{"id":912,"date":"2010-08-07T20:46:05","date_gmt":"2010-08-07T20:46:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cilip.de\/?p=912"},"modified":"2010-08-07T20:46:05","modified_gmt":"2010-08-07T20:46:05","slug":"bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/?p=912","title":{"rendered":"Bodentruppen der Besatzung &#8211; Polizeiaufbau in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<h3>von Jonna Sch\u00fcrkes<\/h3>\n<p><b>Seit 2002 wird in Afghanistan eine Polizei aufgebaut, bei der es sich weniger um eine zivile Polizei als um paramilit\u00e4rische Einheiten handelt. Sie zeichnet sich vor allem durch ihre Bestechlichkeit und Brutalit\u00e4t gegen\u00fcber der Bev\u00f6lkerung aus und dient der NATO als billige Bodentruppe im Krieg gegen die Aufst\u00e4ndischen.<\/b><\/p>\n<p>Den Krieg gegen die Taliban-Regierung hatte der Westen innerhalb weniger Wochen gewonnen: Die wichtigsten St\u00e4dte und Infrastrukturen waren eingenommen, und eine \u00dcbergangsregierung war eingesetzt. Doch die anschlie\u00dfende Besatzung mit dem Ziel, die Macht der neuen Elite zu konsolidieren, verlief vor allem f\u00fcr die afghanische Bev\u00f6lkerung, aber auch f\u00fcr die NATO-Truppen \u00fcberaus blutig.<!--more--><\/p>\n<p>Mit der Eskalation des Krieges gegen die Aufst\u00e4ndischen wurde der Aufbau der lokalen Sicherheitskr\u00e4fte immer wichtiger. Der afghanischen Armee und Polizei den Krieg gegen die Aufst\u00e4ndischen zu \u00fcberlassen, hat f\u00fcr die International Security Assistance Force (ISAF) den Vorteil, dass sie weniger als Besatzer in Erscheinung tritt. Dies verringert zum einen die Gefahr f\u00fcr die eigenen Truppen. Zum andern erhofft man sich, den Widerstand gegen die Besatzung mindern zu k\u00f6nnen. Die ISAF-Truppen sollen eher im Hintergrund agieren und die lokalen Sicherheitskr\u00e4fte dirigieren \u2013 so der Plan. Die Zielgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr die afghanische Armee und Polizei wurden kontinuierlich nach oben gesetzt: Inzwischen soll die Armee bis Ende 2011 auf 171.600, die Polizei auf 134.000 K\u00f6pfe angewachsen sein. Da ihnen aber die logistischen, nachrichtendienstlichen und finanziellen Mittel fehlen, bleiben sie dennoch vollkommen abh\u00e4ngig von der NATO. Diese Abh\u00e4ngigkeit verringert gleichzeitig die Gefahr, dass sich die lokalen Sicherheitskr\u00e4fte selbst gegen die ausl\u00e4ndische Besatzung zur Wehr setzen. Diese nicht nur in Afghanistan verfolgte Logik beschreibt eindrucksvoll ein Szenario des \u201eFourth Generation Seminar\u201c, eines Think-Tanks des US-Milit\u00e4rs: \u201eWir durchk\u00e4mmen nie ganze Viertel. Wir treten nie T\u00fcren ein. Wir terrorisieren nie Zivilisten oder lassen sie ins Kreuzfeuer geraten. Wenn wir jemanden angreifen m\u00fcssen, dann lassen wir die Aufgabe am liebsten von jemand Anderem ausf\u00fchren. Die Leute vor Ort machen die schmutzige Arbeit und wir hinterlassen keine amerikanischen Spuren.\u201c<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h4>Unz\u00e4hlige Programme zur Polizeiausbildung. Eine Polizei?<\/h4>\n<p>Dem Aufbau der Polizei wurde zun\u00e4chst international eine vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Dies \u00e4nderte sich grundlegend, als es darum ging, Gebiete, aus denen man die Aufst\u00e4ndischen vertrieben hatte, auch zu halten. Diese Aufgabe sollte die Polizei \u00fcbernehmen. Deutschland, seit 2002 verantwortlich f\u00fcr den Polizeiaufbau, hatte in den ersten Jahren ausschlie\u00dflich Polizisten des mittleren und gehobenen Dienstes ausgebildet und eine Polizeiakademie aufgebaut. Weil Deutschland in den ersten Jahren nur geringe Erfolge zu verbuchen hatte, entschlossen sich die USA selbst Polizisten auszur\u00fcsten und auszubilden, die den Krieg gegen die Aufst\u00e4ndischen mitf\u00fchren sollen.<\/p>\n<p>2007 gab Deutschland die Verantwortung f\u00fcr die Koordination und die Ausarbeitung einer Strategie des Polizeiaufbaus an die EU-Mission EUPOL-Afghanistan ab. Die USA erkannten jedoch die Koordinatorenrolle von EUPOL in diesem Bereich nicht an, sondern betrieben ihre Bem\u00fchungen zum Polizeiaufbau weiterhin in eigener Regie. Zentrale Rolle spielt dabei das dem Pentagon unterstehende, also milit\u00e4rische Combined Security Transition Command (CSTC-A). F\u00fcr die Ausbildung der Polizisten greifen sie auch auf Personal privater Sicherheitsfirmen zur\u00fcck. Die US-Polizeihilfen beliefen sich bis 2009 auf 6,2 Mrd. Dollar.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Der Kommandeur des CSTC-A leitet auch die 2009 beschlossene NATO Training Mission Afghanistan (NTM-A). Diese milit\u00e4rische Mission ist u.a. verantwortlich f\u00fcr die Ausarbeitung der Polizei-Ausbil\u00addungspl\u00e4ne, die Rekrutierung der Polizisten und ihren Transport zu den Ausbildungszentren. Die Europ\u00e4ische Gendarmerietruppe (EGF), die formell unabh\u00e4ngig von EUPOL agiert und eine afgha\u00adnische Gendarmerie aufstellen soll, ist ebenfalls der NTM-A zugeordnet.<\/p>\n<p>EUPOL ist mit 284 Beamten in Afghanistan pr\u00e4sent, davon 165 Polizisten der EU-Mitgliedstaaten. Die Kosten der Mission beliefen sich bis Mitte 2010 auf rund 125 Mio. Euro, bis 2011 sind weitere 54,6 Mio. Euro eingeplant. Deutschland betreibt zus\u00e4tzlich zu EUPOL ein bilaterales Polizeihilfeprojekt, das German Police Project Team Afghanistan (GPPT), dem 2009 77 Polizisten angeh\u00f6rten. Heute sind es 201. Die Mittel, die Deutschland f\u00fcr den Polizeiaufbau in Afghanistan insgesamt aufwendete, beliefen sich bis 2009 auf 161,3 Mio. Euro. Rund die H\u00e4lfte entf\u00e4llt dabei auf 2008 und 2009. Eigene Polizeiausbildungsprogramme betreiben auch Australien, Frankreich, Gro\u00dfbritannien, Italien, Kanada, Neuseeland und die T\u00fcrkei. Alle diese Programme setzen auf unterschiedliche Ausbildungsmethoden und Inhalte.<\/p>\n<p>Inzwischen wurde die afghanische Polizei in mehrere Teilpolizeien untergliedert: eine Art Gendarmerie (ANCOP), die vor allem f\u00fcr die Niederschlagung von Unruhen, Demonstrationen und die Bek\u00e4mpfung des Terrorismus eingesetzt werden soll; eine Grenzpolizei (ABP), die bisher haupts\u00e4chlich an der Grenze zu Pakistan eingesetzt wird, und eine allgemeine Polizei (AUP), die alle anderen Aufgaben \u00fcbernehmen soll. Gemeinsam ist den Polizisten all dieser Einheiten, dass sich die kurze Ausbildung, die ihnen zuteil wird, auf den Einsatz von Waffen und nicht auf den Umgang mit der Zivilbev\u00f6lkerung konzentriert. Neben diesen drei Einheiten werden zus\u00e4tzlich Milizen bewaffnet. Diese erhalten \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 nur eine kurze Ausbildung, einen geringen Lohn und sollen die afghanischen und internationalen Truppen unterst\u00fctzen.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<h4>Schlecht bezahlt, korrupt und hochgradig gef\u00e4hrdet<\/h4>\n<p>Allein 2009 wurden 646 Polizisten get\u00f6tet und zahlreiche verletzt.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Grund daf\u00fcr ist vor allem, dass es die Polizisten sind, die in der ersten Reihe gegen die Aufst\u00e4ndischen k\u00e4mpfen. Sie werden nach der gewaltsamen Vertreibung der Widerstandsgruppen zur\u00fcckgelassen, um die Gebiete zu halten. F\u00fcr die Aufst\u00e4ndischen sind sie leicht angreifbare Handlanger der verhassten Regierung und der ausl\u00e4ndischen Besatzung. Daher und aufgrund des miserablen Lohns (f\u00fcr einfache Polizisten derzeit 165 Dollar im Monat), der oft gar nicht, nicht vollst\u00e4n\u00addig oder versp\u00e4tet ausgezahlt wird, desertieren viele Polizisten mitsamt Waffe und Uniform oder laufen zu den Aufst\u00e4ndischen \u00fcber. Die derzeitige St\u00e4rke der Polizei kann daher nur sehr vage gesch\u00e4tzt werden: Nach NATO-Angaben betrug sie im Mai 2010 104.459 Polizisten, der International Crisis Group zufolge waren im Februar 2010 nur 56.000 im Dienst.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Diejenigen, die bleiben, bessern ihr Gehalt vielfach durch Korruption, Erpressung oder Diebstahl auf. 2007 ver\u00f6ffentlichte die \u201eAfghan Research and Evaluation Unit\u201c, eine von EU und UN finanzierte Forschungsorganisation, eine Studie mit dem bezeichnenden Titel \u201eCops or Robbers?\u201c. Darin werden zahlreiche Afghanen interviewt, die nichts Gutes \u00fcber die Polizei zu erz\u00e4hlen haben. Ein LKW-Fahrer wird mit den Worten zitiert: \u201eVergesst die Taliban. Unser gr\u00f6\u00dftes Problem ist die Polizei.\u201c<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Der ehemalige Kommandeur der CSTC-A, Brigadegeneral Gary O\u2019Brien, best\u00e4tigt das: \u201eEs gibt einige Teile Afghanistans, wo das Letzte, was die Leute sehen wollen, die Polizei ist. Die Polizei ist in manchen Gebieten korrupt. Sie ist ein Teil des Problems. Die Polizisten schaffen keine Sicherheit f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung \u2013 sie sind Diebe\u201c.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Eine neue Studie von \u201eIntegrity Watch Afghanistan\u201c kommt zu \u00e4hnlichen Ergebnissen.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Von alledem abgesehen wiegt ein grunds\u00e4tzliches Problem besonders schwer: Wenn sich die Polizei von einer reinen Schl\u00e4gertruppe unterscheiden soll, muss sie dazu in der Lage sein, mutma\u00dfliche Gesetzesbrecher zu \u00fcberf\u00fchren, der Justiz Beweise f\u00fcr deren Taten zu liefern und die Rechte von B\u00fcrgern \u2013 inklusive der Beschuldigten \u2013 zu sch\u00fctzen. Dazu braucht es nicht nur eine funktionierende Justiz, die in Afghanistan heute nicht existiert,<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> sondern auch Polizisten, die f\u00e4hig sind, auf der Grundlage von Gesetzen zu handeln. Derzeit k\u00f6nnen aber nur ca. zehn Prozent der Polizisten lesen und schreiben. Wie sollen sie so Ermittlungen f\u00fchren, Beweise aufnehmen und gem\u00e4\u00df den Gesetzen handeln?<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Polizeiausbilder, die den afghanischen Rekruten Rechtskenntnisse vermitteln sollen, keine Ahnung von afghanischen Gesetzen haben. Ein deutscher Ausbilder wird vor seinem Einsatz sechs Stunden in der Landessprache, Rechtsordnung und Kultur Afghanistans unterrichtet. Selbst wenn es ein funktionierendes Rechtssystem g\u00e4be, w\u00e4re es f\u00fcr die Ausbilder kaum m\u00f6glich, die lokalen Sicherheitskr\u00e4fte entsprechend der Rechtsordnung zu unterst\u00fctzen oder gar auszubilden. In einer Anh\u00f6rung im Bundestagsinnenausschuss zum Thema Polizeiaufbau in Afghanistan im Dezember 2008 bewiesen die anwesenden Experten, dass auch sie keine Vorstellung von der afghanischen Rechtsordnung haben. Eine einfache Frage nach dem afghanischen Dienstrecht konnte weder der damalige Leiter der EUPOL, Peter Horst, noch der Leitende Polizeiberater bei der Deutschen Botschaft in Kabul, Detlef Karioth, noch sonst einer der \u201eExperten\u201c beantworten.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<h4>Paramilitarisierte Polizei in Afghanistan&#8230;<\/h4>\n<p>Angesichts all dessen verwundert es kaum, dass es sich in Afghanistan weniger um eine zivile Polizei als um eine paramilit\u00e4rische Truppe handelt. Dies ist nicht nur der dortigen Situation geschuldet; es ist das Ziel, welches auch von Deutschland inzwischen offen verfolgt wird. Ausgerechnet die hohe Gef\u00e4hrdung der Polizisten muss als Begr\u00fcndung f\u00fcr ihre milit\u00e4rische Ausbildung herhalten. Tom K\u00f6nigs, ehemaliger UN-Sonderberater f\u00fcr Afghanistan, erkl\u00e4rte in der bereits erw\u00e4hnten Anh\u00f6rung im Innenausschuss: Die Trennung von Milit\u00e4r und Polizei sei \u201ein einer Situation des Krieges in einem Land wie Afghanistan &#8230; f\u00fcr die afghanischen Organe nicht aufrechtzuerhalten und auch gar nicht gew\u00fcnscht und nicht m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>Im Oktober 2007 best\u00e4tigte die Bundesregierung \u00dcberlegungen zur Aufstellung einer afghanischen Gendarmerie<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a> \u2013 ein Vorhaben, um das sich seit Anfang 2009 die EGF k\u00fcmmert. Allerdings w\u00e4re die Vorstellung verfehlt, der paramilit\u00e4rischen Gendarmerie st\u00fcnde eine zivile Polizei gegen\u00fcber; vielmehr werden alle Polizisten milit\u00e4risch ausgebildet. Das zeigt sich unter anderem am Focused District Development Program (FDD), einem von den USA entwickelten Konzept, das seit Anfang 2009 auch vom deutschen Projektteam praktiziert wird. Ziel ist der Aufbau und die Ausbildung der Polizei auf der Distrikt-, d.h. auf der untersten Verwaltungsebene. Das Programm zieht sich jeweils \u00fcber einen Zeit\u00adraum von rund einem Jahr: Nach einer Evaluation (acht Wochen) folgt die gleichzeitige Ausbildung s\u00e4mtlicher Polizisten des Distrikts am Polizeitrainingszentrum (acht Wochen). W\u00e4hrend dieser Phase \u00fcbernimmt die Gendarmerie (ANCOP) die Polizeiaufgaben im Distrikt. Danach folgt eine Nachbetreuung von bis zu 24 Wochen. Durchgef\u00fchrt wird das Programm von \u201ePolice Mentoring Teams\u201c, zu denen jeweils neben zwei Dolmetschern bis zu vier Feldj\u00e4ger der Bundeswehr und bis zu vier Polizisten geh\u00f6ren. Die Feldj\u00e4ger \u00fcbernehmen dabei die \u201erobusten Module\u201c der Ausbildung, die Bundeswehr \u201ebringt sich zus\u00e4tzlich mit infanteristischen Ausbildungsinhalten ein\u201c, erkl\u00e4rte die Bundesregierung bereits im Februar 2009. Anders als eine \u201ePolizei nach europ\u00e4ischen Ma\u00dfst\u00e4ben\u201c ben\u00f6tige die afghanische auch eine \u201emodulare Ausbildung im milit\u00e4rischen Sinne\u201c, hei\u00dft es nun im September 2010.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a><\/p>\n<h4>&#8230; und Deutschland<\/h4>\n<p>Diese Vermischung polizeilicher und milit\u00e4rischer Aufgaben hat nicht nur gravierende Auswirkungen auf die afghanische Gesellschaft, sie tr\u00e4gt auch zur Verwischung dieser Bereiche in der BRD bei. Deutsche Polizisten in Afghanistan sind auf die logistische Unterst\u00fctzung der Bundeswehr angewiesen, bei ihren T\u00e4tigkeiten werden sie vom Milit\u00e4r gesch\u00fctzt, und sie bilden gemeinsam mit Feldj\u00e4gern aus. Die so erworbenen \u201eF\u00e4higkeiten\u201c nehmen sie dann nat\u00fcrlich mit nach Hause.<\/p>\n<p>Die deutschen Polizeigewerkschaften sehen den Einsatz in Afghanistan zunehmend kritischer. Die Polizisten seien f\u00fcr die Ausbildung von Sicherheitskr\u00e4ften in Kriegsgebieten nicht ausgebildet und ausger\u00fcstet, die Gefahr sei zu hoch. Besonders drastisch \u00e4u\u00dferte sich der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg: \u201eWir bek\u00e4mpfen Kriminalit\u00e4t. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wir sind nicht daf\u00fcr da, Raketenabwehr zu machen, in Sprengfallen hineinzufahren oder darauf zu achten.\u201c<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Ausreichend deutsche Polizisten f\u00fcr den Afghanistan-Einsatz stehen schon jetzt nicht zur Verf\u00fcgung. Anfang September 2010 hat Brandenburg als erstes Bundesland verk\u00fcndet, keine weiteren Beamten nach Afghanistan zu senden. Die Begr\u00fcndung des Landesinnenministeriums ist eindeutig: \u201eAn einem Krieg beteiligen sich brandenburgische Polizisten nicht\u201c.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Die Entsendung von Polizisten im Rahmen von Stabilisierungseins\u00e4tzen und die dabei auftretenden Probleme haben nun Forderungen zur Schaffung einer deutschen Gendarmerie forciert. Die regierungsnahe \u201eStiftung Wissenschaft und Politik\u201c (SWP) ver\u00f6ffentlichte im M\u00e4rz 2010 hierzu eine Studie. Einw\u00e4nde, eine Gendarmerie widerspreche der grundgesetzlich verankerten Trennung von Polizei und Milit\u00e4r, werden darin mit dem Verweis vom Tisch gewischt, diese Einschr\u00e4nkung gelte nur f\u00fcr den Einsatz im Innern, nicht aber f\u00fcr den Auslandseinsatz, f\u00fcr den diese Gendarmerieeinheiten vorgesehen seien.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<h4>Ausblick<\/h4>\n<p>Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erkl\u00e4rte im Dezember 2009, man k\u00f6nne keine Vorzeige-Demokratie in Afghanistan erwarten. Vielmehr m\u00fcsse man sich um diejenigen Aufst\u00e4ndischen k\u00fcmmern, die eine ernsthafte Bedrohung f\u00fcr die Staatengemeinschaft darstellten.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Dazu wird in dem Land ein Sicherheitssektor aufgebaut, der so \u00fcberdimensioniert ist, dass die Regierung auch in Zukunft von der \u2013 vor allem finanziellen \u2013 Unterst\u00fctzung des Westens abh\u00e4ngig sein wird. Die Kosten f\u00fcr die Sicherheitskr\u00e4fte belaufen sich auf ein Vielfaches des afghanischen Haushaltes.<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a> Korrupte und militarisierte Sicherheitskr\u00e4fte, die aus dem eigenen Haushalt nicht bezahlt werden k\u00f6nnen, sind die Basis des autorit\u00e4ren Milit\u00e4rstaats, unter dem die afghanische Bev\u00f6lkerung auch zuk\u00fcnftig zu leiden hat.<\/p>\n<p>Zu recht kommentierte die taz schon im November 2009: \u201eDas Maximum, das der Westen in Afghanistan noch erhoffen kann, ist, einen autorit\u00e4ren Potentaten zu hinterlassen, der getreu dem US-amerikani\u00adschen Bonmot \u201aEr ist ein Hurensohn, aber er ist unser Hurensohn\u2018, die Regierung auf prowestlichem Kurs h\u00e4lt. Sicherheitspolitisch k\u00f6nnte das sogar funktionieren, weil dessen Terror sich dann \u201anur\u2018 gegen die eigene Bev\u00f6lkerung und vielleicht noch gegen Nachbarstaaten, nicht aber gegen den Westen richtet.\u201c<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a><\/p>\n<h5>Jonna Sch\u00fcrkes ist Mitarbeiterin der Informationsstelle Militarisierung e.V. in T\u00fcbingen, <a href=\"http:\/\/www.imi-online.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.imi-online.de<\/a>.<\/h5>\n<h6><a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Fourth Generation Seminar: FMFM 1-A, 2009, S. 21 ff., s. http:\/\/dnipogo.org\/strategy-and-force-employment\/fourth-generation-warfare-manuals<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Angaben zu Personal und Finanzen der diversen Polizeiaufbauprogramme in: BT-Drs. 17\/2878 v. 8.9.2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Sch\u00fcrkes, J.: Hilfspolizisten, Schutzkr\u00e4fte, Dorfsch\u00fctzer, in: Ausdruck, August 2010, S. 1-4, www.imi-online.de<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Livingston, I.S. et al.: Afghanistan Index, August 2010, p. 13, www.brookings.edu\/~\/<br \/>\nmedia\/Files\/Programs\/FP\/afghanistan%20index\/index20100228.pdf<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Schneider, M.: Testimony to the Commission on Wartime Contracting in Iraq and Afghanistan, 5.2.2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Wilder, A.: Cops or Robbers?, Kabul 2007, p. 1, s. www.areu.org.af<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> ebd.<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Integrity Watch Afghanistan: Afghan Perceptions and Experiences of Corruption. A National Survey 2010, p. 71 f., www.iwaweb.org\/src\/IWA corruption survey 2010.pdf. Die Studie beruht auf Umfragen von Ende 2009<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Krempel, J.: Recht und Justiz am Hindukusch, in: HSFK-Standpunkte 2010, Nr. 1<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> BT-Innenausschuss, 81. Sitzung v. 15.12.2008<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> BT-Drs. 16\/6703 v. 12.10.2007<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> BT-Drs. 16\/11966 v. 16.2.2009 und 17\/2878 v. 8.9.2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> NDR-Info v. 21.1.2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Keine Polizisten aus Brandenburg nach Afghanistan, tagesschau.de v. 4.9.2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> Kempin, R.; Kreuder-Sonnen, C.: Gendarmerieeinheiten in internationalen Stabilisierungsmissionen. Eine Option f\u00fcr Deutschland?, SWP-Studie, Berlin 2010<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> spiegel online v. 26.12.2009<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Wagner, J.: B\u00fcrgerkrieg unter westlicher Beaufsichtigung, in: Ausdruck, Dezember 2009, S. 4-9, www.imi-online.de<br \/>\n<a title=\"\" href=\"\/2010\/08\/07\/bodentruppen-der-besatzung-polizeiaufbau-in-afghanistan\/#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> taz-online v. 13.9.2009<\/h6>\n<p>Bibliographische Angaben: Sch\u00fcrkes, Jonna: Bodentruppen der Besatzung. Polizeiaufbau in Afghanistan, in: B\u00fcrgerrechte &amp; Polizei\/CILIP 96 (2\/2010), S. 50-56<\/p>\n<h3>Bild: Wikipedia (<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/people\/29456680@N06\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">isafmedia<\/a>, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:German_Police_in_Afghanistan_1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">German Police in Afghanistan 1<\/a>, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/legalcode\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY 2.0<\/a>)<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Jonna Sch\u00fcrkes Seit 2002 wird in Afghanistan eine Polizei aufgebaut, bei der es sich<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":12191,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[152,102],"tags":[182,551,674,1101],"class_list":["post-912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-artikel","category-cilip-096","tag-afghanistan","tag-eupol","tag-gendarmerie","tag-polizeiausbildung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=912"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/912\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/12191"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wp-dev.daten.cool\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}