchung aus dem Jahre 2008 spricht das Freiburger Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht denn auch von &#8222;Umgebungen, die immer st\u00e4rker durch die vernetzte, unmittelbare und intelligente Verarbeitung best\u00e4ndig erzeugter personenbezogener Daten gepr\u00e4gt sind&#8220;. Verkehrsdaten tr\u00fcgen ein hohes Potenzial f\u00fcr soziale Kontrolle und \u00dcberwachung in sich: &#8222;Sie sind \u2013 besser als andere Daten \u2013 dazu geeignet, soziale Netzwerke nachzuweisen, Beziehungen zu identifizieren und Informationen \u00fcber Individuen zu generieren.&#8220;<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<h4>Fazit<\/h4>\n<p>Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist die Netzwerkanalyse f\u00fcr Strafverfolger zu einer wichtigen Ermittlungsmethode geworden. Die bei den Anbietern von Social Media gespeicherten Datenmassen bieten ein reiches Reservoir, das zu Ermittlungen in einer rechtlichen Grauzone verf\u00fchren kann. Gleichzeitig \u00fcbertreffen neue Analysemethoden die herk\u00f6mmlichen Formen der Ermittlung an Effizienz bei weitem \u2013 insbesondere weil sie eine Verkn\u00fcpfung personenbezogener Daten aus Social-Media-Diensten mit solchen aus verschiedensten anderen Quellen erm\u00f6glichen: aus dem Internet, aus Telekommunikationsverbindungen und diversen Datenbanken, zu denen die Polizei Zugang hat. F\u00fcr Polizeien (und Geheimdienste) beinhalten die neuen Methoden das Versprechen, versteckte soziale Netzwerke zu rekonstruieren.<\/p>\n<p>Inwieweit damit tats\u00e4chliche Verbindungen realit\u00e4tsnah abgebildet werden k\u00f6nnen, ist eine andere Frage. Angesichts der Tatsache, dass das Forschungsgebiet noch relativ jung ist, liegt es nahe, dass die Gefahr gro\u00df ist, dass unbeteiligte Personen in die Ermittlungen hineingezogen und Verdachtsf\u00e4lle konstruiert werden, die einer n\u00e4heren \u00dcberpr\u00fcfung nicht standhalten. Ein reflektierter wie auch vorsichtiger Umgang mit diesen m\u00e4chtigen Ermittlungswerkzeugen ist daher angebracht. Eine entsprechende Begleitforschung steht noch aus.<\/p>\n<h5>Christiane Schulzki-Haddouti, Bonn, ist freie IT- und Medienjournalistin und Bloggerin (blog.kooptech.de zu Social Media, Open Data u.a.m).<\/h5>\n<h6><a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Denef, S. et al.: ICT-Trends in European Policing, St. Augustin 2011 (Frauenhofer Institute for Applied Information Technology), www.composite-project.eu. (Composite steht f\u00fcr Comparative Police Studies in the EU)<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kavanaugh, A.: Social Media for Cities, Counties and Communities. Final Grant Report to Virginia Tech \u2013 Center for Community Security &amp; Resilience CCSR, Blacksburg 2011, http:\/\/curric.dlib.vt.edu\/DLcurric\/CCSR%20White%20Paper%20Report%20VT%20IBM%20Kavanaugh%20Natsev.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Cheong, M.; Lee, V.: A microblogging-based approach to terrorism informatics: Exploration and chronicling civilian sentiment and response to terrorism events via Twitter, in: Information Systems Frontiers<i> <\/i>2011, No. 1, pp. 45\u201359<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Lynch, J.: Government Finds Uses for Social Networking Sites Beyond Investigations. Electronic Frontier Foundation, 2010, www.eff.org\/deeplinks\/2010\/08\/government-finds-uses-social-networking-sites<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Lynch, J.: Social Media and Law Enforcement: Who Gets What Data and When?, Electronic Frontier Foundation 2011, www.eff.org\/deeplinks\/2011\/01\/social-media-and-law-enforcement-who-gets-what<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Zhan, J.; Oommen, B.J.; Crisostomo, J.: Anomaly Detection in Dynamic Social Systems Using Weak Estimators. Computational Science and Engineering Conference, Vancouver 2009, http:\/\/ieeexplore.ieee.org\/Xplore\/login.jsp?url=http%3A%2F%2Fieeexplore.ieee. org%2Fiel5%2F5282954%2F5282960%2F05283840.pdf%3Farnumber%3D5283840&amp;authDecision=-203<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Agarwal, A.; Rambow O.; Bhardwaj N.: Predicting interests of people on online social networks, in: IEEE (ed.): International Conference on Computational Science and Engineering 2009, Washington, D.C., pp. 735\u2013740, www.cs.columbia.edu\/nlp\/papers\/2009\/<br \/>\nagarwal_al_09b.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Goyal, A.; Bonchi, F.; Lakshmanan, L.: Learning influence probabilities in social networks, New York 2010, http:\/\/portal.acm.org\/citation.cfm?id=1718518<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Giannotti, F. et al.: Mining Mobility Behavior from Trajectory Data, IEEE, Vancouver 2009, http:\/\/ebookbrowse.com\/ngdm-09-dino-pedreschi-pdf-d75686450; White, J.; Roth, R.: TwitterHitter: Geovisual Analytics for Harvesting Insight from Volunteered Geographic Information, 2010, www.giscience2010.org\/pdfs\/paper_239.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Yang, C.; Ng, T.D.: Terrorism and Crime Related Weblog Social Network, in : Intelligence and Security Informatics Conference, New Brunswick 2007, pp. 55-58, www.i<br \/>\nschool.drexel.edu\/faculty\/cyang\/papers\/yang2007b.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Daning, H. et al.: Identifying significant facilitators of dark network evolution, in: Journal of The American Society for Information Science and Technology 2009, No. 4, pp. 655-665, http:\/\/ai.eller.arizona.edu\/intranet\/papers\/Hu2009.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Qin, J. et al.: Analyzing Terrorist Networks: A Case Study of the Global Salafi Jihad Network, in: Lecture Notes in Computer Science (LCNS) 2005, vol. 3495, Berlin, Heidelberg, pp. 287\u2013304, www.springerlink.com\/content\/vca9dpldq8ue8dfu\/fulltext.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Eagle, N. et al.: Inferring Social Network Structure using Mobile Phone Data, Ithaca 2006, www.socialsciences.cornell.edu\/0508\/sciencereport_formatted_10.12.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Danezis, G.; Wittneben, B.: The Economics of Mass Surveillance \u2013 and the Questionable Value of Anonymous Communications, Workshop on the Economics of Information Security, Cambridge (UK) 2006, http:\/\/weis2006.econinfosec.org\/docs\/36.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Bennamane, A. et al.: Visual Analysis of Implicit Social Networks for Suspicious Behavior Detection, in: LNCS 2011, vol. 6588, pp. 388\u2013399, Berlin, Heidelberg, www.sprin<br \/>\ngerlink.com\/content\/b885412441304869\/fulltext.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2011\/02\/07\/glaeserne-soziale-netzwerke-fahndung-in-digitalen-sozialen-interaktionen#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> Albrecht, H.-J. u.a.: Rechtswirklichkeit der Auskunftserteilung \u00fcber Telekommunikationsverbindungsdaten nach \u00a7\u00a7 100g, 100h StPO, Berlin 2008, S. 87, 90<\/h6>\n<p>Bibliographische Angaben: Schulzki-Haddouti, Christiane: Gl\u00e4serne soziale Netzwerke. Fahndung in digitalen sozialen Interaktionen, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 98 (1\/2011), S. 32-39<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Christiane Schulzki-Haddouti Menschen kommunizieren, planen, organisieren im Netz und k\u00f6nnen dar\u00fcber auch Gleichgesinnte mobilisieren.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":10658,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,104],"tags":[507,667,1094,1341,1435],"class_list":["post-854","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-098","tag-ermittlungen","tag-geheimdienste","tag-polizei","tag-soziale-netzwerke","tag-tkue"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/854","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=854"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/854\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/10658"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}